Filmarchiv

Internationales Programm
My Home, in Libya Martina Melilli

Mithilfe des jungen Mahmoud blickt die Regisseurin aus dem italienischen Padua aus der Ferne nach Tripolis – auf der Suche nach der Geschichte ihrer Großeltern.

My Home, in Libya

Dokumentarfilm
Italien
2018
66 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Edoardo Fracchia, Stefano Tealdi, Elena Filippini
Martina Melilli
Nicola Ratti
Nicola Pertino
Enrica Gatto
Martina Melilli
Matteo Valeri
Der Urgroßvater der Regisseurin emigrierte Mitte der 1930er Jahre, mitten im Kolonialkrieg, den Italien gegen Libyen führte, von Sizilien nach Tripolis und beschloss zu bleiben. Aus Gesprächen mit ihrem Großvater in Padua, aus Fotos, coram publico improvisierten Straßenskizzen, Polaroids und Erinnerungen formt Martina Melilli das Bild einer Stadt in der Ferne. Da die Filmemacherin kein Visum für Libyen bekommt, bittet sie den jungen Mahmoud, ihr Auge in Tripolis zu sein. Aus den Chats zwischen ihr und ihm ergibt sich ein komplexes Bild der wechselvollen und teils gewalttätigen Beziehungen zwischen Italien und Libyen, aber auch ein neuer Blick auf den Alltag der beiden. Die Suche nach der richtigen Tür, dem passenden Balkon zu den Erinnerungen der Großeltern, nach den Brachen, in denen in Tripolis einst Kinos ihr Alltagsgeschäft verrichteten, stehen neben der Gegenwart: Stagnation in Libyen, Sterben im Mittelmeer, Kommunikation via Internet. „Ich will so nah rankommen, wie ich kann“, postuliert eine eingeblendete handschriftliche Notiz. Die Nähe stellt sich her: auf Umwegen, auf Umbildern, auf Umschriften – vermittelt und in ihrer Vermitteltheit authentisch.

Fabian Tietke
Internationales Programm
Open to the Public Silvia Bellotti

Zwischen Kratzbürstigkeit und gemeinsamem Lächeln – die Beratungsstelle für Sozialmieter in Neapel als Lebensbühne und gemeinsame Gefühlsfront gegen das bunte Tier der Bürokratie.

Open to the Public

Dokumentarfilm
Italien
2017
60 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Antonella Di Nocera
Silvia Bellotti
Silvia Bellotti
Silvia Bellotti
Lea Dicursi
Silvia Bellotti
Marco Saitta
Morgengrauen in Neapel, Leuchtstoffröhren öffnen blinzelnd ihre Augen in einem Büro. Sie wecken mit ihrem Licht in den hohen cremefarbenen Altbauräumen die Registraturen und Stapel von Pappheftern, aus denen einzelne Formulare hervorlugen und auf lange Vorgänge verweisen. Die Ruhe erstirbt in aufkommendem Gemurmel und ersten Unmutslauten: Ein Vordrängler an einem der beiden wöchentlichen Öffnungstage der Beratungsstelle für Sozialmieter. Der Tag nimmt Fahrt auf. Die adrett gekleidete Signora – eine von den auffällig vielen Witwen – und der lässige Berater spielen leidenschaftlich ihre Rollen zwischen Kratzbürstigkeit und gemeinsamem Lächeln: „Sie lassen uns nie ausreden.“ – „Bei dem Mist, den ich mir von den Leuten anhören muss, ist es besser, wenn ich spreche.“ Und ganz beiläufig hat die Hand wieder eine Papierseite an den richtigen Platz verbracht.

Vier Tische in einem Raum mit offener Tür zu den Wartenden im Gang – Silvia Bellottis Film tänzelt dezent um Gespräche, quetscht sich wachsam in der Enge dieser besonderen Lebensbühne in Position. Hier verhandeln Verzweifelte, Fordernde, Einsichtige mit den Beraterinnen und Beratern über existenzielle Wohnungsnöte. In dem Gewusel befinden sich die Angestellten und Psychologen des Alltags an der Gefühlsfront, versuchen das bunte Tier der Bürokratie zu zähmen und eine Lücke in den unzähligen Vorschriften für ihre Klienten zu finden.

André Eckardt


Lobende Erwähnung Healthy Workplaces Film Award

Pierino

Dokumentarfilm
Italien
2018
70 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Andrea Zanoli
Luca Ferri
Luca Ferri, Samantha Angeloni
Stefano P. Testa
Stefano P. Testa, Luca Ferri
Luca Severino
Pierino ist ein Rentner mit heiterem Gemüt, alleinstehend und Filmliebhaber. Sein strukturierter Alltag verläuft nach dem immer gleichen Wochenrhythmus. Montags und freitags Einkaufen sind Fixpunkte, genauso wie der regelmäßige Besuch am Grab der Mutter oder beim Frisör – außer das Wetter spielt gerade nicht mit.

Luca Ferri begleitet den gut organisierten Pensionär ein Kalenderjahr lang, beginnend im Januar. Die Aufnahmen sind an seinen Zeitplan angepasst. So finden ihre Treffen jeden Donnerstag exakt um 10:30 Uhr statt und beginnen mit einem Wochenrückblick. Pierino lässt sich von der Kamera nicht stören, denn er kommentiert gern, was er erlebt. Er erweist sich als Zeitgenosse mit detailliertem Gedächtnis und großem Allgemeinwissen. Die Akribie seines Protagonisten schlägt sich nicht nur in der Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der vom Filmemacher anberaumten Drehtermine nieder, sondern auch in den filmischen Gestaltungsmitteln. Die Patina der seit Jahren unveränderten Wohnung findet ihre kongeniale Entsprechung in der Musik der Siebziger und in der Materialität: Aufgenommen auf VHS ist der Film eine Verneigung vor der analogen Zeit, die sich im Bild genauso manifestiert wie in Pierinos unzähligen Filmnotizbüchern und in seiner Videokassettensammlung. Die liebevoll-schräge Chronik eines unscheinbaren Alltags.

Annina Wettstein

Una Primavera

Dokumentarfilm
Österreich,
Deutschland,
Italien
2018
80 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Johannes Schubert
Valentina Primavera
Macarena Solervicens
Valentina Primavera
Federico Neri
Valentina Primavera
Valentina Primavera, Macarena Solervicens
Die Fotos aus der Zeit, in der Fiorella und Bruno geheiratet haben, tragen den Index einer verlorenen Epoche. Die Braut – weißes Kleid, Spitzenschleier – blickt leicht nach oben. Eine Art Marienbildnis. Der Bräutigam – schwarzes Haar, schwarzer Anzug – richtet den Blick ins Objektiv: durchdringend und dunkel. Ob sie ihn damals geliebt habe, könne sie nicht sagen, meint Fiorella, die sich gerade das schwere, enzyklopädisch große Hochzeitsalbum auf den Schoß gelegt hat. 40 Jahre liegen zwischen jenen Aufnahmen und der Gegenwart dieses Films – 40 Jahre eines Selbstverlusts, wie Fiorella einmal unter Tränen erzählt.

Valentina Primavera, die jüngste Tochter der Eheleute, reist nun mit der Kamera zurück ins Elternhaus, um eine jahrzehntelange Geschichte des Streits, der Beleidigungen und der häuslichen Gewalt frei- und offenzulegen. Und sie begleitet ihre Mutter bei dem Versuch, sich nach 40 Jahren Ehe endlich und endgültig von ihrem Mann zu trennen. Die Kamera ist ein gnadenloser Apparat. Ihre Gnadenlosigkeit auszuhalten – darin liegt die physische Kraft und Anstrengung dieses Films.

Lukas Stern


Nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts