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A Goat For a Vote

Dokumentarfilm
2013
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Hasse van Nunen, Maarten van der Ven
Jeroen van Velzen
Alex Boon
Stef Tijdink
Daan Wijdeveld
Jeroen van Velzen
Robil Rahantoeknam
Richten wir den Blick auf das Einüben demokratischer Prozesse am Beispiel einer Schülerwahl im ländlichen Kenia: Was eigentlich ist die Aufgabe eines Schulsprechers? Egal! Geht es doch um das Amt. Um das Prestige. Um die Weichenstellung individueller Karrieren. Die Kandidaten: Magdalena, die es als einzige weibliche Bewerberin traditionell schwer hat. Harry, der bitterarm ist. Um seine Kampagne zu finanzieren, verkauft er Fische und Kokosnüsse auf dem Markt. Said, der Charmeur. Berufsziel: Armeegeneral. Stratege ist er schon jetzt: Fototermin mit dem Vize, der einen Schritt hinter ihm stehen muss, Plakate kleben, Geld bei Verwandten auftreiben. Und dazu dieses verführerische Lächeln! Allen ist klar, dass sie nur durch Wahlkampfgeschenke siegen können. Oder nennen wir es, wie Magdalenas Großmutter, beim Namen: durch Bestechung. Also verteilen sie Süßigkeiten und „little somethings“. Harry gelingt es sogar, seinen Verwandten eine Ziege abzuschwatzen. Fleisch für alle! Einzig bei Magdalena geht es um Inhalte – weshalb sie verlieren wird …
Was lehrt uns das? Die Schule als gesellschaftlicher Mikrokosmos übt ein, was Erfolg verspricht. Wenn der Weg dorthin über Korruption führt, ist das eine Alltagserfahrung in vielen Ländern. Wie heißt es zu Beginn des Films so schön: „Am besten verstehen wir unsere Gesellschaft, wenn wir auf unsere Kinder blicken.“ In diesem Sinne: A vote for a goat!
Matthias Heeder
Dok Internationales Programm
A House in Fog Mokhtar Namdar

Eine Frau, allein auf einem alten Anwesen in den iranischen Bergen. Ein einfacher Alltag mit harter Arbeit und Tieren, gezeichnet in wärmsten Farben. Doch das Idyll hat Feinde …

A House in Fog

Dokumentarfilm
2014
27 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Javad Zahiri
Mokhtar Namdar
Mohammad Rasouli
Emad Khodabakhsh
Mokhtar Namdar
Mehdi Sadeghi, Ali Hasanzadeh
Natürlich ist das Haus viel zu groß für einen allein. Das über Generationen vererbte hundert Jahre alte Anwesen wirkt trotz seiner Hinfälligkeit immer noch majestätisch in dieser idyllischen Hügellandschaft irgendwo im Iran. Es beherbergt jedoch nur noch eine Bewohnerin, Soraiia Hassani, die es bewirtschaftet und in Schuss hält. Sie braucht niemanden, hat sie doch die Tiere und die tägliche Arbeit, die ihrem Leben einen Sinn geben.
Die Kamera malt diesen Alltag in den wärmsten Farben aus und (er-)findet in beiläufigen Arrangements Bilder, die der Malerei näher sind als der Fotografie. Die dunklen Farben dominieren und dennoch kommt kein Gefühl der Einsamkeit auf. So ein Leben wird vorstellbar. Soraiia scheint niemanden zu vermissen, bestenfalls diejenigen, die schon gestorben sind. Aber jedes Paradies hat seine Feinde. Ist es staatliche Fürsorge oder das Gesetz, ist es ihr Geheimnis oder sind es die Gespenster der Vergangenheit, die Soraiia dieses Einsiedlerleben nicht zutrauen, nur weil sie eine Frau ist?
Cornelia Klauß
Dok Internationales Programm
Amerykanka. All included Viktar Korzoun

Häftlingsalltag im gefürchteten KGB-Hauptquartier Minsk, erzählt vom Dissidenten-Poeten Aljaksandr Fjaduta vor Comic-artig animierter Knastkulisse. Bittere Satire à la Erofeev.

2013

Amerykanka. All included

Animadok
2013
52 Minuten
Untertitel: 
englische
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Kasia Kamockaja
Viktar Korzoun
Natalia Shyrko, Eugene Yellow
Viktar Tumar
Viktar Korzoun, Anatoly Todorsky
Alexander Fyaduta, Viktar Korzoun
Taras Senchuk
Das „Amerykanka“ ist das KGB-Hauptquartier und berüchtigtes Folterzentrum in Minsk, Hauptstadt von Weißrussland, der letzten Diktatur in Europa. Unmittelbar nach einer Demonstration gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 19. Dezember 2010 wurden zahlreiche Oppositionelle, unter ihnen Aljaksandr Fjaduta, verhaftet. Drei Monate wurde er im „Amerykanka“ festgehalten, davon annähernd 50 Tage in Einzelhaft. Während dieser Zeit schrieb er den Band „Amerikanische Gedichte“, der die Grundlage dieses mutigen und formal so ungewöhnlichen Films von Viktar Korzun bildet. In dessen Mittelpunkt steht Aljaksandr Fjaduta: seine Verhaftung, die Verhöre, Demütigungen, der Alltag der Haft. Allerdings nicht im traditionellen Interview-Setting, sondern als aktiv Handelnder vor und in animierter Gefängniskulisse. Hierbei schlägt das Realbild des, wie Fjaduta sich selbstironisch beschreibt, „etwas übergewichtigen Protagonisten mit Brille“ beständig um in dessen animiertes Alter Ego und umgekehrt. Dieses in Ermangelung eines realen Drehorts geborene künstlerische Verfahren wird mit großer spielerischer Lust umgesetzt und schafft eine überraschend spöttische Distanz zu den Ereignissen wie zum Zustand des Landes. Und vielleicht ist Spott auch die einzig mögliche Haltung einer Obrigkeit gegenüber, die die Menschen, wie jüngst geschehen, allein deshalb verhaftet, weil sie öffentlich und schweigend gemeinsam in die Hände klatschen.
Matthias Heeder

Ana Ana (I Am Me)

Dokumentarfilm
2013
75 Minuten
Untertitel: 
englische
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Corinne van Egeraat
Corinne van Egeraat, Petr Lom
Ryuichi Sakamoto
Petr Lom, Nadine Salib, Sondos Shabayek, Sarah Ibrahim, Wafaa Samir
Petr Lom
Jeroen Goeijers
Da, wo Zensur herrscht, schlägt die Stunde der Metaphern. Daran hat auch der Arabische Frühling in Ägypten wenig geändert. Die traditionellen Rollenzuschreibungen für Frauen sind die gleichen geblieben. Vorsichtig versuchen vier junge Künstlerinnen aus Kairo, diesen schmalen Grat zwischen Poesie und Verbot in ihren Arbeiten auszuloten. Unter dem Kopftuch müssen sie nach wie vor ihre Wünsche nach Kreativität und Selbstverwirklichung ebenso wie eigene Vorstellungen von Sexualität und Körperlichkeit verbergen. Diesen Zwiespalt zwischen Sein und Schein übersetzt der Film in oszillierende Bilder, die etwas von der Angst und der Anspannung, in der sich die Frauen befinden, erahnen lassen.
Kennengelernt haben der kanadische Regisseur tschechischer Herkunft Petr Lom und die Niederländerin Corinne van Egeraat die vier Theater-, Foto- und Videokünstlerinnen während eines Workshops. Seit 2011 arbeiten sie gemeinsam an diesem Projekt, nicht nur als Akteure, sondern als Co-Autorinnen. Ihre künstlerischen Objekte und Performances fächern ein Kaleidoskop von Assoziationen auf, die die Bildwelt des Films prägen. Altmeister Ryūichi Sakamoto lieferte dazu einen zurückhaltenden, aber wirkungsvollen Score. So ist „Ana Ana“ am Ende ein Poem, das politischer nicht sein könnte.
Cornelia Klauß

Balcony Tales

Dokumentarfilm
2013
36 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ellen Riis
Helle Windeløv-Lidzélius
Christian Schrøder, Max Bering, Peter Johansson, Christer Windeløv-Lidzélius
Adam Morris Philp, Denis Guerra Ribas, Rocío Aballí Hernández
Mette Esmark, Nanna Frank Møller
Helle Windeløv-Lidzélius, Janis Reyes Hernández
Niels Arild
Es gehört zum Alltagswissen der Menschen im Zentrum Havannas, dass man besser in der Mitte der Straße geht und nicht auf dem Bürgersteig, wo einem schon mal ein schadhafter Balkon auf den Kopf fallen kann. Trotzdem: Der Balkon ist ein treuer Freund. Durch ihn sind die Menschen mit den Nachbarn verbunden, den fliegenden Händlern, dem Trubel und dem Geruch der Straße. Ceci hat sein ganzes Leben hier verbracht. Jetzt ist er alt und blind, aber nicht allein. Er hat seinen Balkon, von wo er einkauft, wichtige Neuigkeiten erfährt und nach Edilia rufen kann, einer jungen Frau von gegenüber, die sich wie eine Tochter um ihn kümmert. Diese warme, unspektakuläre Beziehung bildet den Rahmen einer filmischen Liebeserklärung an die Balkone Havannas. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigene Seele und Magie. Bitter ist dran, wer keinen hat. Denn er ist getrennt vom Leben, das sich nur dem Blick von oben als Panorama menschlicher Vielfalt darbietet.
Matthias Heeder

BrückenJahre

Dokumentarfilm
2014
98 Minuten
Untertitel: 
englische
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Peter Benedix
Peter Benedix
Fabian Koppri
Peter Benedix, Andreas Albrecht
Peter Benedix, Andreas Albrecht
Peter Benedix
Fabian Koppri
Einmal im Jahr treffen sich die Kerkwitzer Männer zum Maibaumstellen. Seit 2008 war Peter Benedix dabei, der ihrem und dem Kampf der Lausitzer Dörfer Atterwasch und Grabko gegen die drohende Abbaggerung durch den schwedischen Energieriesen Vattenfall folgte. Vier Jahre nach dem aufsehenerregenden „Heimat auf Zeit“ und hauptsächlich durch Crowdfunding finanziert lotet er jetzt noch tiefer aus, was die viel beschworene „Brückentechnologie“ wirklich bedeutet – in einer Region, deren Wohl und Wehe seit mehr als einem Jahrhundert untrennbar mit der Braunkohle verbunden ist und die ihr gleichzeitig zum Opfer fällt. Was wiegt schwerer: Heimat oder Arbeit?
Neben der Frage, was das mit den Menschen macht, die versuchen, in einem jahrelang andauernden, zermürbenden Protest eine Art normales Leben hinzubekommen, begibt Benedix sich stärker als im ersten Film auf die politische Ebene, die der Argumente. Ihm gelingt das Kunststück, beiden Seiten – den Bergleuten und den Protestlern – Raum zu geben, ohne seine Autorenhaltung zu opfern. Während es zu jedem Argument ein (keinesfalls dummes) Gegenargument gibt, Volksbegehren und Verfassungsklagen scheitern und neue Protestmärsche (von beiden Seiten) organisiert werden, eröffnet in Kerkwitz – scheinbar gegen alle Vernunft – ein Dorfladen, und ein Kind wird geboren. Und die Männer stellen den Maibaum. Aber sie sind schon weniger geworden.
Grit Lemke

Der Zorn junger Männer

Dokumentarfilm
2014
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Uli Kick
Uli Kick
Wolfgang M. Neumann
Waldemar Hauschild, Uli Kick
Gaby Kull-Neujahr
Uli Kick
Thomas Schwarz, Gregor Kuschel
„Du bist eigentlich ein Schmarotzer und eine faule Sau.“ Im Antiaggressionstraining gibt es keine Kuschelpädagogik, sondern Klartext. Acht Jungs zwischen 17 und 22 müssen sich acht Monate lang wöchentlich zur Gruppensitzung einfinden oder anderenfalls eine Haftstrafe antreten. Sie haben geschlagen („Auf den Kopf. Wohin sonst?“), auf ihre Opfer eingetreten, sie krankenhausreif geprügelt. Wenn „der Film losgeht“ und die Wut hochzukochen beginnt („Am Hals. Mir wird’s richtig schlecht.“), werden sie zu den „tickenden Zeitbomben“, von denen Presse und Politik sprechen, seit die Gewalt eine „neue Qualität“ erreicht hat und Todesopfer forderte.
Nun müssen sie etwas machen, das ihnen schwerfällt: über sich reden. Zu vertrauen lernen und nachzudenken, bevor man handelt. In Gesprächen und Rollenspielen werden sie mit ihren Taten, mit der Perspektive des Opfers und vor allem mit sich selbst konfrontiert. An Schmerzgrenzen geraten dabei auch die Pädagogen. Dennoch versuchen sie jede Woche neu, so etwas wie Ziele und Perspektiven zu vermitteln, wo keine sind.
Geschickt entwickelt Uli Kick die filmischen Elemente der Therapie: das Dialogische in Interviews und Gesprächssituationen, das Kammerspielartige in der Konzentration auf wenige Personen und Orte, das Psychodrama. Und vielleicht geht es für die Jungs bei der Therapie um das Gleiche wie beim Film: einmal wirklich gesehen zu werden.
Grit Lemke
Dok Internationales Programm
Dominguinhos Joaquim Castro, Mariana Aydar, Eduardo Nazarian

José Domingos de Morais, einer der großen Akkordeonspieler Brasiliens. Träumerische Zeitreise in ein unbekanntes Land und Steinbruch der Erinnerungen. Mutig und hinreißend.

Dominguinhos

Dokumentarfilm
2014
86 Minuten
Untertitel: 
englische
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Deborah Osborn, Gilberto Topczewski, Felipe Briso
Joaquim Castro, Mariana Aydar, Eduardo Nazarian
Mariana Aydar, Eduardo Nazarian, Duani Martins
Pedro Urano, Tiago Tambelli
Joaquim Castro
Boreal Studio
Di Moretti
Edson Secco, Joaquim Castro
Lieder, die von der Liebe erzählen wie von der letzten Dürre oder dem Geld, dem fehlenden. Keine Frage, die Musik von José Domingos de Morais, einem der großen Akkordeonspieler Brasiliens, ist Volksmusik im besten Sinne. Voller Respekt verneigen sich die drei Regisseure mit ihrem Film vor dem 2013 verstorbenen Künstler. Dieser blieb der Kultur seiner Heimat, des Sertão im Nordosten Brasiliens, Zeit seines Lebens tief verbunden. Im Sertão beginnt auch der Film. Kein Musikerporträt, sondern eher eine träumerische Zeitreise durch ein unbekanntes Brasilien, aus dessen Vielfalt etwas so Wunderbares wie die Musik Dominguinhos‘ entstehen konnte. Dazu nutzen die Filmemacher unterschiedlichste Bildquellen: Archivmaterial der 1940er Jahre über den Sertão der Landarbeiter und Habenichtse, TV-Shows aus den 1950er und 60er Jahren, Interviews mit dem Musiker aus den verschiedenen Lebensabschnitten, große Konzerte in den 2000ern. Tatsächlich arbeiten sie im Steinbruch visueller Erinnerungen – nicht nur denen ihres Protagonisten, sondern ebenso ihrer eigenen und denen des Landes. Diese Erinnerungsarbeit, assoziativ und sprunghaft, bestimmt den Tonfall des Films. Eine Bildsequenz zu einer Melodie, ein Rhythmus zu einer Geschichte, ein Liedtext zu einer kurzen biografischen Notiz. Das ist erzählerisch ein mutiger Entwurf und die Musik ist einfach hinreißend.
Matthias Heeder

Focus on Infinity

Dokumentarfilm
2014
80 Minuten
Untertitel: 
englische
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Joerg Burger, Ralph Wieser, Georg Misch
Joerg Burger
Joerg Burger
Gökce Ince
Joerg Burger
Hjalti Bager-Jonathansson, Sebastian Brameshuber
„Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende“, hat Woody Allen einmal gesagt. Dass ausgerechnet der Großstadtneurotiker in diesem von unendlichen landschaftlichen Weiten, gigantischer Architektur und komplexesten Technologien getragenen Film zitiert wird, hat viel mit den Interviewpartnern und besonders den -partnerinnen zu tun, die Joerg Burger bei seiner filmischen Forschungsreise mit „Focus on Infinity“ ausfindig machte. Sie gehören nämlich nicht nur zu den wohl klügsten und weitblickenden Köpfen unseres Planeten, sie haben auch Humor – und eine innere (oft auch auf physikalisch-astronomischem Wissen ruhende) Gelassenheit in der Betrachtung des menschlichen Lebens.
Kontemplation und Akribie, Perfektionismus und Bescheidenheit – vielleicht sind es diese Eigenschaften, die jene schier endlose Antriebskraft ausmachen, mit der sie der Erkenntnis (oder anders: den Grundfragen der Existenz) nachspüren. Forscher und Theologen, Wissenschaftler und Philosophen, Empiriker und Theoretiker teilen es sich – das Reich der Unendlichkeit. Der Film begleitet sie bei ihren Trips in ein Universum, das an der Schnittstelle von Wahrnehmung, Denken und Imagination liegt, und weitet unseren Blick für das ganz Kleine im ganz Großen. Ein Kleinod, ein Meisterwerk.
Barbara Wurm

Harvest

Dokumentarfilm
2014
82 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Didier Creste
Paul Lacoste
Yvan Quehec
Anthony Brining
Schauplatz: eine kleine Weinregion östlich von Toulouse. Die Zeit: Mitte September. Das Personal: eine Kompanie von etwa 15 Frauen und Männern – mit Lesescheren und Eimern bewaffnete „Zeitsoldaten“ für die paar Wochen der Weinernte. Der Trupp ist in die Rebzeilen eines mittelständischen Anbaubetriebs in der Region Gaillac ausgeschwärmt. Die Statistik führt sie als Erntehelfer, und im soziologischen Jargon heißen sie „prekär Beschäftigte“. Die Akteure selbst würden diese Zuschreibung jedoch nur bedingt für sich akzeptieren. Sie anzuerkennen hieße, einen großen Teil des eigenen Stolzes herzugeben. Eine solche Haltung mag man unrealistisch nennen, aber genau das scheint den Regisseur Paul Lacoste zu interessieren: mehr, was Menschen tun und was sie damit im wahrsten Wortsinn verkörpern, weniger, was sie an Meinungen äußern. Fast beiläufig vermittelt der Film dann aber doch, wie massiv sich die Unsicherheit einer solchen Existenz in den gesamten Habitus seiner Protagonisten eingeschrieben hat. Alle spüren, wie sie dem stummen Zwang der Verhältnisse unterworfen sind. Sie mögen zwar unterschiedlich virtuos im Verdrängen solch emotionaler und mentaler Erkenntnisse sein – die objektiven Effekte lassen sich kaum leugnen.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2014

Dok Internationales Programm
Jedes Bild ist ein leeres Bild Christoph Faulhaber

Ein Videogame-erzeugter Avatar als Alter Ego des Künstlers, der den öffentlichen Raum erforscht. Virtuelle Realität, Überwachung, Videoclip, Dokument, Fiktion und wilder Ritt.

Jedes Bild ist ein leeres Bild

Dokumentarfilm
2014
70 Minuten
Untertitel: 
keine
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Protostyle Pictures
Christoph Faulhaber
Pawel Wieleba, Otto Bode, John Francis, The Superpowers, The Embassadors, Harmony Hopper, Oliver Samlaus, Skuzzle Buzz, Giacomo Puccini, Christoph Faulhaber, Frank Müller et al.
Lukasz Chrobok, Christoph Faulhaber, Daniel Matzke, Jayson Haedrich, Gregor Gärtner, Jens Apitz
Maren Großmann, Anna Werner, Wolfgang Lehmann, Ramon Urselmann, Jonathan Miske
Thorsten Ernst, Christoph Faulhaber
Pawel Wieleba, Modo Bierkamp
Es gibt die Ansicht, dass der öffentliche Raum eine voraussetzungslose Gegebenheit sei, die sich alternativlos (um das Unwort des Jahres 2010 zu zitieren) um uns herum aufgebaut hat. Solchen Vorstellungen tritt Christoph Faulhaber seit geraumer Zeit mit vorgeblich naiven Infragestellungen entgegen. Er widmet Einschüchterungen und Verbote einfach um und nimmt sie als Material für ebenso subversive wie sinnstiftende Einlassungen.
Faulhaber hat klar umrissene Vorstellungen vom „Schauplatz“ der Kunst. Weder nehmen seine Performances im sicheren Atelier Gestalt an, noch kann man sie ausschließlich hinter gut geputzten Scheiben von Galerien begutachten. Vielmehr experimentiert er im Mittendrin der Gesellschaft gegen die Ordnung herrschender Systeme. Nachdem ihm zum Beispiel verboten wurde, eine US-amerikanische Botschaft abzulichten, drehte er den Spieß einfach um und bewachte die Botschaft, damit sie nicht von der Öffentlichkeit fotografiert würde. Diese Aktion dokumentierte er wiederum mit Fotos, die er anschließend auf der documenta 12 ausstellte – natürlich ohne offizielle Einladung –, was auch prompt beendet wurde. Als er danach als deutscher Stipendiat mit legalem Visum in die USA einreisen wollte, wurde er verhört und zur Ausreise gedrängt.
Was in diesem Film aufs Anregendste zu erfahren ist: die Verhandlung von Macht und die Rolle von Bildern in diesem Prozess.
Ralph Eue

Jikoo, a Wish

Dokumentarfilm
2014
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Lucie Bruneteau, Romain Boutin, Christophe Leroy, Adrien Camus
Christophe Leroy, Adrien Camus
Christophe Leroy, Adrien Camus
Christophe Leroy, Adrien Camus, Lucie Bruneteau, Romain Boutin
Christophe Leroy
Christophe Leroy, Adrien Camus
Nichts beruhigt das bürgerliche Weltgewissen mehr als die Einrichtung von Naturschutzgebieten, vorzugsweise in Ländern, die man ansonsten getrost schikanieren darf. Beispielsweise den Senegal, dessen Fischgründe von der EU leer gefischt werden. Den Nationalpark „Delta du Saloum“ an der senegalesischen Atlantikküste zum Weltkulturerbe zu erklären, ist wohlfeil, bringt gute Presse und Ökotourismus. Unpraktisch nur, wenn in dem Gelände Menschen leben, oft seit Generationen, die ihr ganz eigenes Auskommen mit der Natur gefunden haben und die Nachhaltigkeit des Tourismus aus guten Gründen bezweifeln.
Von diesem Konflikt zwischen internationalen Agenturen, vertreten durch die Parkverwaltung und deren Ranger, und den Bewohnern des Dorfes Bakadadji erzählt „Jikoo, a Wish“. Ein sehr einfacher Wunsch, den die Menschen haben: Einen Zaun bitte, damit sie ihre Felder vor den marodierenden Warzenschweinen schützen können, die unter Androhung von Strafe nicht gejagt werden dürfen. Wegen der Ökologie – jedenfalls, soweit die Beteiligten das verstehen. Doch verschwinden die zig Millionen Euro und US-Dollar des Weltgewissens in den Sickerfiltern der nationalen Administration, weshalb es leider, leider kein Geld für einen Zaun gibt. Sollen die Bauern doch für die Ökotouristen tanzen. Dann brauchen sie auch keine Felder mehr. Was also ist zu tun? Der Film beantwortet die Frage nicht. Er hält uns nur einen Spiegel vor.
Matthias Heeder

Mar de Fons

Dokumentarfilm
2014
30 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Sergi Casamitjana, Escac Films
Bruno López, Florencia Luna
Julián Sánchez
Florencia Luna, Dídac Sáez
Bruno López, Dídac Sáez
Bruno López, Florencia Luna
Yago Flaquer, Mar Rosselló
„Wieder ein schlechter Tag!“ So klingt es, wenn sich katalanische Fischer treffen. Das Fischsterben und die Umweltverschmutzung im Großraum Barcelona machen ihnen zu schaffen. Ramón Costa hat in seiner langen Laufbahn dramatische Veränderungen erlebt. Damit ist nicht gemeint, dass er es vom Ruder- zum Motorbootbesitzer geschafft hat – nein: Von 100 Fischerboten sind in seinem Heimatort Badalona gerade einmal sechs geblieben. Eines davon gehört Ramón. Doch auch er denkt daran, das kleine Familienunternehmen aufzugeben, zumal sein älterer Sohn ihm Sorgen bereitet. Eine Strandbar zu eröffnen, wäre lukrativer. Der jüngere, endlich aus der Adoleszenz erwacht, macht ihm zwar neuen Mut. Doch ist der Junior störrisch und besserwisserisch.
All die Probleme ballen sich auf dem engen Raum des Fischerbootes zusammen, wenn Vater und Sohn aufs Meer hinausfahren. Der Film hat alles, was eine kleine Novelle ausmacht. Er erzählt von rastlosen Männern, vom Sterben der Tradition und von der Krankheit der Zivilisation. Im Zentrum steht eine charismatische Hauptfigur. Ramón ist nicht nur ein passionierter Geschichtenerzähler, sondern bemüht sich als Vater rührend um eine Verbindung zu seinen Söhnen, auch wenn sie in einem vollkommen anderen Zeitalter groß geworden sind als er selbst.
Lars Meyer

Marmato

Dokumentarfilm
2014
88 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Stuart Reid, Mark Grieco
Mark Grieco
Todd Boekelheide
Mark Grieco
Ricardo Acosta, Mark Grieco
Noah Conti
Mark Grieco, Stuart Reid
Bob Edwards
Jeden Tag verabschiedet sich Dumar mit einer langen Zeremonie, bestehend aus Küssen und Segnungen, von Frau und Kindern, als wäre es das letzte Mal. Ausgestattet mit dem ideellen Schutz der Familie und dem religiösen der Jesusstatue, die vom Ort Marmato aus mit ausgestreckten Armen die grüne Bergwelt Kolumbiens überblickt, geht es in die Goldmine. Seit über 500 Jahren graben und sprengen die Anwohner klaustrophobisch enge Tunnel in den Berg, der jeden Moment einzustürzen droht. Doch etwas anderes als das Gold haben die Bergleute nicht, auch wenn sie selbst am wenigsten davon profitieren. Seit die Regierung 2006 die Türen für ausländische Konzerne geöffnet hat, herrscht hier internationale Goldgräberstimmung. Mit den uralten Methoden soll nun Schluss sein. Eine kanadische Firma will, angeblich umwelt- und sozialverträglich, den Berg von außen abtragen. Was aber wird aus Marmato? Der Kampf um einen der größten Goldvorräte der Welt beginnt.
Sechs Jahre lang verfolgt Mark Grieco in seinem bereits preisgekrönten Film die komplexe Auseinandersetzung um die Ausbeutung des Bergs, um Existenz und Identität der Einheimischen. Mit der Dichte eines Spannungsromans – und durchaus romantauglichen Charakteren – erzählt er vom wachsenden Widerstand gegen die Globalisierung. Als Kommentar auf die jeweils aktuelle Lage brennt sich der Gold-Aktienkurs in die Stollenwand ein und ein alter Bänkelsänger mit Cowboyhut zupft seine ironischen Liedchen.
Lars Meyer
Dok Internationales Programm
Master and Vassal Michele Cirigliano

Eine Bar in Süditalien, eine Runde grantelnder Typen, viel Bier und ein Kartenspiel mit mysteriösen Regeln. Soziogramm einer alten Welt in der Krise, urkomisch und liebevoll.

Master and Vassal

Dokumentarfilm
2014
72 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Philippe Favre, Hercli Bundi
Michele Cirigliano
Peter Bräker
Aurelio Buchwalder
Anja Bombelli
Roberto Leuzinger
Eine Rückkehr in das Dorf, in dem man aufgewachsen ist. Dazu die Erinnerung, wie man früher als Dreikäsehoch in einer kleinen, schäbigen Bar in Süditalien am Tisch der Männer stand und so erschrocken wie fasziniert die groben alten Kerle beobachtete, die sich mit einem rätselhaften Kartenspiel die Zeit vertrieben, sich dabei beschimpften und systematisch mit Bier betranken. Oder anders: Manche durften trinken und gehörten dazu, andere mussten nüchtern bleiben und waren die traurigen Verlierer. Das war (und ist) Teil der schwer (vielleicht auch gar nicht) zu verstehenden Regeln. „Padrone et sotto“ hieß (und heißt) das Spiel.
Dreißig Jahre später ist alles anders geworden – und doch irgendwie auch gleich geblieben. Die Zeit ist hier hindurchgefegt, längst hat die große Idee von Europa und der globalen Vernetzung auch hier Einzug gehalten. Aber was man früher als Rückständigkeit (mit allen Vor- und Nachteilen) empfunden haben mochte, nennt man heute Strukturschwäche.
Vordergründig zeigt Michele Ciriglianos Film die Freude am Beisammensein unter Freunden. Tatsächlich blickt er in eine abgeschottete patriarchale Gesellschaft, die ihre eigenen Rituale nur noch spielerisch, aber mit größtem Ernst aufzuführen vermag. So entsteht ein faszinierendes Soziogramm, das Ungleichzeitigkeit und universelle Machtmechanismen ergründet.
Ralph Eue
Dok Internationales Programm
Naomi Campbel Camila José Donoso, Nicolás Videla

Paula, Transsexuelle in einem schäbigen Vorort von Santiago de Chile, braucht Geld für die finale OP. Eine Reality-TV-Show bietet sich an … Sehnsucht im Minenfeld der Vorurteile.

Naomi Campbel

Dokumentarfilm
2013
83 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Rocío Romero, Catalina Donoso
Camila José Donoso, Nicolás Videla
Matías Illanes
Nicolás Videla, Daniela Camino
Nicolás Videla, Camila José Donoso
Roberto Collío
Paula Yermén ist eine Transsexuelle, die in einem schäbigen Vorort von Santiago de Chile lebt. Ihr persönliches Drama ist ihre Armut. Denn die Operation, die aus ihr eine vollkommene Frau machen könnte, ist nicht billig. Paulas einzige Chance liegt deshalb in einer Reality-TV-Show, die eine Geschlechtsumwandlung bezahlen würde. Zum Preis einer vollständigen körperlichen und seelischen Entblößung vor dem Publikum. So wie Paulas Geschlecht irgendwie „dazwischen“ liegt, haben auch die beiden Regisseure eine erzählerische Zwischenform gewählt: tagebuchartige Skizzen, die Paula mit einem Camcorder gedreht hat, eigenes dokumentarisches Material und zurückhaltend inszenierte Momente, beispielsweise zwischen Paula und ihrem Liebhaber. Diese Methode macht insofern Sinn, als der Film das Ergebnis ihrer zweijährigen Zusammenarbeit mit Paula darstellt. Sie ist weniger klassische Protagonistin als vielmehr Darstellerin ihrer Selbst im Minenfeld traditioneller gesellschaftlicher Vorurteile. Ihre Sehnsucht, sich in einem neuen Körper neu zu erfinden, steht hierbei in merkwürdigem Widerspruch zu ihrer spirituellen Haltung, die auf ihre halb-indigene Herkunft verweist. Die Geister, die sie um Hilfe anruft, sprechen zur Seele, nicht zu mechanisch hergestellten neuen Körpern. Doch zu dieser Einsicht kann Paula erst gelangen, nachdem sie im Casting scheitert und kein Fluchtweg mehr bleibt.
Matthias Heeder