Filmarchiv

Jahr

Eine Art Liebe

Dokumentarfilm
Deutschland,
Türkei
2012
70 Minuten
Untertitel: 
deutsche

Credits DOK Leipzig Logo

Dirk Schäfer
Dirk Schäfer
Armand Amar
Dirk Schäfer
Dirk Schäfer
Saydelizade
Auch wenn er es nicht so ausdrückt: Nevzat, der 30-jährige Protagonist dieses berührenden Porträts aus der Tiefe der kurdischen Provinz, war Zeit seines Lebens ein Gefangener. Eingemauert zwischen den archaischen Gesetzen der Familienklans und dem Gehorsam gegenüber dem Vater bleibt kein Platz für eigene Wünsche oder Entscheidungen. Nur Arbeit, die er sich nicht aussuchen kann, und ungewollte Verpflichtungen. Geld sparen und das Dorf verlassen. Einmal die Liebe erleben. Doch noch irgendwie ein schönes Leben führen. Der Filmemacher Dirk Schäfer scheint in genau dem Moment in Nevzats Leben getreten zu sein, als sich dessen heimliche Wünsche Bahn brechen und er beginnt, kulturellen Ballast abzuwerfen. Beständig pendelt er zwischen den Baustellen in Istanbul und seinem Dorf. Dort das Versprechen der Metropole, zu Hause die Mauer, die zwischen ihm und seinen Wünschen steht. Auf dieser Ebene erzählt „Eine Art Liebe“ von einem Mann, der an das Recht auf ein ganz persönliches, selbstbestimmtes Glück glaubt. Auf einer zweiten Ebene entwickelt sich sehr vorsichtig, oft nur in einem Blick oder einer Geste gefasst, die Geschichte zwischen Nevzat und dem Regisseur. Dirk Schäfer spricht dessen Sprache, wodurch es ihm möglich ist, zurückhaltend und die gesetzten Grenzen respektierend, in einen direkten Dialog mit Nevzat zu treten. Die Arbeit des Filmemachers besteht darin, uns über das Aufbegehren seines Protagonisten die Tür zu einer Wirklichkeit zu öffnen, die uns fremd und aus der Zeit gefallen scheint. Nevzats Gewinn hingegen ist der Austausch mit dem Deutschen, der wie ein Resonanzboden auf seine Zweifel und Wünsche reagiert. Lehrer nennt er ihn am Ende, weil es sich nicht gehört, den Älteren beim Vornamen zu nennen. Ein Lehrer, von dem er sich aber ebenso emanzipiert wie von seinen kulturellen Zwängen.

Matthias Heeder



Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm 2012

The Others

Dokumentarfilm
Deutschland,
Türkei
2016
66 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Mehmet Aktaş, Said Nur Akkuş, Ayşe Polat
Ayşe Polat
Meryem Yavuz, Armin Dierolf
Eyüp Zana Ekinci
Ayşe Polat
Mustafa Baydemir, Oktay Çağla
Natürlich ist die Wirklichkeit komplizierter, aber es ist ein erzählerisch kluger Griff, mit dem uns die Regisseurin in die Vergangenheit der ehemals armenischen Provinz Van in Ostanatolien einführt. Nur hier gibt es seit Menschengedenken die sogenannte Van-Katze, ein fast mythisches Tier, das Armenier, Kurden und Türken gleichermaßen als kulturelles Symbol verbindet. Über diesen historischen Code erzählt der Film die leidvollen Ereignisse von 1915: der Genozid an den Armeniern. Noch heute sind sie präsent im Gedächtnis der Kurden, die die Dörfer der Vertriebenen übernahmen. Spuren, denen die Regisseurin wie eine Archäologin nachgeht und dabei Schicht um Schicht eine schmerzhafte, schwierige und unterdrückte Geschichte aufdeckt.

Was ist geblieben von der Zeit, als die Menschen hier wie Nachbarn zusammenlebten und nicht als Zeugen ethnischer Differenz? Verfallene armenische Kirchen, Pilgerstätten und die vertrackten Familiengeschichten zwangsassimilierter Überlebender. Deren Nachfahren scheuen bis heute das öffentliche Bekenntnis zu ihrer Abstammung. Schlimmer noch: Die Armenier werden als „die Anderen“ markiert, selbst wenn sie Teil der eigenen Biografie, des genetischen Erbes sind. Sachlich im Stil, mit ruhiger, beobachtender Kamera gedreht und frei von Schuldzuweisungen gelingt Ayşe Polat mit „The Others“ der authentische Blick auf eine noch offene historische Auseinandersetzung.

Matthias Heeder


Nominiert für DEFA-Förderpreis, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts