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Jahr

Anatomie des Weggehens

Dokumentarfilm
2012
73 Minuten
Untertitel: 
englische
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Oliver Tataru
Oliver Tataru
Simon Weber
Oliver Tataru
Oliver Tataru
Da war doch was? Nein, für Oliver Tatarus Vater nicht. Worüber sollte er mit seinem Sohn vor der Kamera reden? Doch der Regisseur gibt nicht auf. Als Kind lebte er nicht in Deutschland, sondern in Bukarest, Rumänien. Als Kind sah er auch keinen Grund, von dort wegzugehen. Seine Eltern hingegen sahen in Ceauşescus Rumänien keine Zukunft. Und dann war es halt beschlossen. Das Weggehen begann, es dauerte zwei Jahre. Ein quälender Abbruch, der nicht zum Aufbruch werden wollte und die Familienmitglieder zunehmend voneinander isolierte. Irgendwann war die halbe Wohnung aufgelöst: verscherbelt. Und da sollte nichts gewesen sein?
Der Sohn will wissen, warum ihm eine Zukunft in seiner Heimat verwehrt blieb. Er konfrontiert seine Eltern, befragt sie getrennt voneinander. Trotzig wie ein Kind reagiert er auf ihre Weigerung, an dieser Wiederaufbereitung von Gefühlen mitzuwirken. Mitten im Interview verliert seine Mutter die Fassung darüber, dass ihr Sohn anscheinend immer noch nicht begreifen will, wie die Wirklichkeit im damaligen Bukarest aussah: „wie Hiroshima“.
Zum Erinnerungsabgleich fährt Tataru zurück in seine Heimatstadt. Er findet poetische Bilder der Verlassenheit, jenes Grau der Bukarester Fassaden, das er einst als samten empfand, Risse in den Mauern, so groß wie der Erinnerungsriss, der quer durch seine Familie verläuft. Doch in den subjektiven Bildern liegt schon der Kitt. Alte Verletzungen und Ängste fügen sich zusammen zu einem Familienbild, ein Puzzle voller Spannung und Emotionen.
– Lars Meyer

Arbeit Heimat Opel

Dokumentarfilm
2012
90 Minuten
Untertitel: 
keine
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Ulrike Franke, Filmproduktion Loeken Franke
Ulrike Franke, Michael Loeken
Jörg Adams, Michael Loeken, Reinhard Köcher, Dieter Stürmer
Bert Schmidt
Ulrike Franke, Michael Loeken
Filipp Forberg, Axel Schmidt
Dem deutschen Auto vertraut die Welt, „Made in Germany“ gilt als Garant soliden Handwerks. Das hat viel mit dem weltweit einzigartigen System der Lehrlingsausbildung, das auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt, zu tun. Wie aber ist es heute Lehrling zu sein, noch dazu in einem Flaggschiff der deutschen Autoindustrie?
Ulrike Franke und Michael Loeken begleiten sechs 16- bis 19jährige, die 2009 ihre Ausbildung zum Industriemechaniker im Bochumer Opel-Werk beginnen, und ihren Lehrmeister. Sie sind dabei, wenn die Jungs das erste Mal die Opel-Hemden überstreifen, an Bohrmaschine und Drehbank schwitzen, zum hundertsten Mal nachmessen, verzweifeln, es Herrn Kranz wieder nicht recht machen können, in der Gewerkschaftsversammlung gelangweilt mit dem Handy spielen und vor der Prüfung urplötzlich alle Coolness verlieren. Immer noch gilt, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, und doch ist etwas anders: Denn die Bilder vom – konsequent nur im Werk gefilmten – Arbeitsalltag der Jungen konfrontieren Loeken/Franke mit News über drohenden Stellenabbau bei Opel. Eherne Grundsätze und vorgeprägte Identitäten – Ich bin Opelaner, und Opel gehört zum Ruhrgebiet wie Schalke – sind im Auf und Ab der Börsenkurse ins Wanken geraten. In einer Phase des Übergangs von Schule und Elternhaus ins Arbeitsleben entwickelt jeder der Lehrlinge eine andere Strategie, mit der Unsicherheit umzugehen. Denn alles könnte vorbei sein, bevor es begonnen hat. Für 2016 wurde die Aufgabe des Standorts Bochum angekündigt.
– Grit Lemke

Big Boys Gone Bananas!*

Dokumentarfilm
2012
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Margarete Jangård, WG Film
Fredrik Gertten
Conny Malmqvist, Dan "Gisen" Malmquist
Frank Pineda, Joe Aguirre, David McGuire, Malin Korkeasalo, Stefan berg, Kasia Winograd, Sasha Snow, Terese Mörnvik
Jesper Osmund, Benjamin Binderup
Charlotte Rodenstedt
Fredrik Gertten
Alexander Thörnqvist
Die Banane galt 1989 in Ostdeutschland, als ein ganzes Volk „gone bananas“ war, als Symbol des schönen Lebens schlechthin. Die Freiheit uneingeschränkten Konsums schien mit jener der Rede und der Kunst automatisch einherzugehen. Frederik Gertten lehrt uns nun, was Bananen wirklich mit Demokratie zu tun haben.
Dass ihr Anbau auf den nikaraguanischen Plantagen des Lebensmittelkonzerns Dole extrem gesundheitsschädigend für die Arbeiter ist, hatte Gertten in seinem letzten Film gezeigt. Vor dessen Premiere erhält der Filmemacher ein 200-seitiges Schreiben der Firma mit dem Ziel, die Aufführung zu stoppen. Eine beispiellose Kampagne – die Gertten hier dokumentiert und nacherzählt – nimmt ihren Lauf. Eine kleine, unabhängige Filmproduktion trotzt einem Big Player, der von der Justiz, dem L.A. Filmfestival und der Presse bis zum gesamten Internet alles und jeden nach Belieben kaufen, manipulieren, bedrohen oder gar vernichten zu können scheint. Ein ungleicher, schier aussichtsloser Kampf gegen eine Macht, die alle Orwellschen Fantasien in den Schatten stellt.
Erst, als die Zivilgesellschaft in Form des schwedischen Parlaments und einer Handvoll aufgeklärter Konsumenten zu begreifen beginnt, dass die Verantwortung für die Freiheit der Meinung und der Kunst nicht allein beim einzelnen Künstler liegen kann, sondern dass dieses Gut von allen verteidigt werden muss, gibt es eine unerwartete Wendung, die – wir ahnen es – etwas mit dem Konsum von Bananen zu tun hat …
– Grit Lemke

Damascus, My First Kiss

Dokumentarfilm
2012
42 Minuten
Untertitel: 
englische
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Lina Al Abed, SakaDo Productions
Lina Al Abed
Wael al Kak
Joud Gorani
Andrijana Stojkovic, Rami Nihawi
Lina al Abed
Ghanem Al Mir
In ihrem dritten Dokumentarfilm setzt sich die palästinensisch-jordanische Filmemacherin Lina Alabed erneut mit der Rolle der Frau in der arabischen Welt auseinander. Drehort ist Damaskus, Syrien. Noch hat der Aufstand gegen das Assad Regime nicht begonnen. Trotzdem liegt Unruhe in der Luft und die Frage nach den Grenzen, die eine männerdominierte Gesellschaft den Frauen setzt, führt notwendig zu der Frage der Freiheit. Drei Frauen erzählen von ihrem Verhältnis zum Körper, zur Sexualität, von dem Druck der Traditionen und ihren Schuldgefühlen. Asma, eine Muslima, die mit 16 Jahren verheiratet wurde und nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was Heirat bedeutet; Lina, Tochter einer wohlhabenden christlichen Familie, die bedauert, dass sie mit 45 Jahren ihren Körper noch immer nicht kennt; schließlich die Regisseurin selbst, die in sehr persönlichen Worten aus dem Off kommentiert und die Stimmen dieses Films zu einer einzigen Erzählung verbindet. Überraschend ist die Offenheit, mit der Asma und Lina ihr Leben beschreiben, überraschend für die Protagonistinnen selber. In einer wunderbaren Szene – Asma hat gerade davon erzählt, wie das Streicheln der Tochter in ihrem Armen als Weckung sexueller Lust kritisiert wurde – blickt sie gedankenverloren vor sich hin. Dann wendet sie den Kopf der Kamera zu und sagt diesen einen Satz: Wohin führst Du mich? Wie also die Verhältnisse ändern? Lina und Asma haben ihre Töchter von dem gesellschaftlichen Zwang befreit und lassen sie selbst über ihr Leben entscheiden. Damit schlagen die Frauen Schneisen in die versteinerten Verhältnisse, an deren Ende die Regisseurin die Freiheit des Menschen sieht, unabhängig vom Geschlecht.
– Matthias Heeder

Der Große Irrtum

Dokumentarfilm
2012
105 Minuten
Untertitel: 
englische
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Dirk Heth, Olaf Winkler
Dirk Heth, Olaf Winkler
Melanie Barth, Wolfgang Adams
Dirk Heth
Dirk Heth, Olaf Winkler
Olaf Winkler
Raimund von Scheibner
Wonach bestimmt sich der Wert eines Menschen? In unserer Gesellschaft scheint die Antwort klar: am Markt. Aber „wie kann man glücklich werden ohne Marktwert?“ beschäftigt Olaf Winkler und Dirk Heth. Sie kehren zurück in die schrumpfende Stadt Eggesin, die sie schon 2002 filmisch erkundeten. Dort finden sie 20 Prozent Arbeitslosigkeit vor, aber engagierte Menschen, die arbeiten, ohne dass dies mit einem wirklichen Einkommen verbunden wäre: Marion, die trotz Selbständigkeit von Hartz IV nicht los kommt. Die allein erziehende Diana, die sich mit „Maßnahmen“ durchschlägt. Die 1-Euro-Jobberin Irina, die sich mit Glück auf 1,50 oder einen Minijob steigern kann. Frau Westholm und ihre Ehrenamtlichen von der Heimatstube. Eine Lösung scheint das Konzept der Bürgerarbeit, vom Politiker Rainer Bomba auf Landes- und Bundesebene vertreten, zu bieten. In Eggesin schiebt der Bürgermeister das Projekt einer Zeitbank an. All diese Menschen benutzt der Film nie als Stichwortgeber, sondern nimmt sie in ihren Biografien und auferlegten Zwängen wahr und ernst. Zugleich wird der Ich-Erzähler – ein Kameramann in Briefen an seine Kinder – einer von ihnen, denn der Markt braucht ihn nicht mehr.
Die Filmemacher und ihre Protagonisten erleben gemeinsam, „wie das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit eine intakte Stadt zu verschlucken drohte“. Sie entdecken Ideen und Engagement, die ins Nichts zu laufen. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Filmpreis "Leipziger Ring" 2012

Der Prozess

Dokumentarfilm
2012
112 Minuten
Untertitel: 
englische
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Michael Seeber, Gerald Igor Hauzenberger, framelab filmproduktion
Gerald Igor Hauzenberger
Bernhard Fleischmann
Dominik Spritzendorfer, Gerald Igor Hauzenberger
Michael Palm
Chris Moser
Gerald Igor Hauzenberger
Michael Palm
Von Igor Hauzenbergers Film geht eine große Beunruhigung aus. Wenn im Namen des Paragrafen 278a, der eingeführt wurde, um Organisationen wie die Mafia und Al Quaida zu bekämpfen, aus einem Protestbrief eine Bedrohung, aus einem Tierschützer ein Staatsfeind, aus einer NGO eine terroristische Vereinigung wird, dann geraten die Säulen der Zivilgesellschaft bedenklich ins Wanken. Dreizehn Tierschützer stehen in Wien vor Gericht, weil sie mit durchaus medienwirksamen Aktionen gegen Massentierhaltung und den Handel mit Pelzen vor Ställen und Kaufhäusern protestierten. Klar, nackte Demonstranten, die mitten im Winter in der Wiener Innenstadt tote Tiere in ihren Händen halten oder blutüberströmt Schweineköpfe am Kreuz durch die Straßen tragen, sind kein schöner Anblick. Ebenso stört, dass es sich bei dem Verein gegen Tierfabriken (VGT) nicht einfach um eine Chaotentruppe handelt, sondern um ein international organisiertes Netzwerk, zu dessen Köpfen Wissenschaftler und Grünen-Politiker gehören, unter ihnen der charismatische Dr. Dr. Martin Balluch, der sich nach seiner Universitätskarriere für den Weg auf die Straße entschieden hat. Igor Hauzenberger begleitet die Demonstranten über mehrere Jahre, versucht, Licht in den Paragrafen-Dschungel zu bringen und sucht hartnäckig Staatsanwälte, Pressesprecher und Kaufhausbetreiber vor die Kamera zu holen. Vergeblich. Dieser größte Strafprozess Österreichs entwickelt sich zum Präzedenzfall: Demokratie versus jene, die auch schon mal brüllen, „der Hitler muss wieder her.“
– Cornelia Klauß

Die Bande

Dokumentarfilm
2011
13 Minuten
Untertitel: 
englische
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Susanne Schulz
Susanne Schulz
Manuel G. Richter
Anke Trojan
Marion Tuor
Susanne Schulz
Daniel Fischer
„Kamera läuft und Action!“ – Film ab für die sechsköpfige Mädchenbande, die einen staubigen Dachboden für sich erobert. Charlotte, Jule, Lene, Kaya, Anna und Lisa wollen eine Geschichte erzählen. Die Kamera haben sie dabei. Doch, eine Geschichte worüber? Über Monster und Mumien im Wald oder doch lieber über Riesenkatzen? Die Stimmen wirbeln durcheinander, bis Anna vorschlägt, einen Film über ihre Bande zu drehen. Über Freundschaft und wie sie auf die Probe gestellt wird. Schnell wird ins Drehbuch gekritzelt: „Wir sind eine Bande“ und auf dem Dachboden beginnt sich die imaginäre Welt der Mädchen mit den Beobachtungen der ‚erwachsenen’ Filmcrew zu verweben.
Die Heldin der Geschichte ist Lisa (das ist sie auch im „wirklichen“ Leben, sie entfernt heldenhaft eine Spinne vom Rücken des Kameramädchens). Trotzdem wird sie gehänselt, weil sie die Jüngste ist. Sie rennt weg und verläuft sich, ihre Freundinnen suchen sie, erst nach einer dunklen Nacht wird sie gefunden. Die Freundschaft ist gerettet – lachend rufen die Mädchen: „Eine für Alle und Alle für Eine!“
Susanne Schulz ist ein Film gelungen, der genauso quirlig und lebendig ist, wie die 10-jährigen Mädchen. „Die Bande“ erinnert uns an die unbeschwerte Welt des „Kind-Seins“, die so unbeschwert gar nicht ist, wenn man gerade drin steckt. Neben den selbst gedrehten Aufnahmen der Bandenmitglieder zeigt der Film auch Situationen, in denen sich die Mädchen in die Haare kriegen, sich wieder versöhnen und herumalbern. Am Ende bleibt der Eindruck: Das ist wirklich die beste Bande der Welt.
– Luc-Carolin Ziemann

Die Wiesenberger

Dokumentarfilm
2012
85 Minuten
Untertitel: 
englische
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Martin Schilt, Luckyfilm GmbH
Martin Schilt, Bernard Weber
Pantha du Prince
Peter Indergand / Stéphane Kuty / Martin Schilt / Bernard Weber
Mike Schaerer / Stefan Kälin / Dave D. Leins
Martin Schilt / Bernard Weber
Dieter Meyer
Dieser Film räumt mit dem Klischee auf, dass Jodeln nur in der altbackenen Ecke von Musikantenstadl und Co. beheimatet ist. Zwei Jahre lang begleiten die Filmemacher die Wiesenberger Jodler auf ihrem Weg ins Showbusiness. Der Verein besteht aus 20 jodelnden Bergbauern aus der Schweiz. Früher trafen sie sich einmal pro Woche in einer Kapelle, um gemeinsam zu jodeln – bis sie die Talentshow „Die größten Schweizer Hits“ gewannen. Nun nehmen die Hobbyjodler Alben auf und werden mit Angeboten überhäuft. Manche der Bauern stoßen an ihre Grenzen, andere sind berauscht von der neuen Welt, die sich ihnen auftut. Da kommt auch noch das Angebot, die Schweiz auf der Expo in Shanghai zu vertreten – ausgerechnet während des Heumachens im Hochsommer. Spätestens jetzt wird der Erfolg zur Zerreißprobe des Jodelklubs, in dem normalerweise alle Entscheidungen gemeinsam besprochen und basisdemokratisch entschieden werden.
Der Film zeigt uns, wie auch bei unterschiedlichen Auffassungen Zusammenhalt und Freundschaft funktionieren. Er dokumentiert, wie es den Jodlern gelingt, trotz Scheinwerferlichts authentisch zu bleiben. Und ganz nebenbei entstaubt er das Image der Musiker, die im besten Wortsinn Volksmusik machen. Sie werden mit einem Juchzer das Kino verlassen!
– Antje Stamer

Downeast

Dokumentarfilm
2012
78 Minuten
Untertitel: 
englische
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Matthew Dougherty
David Redmon
David Redmon and Ashley Sabin
Die mit „Down East“ bezeichnete Region im US-Bundesstaat Mainegilt auch als „Hummerküste“ – und bis die Krise hierher gelangte, lebte man gut von Fischfang und -verarbeitung. Doch die letzte Ölsardinenfabrik in der kleinen Kommune Gouldsboro schloss 2010 und die Belegschaft – mit dem stolzen Durchschnittsalter von 65 Jahren – ist seither arbeitslos. Bis der italienisch-stämmige Unternehmer Antonio Bussone in dem Küstenort erscheint, um mit der Stammbelegschaft in den alten Anlagen den Neubeginn zu wagen: „Live Lobster“. Doch während die eifrigen älteren Damen die weißen Gummischürzen wieder überstreifen und voller Hoffnung am Fließband antreten, bekommt es Antonio nicht nur mit der Engstirnigkeit und dem Konkurrenzdenken der einheimischen Stadtväter – selbst Fischunternehmer – zu tun. Immer mehr gerät er in Abhängigkeit der Banken und ficht einen aussichtslosen Kampf um seinen „amerikanischen Traum“.
David Redmon und Ashley Sabin lebten anderthalb Jahre mit den Menschen von Gouldsboro und wurden Teil des Prozesses, dessen verschiedenen Akteuren sie folgen und nahe kommen. In bester amerikanischer Erzähltradition entwickeln sie eine packende Geschichte, in der ehrliches Unternehmertum („business is personal“) im Verein mit den Arbeitnehmern antritt gegen ein gesichtsloses Finanzkapital. Dabei geht es nicht nur um Existenzen und sehr viel Geld, sondern vor allem um Würde. Down East ist überall.
– Grit Lemke

Dragan Wende - West Berlin

Dokumentarfilm
2012
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Lena Müller, von.müller.film
Dragan von Petrovic, Lena Müller
Ognjan Milosević
Vuk Maksimovič
Dragan von Petrovic
Braća Burazeri
Vuk Maksimovič, Lena Müller, Dragan von Petrovic
Vladimir Uspenski, Vladimir Zivković, Miloš Drndarević
Seit 20 Jahren hat der Exiljugoslawe Dragan Wende keinen Fuß in den Osten Berlins gesetzt. Wenn nur dieser Gorbatschow mit dem Mauerfall nicht das wunderbare Gleichgewicht der Welt, insbesondere der Dragan Wendes, zerstört hätte! Einst König der Berliner Unterwelt und halbseidenen Amüsierszene um den Ku’damm, rechte Hand des legendären Rolf Eden (der sich allerdings kaum an seinen besten Mitarbeiter zu erinnern vermag) und – die Taschen voller Westgeld – Traum aller Ostberliner Ladys, fristet er heute ein eher bescheidenes Dasein. Zwar stilecht am Adenauerplatz in bordellrotem Plüsch und immer noch als „street manager“ (Türsteher) diverser Nachtclubs, doch eigentlich eher einsam und auf Stütze. Und als wäre das nicht genug, kommt auch noch der filmende Neffe Vuk daher, um den Mythos des West-Onkels zu erforschen, dicht gefolgt von Vater Mile, Gastarbeiter der ersten Generation, stolzer Erbauer Westberlins und ebenfalls ein großer Freund der Mauer …
In ihrer „Balkan-Tragikomödie“ porträtieren die Regisseure voller Liebe und schwarzem Humor einen Menschenschlag, der sich von einer dahergelaufenen Geschichte nicht zum Verlierer stempeln lässt – auch wenn alles dagegen spricht. Glanz ist in der kleinsten Hütte und zwischen Balkansongs und Dönerbuden haben sie ihre Heimat gefunden in einer Gemeinschaft aus bizarren Überlebenskünstlern. In die schließlich auch Vuk aufgenommen wird – als „street manager“, versteht sich. Westberlin ist vorerst gerettet.
– Grit Lemke

Drivers Wanted

Dokumentarfilm
2012
54 Minuten
Untertitel: 
englische
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Adam Crystal
Joshua Z Weinstein
Jean Tsien
Das Straßennetz von New Yorker besteht aus 6174 Meilen überwiegend asphaltierter Straßen. Eine Legende besagt, dass der authentische Yellow Cab Driver diesen Dschungel kennen würde wie seine eigene Westentasche, was allein schon deshalb falsch ist, weil die meisten authentischen Fahrer gar keine Weste tragen. Die Filmemacher Jean Tsien und Joshua Weinstein mischten sich unter die bunte Gesellschaft von Fahrern, Mechanikern und Büroleuten eines alteingesessenen Taxi-Unternehmens in Queens, um zu bezeugen, wie in diesem etwas zerschlissenen Laden das ursprüngliche Ideal vom Big Apple der kleinen Leute überaus präsent und lebendig ist. Das gerät ihnen aber nicht zur Behauptung idyllischer oder gar paradiesischer Zustände, vielmehr vermitteln sie aufs Angenehmste jenes ebenso unspektakuläre wie großartige Gefühl, das Hemingway beschrieb, als er sich an die Begegnung mit Handwerkern während seines Paris-Aufenthalts in den 1920er Jahren erinnerte: "Es ließ sich leichter überlegen, wenn man ging oder etwas tat oder wenn man Leute sah, die etwas taten, worauf sie sich verstanden." Was bleibt? Die Gewissheit, dass es nicht schadet, gelegentlich auch für Kleinigkeiten Dankbarkeit zu empfinden.
– Ralph Eue

Isqat al Nizam - At The Regime Border

Dokumentarfilm
2012
78 Minuten
Untertitel: 
englische
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Roberto Ruini, Pulsemedia
Antonio Martino
Mario Romanazzi, Valerio Pellegri, Vincenzo Scorza
Antonio Martino
Giuseppe Trepiccione, Simone Incerti Zambelli
Giordano Raggi
Diego Schiavo
Grenzerfahrungen bietet dieser heftige Film über die syrische Revolution in vielfacher Hinsicht. Da ist zum Einen der im Exil lebende Journalist, der an der türkisch-syrischen Grenze Material für einen TV-Sender der Opposition sammelt. Er trifft auf Landsleute aus allen Bevölkerungsteilen - desertierte Soldaten, Internet-Kämpfer, Flüchtlinge. Die Kamera ist in diesen O-Ton Passagen wie festgefroren, die Schatten auf den Gesichtern scharf: Erzählungen über den Beginn der Revolution, über tote Freunde und Geschwister. Dann sind da die verstörenden You Tube-Filme, die täglich zu Hunderten entstehen - das System läuft Amok. Soldaten, die mit schweren Stiefeln auf den Köpfen gefesselter Demonstranten herumspringen. Soldaten, die einen Gefangenen abknallen. Soldaten, die ganze Städte als Geisel nehmen. Befehl an die Scharfschützen: Handyfilmer erschießen! Auf dem Rücksitz eines Taxis verblutet ein junger Mann, der eben noch gedreht hat. Sein Bruder macht weiter. Upload ins Netz. Irrsinnigerweise filmen sich die Agenten des Systems gegenseitig bei ihrer Arbeit. Folter vor laufender Kamera. Exekutionen. Und Schläge, Schläge, Schläge. Hier existiert keine Grenze mehr. Schließlich die Panik in der Stimme eines jungen Mädchens, als sie sieht, wie die Soldaten das Haus der Eltern stürmen. Und wir, die wir zuschauen? Wir lassen die Staatsmänner und Sonderbotschafter und Bevollmächtigten ihr Spiel um Öl und Stützpunkte und Geopolitik treiben. So müde sind wir geworden der vielen Bildern, die uns überfluten - und so kraftlos. Dennoch - zur Veröffentlichung des Entsetzens existiert keine Alternative. Das Aufbegehren kreisti im Netz. Die Fieberkurve steigt.
– Matthias Heeder

Loden - Der kleine Mönch

Dokumentarfilm
2012
25 Minuten
Untertitel: 
englische
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Heike Kunze, Telekult Film- und Medienproduktion GmbH
André Hörmann
Florian Foest
Vincent Assmann
André Hörmann
Loden ist 12 Jahre alt und großer Fan des FC Chelsea. Er lebt in einem Kloster in Nepal, denn er möchte Lama werden. Das steht für ihn schon lange fest. Lama zu werden, das findet er sogar besser als Fußballstar zu sein. Lamas sind in seinen Augen angesehene und besonders weise Menschen. Bis Loden aber dazu wird, muss er im Kloster noch viel lernen. Sein Tag beginnt um fünf Uhr morgens. Zugegeben, das frühe Aufstehen mag er nicht besonders, aber alles andere, das ist besser als zu Hause, sagt Loden.
Loden lernt viel, vor allem für den Englisch-Test. Englisch fällt ihm nicht so leicht, dafür mag er Nepalesisch. Jeden Tag lernen er und die anderen Jungs Gebete auswendig, die bei Zeremonien rezitiert werden. Manchmal begleiten sie ihre Lehrer, um mit ihnen Familien zu segnen. Das gibt auch ein bisschen Taschengeld. In der Stadt gibt es einen Laden, in dem Chelsea-Trikots verkauft werden. Loden möchte unbedingt das vom Fußballer Didier Drogba, damit er in den Pausen darin Fußball spielen kann. 800 Rupien – das sind knapp 7 Euro. Dafür muss er noch eine Weile sparen...
André Hörmanns Dokumentarfilm zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben eines Jungen, der auf den ersten Blick ein ganz anderes Leben führt als Kinder hierzulande. Auf den zweiten Blick sieht man allerdings, dass das Weltliche längst Eingang in die Welt des Spirituellen gefunden und dort sogar als Bereicherung wahrgenommen wird. Auch Lodens Lehrer spielen in den Pausen begeistert mit Fußball – mit wehenden Gewändern…
– Luc-Carolin Ziemann

Mama Illegal

Dokumentarfilm
2011
95 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ed Moschitz
Gailute Miksyste
Sandra Merseburger
Alexandra Löwy
Ed Moschitz
Lenka Mikulova
Am Wegesrand der Bahngleise liegen schmutzige Klamotten, hingeworfen von jenen, die sich im Unterteil der Güterzüge versteckt hielten, um der Armut Moldawiens zu entkommen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 80 Prozent, ein Drittel der Bevölkerung hat bereits das Land verlassen. Mittlerweile sind es vor allem die Frauen, die gehen, um sich im Westen als Putzkräfte oder Pflegerinnen illegal, ohne Krankenversicherung und ohne Rechte durchzuschlagen. Die Schlepper sind teuer und das Risiko, geschnappt zu werden, zu hoch, deshalb bleiben sie für Jahre fern. Sie übernehmen die Arbeit, die kein anderer machen will, und das für wenig Geld. Aber die Rechnung geht nicht auf. In der Fremde verändern sie sich, wollen auch so leben wie die, deren Wohnungen sie putzen, während zu Hause ihre Kinder warten und die Väter das Brot backen. Sieben Jahre lang hat Ed Moschitz drei Frauen begleitet. Dieser bemerkenswert lange Zeitraum, den sich dieser Film erkämpft hat, ermöglicht alle Perspektiven kennenzulernen. Die Entfremdung der Kinder von ihren Müttern, die sie nur per Skype kennen, die Enttäuschung der Männer, wenn ihre Frauen sich darüber mokieren, wie sie den Haushalt führen, und der Zwiespalt der Gastarbeiterinnen, die im Westen ohne Papiere sind und in ihre Heimat nicht mehr zurückfinden. Mama illegal ist ein leidenschaftliches Plädoyer an die Politik, den Realitäten einen legalen Rahmen zu verschaffen. Der Blick in das Klassenzimmer einer moldawischen Dorfschule, wo beinahe alle Kinder „mutterlos“ sind, sollte Anlass genug sein.
– Cornelia Klauß

Matthew's Laws

Dokumentarfilm
2012
72 Minuten
Untertitel: 
englische
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Simone van den Broek, Basaltfilm
Marc Schmidt
Jasper Boeke
Marc Schmidt, Aage Hollander
Katarina Turler
Rogerio Lira
Sander den Broeder
Da in allem, was die Menschen sagen, eine versteckte Botschaft steckt, zeichnet Matthew sämtliche Anrufe auf, um sie später zu analysieren. Das ist Arbeit. Die Einteilung seiner Tage beruht auf einem 36er Zahlensystem, wodurch jedes Datum in drei Symbolen ausgedrückt werden kann. Heute ist BNF, gestern war BNE. Auch das ist Arbeit. Autisten wie ich, so sagt er, verengen ihre Wahrnehmung auf einen einzigen Bereich, den sie komplett durchdenken und ordnen müssen. Für Matthew ist das seine Wohnung, die er diesem Prinzip unterwirft, sein Universum und Schutzraum zugleich. Mit “Matthew’s laws“ ist dem holländischen Regisseur Marc Schmidt etwas außergewöhnlich Seltenes gelungen: uns Normalos den Blick in eine Gedankenwelt zu öffnen, deren Logik zwar bizarr sein mag, trotzdem aber die ganze Identität dieser Person ausmacht. Die ist spätestens dann bedroht, wenn dieses Binnen System mit dem Außen in Berührung kommt. Beispielsweise in Gestalt der Hausverwaltung, die nicht hinnehmen will, dass Mathijs den Boiler zerlegt, um die Wasserleitungen des Badezimmers nach seiner Logik neu zu verlegen. Auf der Handlungsebene verfolgt der Film, wie sich diese Auseinandersetzung zweier Ordnungssysteme entwickelt – bis zum bitteren Ende. Auf einer zweiten Ebene erzählt der Film von dem ungewöhnlichem Verhältnis zwischen Filmemacher und Protagonist. Dieses sehr persönliche Portrait beruht auf der gegenseitigen Versicherung von Vertrauen und Offenheit des Vorgangs der Filmarbeit, die Mathijs schließlich in seinem System und in seinem Alltag unterbringen muss. Und dann befragen uns die Ereignisse selbst: wie mit der Andersartigkeit umgehen? Weit und breit keine Antworten. Jedenfalls keine, die für Mathijs passen.
– Matthias Heeder

Mein erster Berg - Ein Rigi Film

Dokumentarfilm
2012
97 Minuten
Untertitel: 
englische
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Erich Langjahr, Langjahr Film GmbH
Erich Langjahr
Hans Kennel
Erich Langjahr
Erich Langjahr
Erich Langjahr
Silvia Haselbeck
Erich Langjahr mag vielen als der Inbegriff des Bergfilmers erscheinen. Seit den 70er Jahren gehört er zu Leipzig, machte mit der Alpen-Trilogie Furore, bezauberte mit dem „Erbe der Bergler“ – und verkündet nun, seinen (angeblich) letzten Bergfilm vorzulegen. Er widmet ihn der Rigi: einem Gipfel, der einst als Mitte der Welt beschrieben wurde und für die Schweizer irgendwie immer noch ist.
Wie beschreibt man einen Berg? Bei Erich Langjahr vor allem: fern jeder Folklore und poetisch, also konkret. Wieder vereinen sich Präzision und Seele, wenn er sich an die Fersen eines Rigi-Älplers heftet: beim Bäume-Fällen, Pfählen, Betongießen oder Schneeschippen, beim gemeinsamen Mahl mit Freunden, dem Almauf- und -abtrieb und auf den Wegen über den Berg. Dessen Aneignung – auch das eine Konstante der Langjahrschen Philosophie – ist keine der kontemplativen Versunkenheit, sondern stets eine tätige. So wie Langjahrs Kamera einst fasziniert dem Heuen am Berg folgte, vertieft sie sich nun voller Ernst in das Ballett eines Kleinbaggers oder die Virtuosität einer Motorsäge. Denn die Rigi ist kein Refugium der Vormoderne: Hier gibt es Massentourismus ebenso wie futuristische Aussichtsplattformen, Hochhäuser und die unvermeidlichen „Rigi Events“.
Dennoch – auch durch die entrückt jazzenden Alphornklänge – gerät „Mein erster Berg“ zu einer Hymne auf das, was uns (auch in einer säkularisierten Welt) heilig ist – und auf die Schweiz, diesen wunderlichen, fernen Planeten.
– Grit Lemke