Filmarchiv

Internationales Programm 2017
Displaced Volkan Üce

Vier Remigranten bei ihrem Versuch, in der Heimat ihrer Großeltern „heimisch“ zu werden: in Istanbul. Persönliche Lebensentscheidungen treffen auf politische Umwälzungen.

Displaced

Dokumentarfilm
Belgien
2017
71 Minuten
Untertitel: 
englische

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Daniel De Valck
Volkan Üce
David Boulter
Sander Vandenbroucke
Els Voorspoels
Volkan Üce
Gedeon Depauw
Der Titel des Films ist dem gleichnamigen Gedicht von Charles Bukowski entlehnt. Darin heißt es: „I am not like other people. Other people are like other people.“ Die jungen Leute in Volkan Üces „Displaced“ kennen die Erfahrung des Anders- und Unbehaustseins, von der Bukowski spricht. Sinan, Şule, Orhan und Bahar haben ihre Kindheit und Jugend in Belgien und in den Niederlanden verbracht, bevor sie nach Istanbul und damit in das Herkunftsland ihrer Großeltern (zurück-)gingen. Doch auch in der Stadt, die sie so sehr lieben, sind sie zunächst Fremde.

Über einen Zeitraum von vier Jahren – zwischen 2011 und 2015 – begleitet Üce die belgisch-türkischen beziehungsweise niederländisch-türkischen Migranten bei ihrer Suche nach Identität, Arbeit und persönlichem Glück. Dabei bekommt ihre europäische Sozialisation im Zuge der politischen Umwälzungen in der Türkei noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Während sich Orhan auf die Seite von Erdoğan stellt, wird die Teilnahme an den Gezi-Protesten für Sinan zu einem sinnstiftenden und selbstverortenden Erlebnis. „Gezi gehört uns. Istanbul gehört uns. Die Glühlampe ist zerplatzt“, ist auf einer Wand zu lesen.

Esther Buss

Inkotanyi

Dokumentarfilm
Belgien,
Frankreich
2017
125 Minuten
Untertitel: 
englische

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Benoît Roland, Jean-Marc Giri
Christophe Cotteret
Manuel Roland
Jean-François Metz
Florence Ricard
Christophe Cotteret
Eugène Safali
„Inkotana“ ist ein Verb in der Bantusprache Kinyarwanda. Es bedeutet, ohne Aufschub zu kämpfen, nie aufzugeben. Der offizielle Name für die Inkotanyi lautet: Ruandische Patriotische Front (RPF). Seit sie im Jahr 1994 den historisch beispiellosen Genozid mit einem Guerillakrieg beendete – 1 Million Tutsi wurden in 100 Tagen unter Beihilfe der Bevölkerung von Hutu-Extremisten ermordet – , regiert sie unter dem verschwiegenen Staatspräsidenten Paul Kagame das Land. In sechs Kapiteln schreitet der Film die Geschichte der Inkotanyi ab: von den historischen Hintergründen der Pogrome gegen die Tutsi, der Zeit des Exils und der Gründung der RPF in den 1980er Jahren über die Invasion Ruandas 1990 und den vierjährigen Bürgerkrieg bis hin zu der von Gegengewalt und Unterdrückung begleiteten Regentschaft Kagames. Archivmaterial und Interviews mit hochrangigen Armeeangehörigen und Soldaten der RPF, mit Journalisten, Historikern sowie dem ruandischen Präsidenten Kagame formieren das Bild der „am besten vorbereiteten und diszipliniertesten Rebellion des afrikanischen Kontinents“, wie sie Regisseur Christophe Cotteret nennt. Nicht zuletzt wirft der Film einen Blick auf die kolonialen Kontinuitäten im Post-Kolonialismus, wie sie etwa in Frankreichs Unterstützung des diktatorischen Habyarimana-Regimes sichtbar wurden.

Esther Buss


Nominiert für Filmpreis "Leipziger Ring"
Internationales Programm 2017
Still Alive Pauline Beugnies

Arabellion, wo bist du hin? Du hältst dich tapfer in ägyptischen Wohnzimmern, wo die Rebellen heute Kinder erziehen und Beziehungen pflegen. Aber du lebst: zwischen Alltags- und Blutrauschen.

Still Alive

Dokumentarfilm
Belgien
2017
110 Minuten
Untertitel: 
englische

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Laurence Buelens
Pauline Beugnies
Grégory Vandamme
Pauline Beugnies, Hervé Verloes, Joan Roels
Pauline Piris Nury
Pauline Beugnies
Marion Guénard, Laurence Buelens
Jean Forest
Schnell hatte man das blaue Band des Frühlings um die Aufstände in der arabischen Welt geschlungen. Eine vereinfachende Klammer mit wohlklingendem Namen, eine verbale Umarmung, die aber auch Feinheiten wegdrückte. Pauline Beugnies’ Film meint Ägypten, er meint ausdrücklich diese „Generation Tahrir“. Und er meint die junge Frau, die hier zu Beginn in die Kamera lächelt und sich und ihren Altersgenossen eine psychische Störung diagnostiziert: das große Glück, dabei gewesen zu sein, zusammen mit der tiefen Reue, die Bewegung losgetreten zu haben.

Aber lebt er noch, jener Aufbruchsgeist der ägyptischen Revolution von Anfang 2011? Oder hat er sich schon eingerichtet: in den neuen Verhältnissen, mit den schnell nachgewachsenen Begrenzungen, mit den wie Unkraut aus dem Boden schießenden Autoritäten? Beugnies spricht mit jungen Leuten, die man auch „Altrevolutionäre“ nennen könnte, selbst wenn kaum einer von ihnen die 30 überschritten haben dürfte. Sie konfrontiert sie mit Aufnahmen der Menschen, die sie damals waren – seltsame Wiederbegegnungen mit dem alten Ich, an das man sich erinnert wie an einen verlorenen Freund. Sie lässt sie von den letzten Jahren erzählen, von den Kindern, die geboren wurden, den Enttäuschungen und Abnutzungen. Aber immerhin: Sie sprechen, manchmal so angriffslustig und übersprudelnd wie 2011.

Sylvia Görke
Internationales Programm 2017
The Minister of Garbage Quentin Noirfalisse

Im Vorfeld der geplanten Präsidentschaftswahlen arbeitet der kongolesische Künstler Emmanuel Botalatala unermüdlich an seinen Assemblagen. Sein Titel „Abfallminister“ ist wohlverdient.

The Minister of Garbage

Dokumentarfilm
Belgien,
Frankreich
2017
75 Minuten
Untertitel: 
englische

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Maximilien Charlier, Laetitia Rodari
Quentin Noirfalisse
Pierre Monongi Mopia, Daniel Dibwidi
Adrien Kaempf, Quentin Devillers
Marie Estelle Dieterle
Quentin Noirfalisse
Nicolas Kerjan
Der kongolesische Künstler Emmanuel Botalatala steckt mitten in der Arbeit an einer neuen Assemblage. Auf eine dünne Sperrholzplatte appliziert er bemalte und aus Abfällen gefertigte Gräber, Kreuze und Panzer, sein Mitarbeiter pinselt eine blutrote Straße um den „Friedhof Afrikas“. Am Ende dominieren die Farben der deutschen Flagge das Werk – eine Anspielung auf die durch europäische Waffenlieferungen unterstützen Kriege auf dem Kontinent.

Botalatala arbeitet seit etwa 1979 als Künstler, zuvor war er Lehrer und Bankangestellter. Der 68-jährige Autodidakt legt großen Wert darauf, dass er nie eine Kunstschule besucht hat. Fast täglich unternimmt der „Abfallminister“ Streifzüge durch die Müllhalden von Kinshasa, um Material für seine Objektbilder zu sammeln. Die Themen findet er in den Radionachrichten. Im Vorfeld der geplanten Präsidentschaftswahlen werden Rücktritte, gewaltsame Auflösungen von Demonstrationen und ein Massaker mit hunderten Toten vermeldet. Für sein künstlerisch-erzieherisches Projekt, das ohne die Mitarbeit seiner Frau und der selbsterklärten „Vize-Präsidenten“ kaum denkbar wäre, bringt Botalatala viele Opfer. Dabei blitzt hinter seiner gesellschaftlich engagierten Kunst immer wieder sein männliches Künstlerego hervor. Auch ein „Abfallminister“ möchte Spuren hinterlassen.

Esther Buss