Bulle Ogier, Portrait of a Hidden Star
„Eine neue Art von Schauspieler“ sah der französische Philosoph Gilles Deleuze in den Filmen der Nouvelle Vague, professionelle Nicht-Darsteller*innen, die keine Dialoge herunterbeten, sondern als Medium für unsere Wahrnehmung fungieren. Er hatte vor allem zwei von ihnen im Sinn, nämlich Jean-Pierre Léaud und sie, Bulle Ogier. Die Französin wirkte in mehr als 50 Jahren an beinahe 100 Filmen mit. Doch die Meisterwerke, an denen sie beteiligt war, wurden von ihren Zeitgenoss*innen oft nicht als Meisterwerke gewürdigt, sondern, wie der Kritiker Philippe Azoury es formuliert, für Kinderspiele gehalten.
Das macht dieses cinephile Biogramm, das neben wenigen Gesprächen hauptsächlich aus Archivmaterial und zahlreichen klug gewählten und montierten Filmausschnitten besteht, so besonders: Eugénie Grandval erinnert mit ihrem Porträt an eine Zeit, als das Kino seine Fesseln sprengte und alles möglich schien. In Rollen, die sich nie wiederholten und die einander dennoch mit verblüffender Konsequenz folgten, wurde Bulle Ogier nicht nur zur Ikone jener Jahre, sondern quasi zur Co-Autorin der Regisseur*innen, mit denen sie arbeitete, ob diese Barbet Schroeder hießen, Rainer Werner Fassbinder, Marguerite Duras oder Jacques Rivette. Selten machte ein Film über Film so viel Lust auf Wiederentdeckung.