Filmarchiv

(Be)Longing

Dokumentarfilm
Frankreich,
Portugal,
Schweiz
2014
77 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Luís Urbano
João Pedro Plácido
João Pedro Plácido
Pedro Marques
João Pedro Plácido, Laurence Ferreira Barbosa
Hugo Leitão
In Uz, einem Weiler im Norden Portugals, leben etwa 50 Menschen. Vier Generationen. Auch die Großeltern des Filmemachers João Pedro Plácido kommen von hier. So kann man vermuten, dass er mit diesem Projekt emotional bereits lange begonnen hatte, bevor an die erste Klappe für den Film überhaupt zu denken war. In Uz verstreicht die Zeit, als gäbe es keine Uhr. Wenig passiert, vieles geschieht. Den Takt schlagen die Elemente. Organisch entwickelt sich die Geschichte eines dörflichen Jahres zwischen Viehtrieb und umgestürztem Mistwagen, Ernte und Schlachtfest, Vesper und Feuerwerk, Beichte und Sehnsucht. Auch Charaktere nehmen wie selbstverständlich Kontur an. Gar eine Boy-meets-Girl-Story zwischen Daniel, dem jüngsten Burschen dieser Dorf-Community, und einer jungen Frau aus der näheren Umgebung schält sich aus den Ereignissen heraus. Bewegend, wenn Daniel darüber nachsinnt, was einem wie ihm vermutlich als die normale Zukunft seines Beziehungslebens bevorsteht, nämlich eine Thailänderin oder Brasilianerin im Internet zu „bestellen“. Noch bewegender, dass ihm (und der Brasilianerin oder Thailänderin) das zumindest vorerst erspart bleibt. Die Zeichnung von Menschen und Ereignissen in diesem Film ist geprägt von einer empfindsamen Nüchternheit, in schöne Balance gebracht zwischen genauer Beobachtung und sparsamer Poesie.

---Ralph Eue

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Next Masters Wettbewerb
A Summer Love Jean-François Lesage

Grelles Neonlicht, stampfende Techno-Rhythmen, im Gras liegen, reden und tanzen … Der Sommernachtstraum einer Gruppe von Jugendlichen, ein sinnlicher Rausch.

A Summer Love

Dokumentarfilm
Kanada
2015
63 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Jean-François Lesage
Jean-François Lesage
Gold Zebra
Jean-François Lesage, Marianne Ploska
Mathieu Bouchard-Malo, Ariane Pétel-Despots
Jean-François Lesage
Bruno Bélanger, Alexis Pilon-Gladu, Aude Renaud-Lorrain

Die grellen Neonfarben spiegeln sich auf den Gesichtern der jungen Menschen in einem nächtlichen Park. Man hört die Rhythmen der elektronischen Musik aus der Ferne. In der Dunkelheit erkennt man die großen Bäume, deren Äste hoch hinaus in den Himmel reichen und die so dastehen, als wachten sie über die Jugendlichen. Die liegen im Gras. Etwas später tanzen sie … und sie reden … viel. Manchmal überkommt einen das Gefühl, in einem dieser französischen Schwarzweiß-Filme aus den 60er Jahren gelandet zu sein, in denen auch ununterbrochen geredet wurde. Auch in dem Werk des kanadischen Regisseurs Jean-François Lesage spricht man Französisch und viel über das Nichts und viel über die Liebe. Aus dem Off ist die poetische Bemerkung eines jungen Mannes zu hören: „Liebe existiert trotzdem.“ Die Generation des digitalen Zeitalters hat offenbar viel über Beziehungen und Liebesdramen nachzudenken und einander zu erzählen. Das Neonlicht weist ihnen den Weg durch die nächtliche Natur, in eine ungewisse Zukunft des Erwachsenseins. Dies zu beobachten ist ein sinnliches Erlebnis. Zaza Rusadze


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Next Masters Wettbewerb
Brumaire Joseph Gordillo

Die letzten Kohlekumpel Frankreichs in Fotos mit Charisma. Die Gegenwart aber hält für die junge Generation nur prekäre Jobs bereit. Das Ende der Arbeit in suggestiven Bildern.

Brumaire

Dokumentarfilm
Frankreich
2015
66 Minuten
Untertitel: 
englische
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Juan Gordillo, Martine Vidalenc
Joseph Gordillo
Hervé Birolini
Laetitia Giroux
Dominique Petitjean
Cynthia Gonzalez
Sandrine Mercier, Christian Lamalle
Bevor 2004 die letzte französische Kohlemine in Lothringen schloss, war Joseph Gordillo bereits viele Male mit den Arbeitern in die Tiefe gefahren, um sie zu fotografieren und auf den Bildern auch seine eigene Faszination für die Welt untertage zu fixieren. Die Mine erscheint bei ihm als ein lebendiger Kosmos, dem die Arbeiter angehören. Selbst in Einzelporträts bleiben sie ein Teil des Ganzen. Ihr Charisma entdeckt man in den leuchtenden Augen, ihre Stärke aber in der Gruppe.

In seinem Film verfremdet Gordillo das Fotomaterial. In Kamerafahrten und Bildbearbeitungen sowie abstrakten Toncollagen rekonstruiert er das Zeitalter der Mine. Ein ehemaliger Arbeiter gibt seine Stimme dazu – plastischer Erfahrungsbericht und Gedankenstrom.

Doch Gordillo geht es nicht um Arbeit in der Vergangenheit, sondern um deren gesellschaftliche Bedeutung. Und so fügt er eine zweite Stimme hinzu: eine junge Frau, Tochter eines Minenarbeiters. Auf ihn kann sie noch stolz sein, auf sich selbst nicht mehr. Ihr Leben als Putzfrau in einem Ort, der vom Niedergang geprägt ist, fängt die Kamera in all seiner Sterilität und Perspektivlosigkeit ein. Von der Solidarität und Identität der Minenarbeiter führt der Schritt direkt in die Isolation. Mit den spürbaren Folgen: Entpolitisierung, Arbeitslosigkeit, Rechtsruck. Über zwei Generationen erzählt der Film in suggestiven Bildern vom Herbst der Arbeitsgesellschaft.

Lars Meyer

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Cinema, Mon Amour

Dokumentarfilm
Tschechische Republik,
Rumänien
2015
74 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Tudor Giurgiu
Alexandru Belc
Tudor Vladimir Panduru
Ion Ioachim Stroe
Alexandru Belc, Tudor Giurgiu
Vlad Voinescu
Victor Purice gebührt definitiv ein Orden als „Held der Arbeit“. Mit welcher Verzweiflung, welchem Elan, welcher Hartnäckigkeit er um sein Kino kämpft, da kommen einem die Tränen. Das „Dacia“ Panorama-Filmtheater irgendwo in der rumänischen Provinz, eine Kinoschönheit in Beton mit mehreren hundert Plätzen, großzügigem Foyer und einer gediegenen 35-mm-Projektionstechnik, steht kurz vor dem Aus. Sein Schicksal ist das vieler Kinos in Rumänien, kaum 30 existieren noch. Die anderen wurden privatisiert, verhökert, in Spielhallen oder Diskotheken umgebaut, selbst das Filmstudio hat viele verkauft. Was für ein Widersinn – während wir hierzulande das „rumänische Filmwunder“ feiern!

Aber Victor Purice und sein ihm verbliebenes kleines Team lassen sich aus ihrem Traum vom Kino nicht einfach so verjagen. Sie wohnen und kochen zwischen den Filmspulen, funktionieren das Foyer zu einer Tischtennishalle um und schauen sich im Zweifel auch mal einen Hollywood-Blockbuster alleine an. All das ist mit liebevollem Blick erzählt, aber auch voller Bewunderung für diesen Don Quichotte der Moderne, der gegen Missmanagement, den digitalen Fortschritt und eine kaputte Heizung zu Felde zieht. Der Preis, den er zahlt, ist hoch. Zu befürchten steht, dass es in dieser Geschichte kein Happy End gibt. Mission: Impossible.

Cornelia Klauß

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Next Masters Wettbewerb
Dead When I Got Here Mark Aitken

Ein Asyl für psychisch Kranke in Juárez, Mexiko. Der Ex-Junkie Josué betreut hier die Gestrandeten. Erstaunliche Ballade vom Anderssein und Verlust, von Gewalt und Fürsorge.

Dead When I Got Here

Dokumentarfilm
Mexiko,
UK
2015
72 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Mark Aitken
Mark Aitken
Mark Pilkington
Mark Aitken
Sibila Estruch
Alex Bryce, John Thorpe
Auf den ersten Blick erinnert Josué an einen in die Jahre gekommenen Schwergewichtsboxer, der nach einem Knockout zurück ins Leben gefunden hat. Und zu seiner Bestimmung. Wir befinden uns im „Visión en Acción“, einem Heim für psychisch Kranke am Rande von Juárez, Mexiko. Eine gewalttätige Stadt, in der Josué sein Leben als Heroinjunkie verschwendete. Vor sechs Jahren hatten sie ihn hier halbtot abgeladen. Im „Visión en Acción“ gibt es keine Ärzte oder Pfleger, dazu ist es zu arm, sondern nur eine Art Selbstverwaltung der Geschädigten. Die haben Josué in ihre Arme genommen und geheilt. Seitdem lebt er hier und managt das Heim mit der Hingabe eines Mannes, der eine Grenze überschritten hatte und zurückgeholt wurde, um seinen Mitmenschen in Liebe zu dienen. Ein erstaunlicher Ort ist dieses „Visión en Acción“, dessen Alltag uns Mark Aitken in sehr sachlichen Bildern näherbringt. Die Situationen bedürfen auch keiner spektakulären Aufmerksamkeit, sondern sprechen für sich: für die mentale Andersartigkeit, den Verlust, die Fürsorge und die Gewalt der Stadt. Gleichzeitig zwingt uns diese Haltung der Kamera immer wieder dazu, unsere eigene Grenze gegenüber der Auffälligkeit zu benennen. Denn auch das lehrt uns Josué, der in anderen Einstellungen gar nicht mehr an einen Boxer erinnert, sondern an einen in sich zusammengesunkenen, nachdenklichen Buddha.

---Matthias Heeder

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Next Masters Wettbewerb
Strange Particles Denis Klebleev

Quantenphysik ist alles für Konstantin, doch seine Schüler interessieren sich leider eher für Mädchen. Liebevolles Porträt eines Menschen, der nicht in die Welt passt.

Strange Particles

Dokumentarfilm
Russland
2015
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Denis Klebleev
Denis Klebleev
Denis Klebleev
Denis Klebleev
Denis Klebleev
Der introvertierte junge Wissenschaftler Konstantin ist beauftragt, während der Ferien in einem Sommerlager die Jugendlichen mit Physik vertraut zu machen. Denis Klebleev macht Konstantin zum Zentrum seiner Beobachtung und Bildkompositionen. Es gibt fast keine einzige Einstellung im Film, die nicht durch die starke Präsenz dieses charismatisch-seltsamen Sonderlings leben und atmen würde. Die Kamera weilt auf ihm und interessiert sich scheinbar nicht für die Umgebung, in der der Held des Films sich verloren hin und her zu bewegen scheint. Konstantins Gedanken kreisen ununterbrochen um die Quantentheorie. Er ist besessen von der Idee, die Welt dadurch irgendwie erklären zu können. Umso größer ist seine Frustration, als er im Lauf der Zeit herausfinden muss, dass die jungen Leute im Camp seine Leidenschaft nicht teilen wollen. Die Isolation treibt ihn in die Enge. Auch der erzählte Raum wird kleiner und Konstantins nachdenklich-nervöses Gesicht beginnt, die Leinwand zu dominieren. „Strange Particles“ ist ein Porträt und steht zugleich für den Leidensweg aller, die glauben: stark, an etwas manchmal Unerklärliches, das nicht nachweisbar ist. Eine existentielle Frage.

Zaza Rusadze



Lobende Erwähnung im Next Masters Wettbewerb 2015

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Next Masters Wettbewerb
The Amina Profile Sophie Deraspe

Eine syrische Bloggerin, die in der Revolution zum Medienstar wird, eine lesbische Online-Beziehung, ein Verbrechen. Enigmatisches Verwirrspiel um Social Media, Hype und Hysterie.

The Amina Profile

Dokumentarfilm
Kanada
2015
75 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Isabelle Couture, Nathalie Cloutier
Sophie Deraspe
Sam Shalabi
Sophie Deraspe
Geoffrey Boulangé, Sophie Deraspe
Frédéric Cloutier
In alten Märchen verliefen sich die Kinder im Wald, heute verirren sich die Menschen in den Tiefen des Internets. Eine junge Frau, Sandra aus Montreal, beginnt eine Online-Beziehung mit der syrischen Bloggerin Amina. Aus dem digitalen Flirt wird eine Romanze, erotische Phantasien werden beflügelt und miteinander ausgetauscht. Als 2011 in Syrien der Aufstand ausbricht, ermutigt Sandra Amina, aus ihrem Alltag zu berichten. Die internationalen Medien springen reflexartig an: „A Girl from Damascus“ berichte von den Kriegswirren, eine zarte weibliche Stimme inmitten der immer unübersichtlicher werdenden Frontlinien, dazu noch „gay“. Dann wird Amina entführt. Was den Medien ins Bild passt und zu einer internationalen Suchaktion führt, wird für Sandra zur privaten Mission – und Obsession. Aber plötzlich verlieren sich die Spuren …

Die kanadische Filmemacherin Sophie Deraspe dekonstruiert gemeinsam mit Sandra den Fall, der sich als hochkomplexe Gemengelage aus Hype und Hysterie erweist. Sie begegnet dem Stoff mit einer komplexen und changierenden Erzählweise, die die Überlagerungen von Realität und Fiktion, Medienwirklichkeit und Projektion, Sehnsucht und Revolution aufgreift. Uns Zuschauer führt sie in ein Labyrinth, an dessen Ausgang uns eine geradezu triviale, gleichwohl allzu menschliche Erkenntnis erwartet.

Cornelia Klauß

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The Dangerous World of Doctor Doleček

Dokumentarfilm
Tschechische Republik
2015
75 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Kristýna Hněvsová, Dagmar Sedláčková, Tomáš Michálek
Kristýna Bartošová
Jakub Rataj
Kristýna Bartošová
Šimon Hájek
Kristýna Bartošová
Lukáš Ujčík
Ein Film über Dr. Rajko Doleček – aber wie und mit welchem Ziel? In Tschechien als Mediziner eine öffentliche Figur, trat er im Jugoslawienkrieg als Vermittler des serbisch-nationalistischen Weltverständnisses in Erscheinung. Bis heute ist der Ordensträger der orthodoxen Kirche stolz auf seine Freundschaft mit General Ratko Mladić, über den er ein Buch schrieb. Sollte es möglich sein, dem Leugner des Massakers von Srebrenica eine Erkenntnis zu entreißen – nämlich die, dass er sich irrt? Was die junge Regisseurin versucht, ist heikel. Beide sind Tschechen mit Wurzeln in Jugoslawien. Sie hat ihre bosnische, er seine serbische Seite. Doch mit Blick auf Lebenserfahrung und gesellschaftliche Stellung treffen zwei ungleiche Gegner aufeinander. Womit Kristýna Bartošová aber vor allem nicht rechnete: dass Doleček sie durch seine offene Art derart entwaffnen, ja sie sogar in seinen Freundeskreis einführen würde. So werden ihre Zweifel zum Inhalt des Films, indem sie das zwiespältige Verhältnis zum Protagonisten kreativ thematisiert. Sie backt ihm, der im Fernsehen gegen Kalorien kämpfte, einen gehaltvollen Kuchen und nimmt ihn mit auf eine Reise durch die Republika Srpska, wo seine Verleugnungstaktik allmählich absurde Züge annimmt. Indem sie die Grenzen ihres eigenen Filmprojektes offenbart, zeigt sie zugleich seine – und die der historischen (und dokumentarischen) Wahrheitsfindung.

Lars Meyer

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Next Masters Wettbewerb
Train to Adulthood Klára Trencsényi

Drei Budapester Kinder auf dem Weg zum Erwachsensein: Wo die Familien mit Armut kämpfen und Eltern abwesend sind, gibt die Pioniereisenbahn Halt. Sensibles Coming-of-Age-Drama.

Train to Adulthood

Dokumentarfilm
Ungarn
2015
79 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Julianna Ugrin
Klára Trencsényi
Andor Sperling
Márton Vízkelety, Klára Trencsényi
Judit Czakó
Klára Trencsényi
Rudolf Várhegyi
Die Pioniereisenbahn, bei der Kinder Lokführer oder Schaffner sind, Fahrkarten verkaufen oder Züge abfertigen, war einst der Traum jedes Jungen (und vieler Mädchen) zwischen Leipzig und Wladiwostok. Auch die Budapester Zwillinge Viktor und Karmen sowie Gergő bedienen altmodische Schalter, Hebel und Telefone, treten zum Fahnenappell an und singen am Lagerfeuer die alte Hymne: „Das Land der Pioniere ist voll glücklicher Töne …“. Doch was leicht zur klebrig-verlogenen Nostalgie geraten könnte, entfaltet sich als sensibles Coming-of-Age-Drama voller Zwischentöne – und nicht der glücklichen. Denn an der Schwelle zum Erwachsensein haben die drei nicht nur bei der Bahn Verantwortung zu tragen: Früh sind sie mit der harten Realität des Kapitalismus konfrontiert. Die alleinerziehende Mutter der Zwillinge verdient trotz stetiger Schufterei kaum genug, um Essen zu kaufen, und die Familie verliert das Dach über dem Kopf. Gergő hingegen lebt bei den Großeltern, weil die Eltern gezwungen sind, im Ausland zu arbeiten, und muss sich entscheiden, ob dies auch seine Zukunft ist.

Klára Trencsényi zeigt eine Welt, in der ein Relikt aus der Vergangenheit den einzigen Halt gibt auf dem Weg in die Zukunft, während alle dafür vorgesehenen Institutionen abwesend sind. Das Bild vom fahrenden Zug als Sehnsuchtsraum bekommt eine andere Bedeutung. Eine bittere Eisenbahnromantik.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Next Masters Wettbewerb 2015

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Next Masters Wettbewerb
TransFatty Lives Patrick O'Brien

Mit 30 erhält DJ TransFatty die tödliche Diagnose: ALS … und richtet fortan die Kamera auf sich. Die Chronik eines Verfalls – sarkastisch, selbstironisch, böse, wild, schräg. Rolli-Punk.

TransFatty Lives

Dokumentarfilm
USA
2015
84 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Patrick O'Brien, Michele Dupree, Amelia Green-Dove, Darin Hallinan, Marcia Mohiuddin, Doug Pray
Patrick O'Brien
Bradford Reed
Ian Dudley
Lasse Jarvi
Augenblick Studios, Inc.
Patrick O'Brien, Lasse Jarvi, Doug Pray
Lenny Schmitz
Der Autor, Regisseur und Protagonist des aufwühlenden „Kunstprojektes meiner Existenz“ war 30, als er die Diagnose erhielt: ALS. Eine degenerative Nervenerkrankung, in deren Folge sich ein Muskel nach dem anderen abschaltet, bis der Patient schließlich erstickt. Allein das Gehirn bleibt bis zum letzten Atemzug intakt. Patrick, ein anarchischer Underground-Filmer und Millionen von Fans aus dem Internet als DJ TransFatty bekannt, richtet vom Moment des ärztlichen Befundes an die Kamera auf sich. In Form eines Briefes an seinen Sohn, den er – unglaublich genug – halb gelähmt noch zeugte, erzählt er seinen fortschreitenden Verfall als eine Art Reise. In Erinnerungen an ein vergangenes Leben mit Clips aus frühen wilden Filmen brechen Bilder der beginnenden Lähmung ein, bis sich die Erzählung vollständig auf das Jetzt konzentriert. Das aber ist, trotz fortschreitendem Kontrollverlust, von einer enormen, auch künstlerischen Betriebsamkeit und beschert uns die sicher schrägste Rolli-Sequenz des jüngeren dokumentarischen Kinos. Gleichzeitig sind Zweifel, Liebeskummer oder politische Kommentare so selbstironisch und heiter-sarkastisch in diese Chronik eingebaut, dass das Bild des paralysierten Körpers verschwindet hinter dem kreativen Geist, der fest entschlossen ist, sich der Welt mitzuteilen. Das Wunderbare ist, dass Patrick O‘Brien sein Leben tatsächlich in ein Kunstwerk übersetzt hat.

Matthias Heeder



Ausgezeichnet mit dem Young Eyes Film Award 2015

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Next Masters Wettbewerb
Wedding: A Film Mohammadreza Farzad

Jede Menge Hochzeitsfilme. Eine Kinderfantasie in Zuckerguss. Archiv-, Amateur- und eigenes Filmmaterial famos montiert: Reflexion über ein merkwürdiges Ritual.

Wedding: A Film

Dokumentarfilm
Iran
2015
57 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Mohammadreza Farzad
Mohammadreza Farzad
Majid Mohammad Gholi
Farahnaz Sharifi
Mohammadreza Farzad
Mehrshad Malakouti
Dieser Film liefert jede Menge Hochzeit. Oder besser gesagt: jede Menge Hochzeitsfilme. Auch den von Mohammadreza Farzad, der dieses Material zu einem poetischen Essay über den merkwürdigen Brauch, einer Liebe Form und Regelwerk zu verpassen, verarbeitet. Hinter ihm liegt, wenig überraschend, eine Scheidung, die den Anlass für eine mitunter subversive Betrachtung des (laut Werbung) „schönsten Tags im Leben einer Frau“ liefert. Medial ein reiner Fake (hat man jemals eine Braut gesehen, die die Treppe hinunterfällt?), ist die Wirklichkeit im Hochzeitsfilm eine Kinderfantasie in Zuckerguss. Oder nicht?

Lustvoll durchforscht der Regisseur das Material nach Zeichen künftiger Entzweiung. Dieser Streifzug durch Hochzeitsgenerationen führt immer wieder zu kurzen Blicken nach Außen, dessen Aussparung (böse Realität, Politik, Krieg) im Hochzeitsfilm das Glück fest an das Innen, die Familie, kettet. Eine Spekulation: Was wäre geschehen, wäre Farzad am Tag der Hochzeit seiner aufrührerischen Fantasie gefolgt? Jedenfalls hätte es dann keine Scheidung gegeben, aber auch keinen Grund für diesen Film. Formal eine gelungene Mischung von Archiv-, Amateur- und eigenem Filmmaterial in famosen Schnittsequenzen, einem privaten Hochzeits-Loop und jeder Menge gedanklicher Anstöße, ist „Wedding: A Film“ auch eine Reflexion über die Last der persönlichen Entscheidung.

Matthias Heeder

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.