Filmarchiv

Jahr

Internationales Programm 2012
No Harm Done Nadia El Fani, Alina Isabel Perèz

Eine tunesische Regisseurin, die den arabischen Frühling dokumentierte, im Kampf um ihr Leben: gegen den Krebs und gegen die Islamisten, die sie nun bedrohen. Voller Wut und Mut.

No Harm Done

Dokumentarfilm
Frankreich
2012
66 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Jan Vasak, K'ien Productions
Nadia El Fani, Alina Isabel Perèz
Die tunesische Regisseurin Nadia El Fani schreibt mit „No Harm Done“ ihren Film „Securalism – Inch’Allah“ fort, der letztes Jahr im Rahmen des Sonderprogrammes zur Arabischen Revolution in Leipzig zu sehen war. Zeichnete letzterer den Konflikt zwischen aufgeklärten und religiös-fundamentalistischen Kräften im nach-revolutionären Tunesien noch mit Humor und Hoffnung auf eine säkulare Verfassung, ist der Ton in „No Harm Done“ düsterer, die Haltung der Regisseurin entschieden radikaler geworden. Das mag auch mit ihrer persönlichen Geschichte zusammenhängen: ihrer Krebserkrankung, der Operation, der Chemotherapie auf der einen Seite, parallel dazu eine beispielslose Hetzkampagne der radikalen Islamisten Tunesiens gegen ihren Film, die in Morddrohungen gegen die Regisseurin in den sozialen Netzwerken gipfeln. Beides verbindet „No Harm Done“ über ein überwältigend schlichtes wie persönliches Bild: das der Zelle. Krebszellen, die ihren Körper angreifen; Salafisten-Zellen, islamistische Zellen, terroristische Zellen, die im Gesellschaftskörper wuchern und angreifen und vernichten, was anders ist. Das trifft, auch dies eine universelle Erfahrung, zuallererst die Künstler und Intellektuellen. Insofern liest sich der Titel des Films wie das trotziges Bekenntnis einer mutigen Frau und entschlossenen Regisseurin: kompromisslos für den Ungehorsam, die Vielfalt und die künstlerische Freiheit einzustehen. Dafür gebührt ihr unser Respekt und Dank.
– Matthias Heeder

No Land's Song

Dokumentarfilm
Frankreich,
Deutschland
2014
90 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Gunter Hanfgarn, Rouven Rech, Teresa Renn, Anne Grange
Ayat Najafi
Koohyar Kalari, Sarah Blum
Julia Wiedwald, Schokofeh Kamiz
Ayat Najafi
Sasan Nakhai, Dana Farzanehpour, Julien Brossier
„Die Stimme der Frau verschwindet.“ Die iranische Komponistin Sara Najafi meint das ganz wörtlich, denn im Iran wurden mit der Islamischen Revolution 1979 Sängerinnen aus der Öffentlichkeit verbannt. Sie dürfen nicht mehr solo auftreten, außer vor einem rein weiblichen Publikum. Aufnahmen einstiger weiblicher Ikonen sind nur noch als Schwarzmarktware erhältlich. Was für ein schmerzlicher Verlust. Doch Sara ist entschlossen, das kulturelle Gedächtnis aufzufrischen, indem sie auf den Spuren berühmter Sängerinnen der 20er und 60er Jahre Teheran durchstreift, und schickt sich an, die weibliche Stimme in der Gegenwart zu beleben: Mutig plant sie einen Abend mit iranischen und französischen Solistinnen und will so auch abgebrochene kulturelle Brücken wieder begehbar machen.
Ein Konzert, das nicht stattfinden darf. Zweieinhalb Jahre verfolgt der heute in Berlin lebende Regisseur Ayat Najafi mit szenischem Gespür die Vorbereitungen zwischen Teheran und Paris, die stets auf Messers Schneide stehen. Was geht noch, was geht zu weit? Saras regelmäßige Audienzen im Kulturministerium, obwohl nur akustisch (und konsequent zu Schwarzbild) zu vernehmen, erhellen Eigenlogik und Willkür des Systems. Lässt sich mit interkultureller Solidarität und der revolutionären Kraft der Musik dagegen ankommen? Politthriller und musikalische Reise zugleich, vergisst der Film nie sein eigentliches Zentrum: die Stimmen der Frauen.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem Preis der Jugendjury 2014