Filmarchiv

Jahr

Internationaler Wettbewerb (ab 2015) 2016
A157 Behrouz Nouranipour

Im UNHCR-Zelt A157 im Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenze hocken drei jesidische Mädchen: dem IS entkommen, vergewaltigt, geschändet, schwanger. Der Versuch einer Bewältigung.

A157

Dokumentarfilm
Iran
2015
70 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Behrouz Nouranipour (Soureh Documentary Centre)
Behrouz Nouranipour
Mehdi Azadi
Behrouz Nooranipour, Kamran Jahedi
Behnam Sheikhahmadi
Zu den abscheulichsten Taten des IS gehört der physische und kulturelle Genozid an den jesidischen Kurden im Irak. Nach der Eroberung der Shingal-Region westlich von Mossul begann die Terrormiliz mit der systematischen Ermordung der männlichen Bevölkerung, während Tausende Kinder, Mädchen und Frauen verschleppt, versklavt, zwangsverheiratet oder vergewaltigt wurden. Nur wenigen gelang die Flucht, und die, die überlebten, sind für den Rest ihres Lebens gebrandmarkt. So wie die Schwestern Hailin und Roken und deren Freundin Soolaf, die in einem UNHCR-Zelt mit der Nummer A157 in einem Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenze hausen. Ein erbärmlicher Ort – kalt, regnerisch und so bedrückend wie das Leid der Mädchen, das sich tief in deren Gesichter eingegraben hat.

In seiner Annäherung an das Schicksal seiner Protagonistinnen reduziert der iranische Filmemacher Behrouz Nouranipour die visuelle Ebene fast ausschließlich auf das Innere des Zelts. Hier hocken die Mädchen tagein tagaus, erwartungslos, allein und schutzlos. Ihre Erinnerungen an das alte Leben und dessen Träume, an die Eltern und Geschwister, die irgendwo verschollen sind oder tot, und die Schilderung der Gräuel, die die Dschihadisten an ihnen begangen haben, beschwören das Bild einer Entmenschlichung, die zutiefst verstört. Wer könnte vor diesem Leid sein Herz verschließen?

Matthias Heeder


Nominiert für Young Eyes Film Award
Internationaler Wettbewerb (ab 2015) 2019
Family Relations Nasser Zamiri

In der iranischen Großfamilie sind alle gegen den Vater und der Regisseur versucht, im Dschungel der verschiedenen Aussagen den Durchblick zu behalten. Eine tragikomische Familiensaga.

Family Relations

Dokumentarfilm
Iran
2019
77 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Nasser Zamiri
Nasser Zamiri
Nasser Zamiri
Nasser Zamiri, Neda Asadi
Über fünfzig Verwandte versammeln sich auf einer engen Terrasse zum Familienfoto. Gleich am Anfang bittet der Regisseur diejenigen wieder zu gehen, die nicht am Film teilnehmen wollen. Die Hälfte verlässt das Bild. Die Bleibenden geben somit ihr Einverständnis. Was folgt, ist die tragikomische Nacherzählung einer iranischen Familiensaga, bei der sich alles um das Oberhaupt dreht: um „Haji Baba“, den Vater. Boshaft sei er und mische sich überall ein. Seine Kinder und seine Frau, die ihn verlassen hat, erheben schwere Vorwürfe, reichen eine Beschwerde gegen ihn ein. Wie so oft geht es ums Erbe. Haji Baba widerspricht allem. Doch wer hat Recht?

In seiner filmischen Familienaufstellung versucht der Filmemacher, im Dschungel der verschiedenen Aussagen den Durchblick zu behalten. Eine direkte Konfrontation zwischen den Parteien stellt er nicht her, vielmehr gibt er allen Familienmitgliedern eine Bühne, mit überraschenden Mitteln und viel Humor. Liebevoll zeigt er den Verstoßenen, der in jeder Situation ein Gedicht vorzutragen oder ein romantisches Lied vorzusingen weiß. Insgeheim träumt Haji Baba von Berühmtheit, die ihm dieser Film hoffentlich einbringen möge.

Annina Wettstein
Internationales Programm 2019
Khatemeh Hadi Zarei, Mehdi Zarei

Die 14-jährige Khatemeh lebt im iranischen Shiraz in überaus restriktiven Strukturen. Sie büxt aus, um sich aus einer Zwangsheirat zu lösen. Doch der Fall liegt alles andere als klar.

Khatemeh

Dokumentarfilm
Iran
2018
90 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

Credits DOK Leipzig Logo

Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Satar Oraki
Hadi Zarei, Mehdi Zarei
Babak Heidari
Alireza Alavian
Die Strukturen in Khatemehs Familie, die ursprünglich aus Afghanistan stammt, aber seit über dreißig Jahren in der iranischen Stadt Shiraz wohnt, sind starr. Die Vierzehnjährige wurde an einen Mann verheiratet, der doppelt so alt ist wie sie. Vor ihr war er mit Khatemehs älterer Schwester liiert, die sich allerdings das Leben genommen hat. Er sagt: „Als sie starb, wollte ich ihre Schwester zur Frau nehmen, weil sie sich so ähnlich sehen.“ Psychische Probleme seien, laut Aussage der Männer des Hauses, allen Frauen der Familie gemein. Und jetzt ist Khatemeh auch noch ausgebüxt, in eine Art Frauenasyl, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat. Sie will die Scheidung. Einige männliche Verwandte suchen die Einrichtung auf, um Khatemeh mitzunehmen. Ihr Bruder meint: „Der Tod ist besser, als eine Hure zu sein.“

Auf den ersten Blick scheint die Lage klar. Im Verlauf des Films kommt es jedoch zu immer mehr Unstimmigkeiten. Insbesondere Khatemeh wechselt unberechenbar zwischen mentalen Zuständen. Mal verflucht sie ihre Familie und kämpft für ihre Freiheit, dann bittet sie die Frauen der Obhut gebenden Organisation auf Knien, unter allen Umständen heimkehren zu dürfen. Andere Mädchen, die ebenfalls im Haus Zuflucht fanden, werden von ihr teils heftig angegangen. „Khatemeh“ ist wie ein Wüstensturm, der immer wieder die Sicht trübt, um ein neues Bild zu offenbaren, wenn er sich gelegt hat.

Carolin Weidner