Filmarchiv

Internationales Programm 2018
Marble Homeland Menios Carayannis

Ingbert Brunk hat im Marmor von Naxos eine Liebe gefunden, die ihn bis dato nicht loslässt. Dies ist ein Film über eine Partnerschaft, eingegangen zwischen Stein und Mensch.

Marble Homeland

Dokumentarfilm
Griechenland
2018
57 Minuten
Untertitel: 
englische

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Skapeta Films, Despina Papadima (Mind clip)
Menios Carayannis
Giorgos Katsanos
Menios Carayannis
Dimitris Giannakopoulos
Bildhauer Ingbert Brunk hat in Naxos seine Liebe gefunden: Marmor. In den Achtzigerjahren kam er nach Griechenland, weil er in Deutschland nicht mehr leben wollte und konnte. In seinen Händen wird der Marmor zart und durchscheinend, verwandelt sich in Kissen oder riesige Ginkgoblätter. Er sagt, es gefalle ihm, ein Fremder in einem anderen Land zu sein, es verschaffe ihm ein Gefühl von Freiheit. Brunk umgibt etwas Geheimnisvolles und Selbstgenügsames, auch eine Weisheit, die sich in seinen Worten vermittelt. Vom künstlerischen Prozess ist die Rede, und wie das Leid als eine Phase der Kreation begriffen werden kann. Brunk erzählt vom Scheitern und Wachsen am Material, analysiert griechische und deutsche Mentalität, findet, man dürfe sich nicht in Gefühlen verlieren, aber genauso wenig dem Verstand und der Logik aufsitzen. Er sucht nach einer Balance, mit welcher er wiederum dem Marmor begegnet. Menios Carayannis filmt Ingbert Brunk mit Faszination und Achtung, fast auch ein wenig schwärmerisch.

Carolin Weidner

Mitra

Dokumentarfilm
Belgien,
Frankreich
2018
82 Minuten
Untertitel: 
englische

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Geneviève de Bauw (Thank You & Good Night Productions), Jean-Laurent Csinidis (Films de Force Majeure)
Jorge León
Eva Reiter, George van Dam
Thomas Schira, Jorge León
Marie-Hélène Mora
Quentin Jacques
Jorge León nimmt die dramatische Geschichte der iranischen Psychoanalytikerin Mitra Kadivar, die in ihrer Heimat gegen ihren Willen in der geschlossenen Psychiatrie festgehalten wurde, zum Ausgangspunkt für ein komplexes Kunstprojekt, aus dem zunächst eine Operninszenierung entstand und später dieser vielschichtige Dokumentarfilm.

Im Film stellt León die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Wahn und Normalität, Krankheit und Gesundheit infrage, indem er kunstvoll verschiedene Schichten von Realität, Dokumentation und Inszenierung miteinander verknüpft. Immer wieder erschüttert er durch die kontrapunktische Kombination des Materials die selbstgewisse Wahrnehmung des Publikums und fordert uns heraus, die eigene Perspektive als eine immer und grundsätzlich begrenzte wahrzunehmen.

Luc-Carolin Ziemann
Internationales Programm 2018
Mom’s Clothes Jordan Wong

Das einst fügsame Kind ist den gemusterten Kleidern seiner Mutter entwachsen. Nun kann es zwischen den verschiedenen Formen von Intimität und Gender navigieren – queer und farbig.

Mom’s Clothes

Animationsfilm
USA
2018
5 Minuten
Untertitel: 
keine

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Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Jordan Wong
Es brauchte länger, um zwischen den verschiedenen Formen von Intimität und Gender navigieren zu können: Als queere und farbige Person fällt man auch in Jordan Wongs Geburtsstadt San Francisco aus dem Rahmen. Wongs Reflexionen über sein Leben und das seiner Mutter werden visuell von animierten Textilien kontrapunktiert. Sanft, kratzig, dünn, stark, blumig, kariert oder mit Raubtiermotiven bedruckt – aus diesen Stoffen entspinnen sich Träume, Selbsterkenntnisse und Fragen.

Nadja Rademacher
Internationales Programm 2018
My Home, in Libya Martina Melilli

Mithilfe des jungen Mahmoud blickt die Regisseurin aus dem italienischen Padua aus der Ferne nach Tripolis – auf der Suche nach der Geschichte ihrer Großeltern.

My Home, in Libya

Dokumentarfilm
Italien
2018
66 Minuten
Untertitel: 
englische

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Edoardo Fracchia, Stefano Tealdi, Elena Filippini
Martina Melilli
Nicola Ratti
Nicola Pertino
Enrica Gatto
Martina Melilli
Matteo Valeri
Der Urgroßvater der Regisseurin emigrierte Mitte der 1930er Jahre, mitten im Kolonialkrieg, den Italien gegen Libyen führte, von Sizilien nach Tripolis und beschloss zu bleiben. Aus Gesprächen mit ihrem Großvater in Padua, aus Fotos, coram publico improvisierten Straßenskizzen, Polaroids und Erinnerungen formt Martina Melilli das Bild einer Stadt in der Ferne. Da die Filmemacherin kein Visum für Libyen bekommt, bittet sie den jungen Mahmoud, ihr Auge in Tripolis zu sein. Aus den Chats zwischen ihr und ihm ergibt sich ein komplexes Bild der wechselvollen und teils gewalttätigen Beziehungen zwischen Italien und Libyen, aber auch ein neuer Blick auf den Alltag der beiden. Die Suche nach der richtigen Tür, dem passenden Balkon zu den Erinnerungen der Großeltern, nach den Brachen, in denen in Tripolis einst Kinos ihr Alltagsgeschäft verrichteten, stehen neben der Gegenwart: Stagnation in Libyen, Sterben im Mittelmeer, Kommunikation via Internet. „Ich will so nah rankommen, wie ich kann“, postuliert eine eingeblendete handschriftliche Notiz. Die Nähe stellt sich her: auf Umwegen, auf Umbildern, auf Umschriften – vermittelt und in ihrer Vermitteltheit authentisch.

Fabian Tietke

My Unknown Soldier

Dokumentarfilm
Tschechische Republik,
Lettland,
Slowakei
2018
79 Minuten
Untertitel: 
englische

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Michal Kráčmer, Sergei Serpuhov
Anna Kryvenko
Andris Dzenitis, Yair Elazar Glotman, David Střeleček
Radka Šišuláková
Daria Chernyak
Anna Kryvenko
Viktor Krivosudský
Prager Frühling, sowjetische Panzer, der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes, das epochemachende Jahr 1968: Ausgangspunkte einer Familiengeschichte zwischen Tschechien, der Ukraine und Russland. „Die Besetzung von 1968 übersetzt sich in einen Mann mit einem Dachshund, der sich berechtigt fühlt, ein junges Mädchen in der Tram anzuschreien, weil er Ukrainisch nicht von Russisch unterscheiden kann.“

Eine Reihe von Fotos aus einem Familienalbum, aus denen ein Mann entfernt wurde, setzt Anna Kryvenko, die als Ukrainerin in Prag Film studiert, auf die Fährte einer Spurensuche nach ihrem Großonkel. Der „unbekannte Soldat“, dem so viele Mahnmale gewidmet sind, dass man beinahe vergisst, dass mit der summarischen Gedenkgeste konkrete Gesichter, Namen, Geburts- und Sterbedaten, vor der Zeit abgebrochene Biografien gemeint sind. Nach anfänglichem Zögern bricht die Familie der Filmemacherin das Schweigen und allmählich fügen sich die Teile zu einem neuen Bild. Familien- und Weltgeschichte kreuzen sich.

Fabian Tietke


Nominiert für den MDR-Filmpreis