Filmarchiv

Sections (Film Archive)

Deutscher Wettbewerb 2015
Akt Mario Schneider

Aktmodelle in Leipzig: Nacktheit als Motiv, über Verletzungen und menschliche Nähe zu reflektieren. Liebeserklärung an das Leben und den Körper, der seine Narben in Würde trägt.

Akt

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
105 Minuten
Untertitel: 
englische

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Christoph Kukula
Mario Schneider
Cornelius Renz, Mario Schneider
Friede Clausz
Gudrun Steinbrück-Plenert
Mario Schneider
Johannes Doberenz, Christian Carl, Kai Hesselbarth, Frieder Wohlfarth
Nach seiner preisgekrönten Mansfeld-Trilogie kehrt Mario Schneider mit einem Film nach Leipzig zurück, der schlicht in Erstaunen versetzt. Die Grundidee ist bestechend: Auf einer Ebene wird die Geschichte dreier Menschen, die an der hiesigen Kunsthochschule Akt stehen, erzählt. Das schafft einen Schnittpunkt, von dem aus der Film glaubwürdig in der Welt seiner Protagonisten ein- und ausgeht. Gleichzeitig verbindet er die Arbeit der Kunst mit der des Lebens, während der Moment des Aktstehens einlädt zur Betrachtung des menschlichen Körpers.

Die Geschichten, denen wir eben noch folgten – eine Kindheitserinnerung, der Beginn einer Liebe –, erfahren in diesen Augenblicken eine überraschend leibliche Entsprechung, die uns bewegt, den Blick auf uns selbst zu richten. Auf dieses erzählerische Gerüst legt sich eine weitere Ebene, eingeführt durch eine Kunststudentin, die selber Akt steht und nach der künstlerischen Form für eine alte Frage sucht: Wie funktioniert menschliche Nähe? Dramaturgisch klug gesetzt, verbindet dieses Thema die individuellen Erzählungen zu einer gesellschaftlichen Erfahrung, die wiederum Motiv des Künstlers Mario Schneider ist. Vielschichtig, souverän in Schnitt und Timing und von einer exzellenten Kamera getragen, ist „Akt“ eine Liebeserklärung an das Leben wie an den menschlichen Körper, der seine Narben in Würde trägt.

Matthias Heeder
Deutscher Wettbewerb 2014
Am Kölnberg Robin Humboldt, Laurentia Genske

Vier Kölner in einem Plattenbau am Rand der Stadt. Eine Geschichte vom Kampf gegen die Sucht und die Armut, von Leben, die einmal anders liefen. Und von Freundschaft und Glück.

Am Kölnberg

Dokumentarfilm
Deutschland
2014
85 Minuten
Untertitel: 
englische

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Kunsthochschule für Medien, Köln
Robin Humboldt, Laurentia Genske
Laurentia Genske, Robin Humboldt, Johannes Waltermann
Carina Mergens
Robert Keilbar
1974 wurde am südlichen Rand von Köln eine aus neun Hochhäusern bestehende Siedlung auf den platten Acker gebaut. Aus der Ferne und im richtigen Licht erscheint die Silhouette wie eine massive Erhebung, weshalb der Komplex schnell den Namen Kölnberg weghatte. Ebenso schnell galt er als sozialer Brennpunkt. Vom Kölnberg redet man am liebsten gar nicht, und wenn doch, hört man eigentlich nur saftige Schlagzeilen. 2013 lebten 4.100 Männer, Frauen und Kinder aus etwa 60 Nationen am Kölnberg, der Ausländeranteil ist mit 61,8 % angegeben. Statistik ist ein effektives Werkzeug, und wer die Macht über statistische Definitionen hat, formt auch unser Bild der Wirklichkeit wesentlich mit.
Die Filmemacher Robin Humboldt und Laurentia Genske erarbeiteten sich geduldig und über einen langen Zeitraum einen Weg hinter die sozialen Typologien, Schlagzeilen und Statistiken. Der Film begleitet vier Menschen, denen der Kölnberg seit Langem Heimat ist oder vor Kurzem wurde. Er vermeidet dabei, sie mit dem ebenso gutmeinenden wie herablassenden Auge der Fürsorge zu betrachten und versucht sich stattdessen an einer respektvoll-teilnehmenden Begegnung mit seinen Protagonisten, die in ihrer jeweiligen „Normalität“ so außergewöhnlich wie unterschiedlich sind.

Ralph Eue



Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb 2014

Deutscher Wettbewerb 2013
Art War Marco Wilms

Kunst ist Waffe! Graffitis an den Wänden von Kairo als Medium des Aufstands, ägyptische Underground-Künstler als Chronisten der Ereignisse. Furioser Trip durch Farben und Rhythmen.

Art War

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
87 Minuten
Untertitel: 
deutsche
englische

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Marlen Burghardt, Marco Wilms
Marco Wilms
Ramy Essam, Bosaina and Wetrobots, Tonbüro Berlin
Marco Wilms, Abdelrhman Zin Eldin, Emanuele Ira, Bashir Mohamed Wagih, Ali Khaled
Stephan Talneau
Mohamed Khaled
Marco Wilms
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Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Protest, Kunst, Demokratie, Meinungsfreiheit, Medien, Graffiti 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde/Ethik, Politik, Geschichte, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

ART WAR wirft einen Blick auf die jungen Künstler und Aktivisten, die den Arabischen Frühling geprägt und mitgestaltet haben. Wir lernen Menschen kennen, die mit rebellischer Musik, haushohen Graffitis und anderen künstlerischen Mitteln Aufklärung betreiben und versuchen, ihre Revolution vor dem Untergang zu retten.

Der Film begleitet die revolutionären Künstler seit der Zeit der Euphorie im Jahr 2011 bis zum Fall Mursis und der Muslimbrüder. Er beschreibt die Explosion der Kreativität nach dem Sturz Mubaraks und zeigt, wie die Künstler lernten, ihre Kunst als Waffe im Kampf für die unvollendete Revolution zu nutzen. Dabei beziehen sich die jungen Graffiti-Künstler, Grafikdesigner, Maler und Schriftsteller überraschend oft auf die antiken Wurzeln der ägyptischen Kunst und zeigen damit, dass ihr Protest tief in der ägyptischen Kultur verankert ist.

Kunst ist Waffe! In Kairo gilt die Losung immer noch. Nach 30 Jahren Autokratie wurde Präsident Mubarak von seinem Volk hinweggefegt. Nun gehört die Straße ihnen, den jungen Rebellierenden und Künstlern. Die Graffitisprayer und Maler bringen die Wände zum Sprechen. Sie erzählen in blutverschmierten Porträts von den Tagen des Kampfes, in wilden Collagen von der Zeit der Anarchie, in obszönen Darstellungen von den Befreiungsversuchen aus unterdrückter Sexualität. Wände werden zu Chronisten der sich überstürzenden Ereignisse. Elektropop und Rap liefern den aufwühlenden Soundtrack dazu. Der Euphorie folgen Übermalungen und Zerstörungen. Sniper sind am Werk und zielen auf die Augen der Demonstrierenden. So wenig gefällig die Underground-Kunst ist, die provozieren will und etwas wagt, so wenig romantisch ist diese Revolution. Regisseur Marco Wilms schlägt in einer Episode den Bogen zu den historischen Wandmalereien bis ins Zeitalter der Pharaonen. In einem Land, wo die Analphabetenrate hoch ist, avanciert eine solche Tradition zum probaten Medium des Aufstands. „Art War“ zeigt den gefährlichen Tanz auf dem Vulkan in einem furiosen Parforceritt durch die letzten zwei Jahre der permanenten und radikalen Umbrüche als einen Trip, der von den Farben und Rhythmen der ägyptischen Maler und Musiker vorangetrieben wird.



Cornelia Klauß





Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013


Deutscher Wettbewerb 2015
Atl Tlachinolli Alexander Hick

Mexiko-Stadt, Millionenmoloch im Überlebenskampf. Im Gegensatz dazu der mythische Axolotl, der keine Metamorphose durchläuft, aber Lebensraum verliert. Ein kühnes Stadtporträt.

Atl Tlachinolli

Dokumentarfilm
Deutschland,
Mexiko
2015
76 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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University for Television and Films Munich, Centro de Capacitación Cinematográfica, A.C.
Alexander Hick
Juan Pablo Villa
Alexander Hick
Julian Sarmiento
Alexander Hick, Ileana Villareal
Man muss kein Zoologe sein, um Alexander Hicks Faszination für dieses Tier zu verstehen, das sich wie kaum ein anderes zur Mythenbildung eignet. Der Axolotl, ein Schwanzlurch, verweigert die Metamorphose. Er geht nicht an Land, sondern verbleibt als Larve im Wasser, vermag sich dennoch fortzupflanzen und darüber hinaus selbst zu regenerieren. Sogar sein Herz oder sein Hirn können nachwachsen! Nur sein Lebensraum ist ihm abhandengekommen. Aus den einstigen Gewässern erhebt sich nunmehr ein 8-Millionen-Moloch, Mexico City. Alexander Hick wirft in insistierenden Bildern, aufgeladen mit kulturhistorischen, religiösen und mythologischen Verweisen, die Frage auf, wie der Mensch mit dem eroberten Paradies umgeht. In bruchstückhaft nebeneinander stehenden Episoden skizziert er Bewohner dieser Megalopolis in ihrem Überlebenskampf. Gewalt und Korruption haben alles ausgehöhlt: die Familie, die Institutionen, den Staat. Den Glauben daran, dass sie sich selbst wieder „regenerieren“ könnten, vermittelt der Film nicht. Im Gegenteil.

So ist der von den Azteken verehrte Axolotl der letzte Zeuge einer geschundenen, missbrauchten Landschaft und einer Zeit, als der Mensch noch in der Lage war, Hochkulturen zu schaffen. Ein im edelsten Wortsinn kluger Essayfilm und ein kühnes Stadtporträt.

---Cornelia Klauß
Deutscher Wettbewerb 2015
Café Waldluft Matthias Koßmehl

Seit die italienischen Touristen wegbleiben, bewohnen Flüchtlinge das Hotel im bayrischen Alpenidyll. Mal komisch, mal tragisch kreuzen sich Lebenswege. Ein Heimatfilm besonderer Art.

Café Waldluft

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
79 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Matthias Koßmehl
Matthias Koßmehl
André Feldhaus
Bastian Esser
Andreas Nicolai
Matthias Koßmehl
Till Wollenweber
Einst kamen die Touristen in ganzen Busladungen, um im schönen Café Waldluft einen Platz an der Sonne zu suchen, zumindest für die Zeit ihres wohlverdienten Urlaubs. Seit zwei Jahren aber beherbergt das Traditionshotel in Berchtesgaden, mit Blick auf den deutschen „Schicksalsberg“ Watzmann und seine Ausläufer, Gäste aus anderen Regionen der Welt: Sie stammen aus Syrien, Afghanistan oder Sierra Leone und haben sich das Alpen-Musteridyll keineswegs ausgesucht. Ihr Aufenthalt als Asylbewerber ist geprägt von endlosem Warten, ermüdenden Behördengängen, Heimweh und Sorge um ihre Verwandten.

Seither hat sich die Dynamik im Städtchen verändert. Doch wenn Matthias Koßmehl seinen Film mit einer bayrischen Trachtenparade in Zeitlupe eröffnet, dann nur, um mit den Erwartungen, die dieses Klischee hervorruft, aufzuräumen und stattdessen nüchtern, aber offenen Herzens zu schauen, was für Begegnungen wirklich stattfinden an diesem sonderbaren Ort. Da ist Mama Flora, die Inhaberin, die sich gottergeben um jeden ihrer Schützlinge kümmert, und da ist die ostdeutsche Köchin, die hier ihre Wahlheimat gefunden hat. Die Zufallsbegegnungen mit Stammkunden oder Wanderern und das alltägliche Miteinander im Haus entsprechen einer Vielzahl sich kreuzender Lebenspfade. Der Watzmann, ob verhangen oder klar, bleibt stets am Horizont. Ein dokumentarischer Heimatfilm, in dem das Wort Heimat viele Facetten hat.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem DEFA-Förderpreis 2015

Deutscher Wettbewerb 2019
Coming off the Real Time, for a While Anna Friedrich

An der schwedischen Küste lebt Bauer Sven Axel mit seiner Mutter, einigen Tieren und viel Fantasie. Er träumt vom Filmemachen und von der Schauspielerei. Nun erprobt er beides.

Coming off the Real Time, for a While

Dokumentarfilm
Deutschland
2019
62 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

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Anna Friedrich, Ray Peter Maletzki (ROSENPICTURES)
Anna Friedrich
Stef Ketteringham
Anna Friedrich
Anna Friedrich
Anna Friedrich
Andrea Rüthel, André Görbing, Leo Rocker, Maximilian Glaß, Anna Friedrich
Anna Friedrich folgt Sven Axel Nilsson in den Morgennebel. Irgendwo in Schweden, das Meer in unmittelbarer Nähe, arbeitet Sven Axel als Bauer. Aber er ist noch viel mehr als das. Friedrich kitzelt es aus ihm heraus, indem sie ihn nach seinen Träumen und Ängsten befragt, wissen möchte, welches der vier Elemente ihm das liebste sei. Sie gibt ihm die Kamera in die Hand, weil er sich wünscht, Steine zu filmen, sodass zudem ein kurzer, dabei nicht minder spektakulärer Beitrag über eine mystische Steinformation Teil des unkonventionellen Porträts ist. Doch auch die Schauspielerei gefällt Sven Axel und so wird er kurzerhand auch das – Schauspieler.

Weitab beinahe jeglicher Störung beginnen die beiden also eine Art Spiel miteinander, bei dem Sven Axels Mutter ebenso eine Rolle hat wie ein Gelände, das die schwedische Armee für ihre Übungen nutzt. „Für mich ist die Welt eine ziemlich große Kugel, weil ich in meinem Leben nicht gerade viel gereist bin“, sagt er. Und setzt nach: „Heute wirkt die weite, weite Welt sehr klein. Aber das ist nicht wahr. Wenn man segelt, geht oder reitet, ist es tatsächlich eine ganz schön große Welt.“ Eine überaus reiche ist jedenfalls die von Sven Axel. Anna Friedrich macht sie passierbar.

Carolin Weidner
Deutscher Wettbewerb 2018
Der Esel hieß Geronimo Arjun Talwar, Bigna Tomschin

Die Insel war ein gemeinsamer Traum, der platzte. Jetzt schaukeln alle ehemaligen Bewohner auf ihren Schiffchen im Hafen, betrauern, beschimpfen, betreiben Fehleranalyse.

Der Esel hieß Geronimo

Dokumentarfilm
Deutschland,
Schweiz
2018
80 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

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Arjun Talwar (Lo-Fi Films)
Arjun Talwar, Bigna Tomschin
Arjun Talwar
Bigna Tomschin
Arjun Talwar, Bigna Tomschin
Franek Kosłowski
„Eine Insel hat immer zwei Seiten. Die eine heißt Sommer und die andere heißt Winter“, sagt ein Mann namens Rüdiger. Eine Tatsache, die das Leben auf der Insel erschwert, denn die Bewirtschaftung und das Überleben im Winter seien ungleich härter. Andere Hürden des Zusammenlebens: der berühmte Inselkoller, der wohl weltweit auf den unterschiedlichsten Breiten- und Längengraden grassiere.

Die Bewohner der Großen Ochseninsel in der Ostsee konnten all diesen Widrigkeiten über zehn Jahre standhalten. Dann haben sie sich überworfen, das Eiland verlassen, fast alle mit gebrochenem Herzen. Niemand hat den Ort und das, was dort vorgefallen ist, überwunden. Die Insel ist Gesprächsthema, nagende Leerstelle, pochende Wunde. Auf ihr scheint es einen Esel gegeben zu haben, der sich Geronimo nannte. Aber auch unzählige Rosensorten, Kaffee und Bier für alle, die zu Besuch kamen, dazu Musik, Veranstaltungen, einen gemeinsamen Traum. Ein Fixpunkt im Meer. Ohne ihn hätten die Seemänner den Boden unter den Füßen verloren, meint eine Freundin. Und wirklich liegen nun alle auf ihren kleinen Schiffen vor Anker, schaukeln, trinken, schimpfen auf- und bespähen einander, sinnieren.

Carolin Weidner


Nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts und den ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness

Deutscher Wettbewerb 2018
Der Funktionär Andreas Goldstein

Ein „Film über den Vater“, den DDR-Kulturfunktionär Klaus Gysi. Auch ein Film über einen Staat, der oft mit Unrecht assoziiert wird. Nicht hier: Der gute Kommunist ist eine tragische Figur.

Der Funktionär

Dokumentarfilm
Deutschland
2018
72 Minuten
Untertitel: 
englische

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Andreas Goldstein, Heino Deckert
Andreas Goldstein
Jakobine Motz
Chris Wright
Andreas Goldstein
Der „Film über den Vater“ ist ein schwieriges Genre. Andreas Goldstein, Sohn des DDR-Kulturfunktionärs Klaus Gysi (1912–1999), hat sich dieser Aufgabe gestellt. Er tut das so uneitel wie nachdrücklich: bedächtig unaufgeregt, ehrlich intellektuell, analytisch persönlich. Er legt dabei ein Mosaik frei, das auf die Teleologien der selbsternannten Geschichtssieger ebenso verzichtet wie auf die Simplizismen (west-)deutscher Oscar-Anwärter. Nicht vom Leben der Anderen handelt dieser Film, sondern vom eigenen. Nicht vom Gestern, auch vom Heute.

Der Fokus bleibt beim Vater und dessen lebenslangem Versuch, eine Gesellschaftsordnung zu gründen, in der „Geist und Macht voll übereinstimmen“: bei der Urszene des jüdischen Intellektuellen (Anblick eines toten Arbeiters), der Karriere des SED-Parteikommunisten (Verlagsleiter, Kultusminister, Botschafter, Staatssekretär für Kirchenfragen), Einblicken in ein Privatleben, das ein getriebenes war. Selbst Teil dieser „kommunistischen Abstammungsgeschichte“, kommentiert Goldstein aus dem Off eigene Fotografien, gefundenes Fernseharchiv-Material und Bilder aus Berlin (damals, heute) und legt dabei die Latte für eine Neubetrachtung jenes Staates, aus dem er immer gekommen sein wird, hoch. „Wir würden Fragen nach der Legitimität unserer gegenwärtigen Existenz abweisen. Wie kommen wir eigentlich dazu, sie immerzu an die Vergangenheit zu richten?“

Barbara Wurm


Nominiert für den ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness

Deutscher Wettbewerb 2015
Der Kuaför aus der Keupstraße Andreas Maus

Das NSU-Nagelbombenattentat, bei dem 2004 in Köln 22 Menschen verletzt und später nur die Opfer verdächtigt wurden. Vielschichtig inszenierte Rekonstruktion eines Skandals.

Der Kuaför aus der Keupstraße

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
92 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Herbert Schwering, Christine Kiauk
Andreas Maus
Maciej Sledziecki
Hajo Schomerus
Rolf Mertler
Maik Baumgärtner, Andreas Maus
Ralf Weber
Der Mittwochnachmittag ist mit Bedacht gewählt. Vor und in dem Friseurgeschäft der Brüder Özcan und Hasan Yildirim ist viel los, als sich am 9. Juni 2004 plötzlich 700 zehn Zentimeter lange Tischlernägel mit einer Reichweite von 250 Metern in Projektile verwandeln. Sie verletzen 22 Menschen. So infam der Anschlag ist, so skandalös der Verlauf der Ermittlungen: Verdächtigt werden die Opfer. Überwachungsvideos wertet man nicht aus und Bundesinnenminister Otto Schily schließt einen rechtsradikalen Hintergrund dezidiert aus. Erst 2011 wird mit den Enthüllungen über die rechtsextreme terroristische Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ auch diese Tat aufgedeckt. Der Prozess dauert bis heute an.

Der Regisseur Andreas Maus konzentriert sich darauf, zehn Jahre nach dem Kölner Nagelbomben-Attentat jenen eine Stimme zu geben, die lange niemand hören wollte. Die von ihm angewandten Erzählstrategien zielen auf Distanz, um freizulegen, mit welcher Systematik vertuscht, verschwiegen und verdrängt wurde. Dokumentarisches und inszeniertes Material verschränken sich miteinander, Schauspieler agieren neben Betroffenen, Räume werden rekonstruiert. Die vielstrapazierten Fernsehbilder überschreibt Andreas Maus mit seinen Bild-Erfindungen. Die Kamera hält inne, der Blick, der auf den Zuschauer gerichtet ist, gefriert. Was eigentlich kommt nach der „Willkommenskultur“, möchte man fragen?

Cornelia Klauß
Deutscher Wettbewerb 2018
Der Stein zum Leben Katinka Zeuner

Den Stein zu finden, welcher der Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht wird, darum geht es Michael Spengler und jenen, die zu ihm kommen. Im Prozess reift das individuelle „Grabzeichen“.

Der Stein zum Leben

Dokumentarfilm
Deutschland
2018
77 Minuten
Untertitel: 
englische

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Katinka Zeuner
Katinka Zeuner
Katinka Zeuner
Anna Pesavento
Oliver Eberhard, Birte Gerstenkorn, Martin Nevoigt, Joel Vogel
„Also es ist ja so, dass ein Mensch immer sehr vielschichtig zu sein pflegt“, sagt Michael Spengler. Zu ihm kommen Personen, die nach einem Grabstein streben, der sich von den üblichen unterscheidet. Der die Persönlichkeit des Verstorbenen widerspiegelt, das vergangene Leben reflektiert. Drei Todesfälle und den anschließenden Prozess der Steinfindung begleitet Katinka Zeuner in ihrem Film: ein junges Elternpaar, das ihr Kind verloren hat, eine Frau mit ihren zwei Söhnen, die sich gemeinsam mit Spengler dem Leben des Vaters, beziehungsweise Großvaters anzunähern suchen, und eine Frau, die nach der richtigen Form für einen Mann namens „Cliewe“ forscht. Spengler wird dabei zu einer Art Medium, welches die Erinnerungen und Emotionen seiner Kunden aufnimmt, um sie anschließend ins Material zu übersetzen. Das Vorgehen ist ein gemeinschaftliches, über Wochen und Monate treffen sich die Parteien immer wieder, um etwas zu schaffen, das Michael Spengler als „Grabzeichen“ benennt.

Carolin Weidner


Ausgezeichnet mit dem ver.di Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Lobende Erwähnung Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts



Deutscher Wettbewerb 2018
Der zweite Anschlag Mala Reinhardt

Präzise Studie zum Zusammenhang zwischen rechtsradikalen Übergriffen in Deutschland und der unzureichenden politischen und gesellschaftlichen Ächtung von Rassismus und Gewalt.

Der zweite Anschlag

Dokumentarfilm
Deutschland
2018
62 Minuten
Untertitel: 
englische

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Kate Blamire, Benjamin Cölle, Katharina Degen, Patrick Lohse, Mala Reinhardt
Mala Reinhardt
Macarena Solervicens
Patrick Lohse, Katharina Degen
Federico Neri
Kate Blamire, Gerald Mandl
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Altersempfehlung: ab 12 Jahre 
Klassenstufen: ab 7. Klasse

Themen: Rassismus, Gewalt, Vorurteile, Medien, Justiz, Strafverfolgung, Empowerment, Solidarität 
Lehrplanbezüge: Politik und Medien, Recht und Gerechtigkeit 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde, Geschichte, Politik, Ethik, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

Ibrahim Arslan überlebte als Kind den Brandanschlag auf sein Elternhaus in Mölln, bei dem drei Mitglieder seiner Familie starben. Heute sagt er, seine Familie habe nicht nur einen, sondern zwei Anschläge erlitten. Kurz nachdem die Molotow-Cocktails flogen, wurden die Arslans ein zweites Mal zum Ziel von Attacken aus Medien, Politik und Gesellschaft. Diese Attacken, so sagt Arslan heute, waren schlimmer als der Brandanschlag, denn sie wären vermeidbar gewesen.

Der Film befragt Arslan und andere Opfer rechtsradikaler Gewalt wie der Anschläge in Rostock-Lichtenhagen 1992 und Angehörige von NSU-Opfern nach ihren Erfahrungen. Sie alle mussten nicht nur erleben, wie Familienmitglieder und Freunde einer politisch motivierten Straftat zum Opfer fielen, sondern dass sich Polizei, Politik und Medien danach von Vorurteilen zu falschen Schlüssen verleiten ließen. So wurden die Morde des NSU jahrelang öffentlich als „Döner-Morde“ verbrämt. Die Familien der Betroffenen wurden angefeindet und kriminalisiert und leiden bis heute darunter. Die wahren Hintergründe und ihr Leiden sind öffentlich kaum bekannt. Dieser Film konzentriert sich nicht auf die Täter, sondern auf diejenigen, die grundlos durch rassistisch motivierte Gewalt aus dem Leben katapultiert wurden. 

Nach der Kritik des Fußballers Mesut Özil und den Ereignissen in Chemnitz hat das Thema Rassismus in Deutschland eine neue Aktualität bekommen. An der Frage, wie rassistisch die deutsche Gesellschaft ist, scheiden sich die Geister, einfache Antworten gibt es nicht. Das macht die Diskussion darüber umso wichtiger. Dieser Film ermöglicht einen Einstieg in diese hochaktuelle Debatte, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass „die Gesellschaft“ kein abstraktes Gebilde ist, sondern aus Menschen wie Du und ich besteht. Wer sich die Mühe macht, eigene Vorurteile und Stereotype zu erkennen und Rassismus im Schulalltag, bei der Arbeit oder in der Familie entgegen zu treten, der hat den wichtigsten Schritt schon getan.

Ibrahim Arslan überlebte als Kind den Brandanschlag auf sein Elternhaus in Mölln, bei dem drei Mitglieder seiner Familie starben. Heute sagt er, seine Familie habe nicht nur einen, sondern zwei Anschläge erlitten. Nachdem die Molotowcocktails erloschen waren, wurden die Arslans ein weiteres Mal zum Ziel von Attacken: aus Medien, Politik und Gesellschaft. Diese Attacken waren schlimmer als die Brandsätze, denn sie wären vermeidbar gewesen, sagt Arslan. Mala Reinhardt fragt in ihrem Film, warum viele Opfer rechtsradikaler Gewalt bis heute die gleichen Erfahrungen machen müssen, angefeindet und kriminalisiert werden. Mit beeindruckender Klarheit analysieren die Betroffenen, die sich inzwischen untereinander vernetzt haben, welche Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Rassismus hierzulande noch immer gesellschaftsfähig ist. Nun gilt es, zuzuhören.



Luc-Carolin Ziemann





Lobende Erwähnung ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, 

Nominiert für den Filmpreis Leipziger Ring und den Young Eyes Film Award


Deutscher Wettbewerb 2014
Die Böhms – Architektur einer Familie Maurizius Staerkle-Drux

Gottfried Böhm ist „der Boss“, Patriarch einer Architektendynastie. Doch mit dem Tod seiner Frau wackelt das familiäre Fundament. Sorgfältig gearbeitete Erforschung eines Universums.

Die Böhms – Architektur einer Familie

Dokumentarfilm
Deutschland,
Schweiz
2014
85 Minuten
Untertitel: 
englische

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Carl-Ludwig Rettinger, Lisa Blatter
Maurizius Staerkle-Drux
Jonas Buehler
Raphael Beinder
Anika Simon
Maurizius Staerkle-Drux
Maurizius Staerkle-Drux
Gottfried Böhm zählt zu den bedeutendsten deutschen Architekten der Gegenwart. Seine Bekanntheit gründet sich auf die Schaffung skulpturaler Bauten aus Beton, Stahl und Glas, von denen einige als Architektur-Ikonen des 20. Jahrhunderts gelten. Als Sohn von Dominikus Böhm ist er Patriarch einer Architektendynastie, zu der seit langem auch seine Söhne Stephan, Peter und Paul Böhm gehören. Inzwischen 94 Jahre alt, arbeitet er noch täglich an den Planungs- und Konstruktionsvorhaben des Büros mit. Als vor einigen Jahren Gottfried Böhms Frau Elisabeth starb, ebenfalls Architektin und maßgebliche Quelle der Inspiration aller vier Böhms, wurde die Familie ihres emotionalen Zentrums beraubt.
Mit bewunderungswürdigem bildlichem Gespür setzt sich Maurizius Staerkle-Drux mit den verschiedenen architektonischen Universen der Böhms auseinander und nähert sich darüber hinaus auch den feinen Unterschieden zwischen Selbst- und Fremdbild seiner Protagonisten. Der Titel des Films darf durchaus wörtlich genommen werden: Es geht vor allem um die Architektur einer Familie, erst danach um das Porträt einer prominenten Architektenfamilie.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts 2014

Deutscher Wettbewerb 2018
Die Sinfonie der Ungewissheit Claudia Lehmann

So klug wie beseelt. Wer nach diesem sinfonischen Essay noch sagt, dass Physik und Dokumentarfilm einander fremde Disziplinen seien, muss Herz und Hirn und sämtliche Sinne verschlossen haben.

Die Sinfonie der Ungewissheit

Dokumentarfilm
Deutschland
2018
95 Minuten
Untertitel: 
englische

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Andrea Schütte, Dirk Decker (Tamtam Film), Claudia Lehmann, Konrad Hempel (Institut für experimentelle Angelegenheiten IXA)
Claudia Lehmann
Konrad Hempel
Eike Zuleeg
Marianne von Deutsch, Claudia Lehmann
Claudia Lehmann, Konrad Hempel
Corinna Zink
Weit ausgreifend wird hier befragt, wovon im Normalfall als unzweifelhafte Voraussetzung des Lebens (im Allgemeinen) und des Filmemachens (im Besonderen) ausgegangen wird: eine objektive, im besten Fall noch interpretierbare Realität.

Ausgehend von Gerhard Mack, emeritierter Professor für theoretische Elementarteilchenphysik am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg, unternehmen Claudia Lehmann und Konrad Hempel eine ebenso aufs Universale zielende wie in den molekularen (und noch kleineren) Bereich abtauchende filmische Expedition und fragen nach dem Sinn jeglichen Lebens in unserer komplexen Welt. Mack ist anerkannter Großmeister seiner Disziplin, als solcher aber alles andere als ein Fachidiot. In unfassbar persönlichen Gesprächen mit der Hypnosetherapeutin Rosemarie Dypka und dem Filmemacher Hark Bohm, die in der zweigeteilten Rolle des gesunden Menschenverstands auftreten, agiert der Physiker als begnadeter Übersetzer seiner Theorien. Und dann natürlich noch, last but not least, der von Konrad Hempel komponierte Score, den man hier nur verkürzt als Industrial Music bezeichnen kann. Er ist die zweite, lebhaft pulsierende Herzkammer dieses dokumentarischen Essays. Aus den Soundscapes des DESY, also aus auditiver Feldforschung entwickelt, betritt die Musik zunehmend als gleichwertiger Mitspieler die Bühne und strukturiert den Film als sinfonisches Werk.

Ralph Eue


Nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts und den ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness



Deutscher Wettbewerb 2013
Die Welt für sich und die Welt für mich. Bernhard Sallmann

Donaureise auf den Spuren von August Strindberg. Textfragmente vor Naturschauspielen, Farbskalen und Lichtreflexen in einem nachdenklichen Essay über Angst, Verzweiflung und Wahn.

Die Welt für sich und die Welt für mich.

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
45 Minuten
Untertitel: 
englische

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Bernhard Sallmann
Bernhard Sallmann
Hans Peneder
Bernhard Sallmann
Christoph Krüger
Bernhard Sallmann
Hierzulande ist der schwedische Schriftsteller August Strindberg vor allem durch seine Theaterstücke bekannt. Dabei war er darüber hinaus lange ein ebenso verkannter wie verfemter Romancier, Maler, Fotograf, Forscher und Alchimist, zeitweise besessen von Okkultismus, Halluzinationen und Verfolgungswahn. Der zeitgenössischen Presse, die sein Werk verspottet, und drohenden Gerichtsprozessen entzieht er sich durch Flucht ins Ausland. In Berlin lernt Strindberg die junge Journalistin Frida Uhl kennen. Als sie ein Kind erwarten, suchen sie Zuflucht auf dem Gut ihrer Großeltern, idyllisch an der Donau gelegen. Doch rasch erweist sich der Ort als Fluch, als Strindbergs Golgatha.
Diese Episode inspirierte den österreichischen, in Berlin lebenden Regisseur Bernhard Sallmann zu einem nachdenklichen Essay. Wie schon in seinen vorherigen Filmen beschäftigt ihn die Natur als metaphorisch aufgeladener Resonanzraum menschlichen Tuns. In diesem Fall ist die Donau ihrer geografischen Konkretheit gänzlich enthoben. In den langen, Zeit und Raum auskostenden Einstellungen entfaltet sie eindrücklich ihr ganzes Repertoire an Naturschauspielen, Farbskalen und Lichtreflexen, die wiederum Spiegelungen von Strindbergs seelischer Unbill sind, extreme Ausschläge zwischen Angst, Verzweiflung und Wahn. Währenddessen werden im Off Textfragmente aus den Büchern „Kloster“ und „Inferno“ von der Sprecherin Judica Albrecht zu einer eindringlichen Erzählung zusammengeführt.

Cornelia Klauß
Deutscher Wettbewerb 2014
Domino Effekt Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Der abchasische Sportminister kämpft um die Domino-WM in Sochumi. Und mit seiner Frau, die sich als Russin nicht anerkannt fühlt. Mesalliance voller tragikomischer Momente.

Domino Effekt

Dokumentarfilm
Deutschland,
Polen
2014
76 Minuten
Untertitel: 
deutsche

Credits DOK Leipzig Logo

Ann Carolin Renninger, Thomas Kufus, Anna Wydra
Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski
Maciej Cieślak
Piotr Rosołowski
Karoline Schulz, Andrzej Dąbrowski
Piotr Rosołowski, Elwira Niewiera
Marcin Lenarczyk, Tomasz Wieczorek
Zurzeit ist es ruhig in Abchasien, dem halbautonomen kaukasischen Zwergenstaat. Zu ruhig, findet Sportminister Rafael. Mit der sturköpfigen Zielstrebigkeit eines Don Quichotte will er mittels Sport – so funktionierte das zu Sowjetzeiten ja auch – Abchasien wieder zu alten Ehren zurückführen. Ungeachtet der heute verrosteten Schiffe, die wie gestrandete Wale vor den Stränden liegen, und der hoffnungslos vor sich hin welkenden Prunkbauten an der Promenade Sochumis, kämpft er für sein Event: eine Domino-Weltmeisterschaft. Mit bewundernswerter Entschlossenheit trotzt Rafael allen Widrigkeiten: dem fehlenden Strom, der Talentlosigkeit der Sportler und den Tränen seiner Frau, der Moskauer Sängerin Natascha, die für ihn ihre Heimat aufgab. Sie fühlt sich fremd und zerrieben im Kulturstreit zwischen Russland und Georgien, die beide territoriale Ansprüche auf die Region erheben. Nahezu meisterlich ist es Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski gelungen, die privaten Familienkonflikte einer Mesalliance mit den zuweilen ins Absurde gehenden politischen Realitäten Abchasiens spiegelbildlich zu verbinden. So, wie das Paar sich noch finden muss, ist das Land auf der Suche nach sich selbst. Der lang nachhallende Schlager zur abchasischen Hauptstadt jedenfalls ist schon mehr als ein Anfang.

Cornelia Klauß



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb 2014

Deutscher Wettbewerb 2017
Eingeimpft David Sieveking

Subjektiv-persönlicher Denkanstoß zum Reizthema Impfen. Der Regisseur und Familienvater nimmt das eigene Dilemma zum Anlass für einen humorvollen Film über Risiken, Chancen und Ideologien.

Eingeimpft

Dokumentarfilm
Deutschland
2017
95 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Martin Heisler, Carl-Ludwig Rettinger
David Sieveking
Jessica de Rooij
Adrian Stähli, Kaspar Köpke
Catrin Vogt, Mirja Gerle
Micki Fröhlich
David Sieveking
Björn Wiese
David Sieveking wird in seinen Filmen gern persönlich. Egal, ob es um die Alzheimerkrankheit seiner Mutter oder die eigene Suche nach Transzendenz geht. In seinem neuen Film fokussiert er ein Thema, das die Gemüter in Deutschland erhitzt: das Impfen. Wer schon mal in einer Arztpraxis oder bei einem Elternabend erlebt hat, welche Gräben sich bei diesem Schlagwort plötzlich auftun können, weiß, wovon die Rede ist. Allen anderen sei „Eingeimpft“ empfohlen, denn tatsächlich gelingt es dem Regisseur, die eigene Verunsicherung zum Ausgangspunkt eines spannenden Films zu machen.

Der Grundkonflikt klingt fast ein bisschen zu simpel: Der Vater will impfen, denn das empfiehlt ja der Arzt. Die Mutter will nicht, weil ihr Bauchgefühl dagegenspricht. Diese Pattsituation nimmt Sieveking zum Anlass, den Dissens auch in seinen überpersönlichen Dimensionen genauer zu untersuchen. Weit davon entfernt, eine objektive Wahrheit anzustreben, bleibt er immer der filmende Vater, der bei der WHO, der Pharmaindustrie und impfkritischen Ärzten auf unnachahmlich naive Weise nachfragt und schließlich zu einem Fazit kommt, das die ideologisch schwer umkämpfte Debatte ziemlich gut zusammenfasst. Ohne Angst vor Klischees wendet Sieveking sein großes und durchaus politisches Thema so lange hin und her, bis es ihm gelingt, seine ganz eigene, private Entscheidung zu fällen.

Luc-Carolin Ziemann


Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, Gedanken-Aufschluss, DEFA-Förderpreis