Filmarchiv

Jahr

In Bed with a Writer

Dokumentarfilm
Estland
2019
63 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Marju Lepp
Manfred Vainokivi
Manfred Vainokivi
Kersti Miilen
Manfred Vainokivi, Peeter Sauter
Horret Kuus
Hinter einem großen Schaufenster im belebten Zentrum von Tallinns Altstadt lümmelt bierbauchig in Boxershorts und mit Brille ein freundlicher Herr auf einem Sofa. Er grüßt die verwunderten, kichernden Passanten. Mit ihm grüßt ein schlichtes Pappschild in der Fensterecke, das sagt: „Begging for Love“. Der nette Mann von nebenan ist der estnische Schriftsteller Peeter Sauter. Und wenn er schreibt, ist er nicht nett, sondern provoziert mit grober Sprache. Er fühlt sich Charles Bukowski nahe, aber ist als estnischer Autor Außenseiter genug.

Sensibel, ehrlich und mit feinsinnigen Inszenierungen begegnet Manfred Vainokivi in seinem Film dem Endfünfziger in dessen Schreib- und Lebenskrise. Sauter sieht sich selbst immer noch als kleinen Jungen. Allerdings macht ihm nach seiner Scheidung nun zu schaffen, welche Frau an einem alten, fetten Mann interessiert sein sollte. Er philosophiert nackt und mit Bierflasche vor der Waschmaschine sitzend. Der künstlerische Provokateur offenbart eine tiefliegende romantische Sehnsucht. Für neue Erfahrungshorizonte setzt er sich komischen wie auch irritierenden Rollenspielen aus. Er schläft auf dem Grab seiner Eltern, lernt Striptease und steht für einen rassistischen Fotografen und seine schrecklichen Motive Modell. In all seiner Melancholie geht Peeter Sauter auf das Leben zu: „Gibt es irgendwen, den allein das Denken irgendwohin gebracht hat?“

André Eckardt

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Rodnye (Close Relations)

Dokumentarfilm
Estland,
Deutschland,
Lettland,
Ukraine
2016
112 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Simone Baumann, Guntis Trekteris, Natalya Manskaya, Marianna Kaat
Vitaly Mansky
Harmo Kallaste
Aleksandra Ivanova
Pēteris Ķimelis, Gunta Ikere
Vitaly Mansky
Harmo Kallaste
Immer wieder hat sich über die letzten Jahre in Vitaly Manskys Filme seine eigene Stimme eingeschlichen. Ein lakonischer Kommentator ist er dabei, bewusst sachlich und doch nicht ohne Emotion. Er wünschte, er hätte diesen Film nie machen müssen. Damit beginnt „Rodnye (Close Relations)“, sein Bericht über das ereignisreiche Jahr zwischen Mai 2014 und Mai 2015. Für die Ukraine – und um die geht es – war es das wichtigste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: ein politisches Dauererdbeben, das keinen Stein auf dem anderen ließ, und das, um im Wortfeld der sozialen Seismografie zu bleiben, tiefe Gräben zwischen die Menschen riss. Manskys Gratwanderung führt dabei nicht zu irgendwelchen Menschen, sondern zu seinen nächsten Familienmitgliedern. Das Geburtshaus in Lwiw ist Ausgangspunkt einer Reise, die so manches bietet. Überraschungen: Die Mutter spricht Ukrainisch, ein Großonkel lebt noch – im Donbass! Aber auch Enttäuschungen: Die Tanten – eine in der Westukraine, eine auf der Krim – reden nicht mehr miteinander. Und Erschütterungen: Der Sohn der Cousine muss zum Wehrdienst, und das bedeutet Ende 2014 mehr als sonst.

Mansky selbst hat mittlerweile seinen Wohnsitz in Kremlnähe geräumt und lebt, wie so viele, in der Emigration. Davon, dass in der immer noch zerfallenden „Heimat“ kein Platz für Nostalgie ist, handelt sein Film – der Annäherungsversuch eines sich Entfremdenden.

Barbara Wurm


Nominiert für MDR-Filmpreis

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