Filmarchiv

Beyond the Wave

Dokumentarfilm
Deutschland,
Japan
2013
83 Minuten
Untertitel: 
englische

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Gregor Streiber
Kyoko Miyake
Shigeru Umebayashi
Kozo Natsuumi, Shai Levy
Joby Gee
Kyoko Miyake
Dominik Raetz, Tsukada Dai
Eingestürzte Hausdächer, zerbrochene Fensterscheiben, vertrocknete Pflanzen, tote Tiere – ein ausgestorbener Ort. In einem Lebensmittelladen findet man beinahe alles noch so vor, wie an einem Tag im März 2011. Die wenigen Menschen, die zu sehen sind, tragen weiße Papieranzüge mit Mundschutz. Es sind jene, die an diesem Tag im März ihren Lebensraum verloren haben. Eine von ihnen ist Tante Kuniko. „Es ist nur natürlich, neue Energiequellen zu suchen.“ Mit diesen Worten wurde einst der Bau des Atomkraftwerkes in der mittlerweile toten Gegend beworben. Dass dieser Satz nach der Katastrophe von Fukushima zum Leitmotiv unserer Zukunft werden sollte, demonstriert uns „Beyond the Wave“ auf eine sehr besondere Weise. Zwischen der Trauer um den Verlust der Vergangenheit und der Hoffnung auf eine persönliche Perspektive müssen sich die Protagonisten in der zerstörten Heimat, diesem Niemandsland, das viele längst verlassen haben, neu definieren. Kyoko Miyake zeigt uns nicht zuletzt durch ihren persönlichen Kommentar, wie unter den verbleibenden Japanern ein eher untypisches, wenn auch zornfreies Aufbegehren entsteht, und wie nicht nur ihre geschäftstüchtige Tante den unablässigen Versuch unternimmt, sich gegen alle Vorurteile und frei nach dem Motto „I cannot let this disaster ruin all my efforts“ den Sinn ihres Lebens zurückzuerobern.

Claudia Lehmann

Bianca läuft …

Dokumentarfilm
Österreich,
Deutschland
2013
83 Minuten
Untertitel: 
keine

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Tina Bara
Tina Bara
Bianca Maria Samer
Tina Bara
Tina Bara, Oliver Brodt
Tina Bara
Tina Bara, Oliver Brodt
Bianca, eine junge Frau, die im österreichischen Burgenland lebt, gibt viele Rätsel auf. Sie ist eine passionierte Läuferin, aber im Gehen versagen ihr die Beine den Dienst. Sie ist eine hochbegabte Malerin und entwirft, fotorealistisch genau, immer wieder neue Abbilder ihrer selbst, die sie durchbohrt, genagelt, geritzt, in wallenden Kleidern oder gefesselt an ihre Sportschuhe zeigen. Stets mit einem Lächeln im alterslosen Gesicht erzählt sie von ihren Krankheiten, den in immer kürzeren Abständen auftauchenden Zusammenbrüchen und der Sammelleidenschaft für tote Tiere.
Die Fotografin und Filmemacherin Tina Bara respektiert den Kokon ihrer Protagonistin. Sie lässt die Gemälde sprechen, in denen sich grausame Hinweise auf Selbstzerstörung und Selbsthass finden, die danach schreien, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei ist „Bianca läuft …“ ein ganz stiller Film, dessen Stärke in der Verunsicherung liegt. Die Regisseurin erhebt in diesem Debüt den Prozess der tastenden Annäherung und ihre eigenen Zweifel zum dramaturgischen Prinzip und schafft dadurch eine für Interpretationen offene Struktur. Die Begegnungen mit Bianca führen einen auf unsicheres Terrain – weder sie noch der Film geben Halt.

Cornelia Klauß
Internationales Programm 2013
Die Gelübde meines Bruders Stephanie Weimar

Ein junger Mann, der in Keuschheit und Armut im Kloster leben möchte – und seine lesbische Schwester, die Fragen stellt: zu Kirche, Sexualität und Religion. Unerwartete Lektion in Toleranz.

Die Gelübde meines Bruders

Dokumentarfilm
Kanada,
Deutschland
2013
88 Minuten
Untertitel: 
englische

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Frederic Bohbot, Andre Schaefer
Stephanie Weimar
Andre Feldhaus
Fabio DeFelice, Erik Schimschar, Sebastian Lange, Christopher Yapp, Stephanie Weimar
Oliver Bronner, Carl Freed
Stephanie Weimar
Ralf Jakubski, Kyle Stanfield, Frank Mertes
Gregor und Stephanie sind Geschwister, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Sie jettet durch die Welt, lebt mit Frauen. Es lohnt sich für sie nicht einmal, eine Wohnung anzumieten, so sehr hat sie sich dem Unterwegssein und der Abkehr von der heimatlichen Enge verschrieben. Selbstverwirklichung hat oberste Priorität. Bruder Gregor hingegen sucht innere Einkehr, Stetigkeit und eine Bestimmung in der Welt. Kurz gesagt: ein Kloster. Um seine Entscheidung zu verstehen, greift Stephanie Weimar zur Kamera und begleitet ihn von der Ausbildung bis zu jenem Tag, an dem er das Ewige Gelübde bei den Steyler Missionaren im Kloster St. Augustin ablegt. Wie kann sich einer freiwillig Gehorsam, Armut und Keuschheit unterwerfen – und lebenslang auf Sex verzichten? Ihre Ratlosigkeit und ihre Wut auf eine Kirche, die im Namen Gottes Homosexualität verdammt, Kondome verbietet und an Aids Mitschuld trägt, sind die Triebkräfte des Films und definieren den Blickwinkel. Auf diesem Weg der Erkenntnis nehmen wir teil an den Zweifeln und Überlegungen Gregors, dessen Entscheidung eine radikale ist. Aber es ist mehr noch die Regisseurin, die lernt, was wirkliche Toleranz bedeutet. Sinnsucher sind wir in Wahrheit doch alle.

Cornelia Klauß

Finistere

Dokumentarfilm
Frankreich,
Deutschland
2013
26 Minuten
Untertitel: 
englische

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Simon Riedl
Daniel Andreas Sager
Andrej Ugoljew
Julia Hönemann
Isabella Kohl
Daniel Andreas Sager
Stefan Kesper
Finistère, das so etwas bedeutet wie „Ende der Erde“, ist ein Ort in Frankreich an der Spitze der bretonischen Halbinsel. Vom Ende spricht jedenfalls der Mann mit den kleinen verschmitzten Augen, der an diesem Ort seine Spuren im Sand hinterlässt. Den Tod seiner Tochter habe er nie akzeptiert, vor dem eigenen habe er keine Angst. Daniel lebt in einem kleinen Boot am Strand, genießt trotz Lungenkrebs seine Zigarette, schreibt Gedichte und zitiert gerne Léo Ferré. Er „ist lieber einsam, als in schlechter Begleitung“ und philosophiert über das Weitermachen, obwohl das Ende in ebenso greifbarer Nähe ist wie die See. Und Daniel macht weiter. Wir erleben ihn in stillen Momenten, während die Wassermassen an die schroffe Felsenküste schlagen und das rauschende Meer einen unaufhaltsamen Energiefluss versinnbildlicht. Daniel Andreas Sager hat mit dem Mann, der den gleichen Vornamen trägt wie er selbst, eine überaus erstaunliche Persönlichkeit entdeckt und gibt uns Hoffnung, dass Ferré recht hat, wenn er in der Stille des Meeres ein verfluchtes Schaukeln vermutet, welches unser Herz erlöst.

Claudia Lehmann

In die Innereien

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
21 Minuten
Untertitel: 
englische

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Nicole Vögele
Nicole Vögele
Emre Türker
Markus Nestroy
Nicole Vögele
Nicole Vögele
Emre Türker
Man stelle sich vor, die kleine Alice hätte kein weißes Kaninchen, sondern eine Bergziege getroffen. Dann hätte es sie vielleicht nicht ins Wunderland, sondern auf eine Wanderung in die Innereien verschlagen – eine nicht minder abenteuerliche Berggegend im schweizerischen Appenzell. „Extra bin ich gestern hergefahren …“ Hals über Kopf und im forcierten Modus der Ironie erzählt Nicole Vögele von einer, die eine Reise tat. Und spätestens, wenn dann auch noch diese Hummel ungestraft ein Gefühl von Rastlosigkeit versprühen darf, wird klar, dass man hier auf ein Kleinod des filmischen Nonsens gestoßen ist, an dem etwa Jerry Lewis seine helle Freude hätte. Begegnungen und Begebenheiten auf der Wanderung stören den Fluss. Aber Störungen sind erwünscht. Sie vertreiben für einen Moment die Verlorenheit der Wanderin und tragen so ihren Teil dazu bei, mit der Holprigkeit des Wegs eins zu werden. Sicher, über Geschmack lässt sich nicht streiten, und über Humor schon gar nicht. Aber was hilft‘s, es muss doch gesagt werden: „In die Innereien“ ist vielleicht der lustigste Film im Programm dieses Jahres. Funny, not sunny!

Ralph Eue
Internationales Programm 2013
La Deutsche Vita Alessandro Cassigoli, Tania Masi

Was macht man, wenn man es in Italien zu nichts bringt? Man geht nach Berlin und bringt es dort zu nichts! Wilder Ritt durch alle Klischees und Fellini auf Speed. Italodokkomödie.

La Deutsche Vita

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
61 Minuten
Untertitel: 
englische

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Alessandro Cassigoli, Tania Masi
Alessandro Cassigoli, Tania Masi
Kapaikos, Deacon Dunlop
William Chicarelli Filho
Kathrin Dietzel
Alessandro Cassigoli
Alberto Sanchez, Luciana Bass
Was macht man, wenn man es daheim zu nichts bringt? Man geht nach Berlin und bringt es dort zu nichts. Dies gilt zumindest für Tausende „Kreative“, die Jahr für Jahr in die deutsche Hauptstadt drängen. Es sind vor allem junge Italiener, die in Zeiten der Krise hier ihr Glück suchen und zusammen mit jenen, die in den Siebzigern als Gastarbeiter kamen, die drittgrößte Migrantengemeinde bilden. Einer von ihnen ist Alessandro Cassigoli, der sich mit der aus Florenz stammenden Tania Masi und dem aus Brasilien stammenden Kameramann William Chicarelli Filho auf eine italienische Reise durch Berlin begibt, um des eigenen Heimwehs Herr zu werden.
Mindestens das sollte sich am Ende geklärt haben. Denn wonach sollte man sich noch sehnen, wenn original italienischer Mozzarella eigentlich in Berlin hergestellt wird und der Italiener von der Pizzeria an der Ecke aus Bosnien kommt? Viel wichtiger ist da doch die Frage, wie man es mit diesen Deutschen aushalten soll, die nur essen, um den Magen zu füllen, immer alles ausdiskutieren müssen und dazu noch Rad fahren. In einem wilden Ritt durch sämtliche Klischees über Italiener und Deutsche (alle wahr!) hat man nicht nur das Gefühl, sich in einem Fellini-Film (auf Speed) zu befinden, sondern das Eigene spiegelt sich im Fremden. Ganz nebenbei erzählen sich große Themen wie Migration, Identität, Krise und Globalisierung. Die bewältigt der Italiener in der Fremde auf seine Weise: „In diesem Zimmer wird Mama wohnen.“

Grit Lemke
Internationales Programm 2013
Opel Efficiency Andy Michaelis, Erik Wittbusch

Opel-Werke in Europa, im Westen dicht gemacht, im Osten neu eröffnet. Ruhige Langzeitstudie vier betroffener Arbeiter in Antwerpen. Profitstreben und Ohnmacht.

Opel Efficiency

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
75 Minuten
Untertitel: 
englische

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Andy Michaelis, Erik Wittbusch
Andy Michaelis, Erik Wittbusch
Andy Michaelis, Erik Wittbusch
Peter Badel, Andy Michaelis, Gisela Tuchtenhagen, Erik Wittbusch
Peter Badel, Andy Michaelis, Erik Wittbusch
Andy Michaelis, Erik Wittbusch
Effizienz ist das Totschlagargument unseres Wirtschaftssystems. Wer da nicht mithält, kann schon mal abtreten. Warum aber Unternehmen schließen, die schwarze Zahlen schreiben, lässt sich mit dieser Logik nicht erklären.
Auch Pablo, Nico und Els, die bei Opel Antwerpen Autos montieren, und Rudi, seit 28 Jahren ihr Gewerkschaftsvertreter, haben effizient gearbeitet. Aber in Osteuropa kann General Motors höhere Profite erzielen – also wird das Werk in Antwerpen demontiert. Über fünf Jahre haben Andy Michaelis und Erik Wittbusch in der Tradition von Klaus Wildenhahn und unter Mitwirkung von Gisela Tuchtenhagen diesen Prozess begleitet. Wobei sie ihn in seiner Komplexität abbilden, indem sie nicht nur andere Opel-Standorte in Portugal und Deutschland aufsuchen, sondern auch mit polnischen Neu-Opelanern sprechen. Gerade letzteres räumt mit romantischen Vorstellungen von der Möglichkeit einer Solidarisierung über Ländergrenzen hinweg gründlich auf. Ernüchternd auch die wiederkehrenden Gespräche in Antwerpen, erst noch in Werkszusammenhängen, später nur noch privat. Da sind Traurigkeit und Zukunftsängste, auch Wut – doch vor allem ein fatalistisches Sich-Fügen und ein Punkt, an dem dieses Ende als ein neuer Anfang begriffen wird. „That’s life.“ Im Gedächtnis bleiben Momente wie jener, in dem der Gewerkschaftsvertreter, befragt nach Handlungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer, in ein irres Lachen ausbricht.

Grit Lemke