Filmarchiv

Next Masters Wettbewerb
Deep Waters Alice Heit

Ein opulenter Filmessay zur Feier autonomer weiblicher Sexualität. Gestus und Machart docken spielerisch am feministischen Aufbruch der 1970er Jahre an, zielen aber dezidiert auf das Jetzt.

Deep Waters

Dokumentarfilm
Frankreich
2019
53 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Alice Heit
Anfang der 1970er Jahre machten sich in den USA und Westeuropa unzählige Frauen mit Leidenschaft daran, in Selbsthilfegruppen den eigenen Körper zu erkunden. An jenen historischen Erfahrungsraum knüpft dieser Film von Alice Heit an, dessen Tonebene mit persönlichen Berichten von einer sich selbst vergewissernden weiblichen Sexualität beginnt. Dazu entwickelt sich bald eine assoziationsreich weit vagabundierende Bilderreise, die das in den gängigen Bildern von Sexyness verdrängte Körperphänomen der weiblichen Ejakulation erforscht und feiert. Vulva-förmige Skulpturen und Statuetten antiker Muttergöttinnen führen weiter zu den spirituellen Emanationen des Sexuellen und Schöpfungsmythen im antiken Indien oder Anatolien.

Auch formal verbreiten die flirrenden, von der Filmkünstlerin per Hand entwickelten (und auch auf allen Ebenen herrlich selbstgebastelt anmutenden!) Super-8-Bilder Retro-Gefühle. Stop-Motion-Animationen mit krabbelnden Seesternen evozieren die surrealistische Filmavantgarde. Weitere Zutaten zu diesem an Motiven überquellenden Sexfilm der anderen Sorte: viel Meereswasser. Dunkle Schlangen auf blasser Haut. Tranceartige Gesänge. Und (mit einem von zwei Taucherinnen unter Wasser aufgespannten Titelbanner) vielleicht der poetischste Vorspann der Filmgeschichte.

Silvia Hallensleben

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Nothing to Be Afraid Of

Dokumentarfilm
Armenien,
Frankreich
2019
72 Minuten
Untertitel: 
englische
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Stéphane Jourdain
Silva Khnkanosian
Vahagn Ter-Habobyan
Justine Hiriart
Paruyr Baghyan
Fünf Frauen arbeiten sich in einem steilen Waldgelände mühselig voran: Im Auftrag einer NGO entschärfen sie Landminen. Seit dem Krieg in Bergkarabach Anfang der 1990er Jahre ist das bis heute umstrittene Gebiet verseucht. Bei der manuellen Räumung sind Sorgfalt und Geduld höchstes Gebot, Gewohnheitseffekte ihr Feind. Schnelligkeit wäre hier eine Kategorie mit fatalen Konsequenzen: Jede Sprengfalle, die übersehen wird, kann einen Menschen das Leben kosten.

Der beobachtende Dokumentarfilm passt den Erzählrhythmus der Langsamkeit und Akribie der riskanten Arbeit an. Der Blick der Frauen ist zu Boden gerichtet, während sie geduldig jeden Quadratzentimeter absuchen und verdächtige Stellen freigraben. Genauso aufmerksam erkundet die Kamera ihre Tätigkeiten, nimmt Details in den Fokus. Nach und nach erschließt sich so die Systematik der Abläufe. Nur das Piepsen der Metalldetektoren und ein gelegentliches Pfeifen durchbrechen die Stille. Verstummt scheint der Wald nach den langen Kriegsjahren. Aber dann erschrecken wir plötzlich über die kontrollierte Detonation einer aufgespürten Mine. Welche Wohltat ist für alle der Abend in der gemeinsamen Unterkunft in gelöster Stimmung! Beim gemeinsamen Kochen und Essen stellt sich Leichtigkeit ein. Die stets präsente Angst ist vorübergehend im Wald zurückgelassen.

Annina Wettstein

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Homo Botanicus

Dokumentarfilm
Kolumbien,
Frankreich
2018
88 Minuten
Untertitel: 
englische
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Nicolás Van Hemelryck, Clare Weiskopf, Pierre-Emmanuel Urcun, Guillermo Quintero
Guillermo Quintero
Violeta Cruz
Guillermo Quintero
Julie Borvon, Guillermo Quintero
Guillermo Quintero
Marc-Olivier Brullé
Ein Professor und sein Meisterschüler machen sich auf eine Forschungsreise in das unberührte tropische Hochgebirge der Anden. Der bedeutende Botaniker Julio Betancur hat bereits über 19.000 Pflanzenarten gesammelt und in einem gigantischen Herbarium in Bogotá archiviert, das er fortlaufend erweitert, zurzeit mithilfe seines jungen Gefolgsmannes Cristian. Regisseur Guillermo Quintero war vor über fünfzehn Jahren selbst Student bei Betancur, bevor er sich in Paris der Philosophie und später dem Filmemachen zuwandte. Bis heute verspürt er Hochachtung für seinen ehemaligen Mentor, auch Faszination für den anachronistisch wirkenden und romantischen Forscherblick auf die reiche Pflanzenwelt. Der Filmemacher begleitet das ungewöhnliche Paar. Als außenstehender Beobachter kommentiert er das Geschehen aus dem Off. Dabei schwingt Bewunderung mit für ihre Leidenschaft, aber auch Zweifel an der akribischen Sammlertätigkeit. Ist es noch zeitgemäß, die Natur so zu klassifizieren?

Quintero begibt sich in seinem Debütfilm in den Sog der Zeitlosigkeit im tropischen Wald. Variantenreiche und kunstvolle Ansichten der Fauna zeigen einen überraschend anderen und mystischen Blick auf Kolumbien. Dabei vermittelt sich auch das Bild eines Landes mit einer aufstrebenden Filmindustrie, deren Autorinnen und Autoren sich vorwiegend politischen oder persönlichen Konflikten widmen.

Annina Wettstein

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Tan

Dokumentarfilm
Frankreich,
Iran
2018
72 Minuten
Untertitel: 
englische
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Elsa Klughertz (Jonas Films), Ali Shirkhodaei (Reyhan Film)
Elika Hedayat
9T Antiope
Ali Shirkhodaei
Maxence Voiseux
Elika Hedayat
Amaury Arboun, Vincent Pateau
Elika Hedayat unterscheidet: die Körper, die ihr als Modelle in den Zeichensälen zur Verfügung gestellt werden. Und jene, die ihr in ihren Gedanken begegnen. Zweitere sind versehrt, teils monströs, ihnen fehlen Körperteile und in den Gesichtern finden sich Ausdrücke von Pein. Hedayat begibt sich auf die Suche nach den realen Personen hinter den Figuren, die ihr die Vorstellung längst gegen die eigene Hirnwand projiziert. Sie trifft iranische Männer, deren Leiber der Krieg geschunden und damit geformt hat. Aber auch solche, die sich mittels Disziplin Körpermasse hinzu trainieren und auf diese Weise das Fehlen der Arme und Beine der anderen auszugleichen scheinen. Die junge Frau ist fasziniert vom menschlichen, männlichen Körper, der für sie möglicherweise Resultat und Abdruck eines viel größeren ist – des gesellschaftlichen. „Tan“ ist die filmische Untersuchung dieses Zusammenhangs, den Hedayat intuitiv erfasst. Gemeinsam mit einigen Protagonisten taucht sie ganz buchstäblich in die Tiefen und sucht auf dem Grund, nach dem Grund. Dem der anderen, aber auch dem eigenen.

Carolin Weidner

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Next Masters Wettbewerb
Behind the Stone Wall Magali Roucaut

Mitten in Paris fertigte eine kleine Fabrik jahrzehntelang feinste Kartonagen. Letzter Blick auf eine Arbeitswelt, die aus unserem Umfeld weichen muss. Ein stilles, fein beobachtetes Requiem.

Behind the Stone Wall

Dokumentarfilm
Frankreich
2016
59 Minuten
Untertitel: 
englische
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Docks 66
Magali Roucaut
Magali Roucaut
Laureline Delom
Magali Roucaut
Die Maschinen rattern und zischen, quietschen und ächzen. Im Sekundentakt schnellen Greifarme vor und zurück, immer wieder. Die Menschen davor sind Teil der Apparate, schieben in deren Rhythmus Kartonbögen in stählerne Schlunde und ziehen sie heraus, hinein, heraus. Es wird gestanzt und gefalzt, genietet und verpackt. Nur wenn Regisseurin Magali Roucaut etwas fragt, halten sie kurz inne und erzählen von ihrem Leben im Takt der Maschinen, hinter der Steinmauer.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels mitten in Paris, die aus dem Off zu Wort kommen, haben jahrzehntelang kaum registriert, dass hier ein mittelständisches Unternehmen Kartonagen produzierte. Keine Massenware für skandinavische Möbelhäuser, sondern sorgsam gefertigte Spezialbehältnisse für Archive und Bibliotheken. Nun muss die kleine Fabrik weichen – an der Fassade wird schon für die Lofts geworben, die hier entstehen und das Viertel „aufwerten“ sollen. Roucaut interessiert sich für das, was hier verschwindet, für den Alltag und die Biografien der Arbeiterinnen und Arbeiter – allesamt Migranten und teils in der zweiten Generation im Betrieb. Sie dokumentiert das Verschwinden der Arbeit aus unserer Lebenswelt, ihren Auszug an die Peripherie und wohl bald schon nach Asien. Die Anwesenheit mancher Dinge realisiert man erst, wenn sie nicht mehr da sind. Dagegen filmt Roucaut an in ihrem stillen, fein beobachteten Requiem.

Grit Lemke


Nominiert für Healthy Workplaces Film Award

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The Third Shore

Dokumentarfilm
Brasilien,
Frankreich
2016
57 Minuten
Untertitel: 
englische
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André Hallak
Fabian Remy
Rafael Martini
Lucas Barbi
Fabian Remy, Bruno Carboni
Fabian Remy
Osvaldo Ferreira
1953 nehmen die Gebrüder Villas-Bôas, Pioniere des Indigenismus in Brasilien, erstmals Kontakt mit den Kayapó auf und halten die freundschaftliche Begegnung auf körnigem Schwarz-Weiß-Film fest. Sie sehen die Konflikte zwischen Stamm und Nationalstaat voraus und verstehen sich als Vermittler. Zu ihrer Überraschung entdecken sie unter den Indianern einen jungen Weißen: João stammt von brasilianischen Siedlern ab und wurde als Kind im Zuge anhaltender Fehden von den Kayapó entführt und großgezogen. Als er nun den Weg zurückgeht, beginnt für ihn ein Leben zwischen zwei Welten, ohne feste Heimat.

Für Fabian Remy ist die Geschichte eine Vorlage, um eine bis heute gespaltene Gesellschaft zu beschreiben, auch wenn er João selbst nicht mehr lebend vorfindet. An dessen Stelle begibt sich Thini-á mit dem Regisseur auf die biografische Spurensuche und durchlebt einen gespiegelten Identitätskonflikt. Er verließ seinen Stamm und zog in die Megastadt Rio de Janeiro, nachdem er die Zersetzung der indigenen Kultur durch die moderne Zivilisation erlebte. Doch die Sehnsucht zieht ihn immer öfter zurück zu seinen Wurzeln. Der Film nimmt seine Pendelbewegung formal auf und begleitet Thini-á auf seinen Fahrten durch staubige Ebenen und das Amazonasgebiet – als eine anhaltende dokumentarische Reise. Passend auch zu João, der sein späteres Leben als Fährmann zwischen den Ufern verbrachte.

Lars Meyer

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(Be)Longing

Dokumentarfilm
Frankreich,
Portugal,
Schweiz
2014
77 Minuten
Untertitel: 
englische
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Luís Urbano
João Pedro Plácido
João Pedro Plácido
Pedro Marques
João Pedro Plácido, Laurence Ferreira Barbosa
Hugo Leitão
In Uz, einem Weiler im Norden Portugals, leben etwa 50 Menschen. Vier Generationen. Auch die Großeltern des Filmemachers João Pedro Plácido kommen von hier. So kann man vermuten, dass er mit diesem Projekt emotional bereits lange begonnen hatte, bevor an die erste Klappe für den Film überhaupt zu denken war. In Uz verstreicht die Zeit, als gäbe es keine Uhr. Wenig passiert, vieles geschieht. Den Takt schlagen die Elemente. Organisch entwickelt sich die Geschichte eines dörflichen Jahres zwischen Viehtrieb und umgestürztem Mistwagen, Ernte und Schlachtfest, Vesper und Feuerwerk, Beichte und Sehnsucht. Auch Charaktere nehmen wie selbstverständlich Kontur an. Gar eine Boy-meets-Girl-Story zwischen Daniel, dem jüngsten Burschen dieser Dorf-Community, und einer jungen Frau aus der näheren Umgebung schält sich aus den Ereignissen heraus. Bewegend, wenn Daniel darüber nachsinnt, was einem wie ihm vermutlich als die normale Zukunft seines Beziehungslebens bevorsteht, nämlich eine Thailänderin oder Brasilianerin im Internet zu „bestellen“. Noch bewegender, dass ihm (und der Brasilianerin oder Thailänderin) das zumindest vorerst erspart bleibt. Die Zeichnung von Menschen und Ereignissen in diesem Film ist geprägt von einer empfindsamen Nüchternheit, in schöne Balance gebracht zwischen genauer Beobachtung und sparsamer Poesie.

---Ralph Eue

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Next Masters Wettbewerb
Brumaire Joseph Gordillo

Die letzten Kohlekumpel Frankreichs in Fotos mit Charisma. Die Gegenwart aber hält für die junge Generation nur prekäre Jobs bereit. Das Ende der Arbeit in suggestiven Bildern.

Brumaire

Dokumentarfilm
Frankreich
2015
66 Minuten
Untertitel: 
englische
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Juan Gordillo, Martine Vidalenc
Joseph Gordillo
Hervé Birolini
Laetitia Giroux
Dominique Petitjean
Cynthia Gonzalez
Sandrine Mercier, Christian Lamalle
Bevor 2004 die letzte französische Kohlemine in Lothringen schloss, war Joseph Gordillo bereits viele Male mit den Arbeitern in die Tiefe gefahren, um sie zu fotografieren und auf den Bildern auch seine eigene Faszination für die Welt untertage zu fixieren. Die Mine erscheint bei ihm als ein lebendiger Kosmos, dem die Arbeiter angehören. Selbst in Einzelporträts bleiben sie ein Teil des Ganzen. Ihr Charisma entdeckt man in den leuchtenden Augen, ihre Stärke aber in der Gruppe.

In seinem Film verfremdet Gordillo das Fotomaterial. In Kamerafahrten und Bildbearbeitungen sowie abstrakten Toncollagen rekonstruiert er das Zeitalter der Mine. Ein ehemaliger Arbeiter gibt seine Stimme dazu – plastischer Erfahrungsbericht und Gedankenstrom.

Doch Gordillo geht es nicht um Arbeit in der Vergangenheit, sondern um deren gesellschaftliche Bedeutung. Und so fügt er eine zweite Stimme hinzu: eine junge Frau, Tochter eines Minenarbeiters. Auf ihn kann sie noch stolz sein, auf sich selbst nicht mehr. Ihr Leben als Putzfrau in einem Ort, der vom Niedergang geprägt ist, fängt die Kamera in all seiner Sterilität und Perspektivlosigkeit ein. Von der Solidarität und Identität der Minenarbeiter führt der Schritt direkt in die Isolation. Mit den spürbaren Folgen: Entpolitisierung, Arbeitslosigkeit, Rechtsruck. Über zwei Generationen erzählt der Film in suggestiven Bildern vom Herbst der Arbeitsgesellschaft.

Lars Meyer

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.