Filmarchiv

Sections (Film Archive)

A Baptism of Fire

Dokumentarfilm
Frankreich
2015
58 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
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Jérôme Caza – 2P2L
Jérôme Clément-Wilz
Jérôme Clément-Wilz
Ael Dallier Vega
Jérôme Clément-Wilz
Zahlreiche Journalist/innen und Fotograf/innen sind heute auf der ganzen Welt unterwegs, um so schnell wie möglich Neuigkeiten und Bilder aus den Konfliktregionen direkt zu uns nach Hause zu liefern. Oft hat das Kino von Kriegsreportern als Helden erzählt. Jérôme Clément-Wilz nimmt eine andere Perspektive ein: Auch der Nachrichtenjournalismus ist eine Industrie. Viele freiberufliche, zumeist junge Fotografinnen und Fotografen reisen auf eigene Kosten in die Kriegsgebiete – in der Hoffnung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort das entscheidende Foto zu schießen und es für teures Geld an die führenden Medien oder Agenturen zu verkaufen. In einer intimen Beobachtung folgt der Film dem Alltag junger französischer Reporterinnen und Reporter und gibt ihnen Raum, über ihre Arbeit zu reflektieren. Während des Arabischen Frühlings erfüllt sich ihr Traum: Ihre Bilder schaffen es auf die Titelseiten der größten Blätter. Dennoch vermeidet Clément-Wilz jedes heldenhafte Pathos, sondern zeigt einerseits Abenteuerlust und jugendliche Unbekümmertheit seiner Protagonist/innen, andererseits aber auch das harte Geschäft, in dem es keine Absicherung gibt und am ehesten der überlebt, der sein Leben am bereitwilligsten aufs Spiel setzt. Der Beruf des Kriegsreporters – ein prekärer Job.

Zaza Rusadze
Internationales Programm
Arbeit Heimat Opel Ulrike Franke, Michael Loeken

Lehrlinge im Bochumer Opel-Werk, begleitet durch die Ausbildung: Bohren, Büffeln, Fräsen, Schwitzen, alles geben, Opelaner sein – in Zeiten von Stellenabbau und Werkschließungen.

Arbeit Heimat Opel

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
90 Minuten
Untertitel: 
keine
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Ulrike Franke, Filmproduktion Loeken Franke
Ulrike Franke, Michael Loeken
Jörg Adams, Michael Loeken, Reinhard Köcher, Dieter Stürmer
Bert Schmidt
Ulrike Franke, Michael Loeken
Filipp Forberg, Axel Schmidt
Dem deutschen Auto vertraut die Welt, „Made in Germany“ gilt als Garant soliden Handwerks. Das hat viel mit dem weltweit einzigartigen System der Lehrlingsausbildung, das auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt, zu tun. Wie aber ist es heute Lehrling zu sein, noch dazu in einem Flaggschiff der deutschen Autoindustrie?
Ulrike Franke und Michael Loeken begleiten sechs 16- bis 19jährige, die 2009 ihre Ausbildung zum Industriemechaniker im Bochumer Opel-Werk beginnen, und ihren Lehrmeister. Sie sind dabei, wenn die Jungs das erste Mal die Opel-Hemden überstreifen, an Bohrmaschine und Drehbank schwitzen, zum hundertsten Mal nachmessen, verzweifeln, es Herrn Kranz wieder nicht recht machen können, in der Gewerkschaftsversammlung gelangweilt mit dem Handy spielen und vor der Prüfung urplötzlich alle Coolness verlieren. Immer noch gilt, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, und doch ist etwas anders: Denn die Bilder vom – konsequent nur im Werk gefilmten – Arbeitsalltag der Jungen konfrontieren Loeken/Franke mit News über drohenden Stellenabbau bei Opel. Eherne Grundsätze und vorgeprägte Identitäten – Ich bin Opelaner, und Opel gehört zum Ruhrgebiet wie Schalke – sind im Auf und Ab der Börsenkurse ins Wanken geraten. In einer Phase des Übergangs von Schule und Elternhaus ins Arbeitsleben entwickelt jeder der Lehrlinge eine andere Strategie, mit der Unsicherheit umzugehen. Denn alles könnte vorbei sein, bevor es begonnen hat. Für 2016 wurde die Aufgabe des Standorts Bochum angekündigt.
– Grit Lemke
Healthy Workplaces Film Award
Automatic Fitness Alejandra Tomei, Alberto Couceiro

Ein Leben auf dem Förder- und Forderband. Die detailreiche und ideenfunkelnde Puppenanimation denkt als bitterböse Satire auf unsere schöne neue Arbeitswelt den Begriff „Human Resources“ zu Ende und erfindet en passant noch einen neuen Laufschritt.

Automatic Fitness

Animationsfilm
Deutschland
2015
21 Minuten
Untertitel: 
_ohne Dialog / Untertitel
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Alejandra Tomei
Alejandra Tomei, Alberto Couceiro
Boris Joens, Ole Wulfers
Alejandra Tomei
Dietmar Kraus
Alberto Couceiro
Alejandra Tomei, Alberto Couceiro
Dietrich Körner
Stellen Sie sich vor, Sie erwachen morgens in Ihrem Bett, das auf dem Fließband steht. Ein automatischer Weckruf und ein paar von Roboterhand gereichte Tabletten machen Sie fit für den Arbeitstag. Und dann immer weiter im vorgegebenen Tempo. Ein Leben auf dem Förder- und Forderband. Die detailreiche und ideenfunkelnde Puppenanimation denkt als bitterböse Satire auf unsere schöne neue Arbeitswelt den Begriff „Human Resources“ zu Ende und erfindet en passant noch einen neuen Laufschritt.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2015

Next Masters Wettbewerb
Brumaire Joseph Gordillo

Die letzten Kohlekumpel Frankreichs in Fotos mit Charisma. Die Gegenwart aber hält für die junge Generation nur prekäre Jobs bereit. Das Ende der Arbeit in suggestiven Bildern.

Brumaire

Dokumentarfilm
Frankreich
2015
66 Minuten
Untertitel: 
englische
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Juan Gordillo, Martine Vidalenc
Joseph Gordillo
Hervé Birolini
Laetitia Giroux
Dominique Petitjean
Cynthia Gonzalez
Sandrine Mercier, Christian Lamalle
Bevor 2004 die letzte französische Kohlemine in Lothringen schloss, war Joseph Gordillo bereits viele Male mit den Arbeitern in die Tiefe gefahren, um sie zu fotografieren und auf den Bildern auch seine eigene Faszination für die Welt untertage zu fixieren. Die Mine erscheint bei ihm als ein lebendiger Kosmos, dem die Arbeiter angehören. Selbst in Einzelporträts bleiben sie ein Teil des Ganzen. Ihr Charisma entdeckt man in den leuchtenden Augen, ihre Stärke aber in der Gruppe.

In seinem Film verfremdet Gordillo das Fotomaterial. In Kamerafahrten und Bildbearbeitungen sowie abstrakten Toncollagen rekonstruiert er das Zeitalter der Mine. Ein ehemaliger Arbeiter gibt seine Stimme dazu – plastischer Erfahrungsbericht und Gedankenstrom.

Doch Gordillo geht es nicht um Arbeit in der Vergangenheit, sondern um deren gesellschaftliche Bedeutung. Und so fügt er eine zweite Stimme hinzu: eine junge Frau, Tochter eines Minenarbeiters. Auf ihn kann sie noch stolz sein, auf sich selbst nicht mehr. Ihr Leben als Putzfrau in einem Ort, der vom Niedergang geprägt ist, fängt die Kamera in all seiner Sterilität und Perspektivlosigkeit ein. Von der Solidarität und Identität der Minenarbeiter führt der Schritt direkt in die Isolation. Mit den spürbaren Folgen: Entpolitisierung, Arbeitslosigkeit, Rechtsruck. Über zwei Generationen erzählt der Film in suggestiven Bildern vom Herbst der Arbeitsgesellschaft.

Lars Meyer

C(us)todians

Dokumentarfilm
Brasilien
2013
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Antônio Jr.
Aly Muritiba
Elisandro Dalcin
João Menna Barreto, Aly Muritiba
Aly Muritiba
Alexandre Rogoski, João Menna Barreto
Jefferson Walkiu ist der neue Chefinspektor im „Alpha-Team“ eines brasilianischen Gefängnisses, das über 900 Insassen beherbergt. Kein ungefährlicher Job, denn kriminelle Vereinigungen agieren außerhalb und innerhalb der Gefängnismauern, und das Wachpersonal ist schlecht ausgestattet. Mit guten Vorsätzen geht Walkiu daran, seine Abteilung zu professionalisieren. Doch die Dynamik in der Anstalt arbeitet gegen ihn.
Dass es für alle Gefangenen zusammen nur eine Krankenschwester und drei funktionierende Handschellen gibt, sind nur zwei unter vielen Herausforderungen. Täglich diskutiert Walkiu mit Häftlingen, Mitarbeitern und Vorgesetzten, die sich keinen Regeln verpflichtet fühlen. Doch auch sein ständiges Krisenmanagement kann Pannen nicht ausschließen. Umso überraschender wirkt sein ihn offenbar erfüllendes Doppelleben als Seelsorger einer kleinen Gemeinde. Hier lässt der stets um Kontrolle bemühte Mann emotionalen Dampf ab.
Der Alltag im Gefängnis aus Sicht des Wachpersonals und das Porträt eines Mannes, der es richtig machen will und gegen Wände anrennt. Regisseur Aly Muritiba hat selbst lange im Alpha-Team gearbeitet und kennt sich in den hohen, schmalen Fluren des Gefängnisses sichtlich aus. Lange Einstellungen und gezielte Perspektivwechsel erzeugen in seinem Film ein Gefühl des zunehmenden Kontrollverlustes.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2013

Cloudy Mountains

Dokumentarfilm
China
2012
85 Minuten
Untertitel: 
englische
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Han Lei, Documentary Channel, Shanghai Media Group (SMG)
Zhu Yu
Liu Zhifeng
Han Lei
Shen Hancun
Nach der Arbeit, wenn sie zusammensitzen und Nudeln schlürfen, scherzen sie gerne herum. Sie führen imaginäre Tänze auf und kümmern sich rührend um einen verletzten Vogel. Die chinesischen Minenarbeiter in Lop Nut verdienen für dortige Verhältnisse nicht schlecht. Aber der Preis, den sie zahlen, ist hoch. Staub wirbelt auf, fügt sich zu Wolkengebilden, die über die Landschaft gleiten und sich zu guter Letzt wie ein Wollteppich zentimeterdick auf alles legen. Das Asbest-Abbaugebiet wurde weiträumig entvölkert. Es wirkt wie eine rauchende apokalyptische Vulkanlandschaft. Hier wird seit Jahren tonnenweise das Material abgebaut, das in Europa schon gar nicht mehr verwendet werden darf, aber hier für die Deckung eines immensen Wohnungsbedarfs sorgt. Während immer mehr Menschen in China vom Bauboom profitieren, leben die Asbestarbeiter in Zelten mitten auf dem Gelände.
Der Regisseur Zuh Yu deckt in seinem Debütfilm präzise die unsäglichen Bedingungen auf, unter denen die Arbeiter ihr Brot verdienen – abgeschnitten von der Außenwelt, mit der sie nur noch ihr Handy verbindet. Der Jüngste unter ihnen ist gerade 17. Mehr und mehr rücken jedoch die Menschen selbst mit ihrem derben Humor und ihren rauen coolen Sprüchen in den Fokus. Ihre Zähigkeit und der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, machen "Cloudy Mountain" zu einem großen Statement, das die Frage nach der Conditio humana aufwirft.

Cornelia Klauß



Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm 2012

Internationales Programm
Der Große Irrtum Dirk Heth, Olaf Winkler

Eggesin und anderswo: Menschen, die engagiert sind und arbeiten - ohne Einkommen. Das Konzept der Bürgerarbeit, reflektiert in einem nachdenklichen, vielschichtigen Essay.

Der Große Irrtum

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
105 Minuten
Untertitel: 
englische
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Dirk Heth, Olaf Winkler
Dirk Heth, Olaf Winkler
Melanie Barth, Wolfgang Adams
Dirk Heth
Dirk Heth, Olaf Winkler
Olaf Winkler
Raimund von Scheibner
Wonach bestimmt sich der Wert eines Menschen? In unserer Gesellschaft scheint die Antwort klar: am Markt. Aber „wie kann man glücklich werden ohne Marktwert?“ beschäftigt Olaf Winkler und Dirk Heth. Sie kehren zurück in die schrumpfende Stadt Eggesin, die sie schon 2002 filmisch erkundeten. Dort finden sie 20 Prozent Arbeitslosigkeit vor, aber engagierte Menschen, die arbeiten, ohne dass dies mit einem wirklichen Einkommen verbunden wäre: Marion, die trotz Selbständigkeit von Hartz IV nicht los kommt. Die allein erziehende Diana, die sich mit „Maßnahmen“ durchschlägt. Die 1-Euro-Jobberin Irina, die sich mit Glück auf 1,50 oder einen Minijob steigern kann. Frau Westholm und ihre Ehrenamtlichen von der Heimatstube. Eine Lösung scheint das Konzept der Bürgerarbeit, vom Politiker Rainer Bomba auf Landes- und Bundesebene vertreten, zu bieten. In Eggesin schiebt der Bürgermeister das Projekt einer Zeitbank an. All diese Menschen benutzt der Film nie als Stichwortgeber, sondern nimmt sie in ihren Biografien und auferlegten Zwängen wahr und ernst. Zugleich wird der Ich-Erzähler – ein Kameramann in Briefen an seine Kinder – einer von ihnen, denn der Markt braucht ihn nicht mehr.
Die Filmemacher und ihre Protagonisten erleben gemeinsam, „wie das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit eine intakte Stadt zu verschlucken drohte“. Sie entdecken Ideen und Engagement, die ins Nichts zu laufen. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Filmpreis "Leipziger Ring" 2012

Internationales Programm
Downeast

Ein Unternehmer und seine Belegschaft versuchen, in einer kleinen US-Küstenstadt eine Fischfabrik aufzubauen und dem Würgegriff des Finanzkapitals zu trotzen. Packend erzählt.

Downeast

Dokumentarfilm
USA
2012
78 Minuten
Untertitel: 
englische
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Matthew Dougherty
David Redmon
David Redmon and Ashley Sabin
Die mit „Down East“ bezeichnete Region im US-Bundesstaat Mainegilt auch als „Hummerküste“ – und bis die Krise hierher gelangte, lebte man gut von Fischfang und -verarbeitung. Doch die letzte Ölsardinenfabrik in der kleinen Kommune Gouldsboro schloss 2010 und die Belegschaft – mit dem stolzen Durchschnittsalter von 65 Jahren – ist seither arbeitslos. Bis der italienisch-stämmige Unternehmer Antonio Bussone in dem Küstenort erscheint, um mit der Stammbelegschaft in den alten Anlagen den Neubeginn zu wagen: „Live Lobster“. Doch während die eifrigen älteren Damen die weißen Gummischürzen wieder überstreifen und voller Hoffnung am Fließband antreten, bekommt es Antonio nicht nur mit der Engstirnigkeit und dem Konkurrenzdenken der einheimischen Stadtväter – selbst Fischunternehmer – zu tun. Immer mehr gerät er in Abhängigkeit der Banken und ficht einen aussichtslosen Kampf um seinen „amerikanischen Traum“.
David Redmon und Ashley Sabin lebten anderthalb Jahre mit den Menschen von Gouldsboro und wurden Teil des Prozesses, dessen verschiedenen Akteuren sie folgen und nahe kommen. In bester amerikanischer Erzähltradition entwickeln sie eine packende Geschichte, in der ehrliches Unternehmertum („business is personal“) im Verein mit den Arbeitnehmern antritt gegen ein gesichtsloses Finanzkapital. Dabei geht es nicht nur um Existenzen und sehr viel Geld, sondern vor allem um Würde. Down East ist überall.
– Grit Lemke
Internationales Programm
Drivers Wanted

Eine kleine Taxifirma in Queens, der alte Chef und seine Fahrer, Alltag und Überlebenskämpfe. Voll schrulligem, jüdischen Humor - der Big Apple der kleinen Leute.

Drivers Wanted

Dokumentarfilm
USA
2012
54 Minuten
Untertitel: 
englische
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Adam Crystal
Joshua Z Weinstein
Jean Tsien
Das Straßennetz von New Yorker besteht aus 6174 Meilen überwiegend asphaltierter Straßen. Eine Legende besagt, dass der authentische Yellow Cab Driver diesen Dschungel kennen würde wie seine eigene Westentasche, was allein schon deshalb falsch ist, weil die meisten authentischen Fahrer gar keine Weste tragen. Die Filmemacher Jean Tsien und Joshua Weinstein mischten sich unter die bunte Gesellschaft von Fahrern, Mechanikern und Büroleuten eines alteingesessenen Taxi-Unternehmens in Queens, um zu bezeugen, wie in diesem etwas zerschlissenen Laden das ursprüngliche Ideal vom Big Apple der kleinen Leute überaus präsent und lebendig ist. Das gerät ihnen aber nicht zur Behauptung idyllischer oder gar paradiesischer Zustände, vielmehr vermitteln sie aufs Angenehmste jenes ebenso unspektakuläre wie großartige Gefühl, das Hemingway beschrieb, als er sich an die Begegnung mit Handwerkern während seines Paris-Aufenthalts in den 1920er Jahren erinnerte: "Es ließ sich leichter überlegen, wenn man ging oder etwas tat oder wenn man Leute sah, die etwas taten, worauf sie sich verstanden." Was bleibt? Die Gewissheit, dass es nicht schadet, gelegentlich auch für Kleinigkeiten Dankbarkeit zu empfinden.
– Ralph Eue

El Gort

Dokumentarfilm
Tunesien,
Vereinigte Arabische Emirate
2013
87 Minuten
Untertitel: 
englische
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Hamza Ouni
Hamza Ouni
Mohamed Hakim Boujomaa, Hatem Nechi
Najwa Khechimi
Hassen Najar
Dieser Film vibriert vor Wut. Nichts war gut, ist gut, wird gut sein. Diese bittere Wahrheit umschließt das Leben von Washwasha und Khairi wie eine Mauer. Beide Anfang 20, bettelarm, ohne Aussicht, jemals etwas anderes zu machen, als für wenig Geld Heuballen zu stapeln und auf LKWs auf- und abzuladen. Jobs? Es gibt keine in Tunesien. Also wollen sie weg, nach Europa. Doch auch dies ist nur ein Traum.
„El Gort“ erfasst die Jahre vor dem Aufstand gegen Ben Ali bis zu den ersten freien Wahlen, 2007 bis 2012. Aber diese Ereignisse haben für die beiden keine wirkliche Bedeutung. Washwasha saß während der Revolution im Gefängnis, Khairi ging wie die meisten Bewohner der Stadt brandschatzen. Irgendwie musste der Zorn raus. Geändert hat sich nichts. Außer dem Personal, das die Armen genauso betrügt wie das alte Regime. Und die islamischen Parteien? F*** them!
Die Wut übersetzt der Film in eine raue, direkte Bildsprache, die der Erzählung eine unglaubliche Wucht verleiht. Harte, schnelle Schnitte, eine unruhige, bewegte Kamera, keine Einstellung verweilt in der Schönheit des Augenblicks. Statt dessen ein Höchstmaß an Leben, das immer weiter gelebt werden muss. Und das ist das wirklich Erstaunliche an diesem ersten langen Film von Hamza Ouni – dass seine Protagonisten die Verhältnisse klarsichtig beschreiben, ohne sich aus der Verantwortung für ihre Handlungen zu stehlen.

Matthias Heeder



Ausgezeichnet mit der Talent-Taube im Wettbewerb für junges Kino 2014

Länderfokus Südkorea
Factory Complex Heung-soon Im

Nike, Samsung, H&M. Callcenter, Supermärkte, Onlinehändler. Ode an die Frauen, die nicht nur in Korea unseren Konsum produzieren. Experimentell, dokumentarisch, erschütternd.

Factory Complex

Dokumentarfilm
Südkorea
2015
95 Minuten
Untertitel: 
englische
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Min-kyung Kim
Heung-soon Im
Tae-won Lee
Sun-young Lee, Heung-soon Im, Gil-ja Kim, Yun-jeong Jee
Hak-min Lee
Min-kyung Kim
Regelmäßig lässt ein neuer Hype die Teenies der Welt nach Sneakers Schlange stehen. Sie ahnen nicht, dass die Frauen, die diese herstellen, sich keine leisten können. „I want to wear Nike shoes, too“ war ihre Parole, als sie in den 1980er Jahren begannen, sich zu wehren. Der Videokünstler Im Heung-soon, dessen Mutter in einer Textilfabrik arbeitete, macht sie sichtbar: das Ameisenheer von Arbeiterinnen, die die Grundlage für Südkoreas kometenhaften Aufstieg zur Wirtschaftsmacht schufen und dafür mit ihrer Gesundheit, oft mit dem Leben zahlten. Im Heung-soon spannt den Bogen zur globalisierten Konsumwelt von heute, in der es wiederum Frauen sind, die in Textilfabriken, der Elektroindustrie, in Supermärkten, Callcentern oder als Servicekräfte den Laden am Laufen halten, kaum genug zum Leben verdienen und immer freundlich lächeln. Die gnadenlos-nüchterne Chronik der Ausbeutung, erzählt in Interviewpassagen, durchwebt er mit surrealistisch-experimentellen Performances. Sie individualisieren den Schmerz derjenigen, die sonst als Masse und vorrangig als Humankapital wahrgenommen werden.

Auf der Biennale wurde Im Heung-soon für sein erschütterndes Werk, das zwischen Kunst und Dokumentation changiert, mit einem Silbernen Löwen geehrt. Noch besser wäre es, vor dem Kauf des nächsten Handys einen Gedanken an die Frauen aus dem „Factory Complex“ zu verwenden. Und den Kauf selbst in Frage zu stellen.

Grit Lemke

Harvest

Dokumentarfilm
Frankreich
2014
82 Minuten
Untertitel: 
englische
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Didier Creste
Paul Lacoste
Yvan Quehec
Anthony Brining
Schauplatz: eine kleine Weinregion östlich von Toulouse. Die Zeit: Mitte September. Das Personal: eine Kompanie von etwa 15 Frauen und Männern – mit Lesescheren und Eimern bewaffnete „Zeitsoldaten“ für die paar Wochen der Weinernte. Der Trupp ist in die Rebzeilen eines mittelständischen Anbaubetriebs in der Region Gaillac ausgeschwärmt. Die Statistik führt sie als Erntehelfer, und im soziologischen Jargon heißen sie „prekär Beschäftigte“. Die Akteure selbst würden diese Zuschreibung jedoch nur bedingt für sich akzeptieren. Sie anzuerkennen hieße, einen großen Teil des eigenen Stolzes herzugeben. Eine solche Haltung mag man unrealistisch nennen, aber genau das scheint den Regisseur Paul Lacoste zu interessieren: mehr, was Menschen tun und was sie damit im wahrsten Wortsinn verkörpern, weniger, was sie an Meinungen äußern. Fast beiläufig vermittelt der Film dann aber doch, wie massiv sich die Unsicherheit einer solchen Existenz in den gesamten Habitus seiner Protagonisten eingeschrieben hat. Alle spüren, wie sie dem stummen Zwang der Verhältnisse unterworfen sind. Sie mögen zwar unterschiedlich virtuos im Verdrängen solch emotionaler und mentaler Erkenntnisse sein – die objektiven Effekte lassen sich kaum leugnen.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2014

Mama Illegal

Dokumentarfilm
Österreich
2011
95 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ed Moschitz
Gailute Miksyste
Sandra Merseburger
Alexandra Löwy
Ed Moschitz
Lenka Mikulova
Am Wegesrand der Bahngleise liegen schmutzige Klamotten, hingeworfen von jenen, die sich im Unterteil der Güterzüge versteckt hielten, um der Armut Moldawiens zu entkommen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 80 Prozent, ein Drittel der Bevölkerung hat bereits das Land verlassen. Mittlerweile sind es vor allem die Frauen, die gehen, um sich im Westen als Putzkräfte oder Pflegerinnen illegal, ohne Krankenversicherung und ohne Rechte durchzuschlagen. Die Schlepper sind teuer und das Risiko, geschnappt zu werden, zu hoch, deshalb bleiben sie für Jahre fern. Sie übernehmen die Arbeit, die kein anderer machen will, und das für wenig Geld. Aber die Rechnung geht nicht auf. In der Fremde verändern sie sich, wollen auch so leben wie die, deren Wohnungen sie putzen, während zu Hause ihre Kinder warten und die Väter das Brot backen. Sieben Jahre lang hat Ed Moschitz drei Frauen begleitet. Dieser bemerkenswert lange Zeitraum, den sich dieser Film erkämpft hat, ermöglicht alle Perspektiven kennenzulernen. Die Entfremdung der Kinder von ihren Müttern, die sie nur per Skype kennen, die Enttäuschung der Männer, wenn ihre Frauen sich darüber mokieren, wie sie den Haushalt führen, und der Zwiespalt der Gastarbeiterinnen, die im Westen ohne Papiere sind und in ihre Heimat nicht mehr zurückfinden. Mama illegal ist ein leidenschaftliches Plädoyer an die Politik, den Realitäten einen legalen Rahmen zu verschaffen. Der Blick in das Klassenzimmer einer moldawischen Dorfschule, wo beinahe alle Kinder „mutterlos“ sind, sollte Anlass genug sein.
– Cornelia Klauß
Internationales Programm
Mar de Fons Bruno López, Florencia Luna

Vater, Sohn, ein Fischerboot und die verschmutzte Küste vor Barcelona. Vom Sterben einer Tradition und der Krankheit der Zivilisation. Kleine Novelle mit Charisma.

Mar de Fons

Dokumentarfilm
Spanien
2014
30 Minuten
Untertitel: 
englische
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Sergi Casamitjana, Escac Films
Bruno López, Florencia Luna
Julián Sánchez
Florencia Luna, Dídac Sáez
Bruno López, Dídac Sáez
Bruno López, Florencia Luna
Yago Flaquer, Mar Rosselló
„Wieder ein schlechter Tag!“ So klingt es, wenn sich katalanische Fischer treffen. Das Fischsterben und die Umweltverschmutzung im Großraum Barcelona machen ihnen zu schaffen. Ramón Costa hat in seiner langen Laufbahn dramatische Veränderungen erlebt. Damit ist nicht gemeint, dass er es vom Ruder- zum Motorbootbesitzer geschafft hat – nein: Von 100 Fischerboten sind in seinem Heimatort Badalona gerade einmal sechs geblieben. Eines davon gehört Ramón. Doch auch er denkt daran, das kleine Familienunternehmen aufzugeben, zumal sein älterer Sohn ihm Sorgen bereitet. Eine Strandbar zu eröffnen, wäre lukrativer. Der jüngere, endlich aus der Adoleszenz erwacht, macht ihm zwar neuen Mut. Doch ist der Junior störrisch und besserwisserisch.
All die Probleme ballen sich auf dem engen Raum des Fischerbootes zusammen, wenn Vater und Sohn aufs Meer hinausfahren. Der Film hat alles, was eine kleine Novelle ausmacht. Er erzählt von rastlosen Männern, vom Sterben der Tradition und von der Krankheit der Zivilisation. Im Zentrum steht eine charismatische Hauptfigur. Ramón ist nicht nur ein passionierter Geschichtenerzähler, sondern bemüht sich als Vater rührend um eine Verbindung zu seinen Söhnen, auch wenn sie in einem vollkommen anderen Zeitalter groß geworden sind als er selbst.
Lars Meyer

Marmato

Dokumentarfilm
Kolumbien,
USA
2014
88 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Stuart Reid, Mark Grieco
Mark Grieco
Todd Boekelheide
Mark Grieco
Ricardo Acosta, Mark Grieco
Noah Conti
Mark Grieco, Stuart Reid
Bob Edwards
Jeden Tag verabschiedet sich Dumar mit einer langen Zeremonie, bestehend aus Küssen und Segnungen, von Frau und Kindern, als wäre es das letzte Mal. Ausgestattet mit dem ideellen Schutz der Familie und dem religiösen der Jesusstatue, die vom Ort Marmato aus mit ausgestreckten Armen die grüne Bergwelt Kolumbiens überblickt, geht es in die Goldmine. Seit über 500 Jahren graben und sprengen die Anwohner klaustrophobisch enge Tunnel in den Berg, der jeden Moment einzustürzen droht. Doch etwas anderes als das Gold haben die Bergleute nicht, auch wenn sie selbst am wenigsten davon profitieren. Seit die Regierung 2006 die Türen für ausländische Konzerne geöffnet hat, herrscht hier internationale Goldgräberstimmung. Mit den uralten Methoden soll nun Schluss sein. Eine kanadische Firma will, angeblich umwelt- und sozialverträglich, den Berg von außen abtragen. Was aber wird aus Marmato? Der Kampf um einen der größten Goldvorräte der Welt beginnt.
Sechs Jahre lang verfolgt Mark Grieco in seinem bereits preisgekrönten Film die komplexe Auseinandersetzung um die Ausbeutung des Bergs, um Existenz und Identität der Einheimischen. Mit der Dichte eines Spannungsromans – und durchaus romantauglichen Charakteren – erzählt er vom wachsenden Widerstand gegen die Globalisierung. Als Kommentar auf die jeweils aktuelle Lage brennt sich der Gold-Aktienkurs in die Stollenwand ein und ein alter Bänkelsänger mit Cowboyhut zupft seine ironischen Liedchen.
Lars Meyer
Internationales Programm
Men at Work Kesang Tseten

Ein Junge beim Spielen, ein Automechaniker, ein buddhistischer Mönch und ein Soldat in der Ausbildung – Männlichkeit, Arbeit und soziales Umfeld in Nepal, ruhig und genau beobachtet.

Men at Work

Dokumentarfilm
Nepal
2013
66 Minuten
Untertitel: 
englische
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Kesang Tseten
Kesang Tseten
Arjun Sen
Gairik Sarkar, Kesang Tseten
Sankha Biswajit, Kesang Tseten
Kesang Tseten
Sukanto Majumdar
Kesang Tseten, Dokumentarfilmer aus Nepal, der schon zweimal bei DOK Leipzig vertreten war, hat diesmal mehrere Filme zu einem verbunden. In vier stilistisch wie dramaturgisch höchst unterschiedlichen Episoden nähert er sich Alltags- und Arbeitsabläufen. In einer Mischung aus Meditation, Befragung, Beobachtung und Investigation umkreisen sie thematisch den „Mann bei der Arbeit“.
Ein Junge auf einer Terrasse wird dabei beobachtet, wie er mit Hingabe dem Wäschewaschen nachgeht und währenddessen immer wieder neugierig anderen Jungs beim Fußballspielen zuschaut. Der Schauplatz wechselt in eine Autowerkstatt, in der mit stoischer Geduld alte Karossen zusammengeschweißt und verputzt werden, die wirklich schon bessere Zeiten gesehen haben. Danach führt uns Kesang Tseten in eine Priesterschule, in die vor allem Jungen aus armen Familien geschickt und auf ihr Leben als Geistliche vorbereitet werden. Harte Arbeit und zurückgehaltene Tränen sind das tägliche Brot.
Den Reigen beschließt der Blick auf ein nachkoloniales Relikt, den Gurkha. Für viele junge nepalesische Männer ist es nach wie vor die höchste Ehre, als Soldat für die britischen Streitkräfte rekrutiert zu werden. Nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe.

Lina Dinkla