Filmarchiv

Jahr

Internationales Programm 2012
Mama Illegal Ed Moschitz

Langzeitbeobachtung moldawischer Frauen, illegal und ohne Rechte, für Putz- und Pflegejobs in Westeuropa, und ihrer Kinder, die ohne Mutter aufwachsen. Eine Tragödie.

Mama Illegal

Dokumentarfilm
Österreich
2011
95 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Ed Moschitz
Gailute Miksyste
Sandra Merseburger
Alexandra Löwy
Ed Moschitz
Lenka Mikulova
Am Wegesrand der Bahngleise liegen schmutzige Klamotten, hingeworfen von jenen, die sich im Unterteil der Güterzüge versteckt hielten, um der Armut Moldawiens zu entkommen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 80 Prozent, ein Drittel der Bevölkerung hat bereits das Land verlassen. Mittlerweile sind es vor allem die Frauen, die gehen, um sich im Westen als Putzkräfte oder Pflegerinnen illegal, ohne Krankenversicherung und ohne Rechte durchzuschlagen. Die Schlepper sind teuer und das Risiko, geschnappt zu werden, zu hoch, deshalb bleiben sie für Jahre fern. Sie übernehmen die Arbeit, die kein anderer machen will, und das für wenig Geld. Aber die Rechnung geht nicht auf. In der Fremde verändern sie sich, wollen auch so leben wie die, deren Wohnungen sie putzen, während zu Hause ihre Kinder warten und die Väter das Brot backen. Sieben Jahre lang hat Ed Moschitz drei Frauen begleitet. Dieser bemerkenswert lange Zeitraum, den sich dieser Film erkämpft hat, ermöglicht alle Perspektiven kennenzulernen. Die Entfremdung der Kinder von ihren Müttern, die sie nur per Skype kennen, die Enttäuschung der Männer, wenn ihre Frauen sich darüber mokieren, wie sie den Haushalt führen, und der Zwiespalt der Gastarbeiterinnen, die im Westen ohne Papiere sind und in ihre Heimat nicht mehr zurückfinden. Mama illegal ist ein leidenschaftliches Plädoyer an die Politik, den Realitäten einen legalen Rahmen zu verschaffen. Der Blick in das Klassenzimmer einer moldawischen Dorfschule, wo beinahe alle Kinder „mutterlos“ sind, sollte Anlass genug sein.
– Cornelia Klauß
Internationales Programm 2015
Since the World Was World Günter Schwaiger

Schlachten, pflügen, Wein ernten und im Maisfeld nach illegal gepflanztem Marihuana suchen. Bauer sein in Kastilien: widerständisch traditionell in der Krise, liebevoll beobachtet.

Since the World Was World

Dokumentarfilm
Österreich,
Spanien
2015
103 Minuten
Untertitel: 
deutsche

Credits DOK Leipzig Logo

Günter Schwaiger, Cristina G. Alía
Günter Schwaiger
Bence Boka, Los Linces
Günter Schwaiger
Günter Schwaiger, Martin Eller
Günter Schwaiger
Cristina García Alía
Gonzalo lebt mit seiner Familie als Bauer von altem Schlag in Kastilien. Für einen wie ihn würde es vermutlich eine Beleidigung bedeuten, sollte ihn jemand als Agronom bezeichnen. Seine Art des Wirtschaftens steht in vielem gegen die alles zermahlende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche. Die Existenz als Widerständler aber hat er nur zur Hälfte selbst gewählt. Zur anderen Hälfte ward sie ihm aufgegeben. Erstens von einer Tradition, die ihm gewissermaßen in den Knochen steckt. Zweitens von einer tiefen Verwurzelung in der Erde, die ihn nährt. Und schließlich auch einer handfesten Philosophie, die ihn solch einfache und klare Sätze sagen lässt, wie: „Früher, als alle das Geld zum Fenster hinaus warfen und mit Geldscheinen Feuer machten, wurde unsereins als überholt und rückständig angesehen. Jetzt, wo die meisten Leute nichts mehr haben, geht es den anderen so wie uns und uns nicht viel anders als zuvor.“

Empathische Schadenfreude und surrealistischer Humor sind essenzielle Bestandteile von Gonzalos bäuerlicher Lebenswelt. Günter Schwaigers zugewandte Betrachtung dieser Welt über einen langen Zeitraum hinweg lässt sich auch als kinematografische Arznei zur Steigerung der Abwehrkräfte gegen die Versuchungen von Konsumismus und Agrarkapitalismus sehen. Abwehrkräfte, die dringend gebraucht werden.

Ralph Eue

Wie die anderen

Dokumentarfilm
Österreich
2015
86 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Johannes Rosenberger
Constantin Wulff
Johannes Hammel
Dieter Pichler
Constantin Wulff
Claus Benischke, Andreas Hamza, Klaus Kellermann
Galten psychiatrische Institutionen einst als Randzonen der Zivilisation, wo die „Gestörten“ aus der Gemeinschaft der „Gesunden“ ausgeschlossen (oder weggesperrt) werden, geht man inzwischen theoretisch davon aus, dass es sich hierbei um haltlose Klischees handelt. Indes fehlen angemessene Bilder, um solche Annahmen auch praktisch und nachhaltig zu verinnerlichen. Constantin Wulff, ein engagierter Vertreter der Methode des Direct Cinema, hat zusammen mit seinem Kameramann Johannes Hammel anderthalb Jahre in der Jugendpsychiatrie des niederösterreichischen Landesklinikums Tulln verbracht. Sie beobachteten die zwischenmenschlichen und institutionellen Prozesse, die ablaufen, wenn Kinder oder Jugendliche unversehens aus der Spur kippen. Wie kommt ein Mensch in eine solche Einrichtung? Wie wird er zum „Fall“? Solch ein „Fall“ kann jedoch nur sinnvoll durchgearbeitet werden, wenn man über den Vorgang hinausschaut und den Menschen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

Mit bewundernswerter Souveränität findet Wulff den Weg seines Films zwischen vorschneller Kumpanei und wohlfeiler Distanzierung – immer darum bemüht, den sehr komplexen Interaktionen, die sich vor der Kamera ereignen, gerecht zu werden. Außerdem im Fokus: institutionelle Arbeit als permanenter Balanceakt zwischen Behutsamkeit und Druck, Routine und emotionaler Involviertheit, Regelwerk und Improvisation.

---Ralph Eue