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A Baptism of Fire

Dokumentarfilm
2015
58 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
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Jérôme Caza – 2P2L
Jérôme Clément-Wilz
Jérôme Clément-Wilz
Ael Dallier Vega
Jérôme Clément-Wilz
Zahlreiche Journalist/innen und Fotograf/innen sind heute auf der ganzen Welt unterwegs, um so schnell wie möglich Neuigkeiten und Bilder aus den Konfliktregionen direkt zu uns nach Hause zu liefern. Oft hat das Kino von Kriegsreportern als Helden erzählt. Jérôme Clément-Wilz nimmt eine andere Perspektive ein: Auch der Nachrichtenjournalismus ist eine Industrie. Viele freiberufliche, zumeist junge Fotografinnen und Fotografen reisen auf eigene Kosten in die Kriegsgebiete – in der Hoffnung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort das entscheidende Foto zu schießen und es für teures Geld an die führenden Medien oder Agenturen zu verkaufen. In einer intimen Beobachtung folgt der Film dem Alltag junger französischer Reporterinnen und Reporter und gibt ihnen Raum, über ihre Arbeit zu reflektieren. Während des Arabischen Frühlings erfüllt sich ihr Traum: Ihre Bilder schaffen es auf die Titelseiten der größten Blätter. Dennoch vermeidet Clément-Wilz jedes heldenhafte Pathos, sondern zeigt einerseits Abenteuerlust und jugendliche Unbekümmertheit seiner Protagonist/innen, andererseits aber auch das harte Geschäft, in dem es keine Absicherung gibt und am ehesten der überlebt, der sein Leben am bereitwilligsten aufs Spiel setzt. Der Beruf des Kriegsreporters – ein prekärer Job.

Zaza Rusadze
Internationales Programm
Als wir die Zukunft waren Lars Barthel, Gabriele Denecke, Andreas Voigt, Peter Kahane, Thomas Knauf, Hannes Schönemann. Ralf Marschalleck

Die in den 50er Jahren in der DDR Geborenen: Kindheitserinnerungen einer Generation. Sechs Miniaturen, reich gestaltet mit Witz, Wehmut und Poesie. Echo einer Utopie.

Als wir die Zukunft waren

Dokumentarfilm
2015
87 Minuten
Untertitel: 
keine
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Barbara Etz
Lars Barthel, Gabriele Denecke, Andreas Voigt, Peter Kahane, Thomas Knauf, Hannes Schönemann. Ralf Marschalleck
Marcel Noll
Lars Barthel, Andreas Köfer, Thomas Plenert, Marcus Lenz, Sebastian Hattop
Grete Jentzen, Gudrun Steinbrück-Plenert, Pamela Homann, Mathieu Honoré
motionworks Halle, Jörg Herrmann
Uwe Busch, Maurice Wilkering, Thomas Funk, Nic Nagel
Generationen definieren sich über Zukunft – mal gibt es zu wenig, mal zu viel davon. Der Generation der in den 50er Jahren in der DDR Geborenen hatte man von früh an eingetrichtert, dass sie die Zukunft des Sozialismus wären. Ganz schön viel Verantwortung. Und irgendwie schiefgegangen.

Die sechs Regisseure und eine Regisseurin des Omnibusfilms verbindet neben der Sozialisation auch, dass sie alle für die DEFA gearbeitet haben. Dennoch sind ihre Erinnerungen an die Kindheit in einem Land, das noch vom Krieg gezeichnet, aber im Aufbruch war, stilistisch höchst unterschiedlich gestaltet: vom strengen Bildkonzept bis zum überbordenden Einsatz von Animation oder gespielten Szenen. Am stärksten geraten sie, wenn sie visuell konzentriert assoziative Freiräume eröffnen, oder wenn es gelingt, mit dem Wissen des Erwachsenen aus der Perspektive des Kindes zu erzählen. Es sind zumeist Kinder, denen zunächst der Vater abhandenkommt und dann der Glaube an den Sozialismus. Ein interessanter Aspekt, dass der Westen nicht nur das duftende Westpaket, Indianerfilme, Spielzeugpistolen oder Onkel Alfred war, sondern oft ebenso der ausgereiste Vater. Und auch die dagebliebenen Väter waren zumeist abwesend. Der Osten, das waren die Mütter, schön und stark. Manchmal zerbrachen sie daran.

Das Problem war am Ende, dass der Sozialismus seinen Kindern nicht vertraute. Ihre Erzählungen sind wie das Echo einer Utopie.

Grit Lemke
Internationales Programm
Back Home Inna Denisova

Heimkehr nach Simferopol. Begegnungen mit fanatischen Putin-Anhängern und Kritikern, die die Krim verlassen müssen. Authentischer Blick auf eine zutiefst gespaltene Gesellschaft.

Back Home

Dokumentarfilm
2015
74 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Inna Denisova
Inna Denisova
DJ Enjoykin
Egor Maximov, Oleg Morgun
Natasha Josef
Anna Shifrina
Inna Denisova
Roman Bakharev
Wir werden es vermutlich nie erfahren, wie sich die Annexion der Krim genau ereignet hat. Doch weder die versteckten Operationen der Streitkräfte noch die offenen Polit-Rhetoriken sind für Inna Denisova, die diesen No-Budget-Film mit viel Energie realisiert hat, von Belang. Sie interessiert sich für die schleichenden atmosphärischen Verschiebungen, die mit den geopolitischen einhergehen. Wie lebt es sich im Meer des russischen Weiß-Blau-Rot und von Graffiti-Plakaten, die für die einen Glücksverheißung, für die anderen Chauvi-Sprüche sind? Putins große Heimholung der Halbinsel konterkariert Denisova mit ihrer kleinen, sehr persönlichen Rückkehr nach Simferopol, in ihre Geburtsstadt. Zweimal „Back Home“ – und die Frage, was das war, ist und sein wird: Heimat, Zugehörigkeit, Kindheit.

Ohne jede Polemik spricht sie mit alten Schulfreundinnen, Künstlern und Galeristen. Manche bleiben, viele gehen. Ob im Interview mit einem Freund von Regisseur Oleg Sencov (wegen „Terrorismus“, aber ohne Beweise zu 20 Jahren Straflager verurteilt) oder in der ausgesprochen martialischen Reenactment-Event-Kultur (Panzer-Licht-Show für Jung und Alt), ob im Gespräch mit einem Zeichner, dem die Touristen wegbleiben, weshalb er nun Zhirinovsky und die „freundlichen Menschlein“ des Anschlusses porträtiert … Was sich zeigt: eine zutiefst gespaltene Gesellschaft und die noch tiefere Verunsicherung des Einzelnen.

Barbara Wurm
Internationales Programm
Between the Devil and the Deep Heinrich Dahms

Südafrikanische Fischer im Überlebenskampf angesichts eines offiziellen Fangverbots. Schwarzfischerei, Drogen, familiäre Dramen, eine Liebe, die zerbricht, und immer das Meer.

Between the Devil and the Deep

Dokumentarfilm
2015
98 Minuten
Untertitel: 
englische
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Michele Aime
Heinrich Dahms
Johan Bosgraaf
Heinrich Dahms
Heinrich Dahms
Peter Suyderhoud
Es mag ja einiges dafür sprechen, die vom Aussterben bedrohte Meeresschnecke Abalone (deutsch: Seeohr) unter Schutz zu stellen. In Asien als Aphrodisiakum gehandelt, ist sie viel Geld wert und deshalb vor der Küste Südafrikas nahezu ausgerottet. Aber das von der Regierung ausgesprochene totale Fangverbot trifft in erster Linie die Fischer, das schwächste Glied in der Produktionskette. Was tun, wenn es keine andere Einnahmequelle gibt? Sie tauchen illegal nach der Abalone, wodurch ein neuer Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, Kriminalisierung und Justiz beginnt. Davon erzählt der Film des Niederländers Heinrich Dahms am Beispiel eines kleinen Fischerdorfs in der Nähe von Kapstadt. Über die Geschichten von drei Familien, die Opfer des Fangverbotes sind, entsteht das Bild einer Gemeinschaft, die zwischen dem täglichen Überlebenskampf und den Fallgruben einer korrupten und gewalttätigen Ordnungsmacht zerrieben wird. Dabei gelingen dem Regisseur ebenso eindrucksvolle Einblicke in die Gefahren (und die Schönheit) der Fischerei wie in die Leben seiner Protagonisten und ihrer Probleme: ein ertrunkener Sohn und der Kampf mit den Ermittlungsbehörden, ein Familienvater im Visier der Polizei, ein Meth-abhängiger Kleingangster, der die Liebe seiner Frau zu verlieren droht. Das Leben im neuen Südafrika, und davon erzählt uns der Film eben auch, ist voller enttäuschter Hoffnungen.

---Matthias Heeder
Internationales Programm
Daddy's Girl Melisa Üneri

Um ihrem dominanten Vater zu entkommen, zieht Melisa in die Türkei. Doch dort wartet schon Oma – Daddy hoch drei … Herrlich schwarze Komödie über das Erwachsenwerden.

Daddy's Girl

Dokumentarfilm
2015
52 Minuten
Untertitel: 
englische
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Mika Ronkainen
Melisa Üneri
Olli Tuomainen
Melisa Üneri
Mesut Ulutas
Melisa Üneri
Esa Nissi
Zugegeben – um zu erfahren, dass Familien schlimm sind, müsste man nicht ins Kino gehen. Dieser Film aber hat mehr zu bieten. Beispielsweise eine Familie, die besonders, ja auf geradezu kinotaugliche Art schrecklich ist. Und dies mit Wonne vor der Kamera ausspielt. „Daddy’s Girl“ ist die Regisseurin, allerdings will in dieser Familie jeder die Regie führen. Zuvorderst Daddy selbst, der als Filmheld ein Naturtalent, als Vater anstrengend ist. Der Türke hatte die Tochter in Finnland allein großgezogen. (Wir werden erfahren, warum er nicht nach Hause zurückkehrte.) Um sich von seiner erdrückenden, dominanten Liebe zu befreien, zieht Melisa an den einzigen Ort, wohin Daddy ihr garantiert nicht folgt: in die Türkei. Dort aber wartet schon Oma – Daddy hoch drei. Zum familiären Konflikt kommt jetzt der kulturelle, denn Oma weiß ganz genau, was sich für Frauen gehört und was nicht …

Eine herrlich schwarze Komödie voll klug beobachteter und gesetzter Details, in der zumindest zwei der drei Hauptpersonen sich nach allen Regeln der Boshaftigkeit das Leben gegenseitig schwer zu machen versuchen. Dahinter steht die Frage, wie eine Generation, der von ihren Eltern jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wurde und wird, sich je von ihnen lösen kann. In Istanbul begegnet Melisa zornigen jungen Menschen, deren Gezi-Proteste auch gegen die Generation der Eltern rebellieren.

Grit Lemke
Internationales Programm
Don’t Think I’ve Forgotten: Cambodia’s Lost Rock and Roll John Pirozzi

Hypnotische Rhythmen, exotische Klänge, coole Sängerinnen: ostasiatischer Rock, eliminiert von den Roten Khmer. Zeitreise mit magischem Archivmaterial.

2014

Don’t Think I’ve Forgotten: Cambodia’s Lost Rock and Roll

Dokumentarfilm
2014
107 Minuten
Untertitel: 
englische
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John Pirozzi, Andrew Pope
John Pirozzi
Scot Stafford
John Pirozzi
Daniel Littlewood, Matthew Prinzing, Greg Wright
In den 60er und frühen 70er Jahren entstand in Kambodscha eine neue Musikszene, die die Stilrichtung des Rock’n‘Roll auf den Kopf stellte. Sie mischte die westlichen Klänge mit den filigranen Melodien, hypnotischen Rhythmen und dem weiblichen Gesang der traditionellen kambodschanischen Musik und erschuf daraus etwas Neues. Der Amerikaner John Pirozzi führt auf eine musikalische Reise voller exotischer, aber auch vertrauter Klänge. Gleichzeitig schlägt er mittels Archivmaterial und Erzählungen von Zeitzeugen eine Brücke in die nationale Geschichte. Während sich die jungen Musiker ebenso wie Teile der kambodschanischen Gesellschaft den westlichen Einflüssen öffneten, bewegte sich das Land langsam in den Abgrund. Ab 1975 eliminierten die Roten Khmer mit der gesamten Kunst und Intelligenz auch die Musikszene auf das Grausamste. Die Wiederentdeckung ihrer Lieder ist ein später Triumph des Rock’n‘Roll.

---Zaza Rusadze
Internationales Programm
Erbarme Dich: Matthäus Passion Stories Ramón Gieling

Die Matthäus-Passion von Bach: Warum berührt sie uns bis heute? Menschen über ihre Beziehung zu Gott, Trauer und Schuld. Musikalisch und visuell kraftvoll inszeniert.

Erbarme Dich: Matthäus Passion Stories

Dokumentarfilm
2015
99 Minuten
Untertitel: 
englische
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Sylvia Baan, Hans de Wolf, Janneke Doolaard, Hanneke Niens
Ramón Gieling
Goert Giltay
Barbara Hin
Wouter Veldhuis
Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach ist über 250 Jahre alt, und bis heute berührt und beschäftigt sie ihr Publikum auf eindrucksvolle Weise. Der Film, der sich diesem Phänomen widmet, erzählt mit großer inszenatorischer Kraft von einem Figurenensemble, in dem jeder schicksalhaft mit der Passion verbunden ist. Das Leiden und Sterben Jesu Christi steht nicht allein für sich, sondern wird verwoben mit dem Leiden der Menschen. Wie in einem Theaterstück berichten der Maler, der Tänzer, die Sopranistin und einige mehr von ihren Begegnungen mit dem Werk, von ihren Beziehungen zu Gott, zu Trauer und Schuld. All das ist eingebettet in kraftvolle musikalische und szenische Darbietungen der Kompositionen. Scharfe Lichtsetzung, perspektivische Wechselspiele und eine bedrückende Bildsprache stellen neben den Interviews und der Musik das dritte und nicht minder wuchtige Element des Films dar. Den hochprofessionellen Musikern wird mit einiger Symbolkraft ein Obdachlosenchor gegenübergestellt, der die Darbietungen beobachtet und durch seine stille Anwesenheit kommentiert. Was alle teilen, ist das erlösende Moment der Musik – einer Musik, die sich ihrer erbarmt und die sie ihre eigene Passion finden lässt.

Kim Busch
Länderfokus Südkorea
Factory Complex Heung-soon Im

Nike, Samsung, H&M. Callcenter, Supermärkte, Onlinehändler. Ode an die Frauen, die nicht nur in Korea unseren Konsum produzieren. Experimentell, dokumentarisch, erschütternd.

Factory Complex

Dokumentarfilm
2015
95 Minuten
Untertitel: 
englische
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Min-kyung Kim
Heung-soon Im
Tae-won Lee
Sun-young Lee, Heung-soon Im, Gil-ja Kim, Yun-jeong Jee
Hak-min Lee
Min-kyung Kim
Regelmäßig lässt ein neuer Hype die Teenies der Welt nach Sneakers Schlange stehen. Sie ahnen nicht, dass die Frauen, die diese herstellen, sich keine leisten können. „I want to wear Nike shoes, too“ war ihre Parole, als sie in den 1980er Jahren begannen, sich zu wehren. Der Videokünstler Im Heung-soon, dessen Mutter in einer Textilfabrik arbeitete, macht sie sichtbar: das Ameisenheer von Arbeiterinnen, die die Grundlage für Südkoreas kometenhaften Aufstieg zur Wirtschaftsmacht schufen und dafür mit ihrer Gesundheit, oft mit dem Leben zahlten. Im Heung-soon spannt den Bogen zur globalisierten Konsumwelt von heute, in der es wiederum Frauen sind, die in Textilfabriken, der Elektroindustrie, in Supermärkten, Callcentern oder als Servicekräfte den Laden am Laufen halten, kaum genug zum Leben verdienen und immer freundlich lächeln. Die gnadenlos-nüchterne Chronik der Ausbeutung, erzählt in Interviewpassagen, durchwebt er mit surrealistisch-experimentellen Performances. Sie individualisieren den Schmerz derjenigen, die sonst als Masse und vorrangig als Humankapital wahrgenommen werden.

Auf der Biennale wurde Im Heung-soon für sein erschütterndes Werk, das zwischen Kunst und Dokumentation changiert, mit einem Silbernen Löwen geehrt. Noch besser wäre es, vor dem Kauf des nächsten Handys einen Gedanken an die Frauen aus dem „Factory Complex“ zu verwenden. Und den Kauf selbst in Frage zu stellen.

Grit Lemke
Internationales Programm
Floating Life Haobam Paban Kumar

Auf dem Loktak-See in Indien lebten Fischer seit jeher auf schwimmenden Inseln. Bis die Regierung deren Räumung anordnete … Bewegendes Dokument verzweifelten Widerstands.

Floating Life

Dokumentarfilm
2014
54 Minuten
Untertitel: 
englische
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Films Division
Haobam Paban Kumar
Sankha
Der Loktak ist der größte Süßwassersee im Nordosten Indiens und einzigartig durch seine Schilfinseln, die frei auf dem Wasser treiben. Seit Jahrhunderten nutzen Fischer die schwimmende Biomasse als Baugrund für ihre Hütten. Doch damit ist spätestens seit 2011 Schluss, als die Regierung die Umsiedlung der rund 4.000 auf dem See lebenden Menschen beschloss. Begründung: Die Fischer seien verantwortlich für die zunehmende ökologische Belastung des Loktak. In einer ersten Räumaktion in jenem Jahr brannte die Polizei 300 Hütten nieder. Von den Menschen, die daraufhin weggingen, kamen viele wieder, weil sie keine Alternative haben.

Etwa drei Jahre später folgt Haobam Paban Kumar in seinem in Indien vielfach ausgezeichneten Film den Ereignissen auf dem See. Mit sicherem Gespür für die Ängste und Nöte der Menschen beobachtet er zunächst deren geschäftigen Alltag. Die Ereignisse von 2011 sind überall präsent – ebenso die Entschlossenheit der Inselbewohner, sich nicht wieder vertreiben zu lassen. Denn die Staatsmacht rüstet sich erneut, um die traditionelle Lebensform wegen vermeintlich übergeordneter Interessen zu vertreiben. Von der Räumung der Siedlungen erzählt der Film in bewegenden Szenen. Die Fischer und ihre Familien jedenfalls wehren sich mit der Kraft der Verzweiflung. Wo sie siegen, zieht die Polizei ab. Für den Moment. Wo die Hütten niederbrennen, bauen sie sie wieder auf.

Matthias Heeder

Grozny Blues

Dokumentarfilm
2015
104 Minuten
Untertitel: 
englische
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Frank Matter
Nicola Bellucci
Blues Brothers Cafe Band
Simon Guy Fässler
Anja Bombelli
Nicola Bellucci, Lucia Sgueglia
Nicola Bellucci
Die Bilder des Kriegs scheinen vergessen zu sein – Tschetschenien ist längst aus den Nachrichten der westlichen Presse verschwunden. Die Spuren der jahrelang andauernden militärischen Auseinandersetzungen mit Russland sind in der Hauptstadt Grosny kaum noch zu sehen. Es protzt mit neuen Promenaden, modernen Hochhäusern und greller Straßenbeleuchtung. Die Oberfläche glänzt, aber in den Seelen der Menschen sitzt der Schmerz noch tief. Ein Land, das dabei ist, seine Vergangenheit zu vergessen und neben dem nationalen Präsidenten Kadyrov allerorten auch Vladimir Putin huldigt. Vier Frauen, die sich jahrelang für Menschenrechte eingesetzt haben, versuchen, das kollektive Gedächtnis zu erhalten. Seit Beginn des Kriegs in den 90er Jahren haben sie Geschichten in Videos gesammelt und dokumentieren bis heute das Grauen des Kriegs und seiner Folgen, die im offiziellen Tschetschenien niemand sehen möchte. Geschickt stellt der Film Bilder aus diesem Archiv und solche aus dem heutigen Grosny gegeneinander. Dazwischen liegt die Geschichte des Unabhängigkeitskampfes und eines vergessenen Genozids.

---Zaza Rusadze
Internationales Programm
Here Come the Videofreex Jon Nealon, Jenny Raskin

Von Woodstock zogen sie aus, um mit dem ersten Video-Equipment eine USA im Umbruch zu dokumentieren: lebhafte Chronik einer Pionierbewegung und der ersten Piratenkanäle.

Here Come the Videofreex

Dokumentarfilm
2015
79 Minuten
Untertitel: 
keine
Credits DOK Leipzig Logo
Jon Nealon, Jenny Raskin
Jon Nealon, Jenny Raskin
T. Griffin
John Foster
Jon Nealon
Ryan Billia
Geschichte ist ungerecht. Man mag diese Tatsache bedauern, aber sie wird nicht aus der Welt zu schaffen sein. Fast jeder weiß heute noch, was die Hippies waren – über die Yippies, den aktivistischen Arm der amerikanischen Subkultur, legte sich jedoch schnell der Mantel des Vergessens. Die „Videofreex“ gehörten zu ihnen: ein Kollektiv, das sich 1969 auf dem Woodstock-Festival zusammenfand, um mit dem ersten, zu jener Zeit gerade auf dem Markt erschienenen Video-Equipment (Portapak) loszuziehen und das Leben einer USA im Umbruch zu dokumentieren. Sie machten eine frühe und steile Karriere, indem sie News-Programme für CBS produzierten. Schnell aber erwiesen sie sich als zu eigenwillig, um in diesem Rahmen zu bestehen. Nach kurzer Zeit stiegen sie aus ihrem Vertrag aus und ließen sich in Upstate New York nieder. Dort lebten sie als zehnköpfige Kommune und agierten als Pioniere für etwas, das noch gar keinen Namen hatte: offener Kanal, Piratenfernsehen oder Medienwerkstatt.

Die historische Perspektive dieses Films von Jon Nealon und Jenny Raskin macht ebenso die optimistischen Visionen wie die gruppendynamischen Beschränkungen der aktiven Zeit der Videofreex (1969–1978) erfahrbar. So arbeiten sie der Ungerechtigkeit der Geschichte mit ihren Mitteln entgegen.

---Ralph Eue

Home

Dokumentarfilm
2015
70 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Christin Luettich
Rafat Alzakout
Farah Kassem, Juma Hamdo, Joude Gorani, Rafat Alzakout
Zeina Aboul-Hosn
Rafat Alzakout
Raed Younan
Was eine gute Zeit für Kunst ist? Vielleicht eine, wo sie ganz unmöglich scheint und doch entstehen muss, als ein Beweis von Vitalität. Manbidsch in Nordsyrien gehörte zu den Städten, aus denen sich die Regime-Streitkräfte 2012 zurückzogen. Die Kämpfe haben damit allerdings nicht aufgehört: Das Assad-Regime, die Freie Syrische Armee und zunehmend auch der „Islamische Staat“ bekriegen sich weiterhin erbittert. Dennoch wird das öffentliche Leben unter anhaltender Bombardierung und anderen extremen Beschwernissen von örtlichen Räten und Zentren für Zivilgesellschaft halbwegs aufrechterhalten.

Der Regisseur Rafat Alzakout, der nach Beirut emigrierte, fährt für diesen Film nach Manbidsch, um nach Freunden zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Er begleitet Ahmed, den Balletttänzer, Mohamed, den ehemaligen Offizier der staatlichen Streitkräfte, und den früheren Zeichenlehrer Taj bei ihren Versuchen, unter den gegebenen Umständen ein „normales Leben“ zu führen und ihre individuellen, künstlerischen und gesellschaftlichen Visionen nicht aus den Augen zu verlieren. So schaffen sie immer wieder provisorische Oasen eines freien Miteinanders. In seiner Unmittelbarkeit von direkter Beobachtung und vertrauter Befragung der Freunde sowie tagebuchartigen Reflexionen findet „Home“ ein schönes Gleichgewicht zwischen Heldenlied und Alltagsgeschichte, Hoffnung und Desillusionierung.

Ralph Eue

Isolated

Dokumentarfilm
2015
73 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Marcela Lizcano, Juan Pablo Solano, Simon Beltrán Echeverri, Sarahi Echeverría
Marcela Lizcano
Daniel Velasco
Marcela Lizcano, Cecilia Madorno
Carla Valencia, Étienne Boussac
Marcela Lizcano
Daniel "el gato" Najar Garcés
Im San-Bernardo-Archipel an der kolumbianischen Karibikküste liegt, in Sichtweite ihrer großen Schwester Múcura, das winzige Eiland Santa Cruz. Eigentlich keine Insel, eher ein Korallenriff, das die Fischer früher als Lagerplatz nutzten. Dann holten sie ihre Familien von den moskitoverseuchten Inseln hierher, bauten Hütten und heute ist Santa Cruz eine Stadt: 1.200 Quadratmeter, 97 Häuser, 500 Bewohner. Gerammelt voll mit Mensch und Gut, dient dieser unwahrscheinliche Ort der kolumbianischen Regisseurin Marcela Lizcano als Metapher für unseren Planeten. El Cabo, ein alter Fischer und Hummertaucher, fungiert hierbei als Führer, der die Veränderungen zu beschreiben weiß: Der Fisch wird weniger, die Hummer verschwinden, und von den ursprünglich 16 Inseln rund um Santa Cruz hat das Meer schon sechs verschluckt. Seine Überlegungen führen zu einer Versammlung der Bewohner, die uns im Kleinen vorführt, wie Eigensinn, Korruption und Profitgier unsere Welt zerstören. Und dann sind da noch die Kinder, die überall herumstromern und für die das Meer der Spielplatz ist. Ihre Zukunft liegt nicht in Santa Cruz. Sie zieht es aufs Festland, wo der Spaß ist. Sie werden das Meer vermissen, wenn sie dort morgens aufwachen. Mit „Isolated“ ist der Regisseurin das sehr warmherzige Porträt einer Gemeinschaft gelungen, in deren Krise sich unser aller Problem spiegelt. Bloß – wohin sollen wir gehen?

Matthias Heeder
Internationales Programm
Master and Tatyana Giedrė Žičkytė

Unangepasster Bohemien, wildes Leben, große Kunst, romantische Liebe, KGB und ein mysteriöser Tod: der litauische Fotograf Vitas Luckus, schillernder Star der Sowjetpopkultur.

Master and Tatyana

Dokumentarfilm
2014
84 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Dagnė Vildžiūnaitė
Giedrė Žičkytė
Jurga Šeduikytė, Giedrius Puskunigis
Audrius Kemežys
Danielius Kokanauskis, Domas Kilčiauskas, Giedrė Žičkytė
Giedrė Žičkytė
Vytis Puronas
Vitas Wer? Vitas Luckus, Meister der Fotografie, der größte vielleicht in der ganzen weiten damaligen Sowjetunion – nur wussten das die wenigsten, denn in Ausstellungen war er nicht vertreten. Zu non-konform sein Lebensstil (Haustier: Löwe), zu radikal seine Arbeiten (proletarischer Sozrealismus, nackte Frauenkörper, Odessas Unterwelt), zu rastlos er selbst (Party ohne Ende). Kurz: zu kompromisslos und das bis zuletzt, als er sich drei Jahre vor Litauens Unabhängigkeit aus dem Fenster stürzt.

Wie man den Genius eines Künstlers und obendrein die Atmosphäre einer lebenslangen Amour fou rekonstruiert, ohne auf die Tränendrüse zu drücken oder in Mythen zu verweilen, führt dieser Film vor. Mehr noch: Über Vitas Luckus‘ einzigartige Fotos, die heute, nach ihrem Outing sozusagen, nicht zuletzt den Kontext etwa für das weltbekannte Œuvre seines Freundes Boris Mikhailov herstellen, eröffnet sich der Blick auf eine besondere Welt. Von der verspielten Zärtlichkeit der Liebenden bis zum Alltag zwischen KGB-Verhör und Unions-Bohème schillert sie in allen Facetten. Welch rares Glück zudem: Fotografien in Schwarz-Weiß und analog, Alben auf Papier. In der technischen Schlichtheit verbirgt sich, was ein Leben voller Komplexität war.

Barbara Wurm
Internationales Programm
North Çayan Demirel, Ertuğrul Mavioğlu

Durchs wilde Kurdistan: Kämpferinnen und Kämpfer der PKK über ihre Motive, ihren Alltag, ihr Volk, ihr Recht auf Widerstand. Ein Film, der Stellung bezieht. In der Türkei verboten.

North

Dokumentarfilm
2015
96 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Ayşe Çetinbaş
Çayan Demirel, Ertuğrul Mavioğlu
Koray Kesik
Burak Dal
Ahmet Bawer Aydemir
Auf dem Istanbul Film Festival 2015 kam es zu einem handfesten Skandal, der – siehe Internetzensur, siehe Taksim-Platz – nicht wirklich überraschte: Ein Film über die kurdische PKK-Guerilla musste aufgrund der Intervention des türkischen Kulturministeriums kurzfristig aus dem Programm genommen werden. „North“ folgt Fragen, die sich um nationale Identität, die Geschichte der PKK, Menschenrechte und die Rolle der Frau bewegen. Hintergrund der Erzählung bilden Szenen aus verschiedenen Ausbildungslagern der PKK in der bergigen Grenzregion zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Selbstbewussten jungen Menschen sind die Regisseure hier begegnet. Illusionslos in der Beschreibung der kurdischen Situation und sehr persönlich in der Darlegung ihrer Motive gelingt es dem Film, individuelle Schicksale glaubwürdig und authentisch mit dem Begriff von Heimat und dem Recht auf Widerstand zu koppeln. Auf einer zweiten Ebene wird diese persönliche Sichtweise durch politisch-historische Einschätzungen militärischer und politischer Führungskräfte der PKK erweitert. „North“ ist ein politischer Film, der eindeutig Stellung bezieht und Selbstbestimmung als universelles Menschenrecht beschreibt. In einem Land, in dem jeder verdächtig ist, der nicht die Meinung des Präsidenten teilt, ganz sicher eine Provokation. Aber welch paranoide Antwort.

Matthias Heeder
Internationales Programm
On Football Sergio Oksman

Ein Film über Fußball, aber ohne Spieler oder Ball! Vater und Sohn, seit 20 Jahren zerstritten, erleben gemeinsam in São Paulo die WM: zwei Gegner, Konter, Pässe. Wunderbar kauzig.

On Football

Dokumentarfilm
2015
67 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Sergio Oksman, Guadalupe Balaguer
Sergio Oksman
André Brandao
Carlos Muguiro, Sergio Oksman
Carlos Muguiro, Sergio Oksman
Joao Godoy, Vitor Coroa
Großartig: Es geht um Fußball (wie der Titel sagt), obwohl (oder weil) den ganzen Film über nicht einmal ein Ball und nur ein einziges Mal ein Stadion (und dies auch nur aus gehöriger Distanz) zu sehen sind. 2014 war das Jahr der Fußball-WM in Brasilien. Sergio, gebürtiger Brasilianer und inzwischen Filmemacher in Spanien, vereinbart mit seinem Vater Simão, die Zeit der WM miteinander zu verbringen und auch das eine oder andere Spiel gemeinsam zu schauen – so wie früher, als Sergio noch Kind war. Der Vater ist Inhaber einer kleinen, vor sich hinsiechenden TV-Reparaturwerkstatt in São Paulo. Er ist ein passionierter Dickschädel und obendrein leidenschaftlicher Raucher.

Während der vergangenen 20 Jahre hatten Vater und Sohn so gut wie keinen Kontakt, und die WM könnte vielleicht der passende Aufhänger sein, um sich einander wieder zu nähern. Doch wie beim Fußball weiß man bei so einem Vorhaben nicht, wie‘s ausgeht. So handelt dieser Film auch weniger vom Fußball – und funktioniert doch wie ein Match: als offene experimentelle Anordnung. Ein Spielfeld. Zwei gegnerische Hälften. Spielzüge. Konter. Doppelpässe. Tore. Alles, was das Herz des Fußballfans begehrt, erzählt über Dialoge mit einem very-slow-burning Humor. Dabei fahren sie gemeinsam mit dem Auto durch ein São Paulo, das sich wunderbar desinteressiert zeigt am großen Weltereignis Fußball.

Ralph Eue