Filmarchiv

Jahr

Next Masters Wettbewerb 2019
Never Whistle Alone Marco Ferrari

Eine kühle und gerade deshalb atemberaubende Studie zu Korruption und Wahrheit, die mutige Whistleblower „aus der zweiten Reihe“ vorstellt. Politisch, abgründig, aktivierend.

Never Whistle Alone

Dokumentarfilm
Italien
2019
74 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

Credits DOK Leipzig Logo

Priscilla Robledo, Francesco Crespi
Marco Ferrari
Francesco Leali, Alessandro Branca
Stefano Govi
Neil Devetti
Syd Golding
Marco Ferrari
Vito Martinelli
Seit Chelsea Manning und Edward Snowden weiß jeder, was ein Whistleblower ist. Der Geheimnisverrat um der guten Sache willen bringt denen, die sich trauen, kriminelle Systeme offenzulegen, viel Ehre ein. Wer zum Whistleblower wird, verliert aber auch sein (bisheriges) Leben, riskiert Mobbing, Verfolgung und Exil.

Regisseur Marco Ferrari spricht mit sieben Menschen aus seinem Heimatland Italien, die diese Entscheidung getroffen haben, und befragt sie zu ihren Beweggründen und den Folgen – sowohl auf persönlicher Ebene als auch in Hinblick auf das angezeigte Verbrechen. Auch wenn jeder der Sprechenden ganz individuell den Mut aufbrachte, Systemfehler anzuprangern, gleichen sich die Geschichten auf unheimliche Weise: Wer aussteigt und das Richtige tut, ist sofort mit Aggressionen, Einschüchterungen, Korruption, Schikane und Isolation konfrontiert. Polizei und Justiz scheinen nicht ansatzweise in der Lage zu sein, Whistleblower angemessen zu schützen beziehungsweise mit ihren Informationen sinnvoll umzugehen. Ferrari betont nicht die jeweils besonderen Ausprägungen, sondern zeigt mit gezielt überprononcierten Inszenierungen, welche allgemeingültigen Muster von Einschüchterung, Vertuschung und Gedankenlosigkeit korrupten Organisationen zugrunde liegen. Ein wichtiger, spannungsgeladener Film, dessen Akteure wie eine Blaupause für mehr Zivilcourage am Schreibtisch wirken.

Luc-Carolin Ziemann
Spätlese 2019
The Young Observant Davide Maldi

Luca soll Hotelfachangestellter werden, auch wenn er eigentlich ein schüchterner, rebellischer Teenager ist. Eine intime Coming-of-Age-Geschichte in sorgsam gebauten Vintage-Bildern.

The Young Observant

Dokumentarfilm
Italien
2019
85 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Gabriella Manfrè, Davide Maldi, Micol Roubini, Fabio Scamone
Davide Maldi
Freddy Murphy, Chiara Lee
Davide Maldi
Enrica Gatto
Davide Maldi, Micol Roubini
Stefano Grosso, Marzia Cordò, Giancarlo Rutigliano
Um Hotelfachangestellter zu werden, braucht es vor allem eines: Disziplin. Das ist für pubertierende Jugendliche natürlich nicht so leicht. Besonders der schüchterne vierzehnjährige Luca tut sich schwer. Er kann weder ruhig stehen noch möchte er seine zotteligen roten Haare schneiden lassen. Lieber flirtet er im Französischunterricht mit der Lehrerin oder geht im einsamen Wald auf die Jagd. Die gleichermaßen renommierte wie spießige Hotelfachschule langweilt ihn und geht ihm mit ihrer ständigen Routine auf die Nerven: Servietten falten, Gläser polieren, zuhören. Das Problem ist allerdings, dass seine Familie große Erwartungen in ihn setzt.

In einem winzigen Bergdorf in den Alpen aufgewachsen, kennt sich der Junge natürlich mit den Kühen auf dem heimischen Hof aus. Die umliegenden Wälder waren sein Revier, in dem er sich austoben konnte. Nun soll ihn die Schule zähmen, ihm Selbstbeherrschung beibringen und ihm am Ende zu einem ordentlichen Job verhelfen. In ruhigen Vintage-Bildern illustriert der italienische Regisseur Davide Maldi das enge Korsett einer Ausbildungsanstalt, die aus der Zeit gefallen scheint. Antike Holzmöbel, zitronengelbe Wände, junge Herren in schwarzen Anzugwesten und zugeknöpften weißen Hemden. Sie bilden Kostüm und Setting für eine intime Coming-of-Age-Geschichte, in der es um ein Opfer geht: Muss Luca seinen Freigeist aufgeben, um „etwas“ zu werden?

Julia Weigl