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Internationaler Wettbewerb
A Strange New Beauty Shelly Silver

Eindringen in die Komfortzone eines luxuriösen, zwar bewohnten, aber menschenleeren Anwesens. Schönheit über alles? Wenn die Dinge erst einmal anfangen zu erzählen …

A Strange New Beauty

Dokumentarfilm
2017
51 Minuten
Untertitel: 
keine
Credits DOK Leipzig Logo
Shelly Silver
Shelly Silver
Shelly Silver
Shelly Silver
Shelly Silver
Shelly Silver
Shelly Silver, Mike Degen
Eindringen in die Komfortzone eines luxuriösen, zwar bewohnten, aber menschenleeren Anwesens im Silicon Valley. Der erste Eindruck: die Illusion von Arkadien. Eine mühevoll hergestellte, auch mühsam aufrechterhaltene Behauptung. Obwohl die Mühsal, die in der prachtvollen Erscheinung des Ganzen steckt, souverän zum Verschwinden, auch zum Schweigen gebracht wurde. Bloß die Dinge und die Pflanzen, die dieses Arkadien ausmachen, wissen um seine Gewaltsamkeit. Und sie vermögen, Auskunft zu geben! Jedoch nur, wer genau hinsieht und zuhört, nimmt ihre geisterhaft-realen Stimmen, auch das unheimliche Getöse hinter dem Schweigen wahr. Geistermund tut Wahrheit kund. So erfährt man von der Welt hinter den Erscheinungen. Eine Welt, die von Dominanz und Unterwerfung geprägt ist. Von Strategien der Angstüberwindung. Und vom Widerstreit zwischen dem „selbstverständlichen“ Glücksstreben einiger weniger und den Kollateralschäden, die dabei verursacht werden. Denn letztlich ist dieser Film von Shelly Silver eine Erzählung von der Barbarei und wie sie sich, virtuos verfeinert, als seltsam neu und schön zu gebärden versteht, als „strange new beauty“ eben.

Ralph Eue

Call Me Tony

Dokumentarfilm
2017
63 Minuten
Untertitel: 
englische
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Klaudiusz Chrostowski, Michał Łuka
Klaudiusz Chrostowski
Wojtek Frycz
Michał Łuka
Sebastian Mialik
Klaudiusz Chrostowski
Olga Pasternak
Al Pacino, Robert De Niro oder Dustin Hoffmann – das sind die Exzentriker, die Nonkonformisten aus Sicht von Konrad. Männer mit besonderem Stil und Intellekt, weswegen die Menschen gar nicht anders könnten, als ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders nah ist dem jungen Polen Al Pacinos „Scarface“-Charakter Tony Montana. Gleich zu Beginn trimmt er in eine seiner Augenbrauen die typische Narbe. Und wenn es zum Abschlussball kein weißer Anzug sein kann, dann wenigstens ein blauer. Dazu löffelt er Kraftnahrung aus seiner Plastikdose, denn Konrad befindet sich mitten in den Vorbereitungen für einen Bodybuilding-Wettbewerb. Er möchte der Welt zeigen, dass auch er besonders ist, dass auch er etwas kann, dass er nicht in der Masse untergehen wird. Konrad will herausstechen und er hat klare Visionen.

Ebenso wie Klaudiusz Chrostowski, der ihn mit Mut zur Pose berahmt, scharfe Schnitte macht und Konrad so auf Kinoformat bringt. Wenn nach dem Wettkampf sein Schulterblick die Kamera trifft, die Bronzefarbe unter der Dusche von seinen Muskeln rinnt oder er in Lederjacke vor einem Kaffeeautomaten steht, dann sind das große Bilder, denen Konrad trotz allem auf erstaunliche Weise gerecht zu werden weiß.

Carolin Weidner


Nominiert für Young Eyes Film Award, MDR-Filmpreis

Das Kongo Tribunal

Dokumentarfilm
2017
100 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Arne Birkenstock, Olivier Zobrist, Sebastian Lemke
Milo Rau
Marcel Vaid
Thomas Schneider
Katja Dringenberg
Milo Rau
Marco Teufen, Jens Baudisch
Seit über 20 Jahren verwandelt der unüberschaubare Bürgerkrieg im Kongo das Gebiet von der Größe Westeuropas in eine Hölle auf Erden. Der aufgrund der direkten oder indirekten Verwicklung aller Großmächte auch als Dritter Weltkrieg bezeichnete Dauerkonflikt hat bisher an die sechs Millionen Tote gefordert. Regisseur Milo Rau gelang es, erstmals in der Geschichte dieses Krieges, ein symbolisches Tribunal unter Beteiligung vieler beteiligter Parteien mitten im Kampfgebiet abzuhalten. Über seine Aufnahmen aus entlegenen Dörfern und schwer zugänglichen Minenarealen sowie eine sachlich konzentrierte Beobachtung des Prozessgeschehens im eigens für die Dreharbeiten eingerichteten Gerichtshof zeichnet er ein vielschichtiges Porträt dieses exemplarischen Wirtschaftskrieges. In der dokumentarischen Auseinandersetzung mit einem Konflikt globalen Ausmaßes geht es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Frage, was uns der Reichtum der Ersten Welt eigentlich wert ist.

Ralph Eue


Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb;
Nominiert für Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, DEFA-Förderpreis

Gwendolyn

Dokumentarfilm
2017
85 Minuten
Untertitel: 
englische
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Jürgen Karasek
Ruth Kaaserer
Serafin Spitzer
Joana Scrinzi
Ruth Kaaserer
Tong Zhang
Gwendolyn Leick ist eine Meisterin der Haltung. Nicht von ungefähr zitiert die pensionierte Anthropologin, Autorin und Gewichtheberin eine Passage aus einem Gedicht von Gertrude Stein, die genau davon handelt: „If can in countenance to countenance a countenance as in as seen ...“ Gwen ist gebürtige Österreicherin. Mitte der 1970er Jahre ging sie nach London, um ihre Dissertation über babylonische Flüche zu schreiben. Im Alter von 52 Jahren fing die zierliche Frau mit dem Gewichtheben an und hat seitdem zahlreiche internationale Titel gewonnen. Während sich Gwen mit ihrem langjährigen Coach Pat auf die europäischen Meisterschaften in Aserbaidschan vorbereitet, bewältigt sie eine halbseitige Gesichtslähmung und ihre inzwischen dritte Krebsoperation.

Nach dem Boxerinnenporträt „Tough Cookies“ von 2014 begibt sich Ruth Kaaserer erneut in ein sportliches Milieu, das wenig mit den gängigen Bildern von Kraftarbeit, Schinderei und Schweiß zu tun hat. Beherrschtere und anmutigere Szenen hat man wohl selten in einem Gym gesehen. Mit derselben geradlinigen Aufmerksamkeit widmet sich „Gwendolyn“ dem Alltagsleben dieser ungewöhnlichen Frau: Arztbesuche, das Zusammensein mit ihrem wesentlich jüngeren Ehemann Charlie, Gespräche mit ihrem Sohn über die Gemeinsamkeiten von Schreiben und Nähen. Manchmal bleibt keine Wahl – man muss die Nähte auftrennen.

Esther Buss
Internationaler Wettbewerb
Licu, a Romanian Story Ana Dumitrescu

Behutsame Annäherung an eine Biografie des 20. Jahrhunderts in Rumänien. Licu hat mit 92 Jahren viel erlebt, und dieses ruhige Porträt gibt ihm und seiner Geschichte Raum.

Licu, a Romanian Story

Dokumentarfilm
2017
86 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ana Dumitrescu, Jonathan Boissay
Ana Dumitrescu
Ana Dumitrescu
Ana Dumitrescu
Jonathan Boissay
Mit seinen 92 Jahren hat Liviu Canţer, genannt Licu, die Extreme des 20. Jahrhunderts in seiner Heimat Rumänien erlebt – als aufmerksamer Augenzeuge von Weltkrieg, Vertreibung, Ceaușescus Industrialisierung und Überwachung, der Revolution von 1989 und dem korrupten Post-Kommunismus am Rande der EU hat er viel zu erzählen. Aber als letztem (Über-)Lebenden seiner Generation fehlen ihm Altersgenossen, die diese Erfahrungen teilen. Regisseurin Ana Dumitrescu nimmt sich Zeit für ihn und seine Erinnerungen. Sie besucht Licu im Wandel der Jahreszeiten immer wieder mit ihrer Kamera. Sie filmt ihn in seinem Haus, in dem die Familiengeschichte ständig präsent ist. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden – im Verlauf des Films wird sie von einer unsichtbaren Beobachterin zur Besucherin, die von Licu bekocht wird und der er selbstgebrannten Schnaps anbietet. Er breitet sein Fotoarchiv aus. Die glücklichen und die traurigen Tage halten sich die Waage, aber eine gewisse Resignation ist unverhohlen.

Dumitrescu, die als Rumänin in Frankreich aufwuchs, gibt der Geschichte ihres Herkunftslandes einen epischen Raum, in dessen Mitte Licu steht: ein persönliches Schicksal, stellvertretend für die Zeitläufte. Ihre schwarz-weißen Bilder, gedreht mit kleinem Equipment, zeigen ihre Sensibilität als Fotojournalistin, mit der sie uns in die Welt dieses Mannes eintauchen lässt.

Sirkka Möller



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb (Langfilm);
Nominiert für MDR-Filmpreis

Internationaler Wettbewerb
Love Is Potatoes Aliona van der Horst

Wenn dieses heruntergekommene Holzhaus im russischen Niemandsland erzählen könnte … Welches Leid sich hier zutrug, wird in Fotografien, Briefen und kraftvollen Animationen heraufbeschworen.

Love Is Potatoes

Dokumentarfilm
2017
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Frank van den Engel
Aliona van der Horst
Stefano Sasso
Aliona van der Horst, Maasja Ooms
Maasja Ooms, Ollie Huddleston, Aliona van der Horst
Simone Massi
Aliona van der Horst
Tim van Peppen
Eine lustige Frau turnt auf dem Balkon. Im Schnee wird Papier verbrannt. Ein ganzer Raum voller getragener Schuhe. Das Haus birst vor Erinnerungsstücken, Details, nach deren Bedeutung man sucht. Oder die für immer vergessen sind. Die Mutter der niederländischen Filmemacherin Aliona van der Horst lernte eines Tages einen Niederländer kennen, heiratete ihn und verließ Russland. Erst als van der Horst ihr Erbe empfängt – ein heruntergekommenes Holzhaus im russischen Niemandsland – befasst sie sich eingehender mit der Herkunft ihrer Mutter und deren Mutter und deren fünf weiteren Töchtern.

Durchsetzt von den kraftvollen Animationen des italienischen Künstlers Simone Massi, erwacht in „Love Is Potatoes“ ein dunkles Kapitel sowjetrussischer Geschichte zum Leben, dem sich die Betroffenen auf ganz unterschiedliche Weise stellen. Abwehr und Leugnung zählen zu den Strategien, aber auch die schriftliche Annäherung über Briefe. Dieser Film ist von großer Schmerzhaftigkeit geprägt. Trotzdem gibt seine Regisseurin an keiner Stelle der Versuchung nach, daraus einen Schauwert zu machen. Wohl komponiert und maßvoll bringt sie die Elemente, die oft an Puzzlestücke erinnern, zusammen.

Carolin Weidner



Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb
Preis der Interreligiösen Jury



Internationaler Wettbewerb
Pushkar Myths Kamal Swaroop

Im Hinduheiligtum Pushkar findet alljährlich ein ausufernder Vieh- und Jahrmarkt statt. Entlang am bunten Zauber voller Musik und Tanz führt die Filmreise auch in die Mythen- und Götterwelt Indiens.

Pushkar Myths

Dokumentarfilm
2017
104 Minuten
Untertitel: 
englische
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Vijay Pratap Singh
Kamal Swaroop
Ashok Meena, Kumar Avyaya
Shweta Rai
Radhamohini Prasad, Hansa Thapliyal
Kamal Swaroop
Kanishk Bhoklay, Manish Pal Singh, Gautam Nair
„Das ganze Jahr über konnte man eine verborgene Spannung fühlen, das ganze Jahr über ging etwas vor sich in Vorbereitung dieser drei Tage, als ob sie das letztgültige Ziel des ganzen Jahres wären.“ (Roberto Calasso: „Ka: Stories of the Mind and Gods of India“)

Pushkar ist eine Kleinstadt im Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten Indiens und einer der heiligsten Orte des Hinduismus. Einmal im Jahr allerdings, während des Vollmonds im Monat Kartik im Herbst, verwandeln sich die Stadt und die sie umgebende Wüstenlandschaft in einen ausufernden Jahrmarkt mit Riesenrädern und Karussellen, Musik von Folklore bis Rock und farbenprächtigen Tanzdarbietungen. Aus den Dörfern der gesamten Region strömen zigtausende Menschen herbei, ganz gleich, ob Hindus oder Moslems, um mit Kamelen, Pferden und Rindern zu handeln. Das Spektakel erscheint so unvermittelt wie eine Fata Morgana in der Wüste. Und ebenso plötzlich ist der bunte Zauber auch wieder vorbei. Regisseur Kamal Swaroop – mit „Om Dar-B-Dar“ drehte er 1988 einen (post-)modernen Klassiker des indischen Kinos – erfasst das überbordende Geschehen mit genauem Blick für starke Bilder und für Details. Dabei erkundet er die Mythen- und Götterwelt Indiens ebenso wie ihre politische Instrumentierung.

Frederik Lang

Raw

Dokumentarfilm
2017
150 Minuten
Untertitel: 
englische
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Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona, Pedro Ribeiro
„Cru“ heißt „rau“, „roh“ oder auch „wund“. All das ist diese szenische Aneinanderreihung von Carlos Ruiz Carmona – Momentaufnahmen aus der portugiesischen Stadt Porto, die er über einen Zeitraum von bald einer Dekade gesammelt hat. Hier gibt es Filmküsse und heftig kopulierende Körper, zitternde Hände und Sex gegen Geld. Hostien knacken und Zähne werden ausgeschlagen. Die Bilder sind alles andere als glamourös und doch sind sie aufgeladen: Die Menschen in ihnen agieren angespannt und häufig aggressiv. Das Porto von Carlos Ruiz Carmona ist ein Energiefeld, in dem sich allerorts Spannung aufbaut und wieder entlädt, wo Menschen mal Empfänger, dann Sender jener Ströme werden. Der Film wirkt distanziert und dabei gleichermaßen intim, weil sein Regisseur zwar auf direkte Kommunikation verzichtet, aber ein bohrender Beobachter ist. Einer, den vor allem die Oberflächen interessieren, unter denen es brodelt und die kurz vorm Aufplatzen stehen – sei es in Form eines Ekzems, eines Schlags oder einer Geburt.

Carolin Weidner

Secret Nest

Dokumentarfilm
2017
82 Minuten
Untertitel: 
englische
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Guillaume Poulet (Alter Ego Production)
Sophie Bredier
Hélène Breschand
Matthieu Chatellier
Catherine Rascon, Michaël Phelippeau
Nicolas Joly
Die Geschichte des Château Bénouville in der Normandie ist bewegt, obwohl es im Moment eher verschlafen wirkt. Nur wenige Meter entfernt landeten 1944 britische Soldaten im vom Hitlerfaschismus besetzten Frankreich und starteten ihre erste Offensive. Seit 1929 hatte das Schloss als Geburtsklinik für ledige Mütter fungiert. Die Leiterin unterstützte in den 1940er Jahren die Résistance. Doch all diese faktischen Umstände interessieren diesen Film nur am Rande. Er konzentriert sich vielmehr auf die Erfahrungen von Müttern und Kindern, die hier, gemäß einem seinerzeit gültigen Verständnis von Anstaltsverwahrung, Hilfe erfuhren – und gleichzeitig Ächtung, Ausgeliefertsein und Stigmatisierung erduldeten.

Wir erleben die unterschiedlichsten Formen der Aufarbeitung dieser „geheimen Mutterschaft“. Wir begreifen den Sinn, aber auch den Schrecken des Verdrängens, wenn Dinge in die nächste Generation getragen werden. Aber dieser Film und seine Regisseurin lassen ihre Protagonistinnen und deren Nachkommen nicht nur sprechen. Sie agieren, ja sie singen vor der Kamera – und bezeugen damit ein Vertrauen, das über „Zusammenarbeit“ weit hinausgeht. Immer wieder bedient sich Sophie Bredier auch der Mittel des mystisch-geisterhaften Erzählens: von leeren, riesigen Räumen, die sich füllen mit den Geschichten dieser Menschen, von einem Geburtsschloss, das so bis ins Jahr 1985 existierte.

Leopold Grün
Internationaler Wettbewerb
The Centaur’s Nostalgia Nicolás Torchinsky

Annäherung an die Gaucho-Tradition über die Geschichte eines alten Paares im Norden Argentiniens. Eine aufregende Einladung zum Eintauchen in eine quasi schon untergegangene Welt.

The Centaur’s Nostalgia

Dokumentarfilm
2017
70 Minuten
Untertitel: 
englische
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Nicolás Torchinsky
Nicolás Torchinsky
Pablo Butelman
Baltazar Torcasso
Ana Poliak
Nicolás Torchinsky
Sebastián González, Sofía Straface
Kentauren sind Fabelwesen. Halb Mensch, halb Pferd. Gauchos ähneln den Kentauren. Wie diese sind sie eine eigentlich schon ausgestorbene Art. Und auch von ihrer Kultur des nomadischen Viehzüchtens ist praktisch nichts mehr übrig. Aber noch gibt es vereinzelte Exemplare dieser Spezies, vor allem im Norden Argentiniens.

Gauchos tun nicht viel. Sie reden auch nicht viel. Sie sind! Das aber auf intensivste Art. Regisseur Nicolás Torchinsky begleitet ein altes Paar in ihrem Mit- und Gegeneinander. Und so haben auch wir einen Film lang Teil an dieser Art, in der Welt zu sein, welche anscheinend vom Lauf der Zeit vergessen wurde. Wir betrachten sie wie ein nächtliches Feuer, das, wenn man ihm keine neue Nahrung gibt, sehr langsam gegen Morgen verglimmt. Über dem Feuer: das Sternbild des Kentauren, eine auffällige Konstellation des Südhimmels. Sicher wäre der Gaucho, ginge es nach den Sternen, immer noch ein mythischer Held. Doch in dieser Welt geht es eben nicht nach den Sternen, sondern nach dem Willen der Menschen oder, noch prosaischer, der Verhältnisse – und die Verhältnisse, die sind nun mal nicht so.

Ralph Eue
Internationaler Wettbewerb
The Project Alejandro Alonso Estrella

Eine in Beton gegossene, einst glühende Zukunftsvision in Kuba wird durch den Citrus-tristeza-Virus zu einem entrückten Ort, der lethargisch zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebt.

2017

The Project

Animadok
2017
60 Minuten
Untertitel: 
englische
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Yamila M. Montero
Alejandro Alonso Estrella
Rafael Ramírez
Alejandro Alonso Estrella
Emmanuel Peña
Andy F. Pérez
Jesús Bermúdez
Vorsichtig erkunden leuchtend gelbe Schutzanzüge mit Atemmaske eine verdorrte Orangenplantage. Wie lose Raumschiffteile schweben Architekturelemente durch das weiße Nichts einer 3D-Visualisierung. Die Kamera erkundet das ruinöse Innenleben eines ausgedehnten Gebäudekörpers, die verblassende Schönheit eines in Beton gegossenen, glühenden Zukunftsversprechens. In Kuba.

Was sich wie Science-Fiction darbietet, erzählt eigentlich vom Erbe einer Utopie. Der fünfstöckige, langgezogene Komplex inmitten einer Orangenkulturlandschaft wurde einst als Agrarschule für 50.000 Schüler und Studenten gebaut. Vom visionären Projekt angezogen, siedelten Menschen aus anderen Regionen der Inselrepublik hierher. Sie bewohnen nun geisterhaft die langen Gänge eines Ortes, der durch die Auswirkungen des Citrus-tristeza-Virus lethargisch zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebt. Die statischen Einstellungen des Films halten jedoch nicht den Verfall, sondern eine stille Verwandlung fest. Alejandro Alonso Estrella und sein Team schaffen ein ästhetisch eindrucksvolles Kino des Tastsinns, des Geruchs und des Summens der Räume – eine behutsame Annäherung an das tatsächliche Gebäude, dessen Bewohner und die Ideen dahinter. Den Reißbrett-Kommunismus erfahrbar vor den Augen, zweifelt der Film an seinen eigenen Erinnerungsbildern. Misstrauen, aber aus anderen Gründen, hegt auch der unsichtbare Zensor.

André Eckardt



Ausgezeichnet mit dem Preis der Fédération Internationale de la Presse Cinématographique 2017

Internationaler Wettbewerb
When the Bull Cried Karen Vázquez Guadarrama, Bart Goossens

Bildgewaltige Exkursion in die bolivianischen Anden, wo Bergarbeiter auf den großen Fund hoffen. Lebensgefährliche Arbeitsbedingungen, archaische Rituale und große Träume dicht an dicht.

When the Bull Cried

Dokumentarfilm
2017
66 Minuten
Untertitel: 
englische
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Tomas Leyers
Karen Vázquez Guadarrama, Bart Goossens
Bram Bosteels
Karen Vázquez Guadarrama
Tom Denoyette
Karen Vázquez Guadarrama, Bart Goossens
Bart Goossens
In den bolivianischen Anden erheben sich gigantische Viertausender majestätisch in den Himmel. Grau-blau fließen schroffe Steilwände und weiße Wolkengebirge ineinander. Die Menschen hier leben vom Bergbau. Sie steigen hinab in die steinigen Eingeweide und bauen unter Lebensgefahr Silber und andere Mineralien ab. Regelmäßig brechen die eiskalten, dunklen Minenschächte ein und begraben die Arbeiter, viele davon noch Kinder, bei lebendigem Leibe. Es heißt, wer im Schacht stirbt, dessen Seele muss für drei Tage umherwandern, immer auf der Flucht vor „el tío“, dem bösen Gott des Berges. Der Angst begegnet man mit Alkohol und Koka, der Aberglaube treibt immer neue Blüten. Vor allem die Männer leben in einer Schleife von Arbeit, Alkohol und Aggression, hoffen Tag für Tag auf den großen Fund und versuchen, die Geister durch Opfergaben gnädig zu stimmen. Mit archaischen Ritualen soll Mutter Erde beruhigt werden, doch der Blick in die erschöpften Gesichter der Menschen lässt erahnen, dass ihr Glaube mit jeder Todesnachricht mehr erschüttert wird.

Ein bildgewaltiger Film, dem es gelingt, einen in die atemberaubende Umgebung der Anden mitzunehmen, ohne daraus eine Geografiestunde werden zu lassen. Eindringlich, beängstigend und bewegend – großes Kino über den Wolken.

Luc-Carolin Ziemann


Nominiert für Healthy Workplaces Film Award