Filmarchiv

Internationales Programm 2012
Die Wiesenberger Martin Schilt, Bernard Weber

Ein Schweizer Jodelchor gewinnt eine Casting-Show, und die Alpenbauern werden zu Superstars im Showgeschäft – mitten in der Heuernte! Gute-Laune-Film mit Juchz-Potenzial.

Die Wiesenberger

Dokumentarfilm
Schweiz
2012
85 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Martin Schilt, Luckyfilm GmbH
Martin Schilt, Bernard Weber
Pantha du Prince
Peter Indergand / Stéphane Kuty / Martin Schilt / Bernard Weber
Mike Schaerer / Stefan Kälin / Dave D. Leins
Martin Schilt / Bernard Weber
Dieter Meyer
Dieser Film räumt mit dem Klischee auf, dass Jodeln nur in der altbackenen Ecke von Musikantenstadl und Co. beheimatet ist. Zwei Jahre lang begleiten die Filmemacher die Wiesenberger Jodler auf ihrem Weg ins Showbusiness. Der Verein besteht aus 20 jodelnden Bergbauern aus der Schweiz. Früher trafen sie sich einmal pro Woche in einer Kapelle, um gemeinsam zu jodeln – bis sie die Talentshow „Die größten Schweizer Hits“ gewannen. Nun nehmen die Hobbyjodler Alben auf und werden mit Angeboten überhäuft. Manche der Bauern stoßen an ihre Grenzen, andere sind berauscht von der neuen Welt, die sich ihnen auftut. Da kommt auch noch das Angebot, die Schweiz auf der Expo in Shanghai zu vertreten – ausgerechnet während des Heumachens im Hochsommer. Spätestens jetzt wird der Erfolg zur Zerreißprobe des Jodelklubs, in dem normalerweise alle Entscheidungen gemeinsam besprochen und basisdemokratisch entschieden werden.
Der Film zeigt uns, wie auch bei unterschiedlichen Auffassungen Zusammenhalt und Freundschaft funktionieren. Er dokumentiert, wie es den Jodlern gelingt, trotz Scheinwerferlichts authentisch zu bleiben. Und ganz nebenbei entstaubt er das Image der Musiker, die im besten Wortsinn Volksmusik machen. Sie werden mit einem Juchzer das Kino verlassen!
– Antje Stamer
Internationales Programm 2012
Mein erster Berg - Ein Rigi Film Erich Langjahr

Der Berg Rigi, für die Schweizer die Mitte der Welt, ein Ort der Arbeit und des Tourismus. Präzise und poetisch, mit jazzenden Alphornklängen. Eine Hymne vom Altmeister des Bergfilms.

Mein erster Berg - Ein Rigi Film

Dokumentarfilm
Schweiz
2012
97 Minuten
Untertitel: 
englische

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Erich Langjahr, Langjahr Film GmbH
Erich Langjahr
Hans Kennel
Erich Langjahr
Erich Langjahr
Erich Langjahr
Silvia Haselbeck
Erich Langjahr mag vielen als der Inbegriff des Bergfilmers erscheinen. Seit den 70er Jahren gehört er zu Leipzig, machte mit der Alpen-Trilogie Furore, bezauberte mit dem „Erbe der Bergler“ – und verkündet nun, seinen (angeblich) letzten Bergfilm vorzulegen. Er widmet ihn der Rigi: einem Gipfel, der einst als Mitte der Welt beschrieben wurde und für die Schweizer irgendwie immer noch ist.
Wie beschreibt man einen Berg? Bei Erich Langjahr vor allem: fern jeder Folklore und poetisch, also konkret. Wieder vereinen sich Präzision und Seele, wenn er sich an die Fersen eines Rigi-Älplers heftet: beim Bäume-Fällen, Pfählen, Betongießen oder Schneeschippen, beim gemeinsamen Mahl mit Freunden, dem Almauf- und -abtrieb und auf den Wegen über den Berg. Dessen Aneignung – auch das eine Konstante der Langjahrschen Philosophie – ist keine der kontemplativen Versunkenheit, sondern stets eine tätige. So wie Langjahrs Kamera einst fasziniert dem Heuen am Berg folgte, vertieft sie sich nun voller Ernst in das Ballett eines Kleinbaggers oder die Virtuosität einer Motorsäge. Denn die Rigi ist kein Refugium der Vormoderne: Hier gibt es Massentourismus ebenso wie futuristische Aussichtsplattformen, Hochhäuser und die unvermeidlichen „Rigi Events“.
Dennoch – auch durch die entrückt jazzenden Alphornklänge – gerät „Mein erster Berg“ zu einer Hymne auf das, was uns (auch in einer säkularisierten Welt) heilig ist – und auf die Schweiz, diesen wunderlichen, fernen Planeten.
– Grit Lemke

Room 69

Animationsfilm
Schweiz
2012
3 Minuten
Untertitel: 
_ohne Dialog / Untertitel

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Claude Barras, Hélium Films
Claude Barras
Patrick Tresch
Crictor
Elie Chapuis
Germano Zullo
Eine Straße in einer ausgedörrten Wüste. Ein Auto fährt auf den Parkplatz eines Motels. Ein Mann mit einem Karton steigt aus und rennt ins Zimmer Nr. 69 … um die Zuschauer damit zu verblüffen, wie knapp eine Geschichte erzählt werden kann.

Virgin Tales

Dokumentarfilm
Deutschland,
Frankreich,
Schweiz
2012
87 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Mirjam von Arx, ican films gmbh
Mirjam von Arx
Adrian Frutiger
Kirsten Johnson, Claudia Raschke
Sabine Krayenbühl
Michèle Wannaz, Mirjam von Arx
Judy Karp, Tammy Davies
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Erwachsenwerden, Ethik, Familie, Individuum und Gesellschaft, Ideologie, Manipulation, Religion/ Religiosität 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde/ Ethik, Politik, Englisch, Geschichte, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

Jungfräulich in die Ehe! Das fordert die evangelikale Purity-Bewegung, die in den Vereinigten Staaten stark im Vormarsch ist. In den USA hat schon jedes achte Mädchen zwischen 8 und 18 ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Mirjam von Arx wirft in ihrem Dokumentarfilm Virgin Tales einen staunenden Blick auf dieses Phänomen.

Im Mittelpunkt des Films steht die Familie Wilson, die in ganz Amerika als Vorreiter der Purity-Bewegung bekannt ist. Mit ihren sieben Kindern stehen die Wilsons stellvertretend für das puritanische, hochkonservative Amerika der Tea Party Bewegung, die mit missionarischem Eifer und ohne Pardon versucht, die Welt nach ihrem Bild zu formen – mit der Bibel in der Hand, aber ohne Darwin, ohne Sexualaufklärung und selbstverständlich ohne Sex vor der Ehe. Stattdessen füllen die pubertierenden Mädchen ihre Mitgifttruhen und tanzen in weißen Kleidern mit ihren Vätern auf speziell ausgerichteten Reinheitsbällen um große Holzkreuze. Die Jungen werden mit improvisierten Schwertern unter hochemotionalen Reden nicht zum Ritter, sondern zum Mann geschlagen und auf ihre Rolle als Führer von Familie und Nation eingestimmt.

Mirjam von Arx ist mit diesem Film ein dichtes Portrait einer ungewöhnlichen Familie und einer immer stärker werdenden Strömung in der amerikanischen Gesellschaft gelungen, deren Ideologie nicht nur den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf im Herbst 2012 prägen wird. Längst hat die Purity-Bewegung auch in Europa Fuß gefasst und die Verfechter konservativer Werte gewinnen mehr und mehr an Boden.

Mädchen in Weiß, die ein Kreuz umtanzen, bevor sie von ihren Vätern unter Tränen der Rührung den „Reinheitsring“ und die „Keuschheitstruhe“ empfangen, die auf „Reinheitstreffen“ über das „reine Warten“ und darüber, wie man beim Tee-Servieren züchtig den Ausschnitt bedeckt, referieren. Jungen, die in Ritterrüstung mit dem Schwert zum künftigen Führer des Landes und der Familie geschlagen werden. Weiße Rosen und die Bibel allenthalben. Was anmutet wie ein karnevalesker Mummenschanz, ist für 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, Ernst, ja heilig. Über anderthalb Jahre begleitete Mirjam von Arx eine siebenköpfige Familie in Colorado Springs, dem Zentrum der Evangelikalen in den USA. Die Wilsons gelten als Aushängeschild der Bewegung, als besonders eifrige Verfechter, die die heute weltweit um sich greifende Tradition der „Keuschheitsbälle“ begründeten. Eine amerikanische Vorzeigefamilie, smart, adrett und alles andere als unsympathisch. Es ist das Verdienst des Films, seine Protagonisten nicht als Kuriosum auszustellen, sondern das Phänomen in seiner Komplexität, mit allen politisch-ideologischen Implikationen zu beleuchten. Denn das Pendant zur Jungfrau ist der Soldat, der GI. In Afghanistan kämpft er – im Einklang mit der keuschen Gattin zu Hause – für die „wahren“ Werte von Gott und Vaterland: gegen Sex vor der Ehe genauso wie gegen Anders-Farbige, Anders-Gläubige, Schwule, Demokraten etc. Selten war das Private so politisch. – Grit Lemke