Filmarchiv

Internationales Programm 2019
Khatemeh Hadi Zarei, Mehdi Zarei

Die 14-jährige Khatemeh lebt im iranischen Shiraz in überaus restriktiven Strukturen. Sie büxt aus, um sich aus einer Zwangsheirat zu lösen. Doch der Fall liegt alles andere als klar.

Khatemeh

Dokumentarfilm
Iran
2018
90 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

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Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Satar Oraki
Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Babak Heidari
Alireza Alavian
Die Strukturen in Khatemehs Familie, die ursprünglich aus Afghanistan stammt, aber seit über dreißig Jahren in der iranischen Stadt Shiraz wohnt, sind starr. Die Vierzehnjährige wurde an einen Mann verheiratet, der doppelt so alt ist wie sie. Vor ihr war er mit Khatemehs älterer Schwester liiert, die sich allerdings das Leben genommen hat. Er sagt: „Als sie starb, wollte ich ihre Schwester zur Frau nehmen, weil sie sich so ähnlich sehen.“ Psychische Probleme seien, laut Aussage der Männer des Hauses, allen Frauen der Familie gemein. Und jetzt ist Khatemeh auch noch ausgebüxt, in eine Art Frauenasyl, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat. Sie will die Scheidung. Einige männliche Verwandte suchen die Einrichtung auf, um Khatemeh mitzunehmen. Ihr Bruder meint: „Der Tod ist besser, als eine Hure zu sein.“

Auf den ersten Blick scheint die Lage klar. Im Verlauf des Films kommt es jedoch zu immer mehr Unstimmigkeiten. Insbesondere Khatemeh wechselt unberechenbar zwischen mentalen Zuständen. Mal verflucht sie ihre Familie und kämpft für ihre Freiheit, dann bittet sie die Frauen der Obhut gebenden Organisation auf Knien, unter allen Umständen heimkehren zu dürfen. Andere Mädchen, die ebenfalls im Haus Zuflucht fanden, werden von ihr teils heftig angegangen. „Khatemeh“ ist wie ein Wüstensturm, der immer wieder die Sicht trübt, um ein neues Bild zu offenbaren, wenn er sich gelegt hat.

Carolin Weidner
Next Masters Wettbewerb 2018
Sentenced to Death Ahmad Jalili Jahromi

Ein Gruppenporträt selbstbewusster Verbrecherinnen im Iran: weder charismatische Bad Girls noch Opfer der Umstände, sondern Frauen mit Weichheiten und Kanten, jenseits gängiger Klischees.

Sentenced to Death

Dokumentarfilm
Iran
2018
48 Minuten
Untertitel: 
englische

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Didar Shomali, Ahmad Jalili Jahromi
Ahmad Jalili Jahromi
Abbas Sarafraz
Sajjad Avarand, Ali Baghaei
Ahmad Jalili Jahromi
Ahmad Jalili Jahromi
Ensiyeh Maleki
Ein Gruppenporträt böser Frauen im Iran. Eine von ihnen, Marjan, handelte seit ihrer Kindheit mit Drogen. Sie saß im Gefängnis wegen Bandenkriminalität in Verbindung mit bewaffnetem Raub und Entführung. Zusammen mit anderen Insassinnen, zum Teil wegen Mordes verurteilt, gründete sie eine Theatergruppe, die auch außerhalb des Gefängnisses spielen durfte. Die Arbeit schweißte die Frauen zusammen, veränderte auch ihre Anschauungen und Prioritäten, aber krempelte sie nicht zu neuen Menschen um. Ebenso wenig bewirkte sie einen Aufschub von Urteilsvollstreckungen – unter Umständen die Todesstrafe. Während der Proben erfährt eine Mitspielerin, Safieh, dass anderntags die Hinrichtung auf sie wartet.

Regisseur Ahmad Jalili Jahromi begegnet seinen Protagonistinnen auf Augenhöhe, macht sich weder zum Anwalt noch zum Richter der Frauen und schon gar nicht zu ihrem Bewährungshelfer. Erstaunlich, wie es dem Filmemacher gelingt, seine Erzählung um die Klischees von tragischem Opfer oder charismatischer Gangsterbraut herumzumanövrieren. Ebenso erstaunlich, wie wenig in diesem Film um reflexhafte Zuneigung oder Mitleid gebuhlt wird. Nichts gegen Zuneigung und Mitleid, aber vor allem im Kino sind es halt nur Reflexe und als solche relativ leicht zu bedienen. „Sentenced to Death“ nimmt den schwereren Weg.

Ralph Eue

Tan

Dokumentarfilm
Frankreich,
Iran
2018
72 Minuten
Untertitel: 
englische

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Elsa Klughertz (Jonas Films), Ali Shirkhodaei (Reyhan Film)
Elika Hedayat
9T Antiope
Ali Shirkhodaei
Maxence Voiseux
Elika Hedayat
Amaury Arboun, Vincent Pateau
Elika Hedayat unterscheidet: die Körper, die ihr als Modelle in den Zeichensälen zur Verfügung gestellt werden. Und jene, die ihr in ihren Gedanken begegnen. Zweitere sind versehrt, teils monströs, ihnen fehlen Körperteile und in den Gesichtern finden sich Ausdrücke von Pein. Hedayat begibt sich auf die Suche nach den realen Personen hinter den Figuren, die ihr die Vorstellung längst gegen die eigene Hirnwand projiziert. Sie trifft iranische Männer, deren Leiber der Krieg geschunden und damit geformt hat. Aber auch solche, die sich mittels Disziplin Körpermasse hinzu trainieren und auf diese Weise das Fehlen der Arme und Beine der anderen auszugleichen scheinen. Die junge Frau ist fasziniert vom menschlichen, männlichen Körper, der für sie möglicherweise Resultat und Abdruck eines viel größeren ist – des gesellschaftlichen. „Tan“ ist die filmische Untersuchung dieses Zusammenhangs, den Hedayat intuitiv erfasst. Gemeinsam mit einigen Protagonisten taucht sie ganz buchstäblich in die Tiefen und sucht auf dem Grund, nach dem Grund. Dem der anderen, aber auch dem eigenen.

Carolin Weidner
Next Masters Wettbewerb 2015
Wedding: A Film Mohammadreza Farzad

Jede Menge Hochzeitsfilme. Eine Kinderfantasie in Zuckerguss. Archiv-, Amateur- und eigenes Filmmaterial famos montiert: Reflexion über ein merkwürdiges Ritual.

Wedding: A Film

Dokumentarfilm
Iran
2015
57 Minuten
Untertitel: 
englische

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Mohammadreza Farzad
Mohammadreza Farzad
Majid Mohammad Gholi
Farahnaz Sharifi
Mohammadreza Farzad
Mehrshad Malakouti
Dieser Film liefert jede Menge Hochzeit. Oder besser gesagt: jede Menge Hochzeitsfilme. Auch den von Mohammadreza Farzad, der dieses Material zu einem poetischen Essay über den merkwürdigen Brauch, einer Liebe Form und Regelwerk zu verpassen, verarbeitet. Hinter ihm liegt, wenig überraschend, eine Scheidung, die den Anlass für eine mitunter subversive Betrachtung des (laut Werbung) „schönsten Tags im Leben einer Frau“ liefert. Medial ein reiner Fake (hat man jemals eine Braut gesehen, die die Treppe hinunterfällt?), ist die Wirklichkeit im Hochzeitsfilm eine Kinderfantasie in Zuckerguss. Oder nicht?

Lustvoll durchforscht der Regisseur das Material nach Zeichen künftiger Entzweiung. Dieser Streifzug durch Hochzeitsgenerationen führt immer wieder zu kurzen Blicken nach Außen, dessen Aussparung (böse Realität, Politik, Krieg) im Hochzeitsfilm das Glück fest an das Innen, die Familie, kettet. Eine Spekulation: Was wäre geschehen, wäre Farzad am Tag der Hochzeit seiner aufrührerischen Fantasie gefolgt? Jedenfalls hätte es dann keine Scheidung gegeben, aber auch keinen Grund für diesen Film. Formal eine gelungene Mischung von Archiv-, Amateur- und eigenem Filmmaterial in famosen Schnittsequenzen, einem privaten Hochzeits-Loop und jeder Menge gedanklicher Anstöße, ist „Wedding: A Film“ auch eine Reflexion über die Last der persönlichen Entscheidung.

Matthias Heeder