Filmarchiv

Kalyug

Dokumentarfilm
Italien
2013
74 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Heidi Gronauer, Lorenzo Paccagnella
Juri Mazumdar
Anke Riester
Giorgio Chiodi
Gero Hecker
Es waren einmal ein Bruder und seine Schwester, die miteinander in Unzucht lebten. Das war der Beginn des Zeitalters Kalyug, der Epoche des Niedergangs in der hinduistischen Kosmologie. Ist es jetzt wieder angebrochen? Für die Bhil, einen uralten Volksstamm, muss es so aussehen. Nicht nur, dass die moderne Gesellschaft sie dazu verdammt hat, als Wanderarbeiter in Armut und Einsamkeit zu leben. Es grassiert auch eine furchtbare Krankheit: HIV. Ein rationaler Umgang mit Ursachen und Wirkung des Virus fällt vor dem Hintergrund eines traditionellen Volksglaubens und der Hierarchie in den indischen Krankenhäusern schwer. Immerhin kommen jetzt Medikamente zu den Patienten. Ein junger Medizinstudent bringt sie ihnen auf seinem Motorrad endlose Kilometer weit durch die karge, staubige Landschaft. Doch sein Kampf um Aufklärung scheint ein Kampf gegen Windmühlenflügel.
„Kalyug“ fesselt durch seine raffinierte, dialektische Erzählweise, in der alte Legenden und die Geschichten der Gegenwart sich wechselseitig durchdringen. Ohne Brüche leitet der Film von der Rahmenhandlung, einem Geschichtenerzähler am Lagerfeuer, zu drei Binnenhandlungen über, die wiederum in der Art eines Reigens miteinander verbunden sind. Ein Motiv stößt das nächste an. Eingebettet in einen ruhigen Erzählfluss, entfalten die archaischen Bilder eine mythische Wirkung – und bleiben doch der Wirklichkeit des Hier und Jetzt verhaftet.

Lars Meyer
Next Masters Wettbewerb 2019
Never Whistle Alone Marco Ferrari

Eine kühle und gerade deshalb atemberaubende Studie zu Korruption und Wahrheit, die mutige Whistleblower „aus der zweiten Reihe“ vorstellt. Politisch, abgründig, aktivierend.

Never Whistle Alone

Dokumentarfilm
Italien
2019
74 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche

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Priscilla Robledo, Francesco Crespi
Marco Ferrari
Francesco Leali, Alessandro Branca
Stefano Govi
Neil Devetti
Syd Golding
Marco Ferrari
Vito Martinelli
Seit Chelsea Manning und Edward Snowden weiß jeder, was ein Whistleblower ist. Der Geheimnisverrat um der guten Sache willen bringt denen, die sich trauen, kriminelle Systeme offenzulegen, viel Ehre ein. Wer zum Whistleblower wird, verliert aber auch sein (bisheriges) Leben, riskiert Mobbing, Verfolgung und Exil.

Regisseur Marco Ferrari spricht mit sieben Menschen aus seinem Heimatland Italien, die diese Entscheidung getroffen haben, und befragt sie zu ihren Beweggründen und den Folgen – sowohl auf persönlicher Ebene als auch in Hinblick auf das angezeigte Verbrechen. Auch wenn jeder der Sprechenden ganz individuell den Mut aufbrachte, Systemfehler anzuprangern, gleichen sich die Geschichten auf unheimliche Weise: Wer aussteigt und das Richtige tut, ist sofort mit Aggressionen, Einschüchterungen, Korruption, Schikane und Isolation konfrontiert. Polizei und Justiz scheinen nicht ansatzweise in der Lage zu sein, Whistleblower angemessen zu schützen beziehungsweise mit ihren Informationen sinnvoll umzugehen. Ferrari betont nicht die jeweils besonderen Ausprägungen, sondern zeigt mit gezielt überprononcierten Inszenierungen, welche allgemeingültigen Muster von Einschüchterung, Vertuschung und Gedankenlosigkeit korrupten Organisationen zugrunde liegen. Ein wichtiger, spannungsgeladener Film, dessen Akteure wie eine Blaupause für mehr Zivilcourage am Schreibtisch wirken.

Luc-Carolin Ziemann

White Men

Dokumentarfilm
Italien
2011
65 Minuten
Untertitel: 
englische

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Enrico Giovannone, Babydocfilm
Alessandro Baltera, Matteo Tortone
Rodolfo Mongitore
Matteo Tortone
Alessandro Baltera, Enrico Giovannone
Alessandro Baltera, Matteo Tortone
Nicolò Angelino
Die Weißen in Tansania, das sind die reichen Siedler. Dahingegen gelten die „white men“, die Albinos, die Weißen unter den Schwarzen, als unterprivilegiert und aussätzig. Aber nicht nur das: insbesondere in der Region um den Viktoriasee geht der Wunderglaube um, wer Körperteile von ihnen besitzt, dem wird plötzlicher Reichtum zuteil. So leben sie wie Freiwild, in der ständigen Gefahr, angegriffen, verstümmelt oder zerstückelt zu werden. Dem Film gelingt es, dieses permanente Gefühl des Ausgeliefertseins spürbar zu machen, indem die Kamera seine Protagonisten bei langen Gängen durch die von schäbigen Hütten gesäumten Straßen verfolgt. Was ist hier Müll, was Mobiliar? Schutzlos wirken sie, die tagtäglich den Spießrutenlauf ertragen müssen, wenn es von allen Seiten schallt: He, white man. Die beiden italienischen Regisseure Baltera und Tortone portraitieren vier von ihnen, zeigen, wie sie ihr Überleben organisieren, wie sie sich wehren. Der Rapper Dixon zum Beispiel, er geht in die Offensive: Als Mr. White schleudert er im örtlichen Kiss Club wütend seine Texte raus. Oder Alfred Kapole, der Vorsteher des Albino Centers, er sammelt all die Horrormeldungen aus der Gegend, helfen kann er in der Regel nicht. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, ist als formale Idee geradezu zwingend, will man die Perspektive der Albinos nachvollziehen. Das Andersartige hat es nirgendwo auf der Welt leicht, aber hier, wo die Straftäter kaum etwas befürchten müssen, bleibt den Albinos die Angst im Nacken.
– Cornelia Klauß