Filmarchiv

Internationales Programm 2012
Anatomie des Weggehens Oliver Tataru

Eine Familie, die einst Rumänien verließ und in Deutschland nie ganz ankam. Ein Riss trennt die Generationen und ihre Erinnerungen. Versuch eines Abgleichs und einer Annäherung.

Anatomie des Weggehens

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
73 Minuten
Untertitel: 
englische

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Oliver Tataru
Oliver Tataru
Simon Weber
Oliver Tataru
Oliver Tataru
Da war doch was? Nein, für Oliver Tatarus Vater nicht. Worüber sollte er mit seinem Sohn vor der Kamera reden? Doch der Regisseur gibt nicht auf. Als Kind lebte er nicht in Deutschland, sondern in Bukarest, Rumänien. Als Kind sah er auch keinen Grund, von dort wegzugehen. Seine Eltern hingegen sahen in Ceauşescus Rumänien keine Zukunft. Und dann war es halt beschlossen. Das Weggehen begann, es dauerte zwei Jahre. Ein quälender Abbruch, der nicht zum Aufbruch werden wollte und die Familienmitglieder zunehmend voneinander isolierte. Irgendwann war die halbe Wohnung aufgelöst: verscherbelt. Und da sollte nichts gewesen sein?
Der Sohn will wissen, warum ihm eine Zukunft in seiner Heimat verwehrt blieb. Er konfrontiert seine Eltern, befragt sie getrennt voneinander. Trotzig wie ein Kind reagiert er auf ihre Weigerung, an dieser Wiederaufbereitung von Gefühlen mitzuwirken. Mitten im Interview verliert seine Mutter die Fassung darüber, dass ihr Sohn anscheinend immer noch nicht begreifen will, wie die Wirklichkeit im damaligen Bukarest aussah: „wie Hiroshima“.
Zum Erinnerungsabgleich fährt Tataru zurück in seine Heimatstadt. Er findet poetische Bilder der Verlassenheit, jenes Grau der Bukarester Fassaden, das er einst als samten empfand, Risse in den Mauern, so groß wie der Erinnerungsriss, der quer durch seine Familie verläuft. Doch in den subjektiven Bildern liegt schon der Kitt. Alte Verletzungen und Ängste fügen sich zusammen zu einem Familienbild, ein Puzzle voller Spannung und Emotionen.
– Lars Meyer
Internationales Programm 2012
Arbeit Heimat Opel Ulrike Franke, Michael Loeken

Lehrlinge im Bochumer Opel-Werk, begleitet durch die Ausbildung: Bohren, Büffeln, Fräsen, Schwitzen, alles geben, Opelaner sein – in Zeiten von Stellenabbau und Werkschließungen.

Arbeit Heimat Opel

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
90 Minuten
Untertitel: 
keine

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Ulrike Franke, Filmproduktion Loeken Franke
Ulrike Franke, Michael Loeken
Jörg Adams, Michael Loeken, Reinhard Köcher, Dieter Stürmer
Bert Schmidt
Ulrike Franke, Michael Loeken
Filipp Forberg, Axel Schmidt
Dem deutschen Auto vertraut die Welt, „Made in Germany“ gilt als Garant soliden Handwerks. Das hat viel mit dem weltweit einzigartigen System der Lehrlingsausbildung, das auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt, zu tun. Wie aber ist es heute Lehrling zu sein, noch dazu in einem Flaggschiff der deutschen Autoindustrie?
Ulrike Franke und Michael Loeken begleiten sechs 16- bis 19jährige, die 2009 ihre Ausbildung zum Industriemechaniker im Bochumer Opel-Werk beginnen, und ihren Lehrmeister. Sie sind dabei, wenn die Jungs das erste Mal die Opel-Hemden überstreifen, an Bohrmaschine und Drehbank schwitzen, zum hundertsten Mal nachmessen, verzweifeln, es Herrn Kranz wieder nicht recht machen können, in der Gewerkschaftsversammlung gelangweilt mit dem Handy spielen und vor der Prüfung urplötzlich alle Coolness verlieren. Immer noch gilt, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, und doch ist etwas anders: Denn die Bilder vom – konsequent nur im Werk gefilmten – Arbeitsalltag der Jungen konfrontieren Loeken/Franke mit News über drohenden Stellenabbau bei Opel. Eherne Grundsätze und vorgeprägte Identitäten – Ich bin Opelaner, und Opel gehört zum Ruhrgebiet wie Schalke – sind im Auf und Ab der Börsenkurse ins Wanken geraten. In einer Phase des Übergangs von Schule und Elternhaus ins Arbeitsleben entwickelt jeder der Lehrlinge eine andere Strategie, mit der Unsicherheit umzugehen. Denn alles könnte vorbei sein, bevor es begonnen hat. Für 2016 wurde die Aufgabe des Standorts Bochum angekündigt.
– Grit Lemke
Internationales Programm 2012
Der Große Irrtum Dirk Heth, Olaf Winkler

Eggesin und anderswo: Menschen, die engagiert sind und arbeiten - ohne Einkommen. Das Konzept der Bürgerarbeit, reflektiert in einem nachdenklichen, vielschichtigen Essay.

Der Große Irrtum

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
105 Minuten
Untertitel: 
englische

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Dirk Heth, Olaf Winkler
Dirk Heth, Olaf Winkler
Melanie Barth, Wolfgang Adams
Dirk Heth
Dirk Heth, Olaf Winkler
Olaf Winkler
Raimund von Scheibner
Wonach bestimmt sich der Wert eines Menschen? In unserer Gesellschaft scheint die Antwort klar: am Markt. Aber „wie kann man glücklich werden ohne Marktwert?“ beschäftigt Olaf Winkler und Dirk Heth. Sie kehren zurück in die schrumpfende Stadt Eggesin, die sie schon 2002 filmisch erkundeten. Dort finden sie 20 Prozent Arbeitslosigkeit vor, aber engagierte Menschen, die arbeiten, ohne dass dies mit einem wirklichen Einkommen verbunden wäre: Marion, die trotz Selbständigkeit von Hartz IV nicht los kommt. Die allein erziehende Diana, die sich mit „Maßnahmen“ durchschlägt. Die 1-Euro-Jobberin Irina, die sich mit Glück auf 1,50 oder einen Minijob steigern kann. Frau Westholm und ihre Ehrenamtlichen von der Heimatstube. Eine Lösung scheint das Konzept der Bürgerarbeit, vom Politiker Rainer Bomba auf Landes- und Bundesebene vertreten, zu bieten. In Eggesin schiebt der Bürgermeister das Projekt einer Zeitbank an. All diese Menschen benutzt der Film nie als Stichwortgeber, sondern nimmt sie in ihren Biografien und auferlegten Zwängen wahr und ernst. Zugleich wird der Ich-Erzähler – ein Kameramann in Briefen an seine Kinder – einer von ihnen, denn der Markt braucht ihn nicht mehr.
Die Filmemacher und ihre Protagonisten erleben gemeinsam, „wie das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit eine intakte Stadt zu verschlucken drohte“. Sie entdecken Ideen und Engagement, die ins Nichts zu laufen. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Filmpreis "Leipziger Ring" 2012

Die Bande

Dokumentarfilm
Deutschland
2011
13 Minuten
Untertitel: 
englische

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Susanne Schulz
Susanne Schulz
Manuel G. Richter
Anke Trojan
Marion Tuor
Susanne Schulz
Daniel Fischer
„Kamera läuft und Action!“ – Film ab für die sechsköpfige Mädchenbande, die einen staubigen Dachboden für sich erobert. Charlotte, Jule, Lene, Kaya, Anna und Lisa wollen eine Geschichte erzählen. Die Kamera haben sie dabei. Doch, eine Geschichte worüber? Über Monster und Mumien im Wald oder doch lieber über Riesenkatzen? Die Stimmen wirbeln durcheinander, bis Anna vorschlägt, einen Film über ihre Bande zu drehen. Über Freundschaft und wie sie auf die Probe gestellt wird. Schnell wird ins Drehbuch gekritzelt: „Wir sind eine Bande“ und auf dem Dachboden beginnt sich die imaginäre Welt der Mädchen mit den Beobachtungen der ‚erwachsenen’ Filmcrew zu verweben.
Die Heldin der Geschichte ist Lisa (das ist sie auch im „wirklichen“ Leben, sie entfernt heldenhaft eine Spinne vom Rücken des Kameramädchens). Trotzdem wird sie gehänselt, weil sie die Jüngste ist. Sie rennt weg und verläuft sich, ihre Freundinnen suchen sie, erst nach einer dunklen Nacht wird sie gefunden. Die Freundschaft ist gerettet – lachend rufen die Mädchen: „Eine für Alle und Alle für Eine!“
Susanne Schulz ist ein Film gelungen, der genauso quirlig und lebendig ist, wie die 10-jährigen Mädchen. „Die Bande“ erinnert uns an die unbeschwerte Welt des „Kind-Seins“, die so unbeschwert gar nicht ist, wenn man gerade drin steckt. Neben den selbst gedrehten Aufnahmen der Bandenmitglieder zeigt der Film auch Situationen, in denen sich die Mädchen in die Haare kriegen, sich wieder versöhnen und herumalbern. Am Ende bleibt der Eindruck: Das ist wirklich die beste Bande der Welt.
– Luc-Carolin Ziemann
Internationales Programm 2012
Dragan Wende - West Berlin Dragan von Petrovic, Lena Müller

Playboys, Weiber, Dönerbuden und der gute alte Ku’damm: wie man als König der Westberliner Unterwelt den Mauerfall und andere Katastrophen überlebt. Balkan-Tragikomödie.

Dragan Wende - West Berlin

Dokumentarfilm
Deutschland,
Serbien
2012
90 Minuten
Untertitel: 
englische

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Lena Müller, von.müller.film
Dragan von Petrovic, Lena Müller
Ognjan Milosević
Vuk Maksimovič
Dragan von Petrovic
Braća Burazeri
Vuk Maksimovič, Lena Müller, Dragan von Petrovic
Vladimir Uspenski, Vladimir Zivković, Miloš Drndarević
Seit 20 Jahren hat der Exiljugoslawe Dragan Wende keinen Fuß in den Osten Berlins gesetzt. Wenn nur dieser Gorbatschow mit dem Mauerfall nicht das wunderbare Gleichgewicht der Welt, insbesondere der Dragan Wendes, zerstört hätte! Einst König der Berliner Unterwelt und halbseidenen Amüsierszene um den Ku’damm, rechte Hand des legendären Rolf Eden (der sich allerdings kaum an seinen besten Mitarbeiter zu erinnern vermag) und – die Taschen voller Westgeld – Traum aller Ostberliner Ladys, fristet er heute ein eher bescheidenes Dasein. Zwar stilecht am Adenauerplatz in bordellrotem Plüsch und immer noch als „street manager“ (Türsteher) diverser Nachtclubs, doch eigentlich eher einsam und auf Stütze. Und als wäre das nicht genug, kommt auch noch der filmende Neffe Vuk daher, um den Mythos des West-Onkels zu erforschen, dicht gefolgt von Vater Mile, Gastarbeiter der ersten Generation, stolzer Erbauer Westberlins und ebenfalls ein großer Freund der Mauer …
In ihrer „Balkan-Tragikomödie“ porträtieren die Regisseure voller Liebe und schwarzem Humor einen Menschenschlag, der sich von einer dahergelaufenen Geschichte nicht zum Verlierer stempeln lässt – auch wenn alles dagegen spricht. Glanz ist in der kleinsten Hütte und zwischen Balkansongs und Dönerbuden haben sie ihre Heimat gefunden in einer Gemeinschaft aus bizarren Überlebenskünstlern. In die schließlich auch Vuk aufgenommen wird – als „street manager“, versteht sich. Westberlin ist vorerst gerettet.
– Grit Lemke

Loden - Der kleine Mönch

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
25 Minuten
Untertitel: 
englische

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Heike Kunze, Telekult Film- und Medienproduktion GmbH
André Hörmann
Florian Foest
Vincent Assmann
André Hörmann
Loden ist 12 Jahre alt und großer Fan des FC Chelsea. Er lebt in einem Kloster in Nepal, denn er möchte Lama werden. Das steht für ihn schon lange fest. Lama zu werden, das findet er sogar besser als Fußballstar zu sein. Lamas sind in seinen Augen angesehene und besonders weise Menschen. Bis Loden aber dazu wird, muss er im Kloster noch viel lernen. Sein Tag beginnt um fünf Uhr morgens. Zugegeben, das frühe Aufstehen mag er nicht besonders, aber alles andere, das ist besser als zu Hause, sagt Loden.
Loden lernt viel, vor allem für den Englisch-Test. Englisch fällt ihm nicht so leicht, dafür mag er Nepalesisch. Jeden Tag lernen er und die anderen Jungs Gebete auswendig, die bei Zeremonien rezitiert werden. Manchmal begleiten sie ihre Lehrer, um mit ihnen Familien zu segnen. Das gibt auch ein bisschen Taschengeld. In der Stadt gibt es einen Laden, in dem Chelsea-Trikots verkauft werden. Loden möchte unbedingt das vom Fußballer Didier Drogba, damit er in den Pausen darin Fußball spielen kann. 800 Rupien – das sind knapp 7 Euro. Dafür muss er noch eine Weile sparen...
André Hörmanns Dokumentarfilm zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben eines Jungen, der auf den ersten Blick ein ganz anderes Leben führt als Kinder hierzulande. Auf den zweiten Blick sieht man allerdings, dass das Weltliche längst Eingang in die Welt des Spirituellen gefunden und dort sogar als Bereicherung wahrgenommen wird. Auch Lodens Lehrer spielen in den Pausen begeistert mit Fußball – mit wehenden Gewändern…
– Luc-Carolin Ziemann
Internationales Programm 2012
San Agustin - Ebbe im Plastikmeer Alexander Hick, Gudrun Gruber, Michael Schmitt

Almeria, größtes Obst- und Gemüseanbaugebiet der Welt. Wasserknappheit, Schwarzarbeit, Gurkenkrise und die Zerstörung einer Landschaft in einem aufschlussreichen Trauerspiel.

San Agustin - Ebbe im Plastikmeer

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
72 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

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Alexander Hick, Gudrun Gruber, Michael Schmitt
Alexander Hick, Gudrun Gruber, Michael Schmitt
Calexico, Pink Martini
Aline László
Nina Ergang
San Agustin ist eine Insel und hat doch keinen Strand: Das kleine andalusische Dorf liegt inmitten eines großen Meeres aus Plastikplanen. Kein Feld, keine Wiese, kein Baum. Nur weiße Folien, soweit das Auge reicht. Hier in Almería, Südspanien, liegt der Obst- und Gemüsegarten Europas, in dem 90 Prozent der Auberginen und 80 Prozent des Paprikas, die in Europa gegessen werden, wachsen. Zudem ist es die größte Gemüseanbaufläche der Welt. Doch das Obst und Gemüse hat einen Beigeschmack, denn das Wasser ist knapp, der Preisdruck enorm und Bakterien bedrohen die Pflanzen.
In neun Kapiteln nähern sich drei Filmstudenten den unterschiedlichen Phänomenen dieses Ortes und seiner Bewohner. Das Themenspektrum reicht von der Zerstörung der Landschaft über die Gurkenkrise bis hin zu illegalen Schwarzarbeitern, mal mit ironischem Kommentar, mal mit Bildern des Massentourismus‘ an der südspanischen Küste konterkariert.
Eine der einprägsamsten Szenen zeigt den Gemüsebauer und Pflanzenfreund José in seinem Familienbetrieb. Er reißt im Schweiße seines Angesichts Zucchinipflanzen aus dem Boden, für ihn eine ungeheuerliche Tat. Der weitere Anbau aber rentiert sich nicht.
– Antje Stamer

Virgin Tales

Dokumentarfilm
Deutschland,
Frankreich,
Schweiz
2012
87 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Mirjam von Arx, ican films gmbh
Mirjam von Arx
Adrian Frutiger
Kirsten Johnson, Claudia Raschke
Sabine Krayenbühl
Michèle Wannaz, Mirjam von Arx
Judy Karp, Tammy Davies
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Erwachsenwerden, Ethik, Familie, Individuum und Gesellschaft, Ideologie, Manipulation, Religion/ Religiosität 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde/ Ethik, Politik, Englisch, Geschichte, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

Jungfräulich in die Ehe! Das fordert die evangelikale Purity-Bewegung, die in den Vereinigten Staaten stark im Vormarsch ist. In den USA hat schon jedes achte Mädchen zwischen 8 und 18 ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Mirjam von Arx wirft in ihrem Dokumentarfilm Virgin Tales einen staunenden Blick auf dieses Phänomen.

Im Mittelpunkt des Films steht die Familie Wilson, die in ganz Amerika als Vorreiter der Purity-Bewegung bekannt ist. Mit ihren sieben Kindern stehen die Wilsons stellvertretend für das puritanische, hochkonservative Amerika der Tea Party Bewegung, die mit missionarischem Eifer und ohne Pardon versucht, die Welt nach ihrem Bild zu formen – mit der Bibel in der Hand, aber ohne Darwin, ohne Sexualaufklärung und selbstverständlich ohne Sex vor der Ehe. Stattdessen füllen die pubertierenden Mädchen ihre Mitgifttruhen und tanzen in weißen Kleidern mit ihren Vätern auf speziell ausgerichteten Reinheitsbällen um große Holzkreuze. Die Jungen werden mit improvisierten Schwertern unter hochemotionalen Reden nicht zum Ritter, sondern zum Mann geschlagen und auf ihre Rolle als Führer von Familie und Nation eingestimmt.

Mirjam von Arx ist mit diesem Film ein dichtes Portrait einer ungewöhnlichen Familie und einer immer stärker werdenden Strömung in der amerikanischen Gesellschaft gelungen, deren Ideologie nicht nur den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf im Herbst 2012 prägen wird. Längst hat die Purity-Bewegung auch in Europa Fuß gefasst und die Verfechter konservativer Werte gewinnen mehr und mehr an Boden.

Mädchen in Weiß, die ein Kreuz umtanzen, bevor sie von ihren Vätern unter Tränen der Rührung den „Reinheitsring“ und die „Keuschheitstruhe“ empfangen, die auf „Reinheitstreffen“ über das „reine Warten“ und darüber, wie man beim Tee-Servieren züchtig den Ausschnitt bedeckt, referieren. Jungen, die in Ritterrüstung mit dem Schwert zum künftigen Führer des Landes und der Familie geschlagen werden. Weiße Rosen und die Bibel allenthalben. Was anmutet wie ein karnevalesker Mummenschanz, ist für 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, Ernst, ja heilig. Über anderthalb Jahre begleitete Mirjam von Arx eine siebenköpfige Familie in Colorado Springs, dem Zentrum der Evangelikalen in den USA. Die Wilsons gelten als Aushängeschild der Bewegung, als besonders eifrige Verfechter, die die heute weltweit um sich greifende Tradition der „Keuschheitsbälle“ begründeten. Eine amerikanische Vorzeigefamilie, smart, adrett und alles andere als unsympathisch. Es ist das Verdienst des Films, seine Protagonisten nicht als Kuriosum auszustellen, sondern das Phänomen in seiner Komplexität, mit allen politisch-ideologischen Implikationen zu beleuchten. Denn das Pendant zur Jungfrau ist der Soldat, der GI. In Afghanistan kämpft er – im Einklang mit der keuschen Gattin zu Hause – für die „wahren“ Werte von Gott und Vaterland: gegen Sex vor der Ehe genauso wie gegen Anders-Farbige, Anders-Gläubige, Schwule, Demokraten etc. Selten war das Private so politisch. – Grit Lemke


Wenn ich nicht geboren wäre

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
7 Minuten
Untertitel: 
englische

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Filmakademie Baden-Württemberg, Charles Eric Breitkreuz, Hendrik Schäfer
Hendrik Schäfer
Ben R. Hansen ICM Scores Berlin
Hendrik Schäfer
Hendrik Schäfer
Hendrik Schäfer
Hendrik Schäfer
Jonathan Schorr, Ferdinand Engländer
Klar, die Frage kann nur rhetorisch gemeint sein: Was wäre gewesen, wenn? Fragt sich das nicht jedes Kind irgendwann einmal? Ein ziseliertes Gedankenspiel wird in Gang gesetzt und in einem Fotoalbum geblättert, das eine Kindheit preisgibt, die 1981 im Berliner Krankenhaus Lichtenberg ihren Anfang nahm. Der Hauptheld, Regisseur Hendrik Schäfer, fragt nach dem Zufallsgenerator, der ihn erschaffen hat (sind wir da schon bei der Frage nach Gott?) und den Prägungen, die ihn haben werden lassen, der er ist (ein Theorieverfechter des Existentialismus?). Dabei rekapituliert er einige Stationen seiner DDR-Sozialisation zwischen Küchentisch, Pioniernachmittagen und Ostsee-Urlaub bis zum Mauerfall. Wäre die Geschichte anders verlaufen? Nein, er war noch ein Kind, nur ein Zaungast großer historischer Bewegungen, aber auch Teil eines Jahrhunderts, in dem große Politiker aus Fotografien wegretuschiert wurden, als wenn es sie nie gegeben hätte. Hendrik Schäfer und seine lebensfrohe Mutter werden bleiben.
– Cornelia Klauß