Filmarchiv

Countries

Spätlese
Campo Tiago Hespanha

Inmitten der arkadisch anmutenden Landschaft von Europas größter Militärbasis am Stadtrand von Lissabon treffen Schafe und Bienen auf Ornithologen und für den Einsatz trainierende Soldaten.

Campo

Dokumentarfilm
2019
101 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
João Matos
Tiago Hespanha
Tiago Hespanha, Rui Xavier, Luísa Homem, Cláudia Varejão, Paulo Menezes
Francisco Moreira, Tiago Hespanha
Eva Boliño, Adriana Bolito, Giorgio Gristina, Tiago Melo Bento
Am Stadtrand von Lissabon liegt Europas größte Militärbasis. Soldaten trainieren anhand von fiktiven Szenarien für einen zukünftigen Krieg, die Anwohner hören nachts die Einschläge der Geschütze, ein Junge spielt Klavier. Soldaten wie Hobbyastronomen durchwachen auf ihren Missionen die Nacht, Ornithologen lauern auf den Balzgesang seltener Vögel, Scharfschützen auf Feinde und Zielscheiben. Imker schauen nach ihren Bienen, ein Schäfer hilft einem gebärenden Muttertier: Arkadisch anmutende Landschaften mit Rehen und grasenden Schafen im Morgennebel treffen auf ein modernes Marsfeld („campo de marte“), wie die Kriegsübungsplätze im antiken römischen Reich hießen.

Der Film lässt sich Zeit für seine Beobachtungen. Er hört den Erzählungen der Menschen ebenso zu wie der vom Klang des Kriegsspiels inspirierten Klavierkomposition „Battle in the Stars“. Er lauscht den Schafen, den Vögeln, den Bienen. Darin liegt eine Gleichzeitig- wie Gleichwertigkeit – der Gewalt, der Natur, der Menschen, der historischen wie zukünftigen Schichten, des Materiellen und des Transzendentalen.

Frederik Lang

Insectopedia

Dokumentarfilm
2018
23 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Victor Candeias (DocNomads), Lucie Rego (Hutong Productions)
Antoine Fontaine
Erwan Evin
Antoine Fontaine
Antoine Fontaine
Antoine Fontaine
Arnout Colaert
36 Jahre lang filmte und sezierte ein alleinstehender Chirurg in seiner Brüsseler Wohnung Insekten. 600 Filmrollen mit wundervollen, obsessiv präzisen Aufnahmen und zunehmend wirren Begleittexten zeichnen ein seltsames Psychogramm. Antoine Fontaine stößt bei seinen Recherchen zu Dr. Veroft auf eine Spezies Mann, deren Sozialverhalten auffällig auf Sechsbeiner ausgerichtet ist und die ihr Habitat mit hörbar wuselnden Chitinpanzern und Darth-Vader-Figurinen teilt.

André Eckardt

Outside the Oranges Are Blooming

Dokumentarfilm
2019
20 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Nevena Desivojević, Ivan Milosavjević
Nevena Desivojević
Nevena Desivojević, Cristina Haneș
Nevena Desivojević, Francisco Matos Morreira, Pedro Peralta
Dane Vlaisavljević
Eine einsame, mal nebelverhangene, mal sonnige Bergregion, die Gesänge aus der Kirche eines sterbenden Dorfes, ein einzelner Mann. Unruhig geht er in seinem Haus umher, im Dorf, im Wald – sein Geheimnis gibt er nicht preis. Beobachtungen aus einer abgeschottet wirkenden, ländlichen Gegend Südeuropas mit nicht minder verschlossenen Menschen, geprägt von ihrer Umgebung. Und blühen draußen wirklich die Orangenbäume?

Frederik Lang

All I Imagine

Dokumentarfilm
2017
30 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Pedro Pinho, Leonor Noivo, Luísa Homem, João Matos, Susana Nobre, Tiago Hespanha (Terratreme Filmes)
Leonor Noivo
Finex
Vasco Viana
João Braz, Joana Góis
Leonor Noivo, André Simões
Rafael Cardoso
Emmy legt eine Linie mit Euromünzen aus: „Die trennt mich von dir, siehst du?“ In Wirklichkeit sind es mehr als ein paar Geldstücke, die zwischen Emmy und André liegen, zwei jungen Erwachsenen aus Alcoitão, einer Ortschaft in der Gemeinde Alcabideche bei Lissabon. Leonor Noivo inszeniert auffällig und zudem hochprofessionell, wie es derzeit vermehrt in Arbeiten aus Portugal zu beobachten ist. Dokumentarisch bleibt es dennoch – Noivo ist Zeugin eines biografisch-emotionalen Dazwischen.

Carolin Weidner


Nominiert für Young Eyes Film Award

Lemon Tree

Animationsfilm
2016
5 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Joana Silva (Royal College of Art)
Joana Silva
Joana Silva
Tim Webb, Joana Silva
Joana Silva
Joana Silva
Alice de Barrau, Mike Wyeld
Eine Biografie, erzählt anhand eines verlassenen Raumes. Wie Lebensphasen folgen Farbtöne aufeinander. Sie tauchen Möbel und Pflanzen ins Licht der Erinnerungen. Der Raum scheint organisch auf die Zeitsprünge zu reagieren. Erfahrungen aus drei Generationen von Joana Silvas Familie bilden den Kern der Hauptfigur, die die Regisseurin so beschreibt: ein „unbekanntes Familienmitglied, dessen Körper sich aus Fragmenten meiner selbst zusammensetzt“. Animiert wurden kleinste Gegenstände mit viel Textur.

Nadja Rademacher

Penumbria

Dokumentarfilm
2016
9 Minuten
Untertitel: 
englische
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Rodrigo Areias (Bando à Parte)
Eduardo Brito
Joana Gama, Luís Fernandes
Jorge Quintela
Eduardo Brito, Rodrigo Areias
Eduardo Brito
Pedro Marinho
Wanderer, kommst du nach Penúmbria, hab acht! Denn von hier geht’s nirgendwo mehr hin. Penúmbria ist ein fiktiver Ort am Meer. Die Küste ist schroff. Die Wolken hängen schwer über dem Horizont. Tiefe Traurigkeit tropft aus allen Ritzen und die Infrastruktur liegt schon lange brach. Die Einheimischen hatten sich irgendwann entschlossen, ihr Gemeinwesen einfach dem Lauf der Zeit zu überlassen. Und eines Tages wird man vielleicht sagen: Die Erde ist so unbewohnbar wie Penúmbria. Eine Dystopie.

Ralph Eue

Raw

Dokumentarfilm
2017
150 Minuten
Untertitel: 
englische
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Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona
Carlos Ruiz Carmona, Pedro Ribeiro
„Cru“ heißt „rau“, „roh“ oder auch „wund“. All das ist diese szenische Aneinanderreihung von Carlos Ruiz Carmona – Momentaufnahmen aus der portugiesischen Stadt Porto, die er über einen Zeitraum von bald einer Dekade gesammelt hat. Hier gibt es Filmküsse und heftig kopulierende Körper, zitternde Hände und Sex gegen Geld. Hostien knacken und Zähne werden ausgeschlagen. Die Bilder sind alles andere als glamourös und doch sind sie aufgeladen: Die Menschen in ihnen agieren angespannt und häufig aggressiv. Das Porto von Carlos Ruiz Carmona ist ein Energiefeld, in dem sich allerorts Spannung aufbaut und wieder entlädt, wo Menschen mal Empfänger, dann Sender jener Ströme werden. Der Film wirkt distanziert und dabei gleichermaßen intim, weil sein Regisseur zwar auf direkte Kommunikation verzichtet, aber ein bohrender Beobachter ist. Einer, den vor allem die Oberflächen interessieren, unter denen es brodelt und die kurz vorm Aufplatzen stehen – sei es in Form eines Ekzems, eines Schlags oder einer Geburt.

Carolin Weidner
Internationaler Wettbewerb Animadok
Surprise Paulo Patrício

Wie die flinken und wachen Gedanken der fast vierjährigen Alice fliegen Stift und Pinsel über das Papier. Aufblühende Aquarellkleckse, sich schlängelnde Linien und freundliche Figurenzeichnungen.

2017

Surprise

Animadok
2017
9 Minuten
Untertitel: 
englische
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Nuno Amorim, Vanessa Ventura
Paulo Patrício
Yasuaki Shimizu & Saxophonettes
Paulo Patrício
Nuno Amorim, Joana Amorim
Daniela Duarte, Carina Beringuilho, Joana Amorim, Ana Sofia Gueifão, Inês Almendra
Paulo Patrício
Duarte Ferreira
Wie die flinken und wachen Gedanken der fast vierjährigen Alice fliegen Stift und Pinsel über das Papier. Aufblühende Aquarellkleckse, sich schlängelnde Linien und freundliche Figurenzeichnungen stülpen die Innenwelt des Mädchens nach außen. Zumeist mit optimistischem Kindermund, zuweilen mit Traurigkeit spricht die Kleine mit ihrer Mutter über ihre Nierenoperation und fragt sehr überlegt, wann sie ihre Niere ohne die Krankheit zurückbekommt.

André Eckardt

The Ashes Remain Warm

Dokumentarfilm
2016
20 Minuten
Untertitel: 
englische
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Christoph Manz, Mónica Martins Nunes
Mónica Martins Nunes
Izandro Fernandes Montrond
Mónica Martins Nunes
Mónica Martins Nunes
Mónica Martins Nunes
Tiago Cutileiro, Mónica Martins Nunes
Pico do Fogo heißt der Vulkan auf den Kapverdischen Inseln, der während seines letzten Ausbruchs die kleine Gemeinde Chã das Caldeiras unter seiner Lava begrub. Wie eine schwarze Flut kam sie und hat nichts ausgelassen. Zu sehen ist jetzt eine meterhohe Decke verschlungener Formen, aus der einzelne Dächer lugen. Doch nach und nach kommen die Farben zurück – neues Grün sowie die Menschen, die das Gebiet nicht verlassen wollen.

Carolin Weidner



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube für den besten kurzen Dokumentarfilm im Internationalen Wettbewerb kurzer Dokumentar- und Animationsfilm

The Moon the Sun and the Musketeers

Dokumentarfilm
2017
20 Minuten
Untertitel: 
_ohne Dialog / Untertitel
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Erika Winkler (Doc Nomads, Golden Apricot)
Vahagn Khachatryan
Vahagn Khachatryan, Rajan Kathet
Tigran Baghinyan, Vahagn Khachatryan
Vahagn Khachatryan
Vasco Pimentel, Katherina Harnack
Schön ist der bepflanzte Steinkübel, der unter einer Arkade steht, während auf der Straße jemand versucht, den Motor seines Fahrzeugs anzuwerfen. Und was ist das da, hinter der Säule? Der Schwanz eines Hundes? Mit unauffälligen, doch wohlkomponierten Bildern hat man es hier zu tun, in welche sich die Menschen (zumeist alte) einfügen – ruhig und in Eigenart. Sie rubbeln Lose und hacken Holz, trinken Kaffee und sitzen auf Bänken. Bis nachts das Dorf heimgesucht wird …

Carolin Weidner

Pulse

Dokumentarfilm
2015
26 Minuten
Untertitel: 
englische
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Robin Petré, Doc Nomads
Robin Petré
András Emszt
Robin Petré
Robin Petré
María Grazia Goya
Robin Petré
Rudolf Varhegyi, Asia Dér, María Grazia Goya, Kimberly Ivany, Tanya Haurylchyk
Wenn Hirsche in Gefangenschaft gehalten werden, dann verläuft mitten durch das einzelne Tierindividuum die Grenze zwischen Autonomie und Knechtschaft. Das Verhältnis zwischen dem Machtanspruch des Menschen und der authentischen Eleganz des Wildtiers muss permanent fein austariert werden. Die dänische Filmemacherin Robin Petré hat mit „Pulse“ eine berückend schöne Arbeit geschaffen, in der sich Geschichte und Gegenwart dieser Art von Tierhaltung scharfsinnig gespiegelt finden.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit der Silbernen Taube im Internationalen Wettbewerb kurzer Dokumentar- und Animationsfilm 2016

(Be)Longing

Dokumentarfilm
2014
77 Minuten
Untertitel: 
englische
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Luís Urbano
João Pedro Plácido
João Pedro Plácido
Pedro Marques
João Pedro Plácido, Laurence Ferreira Barbosa
Hugo Leitão
In Uz, einem Weiler im Norden Portugals, leben etwa 50 Menschen. Vier Generationen. Auch die Großeltern des Filmemachers João Pedro Plácido kommen von hier. So kann man vermuten, dass er mit diesem Projekt emotional bereits lange begonnen hatte, bevor an die erste Klappe für den Film überhaupt zu denken war. In Uz verstreicht die Zeit, als gäbe es keine Uhr. Wenig passiert, vieles geschieht. Den Takt schlagen die Elemente. Organisch entwickelt sich die Geschichte eines dörflichen Jahres zwischen Viehtrieb und umgestürztem Mistwagen, Ernte und Schlachtfest, Vesper und Feuerwerk, Beichte und Sehnsucht. Auch Charaktere nehmen wie selbstverständlich Kontur an. Gar eine Boy-meets-Girl-Story zwischen Daniel, dem jüngsten Burschen dieser Dorf-Community, und einer jungen Frau aus der näheren Umgebung schält sich aus den Ereignissen heraus. Bewegend, wenn Daniel darüber nachsinnt, was einem wie ihm vermutlich als die normale Zukunft seines Beziehungslebens bevorsteht, nämlich eine Thailänderin oder Brasilianerin im Internet zu „bestellen“. Noch bewegender, dass ihm (und der Brasilianerin oder Thailänderin) das zumindest vorerst erspart bleibt. Die Zeichnung von Menschen und Ereignissen in diesem Film ist geprägt von einer empfindsamen Nüchternheit, in schöne Balance gebracht zwischen genauer Beobachtung und sparsamer Poesie.

---Ralph Eue

On the Side

Dokumentarfilm
2015
35 Minuten
Untertitel: 
englische
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Patrícia Faria
Filipa Reis, João Miller Guerra
Vasco Viana
Filipa Reis, João Miller Guerra
Filipa Reis, João Miller Guerra
Ruben Costa
Nie wird in Filmen über Geld gesprochen. In schlechten Zeiten wie der jetzigen aber ändern sich die Gedanken der Menschen, ihr Leben und irgendwann auch die Filme. In dieser exzellent fotografierten und montierten Miniatur sprechen die Bewohner eines Vororts von Lissabon ununterbrochen über Geld und die raren Möglichkeiten, es zu beschaffen: Zweit- und Drittjobs, Backen für die Nachbarschaft, den Eltern auf der Tasche liegen, an Couchsurfer vermieten … Ein Reigen des Überlebens in der Krise.

Grit Lemke
Internationales Programm
The Nation That Didn't Wait For God Lucia Murat, Rodrigo Hinrichsen

Die Kadiweu im brasilianischen Mato Grosso spielten einst in einem Film mit. Bestandsaufnahme nach der Ankunft von TV, Alkohol, der Kirche, den Weißen. Ein verlorenes Paradies.

The Nation That Didn't Wait For God

Dokumentarfilm
2015
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Lucia Murat, Paulo Trancoso
Lucia Murat, Rodrigo Hinrichsen
Livio Tragtenberg
Leonardo Bittencourt
Mair Tavares, Lucas Cesário
Lucia Murat
Branko Neskov
Schon die Eingangssequenz, die wie ein Zeittunnel Vergangenheit und Gegenwart verbindet, weist Lucia Murat als große Erzählerin des brasilianischen Kinos aus. 1999 drehte sie im Reservat der Kadiweu im Mato Grosso einen Spielfilm. 13 Jahre später kehrt sie zurück, um das Schicksal verschiedener Protagonisten, die damals kleinere Rollen übernommen hatten, aufzugreifen. Im Kontrast der Bilder von damals mit jenen der Gegenwart werden die Probleme der Kadiweu deutlich: Mit der Elektrifizierung kamen die Fernsehapparate, schließlich der Alkohol und die protestantische Kirche. Wie können Tradition, Sprache und Identität erhalten bleiben, wenn die Jungen in die Stadt gehen? Wenn die Pfarrer die alten Bräuche ablehnen? Wenn weiße Rinderfarmer sich illegal auf dem Gebiet der indigenen Bevölkerung niederlassen? Der Film folgt diesen Fragen in einer assoziativ angelegten Erzählung. Immer wieder gelingt es dieser, entlang kleiner Ereignisse und Details – der Tag der Toten, die Erklärung eines Namens – die Distanz abzumessen, die die Kadiweu von ihrer Vergangenheit trennt. Früher waren sie ein kriegerisches Volk, das auf Pferden in den Kampf zog. Heute waschen sie ihre japanischen Motorräder im Fluss und verhandeln Landrechte über Rechtsanwälte. Und bleiben trotzdem Kadiweu. Das jedenfalls ist das trotzige Statement der Schlusseinstellung dieses bemerkenswerten Films.

---Matthias Heeder

Metaphor or Sadness Inside Out

Dokumentarfilm
2013
32 Minuten
Untertitel: 
englische
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Catarina Vasconcelos
Catarina Vasconcelos
Lucie Troger
Catarina Vasconcelos
Catarina Vasconcelos
Catarina Vasconcelos
Mike Wyeld
Ein junger Mann schreibt seiner Schwester, der Filmemacherin, aus Lissabon nach London. Er gesteht ihr, dass er, neun Jahre nach dem Tod der Mutter, eine Leere in seinem Leben fühlt. Sie antwortet ihm mit einem Film, um jene Leerstelle zu füllen. Der Bruder beschreibt seine Sehnsucht nach einer Zeit, in der er noch gar nicht lebte, eine Vergangenheit, die verloren scheint. Es ist die Zeit der Mutter, die Zeit der Revolution in Portugal, die ein innerlich gebrochenes Land wieder mit sich vereinte. Das Gefühl der Freiheit ist heute für die Nachrevolutionsgeneration, mitten in der Eurokrise, schwer greifbar. Kann man sich in der Zeit rückwärts filmen?
Das körnige Super-8-Material schlägt eine Brücke ins Gestern. Die Kamera sucht Orte von drei Familiengenerationen auf, die sich nur noch halb anfühlen. Auch das Meer gehört dazu, von dem der Großvater einst sagte, es sei eine Metapher für die Welt. Immer wieder kommt der lyrische Wortwechsel zwischen Bruder und Schwester auf das Gefühl der Halbheit zurück. Auf der Bildebene wird nach der anderen Hälfte gesucht, durchaus mit einer feinen Ironie, die den melancholischen Grundton aufhebt. Eine Metapher bleibt schließlich eine Metapher. So entsteht ein selbstreflexives, poetisches Suchbild, in dem das Persönliche stets über sich hinausweist.
Lars Meyer
Dok Internationaler Wettbewerb
Suddenly My Thoughts Halt Jorge Pelicano

Eine psychiatrische Klinik in Portugal. Ein Stück wird geprobt, ein Schauspieler zieht ein, um die Bewohner zu studieren. Wahnsinn, Normalität und am Ende ein halluzinierendes Pferd …

Suddenly My Thoughts Halt

Dokumentarfilm
2014
114 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Renata Amaro, Rosa Silva
Jorge Pelicano
Frankie Chavez, Irene Orta Cintado
Jorge Pelicano
Jorge Pelicano, Pedro Mouzinho
Pedro Miguel Carvalho, Sara Godinho, Rui Pereira
Zugegeben – einen 131. Jahrestag zu begehen, ist ein bisschen schräg. Aber es passt zur Umgebung. Wir befinden uns in einer psychiatrischen Klinik in Porto. Zunächst stellt der Film einige Protagonisten vor – schon das mit einer umwerfenden Kamera und einem Rhythmus im Schnitt, der von der ersten Sequenz an auf die ganz eigene Wahrheit dieses Ortes fokussiert ist. Wie ist er zu beschreiben, dieser schmale Grat zwischen geistiger Normalität und Wahnsinn?
Jorge Pelicano wendet einen listigen dramaturgischen Kniff an, indem er einen Schauspieler einführt. Unter der Leitung ihres Therapeuten bereiten die Patienten ein 131.-Jahrestag-Theaterstück vor. Zu ihnen stößt Miguel, der die Rolle eines schizophrenen portugiesischen Dichters aus dem 19. Jahrhundert spielt. Genauer gesagt: Er spielt ein halluzinierendes Pferd. Tatsächlich zieht er für zwei Wochen in die Klinik, teilt sich ein Zimmer, nimmt teil an den Mahlzeiten, Proben und Therapiesitzungen. Und er greift ein. Fragt nach. Beobachtet. Stellt Situationen her. Improvisiert. Kommunikation Innen-Außen. Wahnsinn-Normalität. Er probt das halluzinierende Pferd, und schon bald sehen wir ihn durch die Anlage galoppieren. Je länger wir ihm und mit ihm diesen wunderbaren Menschen in der Klinik folgen, desto deutlicher wird: Der Übergang ist fließend. Und das zeugt von der großen erzählerischen Klasse dieses außergewöhnlichen Films.
Matthias Heeder