Filmarchiv

Internationales Programm 2015
Als wir die Zukunft waren Lars Barthel, Gabriele Denecke, Andreas Voigt, Peter Kahane, Thomas Knauf, Hannes Schönemann. Ralf Marschalleck

Die in den 50er Jahren in der DDR Geborenen: Kindheitserinnerungen einer Generation. Sechs Miniaturen, reich gestaltet mit Witz, Wehmut und Poesie. Echo einer Utopie.

Als wir die Zukunft waren

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
87 Minuten
Untertitel: 
keine

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Barbara Etz
Lars Barthel, Gabriele Denecke, Andreas Voigt, Peter Kahane, Thomas Knauf, Hannes Schönemann. Ralf Marschalleck
Marcel Noll
Lars Barthel, Andreas Köfer, Thomas Plenert, Marcus Lenz, Sebastian Hattop
Grete Jentzen, Gudrun Steinbrück-Plenert, Pamela Homann, Mathieu Honoré
motionworks Halle, Jörg Herrmann
Uwe Busch, Maurice Wilkering, Thomas Funk, Nic Nagel
Generationen definieren sich über Zukunft – mal gibt es zu wenig, mal zu viel davon. Der Generation der in den 50er Jahren in der DDR Geborenen hatte man von früh an eingetrichtert, dass sie die Zukunft des Sozialismus wären. Ganz schön viel Verantwortung. Und irgendwie schiefgegangen.

Die sechs Regisseure und eine Regisseurin des Omnibusfilms verbindet neben der Sozialisation auch, dass sie alle für die DEFA gearbeitet haben. Dennoch sind ihre Erinnerungen an die Kindheit in einem Land, das noch vom Krieg gezeichnet, aber im Aufbruch war, stilistisch höchst unterschiedlich gestaltet: vom strengen Bildkonzept bis zum überbordenden Einsatz von Animation oder gespielten Szenen. Am stärksten geraten sie, wenn sie visuell konzentriert assoziative Freiräume eröffnen, oder wenn es gelingt, mit dem Wissen des Erwachsenen aus der Perspektive des Kindes zu erzählen. Es sind zumeist Kinder, denen zunächst der Vater abhandenkommt und dann der Glaube an den Sozialismus. Ein interessanter Aspekt, dass der Westen nicht nur das duftende Westpaket, Indianerfilme, Spielzeugpistolen oder Onkel Alfred war, sondern oft ebenso der ausgereiste Vater. Und auch die dagebliebenen Väter waren zumeist abwesend. Der Osten, das waren die Mütter, schön und stark. Manchmal zerbrachen sie daran.

Das Problem war am Ende, dass der Sozialismus seinen Kindern nicht vertraute. Ihre Erzählungen sind wie das Echo einer Utopie.

Grit Lemke
Healthy Workplaces Film Award 2015
Automatic Fitness Alejandra Tomei, Alberto Couceiro

Ein Leben auf dem Förder- und Forderband. Die detailreiche und ideenfunkelnde Puppenanimation denkt als bitterböse Satire auf unsere schöne neue Arbeitswelt den Begriff „Human Resources“ zu Ende und erfindet en passant noch einen neuen Laufschritt.

Automatic Fitness

Animationsfilm
Deutschland
2015
21 Minuten
Untertitel: 
_ohne Dialog / Untertitel

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Alejandra Tomei
Alejandra Tomei, Alberto Couceiro
Boris Joens, Ole Wulfers
Alejandra Tomei
Dietmar Kraus
Alberto Couceiro
Alejandra Tomei, Alberto Couceiro
Dietrich Körner
Stellen Sie sich vor, Sie erwachen morgens in Ihrem Bett, das auf dem Fließband steht. Ein automatischer Weckruf und ein paar von Roboterhand gereichte Tabletten machen Sie fit für den Arbeitstag. Und dann immer weiter im vorgegebenen Tempo. Ein Leben auf dem Förder- und Forderband. Die detailreiche und ideenfunkelnde Puppenanimation denkt als bitterböse Satire auf unsere schöne neue Arbeitswelt den Begriff „Human Resources“ zu Ende und erfindet en passant noch einen neuen Laufschritt.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2015

Internationales Programm 2015
Der Auftritt Francesca Bertin

Ein kurzer Film für all jene unter uns, die sich schon immer für das Geheimnis einer gepflegten Konversation interessiert haben. Und die das nicht interessiert: Kommt trotzdem! Vielleicht erfahrt ihr etwas über euer Karma.

Der Auftritt

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
4 Minuten
Untertitel: 
englische

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Francesca Bertin, Leonhard Kaufmann
Francesca Bertin
Leonhard Kaufmann
Leonhard Kaufmann
Francesca Bertin
Ein kurzer Film für all jene unter uns, die sich schon immer für das Geheimnis einer gepflegten Konversation interessiert haben. Und die das nicht interessiert: Kommt trotzdem! Vielleicht erfahrt ihr etwas über euer Karma.

Matthias Heeder
Internationales Programm 2015
Die Angst des Wolfs vor dem Wolf Juliane Jaschnow

Ein Heulen im Nichts. Eine Gestalt bewegt sich vor und zurück, im blutrot flackernden Licht eines doppelten Zweikampfs. Der mit dem Wolf, aber mehr noch der mit der Angst vor dem Wolf. Ohne Entrinnen, auf Messers Schneide – wortgewaltig.

Die Angst des Wolfs vor dem Wolf

Animationsfilm
Deutschland
2014
5 Minuten
Untertitel: 
englische

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Ostpol e.V.
Juliane Jaschnow
Juliane Jaschnow
Juliane Jaschnow
Juliane Jaschnow
Stefan Petermann
Juliane Jaschnow, Stefan Petermann
Ein Heulen im Nichts. Eine Gestalt bewegt sich vor und zurück, im blutrot flackernden Licht eines doppelten Zweikampfs. Der mit dem Wolf, aber mehr noch der mit der Angst vor dem Wolf. Ohne Entrinnen, auf Messers Schneide – wortgewaltig. Ein minimalistisches wie eindringliches filmisches Poem von Filmemacherin Juliane Jaschnow und Autor Stefan Petermann über die Dialektik von Opfer- oder Täterwerdung. Auf welcher Seite du auch stehst: Du wirst verlieren, wenn du bleibst, wer du bist.

Nadja Rademacher
Internationales Programm 2015
Dissonance Till Nowak

Für Till Nowak eignet sich dieser Zustand einer allgemeinen Irritation aber hervorragend, um die Verwirrtheit seines Protagonisten, eines obdachlosen Pianisten, dessen Psychosen sowie die Ängste aller Beteiligten in Szene zu setzen.

Dissonance

Animationsfilm
Deutschland
2015
15 Minuten
Untertitel: 
englische

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Till Nowak
Till Nowak
Olaf Taranczewski, Frank Zerban
Ivan Robles Mendoza
Till Nowak, Philipp Hahn
Till Nowak, Malte Lauinger
Till Nowak
Andreas Radzuweit
Es wird immer schwerer, im Film Gattungsgrenzen zu ziehen. Und warum auch? Fantasie und Realität liegen so dicht beieinander wie Dokumentarfilm, Fiktion und Animation. Natürlich kann diese Auflösung der gelernten Ordnung Angst machen, denn was ist dann noch richtig? Für Till Nowak eignet sich dieser Zustand einer allgemeinen Irritation aber hervorragend, um die Verwirrtheit seines Protagonisten, eines obdachlosen Pianisten, dessen Psychosen sowie die Ängste aller Beteiligten in Szene zu setzen.

---Annegret Richter
Internationales Programm 2015
Immer müder Jochen Kuhn

Gemalter Alltag, rational betrachtet, mit entspannter Stimme und einem lakonischen Unterton – Jochen Kuhn hat mit dieser Form der Darstellung in den letzten Jahrzehnten eine eigene Filmsprache entwickelt, mittels derer kleine Meisterwerke entstehen.

Immer müder

Animationsfilm
Deutschland
2014
6 Minuten
Untertitel: 
englische

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Jochen Kuhn
Jochen Kuhn
Jochen Kuhn
Jochen Kuhn
Olaf Meltzer
Jochen Kuhn
Jochen Kuhn
Olaf Meltzer
Gemalter Alltag, rational betrachtet, mit entspannter Stimme und einem lakonischen Unterton – Jochen Kuhn hat mit dieser Form der Darstellung in den letzten Jahrzehnten eine eigene Filmsprache entwickelt, mittels derer kleine Meisterwerke entstehen. Diesmal ist der Ausgangspunkt seine eigene Müdigkeit. Was scheinbar normal beginnt, nimmt schließlich groteske Ausmaße an. Gerade dadurch aber wird die Absurdität unserer überschnellen Gesellschaft deutlich.

Annegret Richter

Possessed by Djinn

Dokumentarfilm
Deutschland,
Jordanien
2015
75 Minuten
Untertitel: 
englische

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Lino Rettinger
Dalia Al Kury
Zeid Hamdan
Eric Gottesman, Mutaz Sinokrot
Anika Simon
Dalia Al Kury
Bedouin Addy, Hamza Arnaout, Dalia Al Kury
Hierzulande assoziiert man mit einem Dschinn den Geist aus Aladins Wunderlampe. Nicht so in Jordanien. Dort bringt ein Vater seine vier Jahre alte Tochter um, weil er glaubt, sie sei von einem Dämon besessen. Ausgehend von diesem Fall recherchiert die Regisseurin Dalia Al Kury den (skandalösen) Verlauf des Prozesses und begibt sich immer tiefer in eine Art Parallelwelt, wo Exorzismus und Volksglaube noch gleichermaßen neben dem Koran praktiziert werden. Dabei stößt sie vor in das kollektive Unterbewusstsein einer Gesellschaft, die von Tabus durchzogen ist. Sie weist nach, dass so ein Dschinn vor allem da anzutreffen ist, wo es um Non-Konformität geht – in Bezug auf Moralvorstellungen, Verhaltenskodexe oder mentale Störungen. Dass der Film zu keinem Traktat wird, liegt an dem offenherzigen und bilderreichen Umgang der Filmemacherin mit dem Thema, das auch obskure Seiten und Naivität seitens der Gläubigen offenbart. Es sind aber auch die Gespräche mit ihrer Mutter, die zeigen, wie eng Religion, Ritual und der Wunsch nach Spiritualität miteinander verflochten sind – nicht nur in der arabischen Welt.

Cornelia Klauß
Healthy Workplaces Film Award 2015
Tagelöhner Syndrom Rita Bakacs

Rita Bakacs musste früh aufstehen, um ihre Protagonisten (tatsächlich alle männlich!) zu filmen: um vier Uhr wird an Werktagen im Jobcenter Neukölln die Luke der Vermittlung geöffnet. Wer später kommt, kann Pech haben

Tagelöhner Syndrom

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
30 Minuten
Untertitel: 
englische

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Damian Schipporeit, Rita Bakacs
Rita Bakacs
Rasmus Sievers
Rita Bakacs
Rita Bakacs
Vensan Mazmanyan
Rita Bakacs musste früh aufstehen, um ihre Protagonisten (tatsächlich alle männlich!) zu filmen: um vier Uhr wird an Werktagen im Jobcenter Neukölln die Luke der Vermittlung geöffnet. Wer später kommt, kann Pech haben. Warten, rauchen, Kaffeetrinken. Wer Glück hat und Arbeitsschuhe mit Stahlkappe wird vielleicht einen der begehrten Tagesjobs ergattern – harte Arbeit für wenig Geld.

In wenigen, präzise beobachteten und gesetzten Szenen erzählt Bakacs vom toten Ende der prekären Arbeit.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2015

Internationales Programm 2015
Valentina, 26 Alexander Riedel

Mit vier kam sie aus dem Kosovo und ist nach Jahren der „Duldung“ angekommen. Beispiel einer geglückten Integration, vor allem aber Porträt einer wilden Braut, das Spaß macht.

Valentina, 26

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
45 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Bettina Timm
Alexander Riedel
Michael Leuthner
Ulrike Tortora
Björn Rothe
2007 haben wir Valentina in Leipzig kennengelernt: als Protagonistin in Alexander Riedels Film „Draußen bleiben“. Mit ihrer ungebremsten Vitalität und Aggressivität inmitten der Agonie eines Münchner Asylbewerberheims hat sie nachhaltigen Eindruck hinterlassen – auch wenn man nicht glauben konnte, dass sie so einfach ihren Weg machen würde in diesem Deutschland, das schon damals auf eine wie sie – aus dem Kosovo („Wirtschaftsflüchtling“!) – nicht gewartet hatte.

1. Valentina selbst hat den Film nie ganz gesehen oder kann sich zumindest nicht erinnern, wie sie heute, acht Jahre später – in ihrer unnachahmlichen Art, die sich Gottseidank nicht geändert hat – gleich mal klarstellt. Und 2., nein, einfach hat sie ihren Weg nicht gemacht. Aber gemacht hat sie ihn, auf beeindruckende Weise.

Ist das nicht langweilig – ein Film über eine geglückte Integration? Wo bleibt denn da die viel beschworene „Fallhöhe“? Liebe Leute, seht euch Valentina an! In das Schema „positive Heldin“ lässt die sich nicht pressen. Spätestens, wenn man sie mit einem Patienten (herhören: sie arbeitet in der Pflege!), lässig auf dessen Rollstuhllehne gefläzt, mit Kippe im Mundwinkel, durch München hat speeden sehen, weiß man: Der Sponti-Stoßseufzer der Vergangenheit „Lasst uns mit diesen Deutschen nicht alleine!“ ist erhört worden. Von solchen wie Valentina können wir gar nicht genug haben.

Grit Lemke
Internationales Programm 2015
Was fällt raus und was bleibt drin Julia Majewski

Psychogramm einer Spezies: die Sammler und Archivare. Was treibt sie an zum Aufbewahren, Ordnen, Kategorisieren? Erinnerungsarbeit mit Leidenschaft und Akribie.

Was fällt raus und was bleibt drin

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
45 Minuten
Untertitel: 
englische

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Julia Majewski
Julia Majewski
Diana Harders
Carsten Pütz
Diana Harders, Carsten Pütz
Sammler und Archivare sind moderne Vaganten. In einem legendären Aufsatz schrieb Walter Benjamin: „Der große Sammler wird ganz ursprünglich von der Verworrenheit, von der Zerstreuung angerührt, in dem die Dinge sich in der Welt vorfinden.“ Sie sind auch Arbeiter der Liebe im chaotischen Gestiebe der Wirklichkeit. Ihr Herz hängen sie gern an Dinge, die gemeinhin als geringfügig oder marginal angesehen werden.

Drei wunderbare Exemplare der Spezies „Sammler und Archivare“ hat die Regisseurin vor ihre Kamera gebracht. Essayistisch untersucht sie die Fülle von Impulsen, die in ihnen am Werk sind. Der Eine sammelt leidenschaftlich, die Andere bewahrt mit großer Akribie und der Dritte redet dem dialektischen Verhältnis von Erinnern und Vergessen das Wort. Sammeln und Bewahren, Erinnern und Vergessen erscheinen in Julia Majewskis Film als unterschiedliche Aggregatzustände von Wirklichkeit und Geschichte. Auch gegenläufige Energien, die einander ebenso bekämpfen wie sie sich wechselseitig bedingen. Es ist allemal den wiederholten, auch halsstarrigen Versuch wert, im Stoffwechsel dieser Kräfte ein prekäres Gleichgewicht herstellen zu wollen – wissend, dass sich eine solche Balance nie endgültig wird stabilisieren lassen.

Ralph Eue