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Deutscher Wettbewerb
Eingeimpft David Sieveking

Subjektiv-persönlicher Denkanstoß zum Reizthema Impfen. Der Regisseur und Familienvater nimmt das eigene Dilemma zum Anlass für einen humorvollen Film über Risiken, Chancen und Ideologien.

Eingeimpft

Dokumentarfilm
2017
95 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Martin Heisler, Carl-Ludwig Rettinger
David Sieveking
Jessica de Rooij
Adrian Stähli, Kaspar Köpke
Catrin Vogt, Mirja Gerle
Micki Fröhlich
David Sieveking
Björn Wiese
David Sieveking wird in seinen Filmen gern persönlich. Egal, ob es um die Alzheimerkrankheit seiner Mutter oder die eigene Suche nach Transzendenz geht. In seinem neuen Film fokussiert er ein Thema, das die Gemüter in Deutschland erhitzt: das Impfen. Wer schon mal in einer Arztpraxis oder bei einem Elternabend erlebt hat, welche Gräben sich bei diesem Schlagwort plötzlich auftun können, weiß, wovon die Rede ist. Allen anderen sei „Eingeimpft“ empfohlen, denn tatsächlich gelingt es dem Regisseur, die eigene Verunsicherung zum Ausgangspunkt eines spannenden Films zu machen.

Der Grundkonflikt klingt fast ein bisschen zu simpel: Der Vater will impfen, denn das empfiehlt ja der Arzt. Die Mutter will nicht, weil ihr Bauchgefühl dagegenspricht. Diese Pattsituation nimmt Sieveking zum Anlass, den Dissens auch in seinen überpersönlichen Dimensionen genauer zu untersuchen. Weit davon entfernt, eine objektive Wahrheit anzustreben, bleibt er immer der filmende Vater, der bei der WHO, der Pharmaindustrie und impfkritischen Ärzten auf unnachahmlich naive Weise nachfragt und schließlich zu einem Fazit kommt, das die ideologisch schwer umkämpfte Debatte ziemlich gut zusammenfasst. Ohne Angst vor Klischees wendet Sieveking sein großes und durchaus politisches Thema so lange hin und her, bis es ihm gelingt, seine ganz eigene, private Entscheidung zu fällen.

Luc-Carolin Ziemann


Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, Gedanken-Aufschluss, DEFA-Förderpreis

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Deutscher Wettbewerb
Kolyma – Straße der Knochen Stanislaw Mucha

Vergangenheit und Zukunft, aus Knochen gelesen. Ein Roadtrip entlang der Kolyma-Trasse in Russisch-Fernost, vorbei an Sträflingsgebeinen und Pizza-Buden, in aller knochentrockenen Ironie.

Kolyma – Straße der Knochen

Dokumentarfilm
2017
85 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Gerd Haag
Stanislaw Mucha
Eike Hosenfeld, Moritz Denis, Tim Stanzel
Enno Endlicher
Emil Rosenberger, Stanislaw Mucha
Stanislaw Mucha
Tim Altrichter
„Gulasch?“, vergewissert sich die junge Frau, die aus der Durchreiche einer kombinierten Hotdog- und Pizza-Bude an der zugigen Kolyma-Trasse schaut. Nein, Stanislaw Mucha hatte nach „Gulag“ gefragt. Und er ist erstaunt, dass hier, wo das sowjetische Straf- und Arbeitslagersystem über Jahrzehnte Natur- und Lebensräume prägte, der Begriff nicht in aller Munde ist. Überhaupt scheint des Filmemachers Reise im Grunde ein Trip durch Wortlandschaften zu sein. Er beginnt in der Bucht von Magadan, die sich als Einfuhrhafen für die Strafarbeiter den Beinamen „Tor zur Hölle“ verdient hat. Er führt über den „längsten Friedhof der Welt“, wie die von Massengräbern gesäumte Fernstraße vom Ochotskischen Meer nach Jakutsk gelegentlich genannt wird. Aber er kreuzt auch die Wege der Lebenden, der Dagebliebenen und -geborenen, die oft genug anderes zu tun haben, als um den Genius Loci zu kreisen. Begegnungen als anregende Entladungen am Erwartungshorizont – wie jene Stromstöße, mit denen ein am Wegesrand aufgegabelter Hobbyphysiker seinen greisen Vater verjüngen will.

Wenn Gegenwart die Vergangenheit überschreibt, wenn sich Putin- über Sowjetzeit legt, wenn man die ewige Peripherie an ihren Momentaufnahmen mitarbeiten lässt, entstehen knochentrockene Pointen: zum Beispiel dieses Popmusikvideo in Slow Motion, das Mucha einer Mädchentanztruppe im Vorüberfahren spendiert.

Sylvia Görke


Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, DEFA-Förderpreis

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Deutscher Wettbewerb
Muhi – Generally Temporary Rina Castelnuovo-Hollander, Tamir Elterman

Ein palästinensischer Junge, der seinen schwierigen Weg zwischen den politischen Fronten mit einem ansteckenden Lachen meistert. Ein großer, herzzerreißender und ermutigender Film.

Muhi – Generally Temporary

Dokumentarfilm
2017
86 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Hilla Medaila (Medalia Productions), Jürgen Kleinig (Neue Celluliod Fabrik)
Rina Castelnuovo-Hollander, Tamir Elterman
Ran Bagno
Avner Shahaf, Oded Kirma, Rina Castelnuovo-Hollander, Tamir Elterman
Joëlle Alexis
Ronen Geva, Maximilian Bloching
Der sechsjährige Muhi hat ein ansteckendes Lachen und liebt es, seinen Großvater Abu Naim nachzuahmen. Der Junge, der im Gazastreifen als Sohn eines Hamas-Aktivisten geboren wurde, verbrachte sein ganzes bisheriges Leben in einem israelischen Krankenhaus. Er leidet an einer seltenen Autoimmunerkrankung. Mit zwei Jahren mussten ihm Füße und Hände amputiert werden. Im Gazastreifen wäre er zum Tode verurteilt, denn die Gesundheitsversorgung ist desolat. Auf der anderen Seite der Grenze kann er zwar behandelt werden, doch der Preis dafür ist hoch.

Muhi lebt ein paradoxes Leben. Nur sein Großvater durfte ihn nach Israel begleiten. Seit nunmehr sechs Jahren ist dieses Hospital ihr „Zuhause“, fern von der eigenen Familie. Muhi kennt kaum seine Eltern und Geschwister. Sein Vater verurteilt den Staat, der seinen Sohn am Leben erhält, und wünscht, dass der Junge nach Gaza zurückkommt – koste es, was es wolle. Obwohl Muhis Aktionsradius doppelt beschränkt ist, richtet er sich in seinem Alltag ein und schafft es, mit seinem Lebensmut die ihn behindernden Grenzen ad absurdum zu führen. Dennoch schimmert die Unauflösbarkeit seiner individuellen Tragödie in diesem feinfühligen Film in jeder Szene direkt unter der Oberfläche. Am Ende bleibt die Frage, wie es diesem ungewöhnlichen Kind gelingen kann, auch in Zukunft seinen eigenen Weg zu gehen.

Luc-Carolin Ziemann



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb;
Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, DEFA-Förderpreis

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Deutscher Wettbewerb
Nach der Zukunft André Krummel

Ortwin Passon lebt in Berlin, ist HIV-positiv und schreibt an einer Arbeit zum Thema Barebacking. Keine Krankengeschichte, sondern ein Film über die Wunder der Zeit.

Nach der Zukunft

Dokumentarfilm
2017
46 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Sigrid Gairing (Filmakademie Baden-Württemberg)
André Krummel
Tobias Burkardt
André Krummel
André Krummel
Raphaela te Pass, André Krummel
Simon Peter, Erik Lemke
Dass sich die Zeit, und gemeint ist die Lebenszeit, seltsam verschoben anfühlt, dass sie aus ihrer Ordnung brach und ausfranste, wird immer wieder spürbar: Zu Hause, so sagt Ortwin Passon einmal mit einem Bier am Tresen einer Berliner Kneipe sitzend, schaue er gelegentlich in den Flurspiegel und spreche mit sich selbst – über die Zukunft, die hinter ihm läge. Wie fühlt sich diese Gegenwart an, von der man eigentlich dachte, dass man sie nicht mehr erleben würde? Ortwin ist HIV-positiv, hat 1995 seinen letzten festen Freund zu Grabe getragen („zu Tode gepflegt“, wie er es nennt) und arbeitet seit einer Weile an einer Dissertation über Barebacking, das heißt die politische und strafrechtliche Relevanz ungeschützten Analverkehrs unter Männern in Deutschland. Für Ortwin und viele seiner Freunde und Bekannten sind die Fragen nach der eigenen Freiheit und Selbstbestimmung, nach dem Verhältnis von Sex und Gesetz, von Gegenwart und Zukunft, von Tod und Exzess auf besondere Weise existenziell.

André Krummel gelingt eine behutsame aber scheulose filmische Introspektion in die Gefühls-, Gedanken- und Lebenswelt seines Protagonisten. Ein berührend-klarsichtiger Film über das Wunder der Zeiten, die das Leben tragen.

Lukas Stern



Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb;
Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, DEFA-Förderpreis

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Deutscher Wettbewerb
Sandmädchen Mark Michel

Eine Reise in die Innenwelten einer jungen Frau, die trotz ihrer Behinderung einen Weg gefunden hat, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Berührend, poetisch, horizonterweiternd.

Sandmädchen

Dokumentarfilm
2017
85 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Marcie K. Jost, Peter Zorn, Mark Michel
Mark Michel
Ines Thomsen
Andreas Baltschun, Mark Michel, Ed van Megen
Anne Löper
Mark Michel, Veronika Raila
Christian Schunke
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 15 Jahren 
Klassenstufe: ab 9. Klasse

Themen: Inklusion, Behinderung, Erwachsenwerden, Fremdheit, Identität, Vorurteile
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde, Ethik/ Philosophie, Politik, Deutsch, Kunst

Zum Inhalt

„Jeder Mensch ist eine Reise.“ Veronika Raila

Was heißt es, im eigenen Körper gefangen zu sein und nicht gesehen zu werden? Sandmädchen entführt uns in die einzigartige Erfahrungs- und Lebenswelt von Veronika Raila, einer jungen Autistin, hypersensibel und von Geburt an schwer behindert. Raila hat schmerzhaft erlebt, was es heißt, als Person nicht wahrgenommen zu werden. Als Kind wurde ihr ein IQ von 0 attestiert. Allein ihre Eltern glaubten, dass es anders ist. Heute veröffentlicht sie Prosa und Lyrik und studiert Literatur und Theologie. Mit dem vorliegenden Film nimmt sie gemeinsam mit dem Regisseur Mark Michel ihr eigenes Leben in den Blick. Der Film kombiniert ihre Texte und Gedanken mit behutsam ins Bild gesetzten Alltagsbeobachtungen, poetischen Naturaufnahmen und den flüchtigen, aber eindrücklichen Sandanimationen der Künstlerin Anne Loeper zu einem Essay über Freiheit und Wahrnehmung.  

Dabei ist Sandmädchen mehr als die Fortsetzung des preisgekrönten Kurzfilms Veronika, den Michel 2011 über Raila drehte. Heute ist Veronika nicht nur Protagonistin, sondern kreative Partnerin, die den Film mit ihren pointierten Texten trägt und zur Illustration ihres Innenlebens immer wieder detaillierte Bildvorschläge macht. In einem tiefgründigen, teilweise aber auch ausgesprochen humorvollen Dialog mit Mark Michel wird Veronika schließlich selbst zur Reiseleiterin in ihre ganz eigene Welt aus Sand, Musik und Worten.

Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen weniger Veronikas Einschränkungen als ihr Wissensdurst und ihr klarer, bestimmter Blick auf Kunst und Gesellschaft. Sandmädchen gibt einen Einblick in Veronikas Leben und konfrontiert uns mit unseren eigenen Vorurteilen. Der Film ist ein guter Ausgangspunkt für die Diskussion über den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung in den Fächern Gemeinschaftskunde und Ethik und ein Anlass, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wo die Grenzen zwischen Normalität und Behinderung denn gezogen werden können. Wer Veronika in diesem Film erlebt, dem wird klar, dass Kategorien wie „normal" oder „behindert" keinen Sinn ergeben, weil es „die Normalität" nicht gibt. Veronika definiert sich – wie alle Menschen – nicht darüber, was an ihr normal ist, sondern darüber, was an ihr besonders ist. Mit dieser Perspektivverschiebung gelingt es auch den Zuschauenden schnell, die junge Frau als unverwechselbare Persönlichkeit wahrzunehmen. Die im Film genutzte Sandanimationstechnik kann Im Kunstunterricht gut als zweite Darstellungsebene analysiert werden. Die flüchtigen Sandbilder veranschaulichen die zerbrechliche, aber dennoch hochkomplexe Persönlichkeit der jungen Frau auf nahezu perfekte Weise.

Was heißt es, im eigenen Körper gefangen zu sein und nicht gesehen zu werden? „Sandmädchen“ entführt uns in die einzigartige Erfahrungs- und Alltagswelt von Veronika Raila, einer jungen Autistin, hypersensibel und von Geburt an schwerbehindert. Raila weiß, wie es sich anfühlt, als Person nicht wahrgenommen zu werden. Als Kind attestierte man ihr einen IQ von Null. Allein ihre Eltern weigerten sich, das zu glauben. Heute veröffentlicht Raila Prosa und Lyrik, studiert Literatur und Theologie. Mit dem vorliegenden Film nimmt sie gemeinsam mit dem Regisseur Mark Michel ihr eigenes Leben in den Blick. Aus der Kombination ihrer Texte und Gedanken mit behutsam ins Bild gesetzten Alltagsbeobachtungen, poetischen Naturaufnahmen und den flüchtigen, aber eindrücklichen Sandanimationen der Künstlerin Anne Löper entsteht ein Essay über Freiheit und Wahrnehmung. Dabei ist „Sandmädchen“ mehr als nur die Fortsetzung des preisgekrönten Kurzfilms „Veronika“, den Michel 2011 über Raila drehte. Heute ist Veronika nicht nur Protagonistin, sondern kreative Partnerin, die den Film mit ihren pointierten Texten trägt und zur Illustration ihrer Innenwelt immer wieder detaillierte Bildvorschläge macht. In einem tiefgründigen, teilweise aber auch ausgesprochen humorvollen Dialog mit Mark Michel wird sie schließlich selbst zur Reiseleiterin in ihr ganz eigenes Universum aus Sand, Musik und Worten.



Luc-Carolin Ziemann





Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, DEFA-Förderpreis


Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Talking Money

Credits DOK Leipzig Logo
Susann Schimk
Sebastian Winkels
Sebastian Winkels
Frederik Bösing
Sebastian Winkels
Frederik Bösing, Nelson Marca Esprella, Corneille Houssou, Till Passow, Markus CM Schmidt, Johannes Schneeweiß, Niko Tarielashvili
Wer seine Hausbank zum Beratungsgespräch aufsucht, hat entweder zu viel oder zu wenig Geld. Überhaupt „Hausbank“ – das klingt nach Verbundenheit, nach „Finanzarzt des Vertrauens“. In jedem Fall entsteht dieser besondere Gesprächsbedarf aus Missverhältnissen: zwischen Träumen und Einkommen, Investitionsbedarf und Risikoprognose, persönlichen Umständen und objektiven Sachzwängen. Dass sich daraus eine wiederum besondere Gesprächskultur ergibt, und zwar eine, die in Bolivien nach ähnlichen Regeln verläuft wie in der Schweiz oder in Pakistan, ist die These von Sebastian Winkels’ Film. Und egal, in welches Kreditinstitut dieser Welt man ihm folgt und welcher Landessprache man dort lauscht: übereinandergelegt, wird aus den Bild- und Tonspuren der Einzelsitzungen ein Sound, von dem der Bankkunde als kollektives Subjekt ein Lied singen kann. Oh, diese Scham über die eigene finanzielle Impotenz. Ach, diese Lebensbeichten, zu denen er sich genötigt sieht. Und herrje, diese Ohnmacht, mit der er sich den Zahlenkolonnen ergeben muss.

Die Kamera ergreift Partei – nicht moralisch, sondern dramaturgisch. Sie ist immer hinter dem Tisch aufgestellt, dort, wo die geschulten Ablehner und Formblatterklärer sitzen, von denen man allerdings selten mehr als einen Ärmel sieht. Und sie hält die Blicke der vorbeidefilierenden Bittsteller und Beratungsbedürftigen aus wie eine beschlagene Anthropologin: unbestechlich, aber berührbar.

Sylvia Görke


Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, DEFA-Förderpreis

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Touching Concrete

Dokumentarfilm
2017
58 Minuten
Untertitel: 
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
Jonas Weydemann (Weydemann Bros), Ute Dilger (Kunsthochschule für Medien Köln)
Ilja Stahl
Niclas Reed Middleton
Florian Riegel
Ilja Stahl
Ilja Stahl
Eine bereichernde Begegnung! Ob zufällig oder herbeigeführt – das ist im weiteren Verlauf des Miteinanders zwischen Filmemacher und Gefilmten unerheblich. Denn tatsächlich überlagert dieses „Feeling of Being There“, das Richard Leacock als Essenz des Dokumentarischen bezeichnete, alle Zweifel und Einwände. Beeindruckt von der Stilsicherheit, mit der sich Ilja Stahl die „richtige“ Vertrautheit mit seinen jugendlichen Protagonisten in einer überbevölkerten Neighbourhood in Johannesburg erarbeitet hat, fühlt man sich zugleich glücklich, als Zuschauer einen Sommer lang mit dem 16-jährigen Tebogo und dem 15-jährigen Karabo durch ihr Revier treiben zu dürfen. Ihr Revier, das sind Tiefgaragen, Hochhausdächer, nächtliche Straßen. Zwischen Langeweile und überschüssiger Energie lassen sie die Zeit verstreichen.

Allgegenwärtig sind allerdings auch die Konflikte mit ihren alleinerziehenden Müttern, die Gewalt und der Tod auf der Straße. Was Karabo zunehmend bedrängt, ist für Tebogo fortwährendes Spielmaterial. Er lebt das Prinzip „Trotzdem“, wenn er auf der Brüstung eines Hochhausdaches balanciert oder mit Freunden die fahrenden Autos antanzt und sich mit einem Lächeln provozierend über alles hinwegsetzt. Berührend, wie die Zukunft in die Gegenwart dieser Kids hineinragt. Aber sie wollen sich nicht von ihr bestimmen lassen. Zumindest noch nicht.

Ralph Eue


Nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, DEFA-Förderpreis

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Deutscher Wettbewerb
Wildes Herz Charly Hübner, Sebastian Schultz

Die gefährlichste Band Mecklenburg-Vorpommerns – ein direktes, rohes und intensives Porträt der erfolgreichen linken Punkcombo „Feine Sahne Fischfilet“ um den Sänger Jan „Monchi“ Gorkow.

Wildes Herz

Dokumentarfilm
2017
90 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Sebastian Schultz, Lars Jessen
Charly Hübner, Sebastian Schultz
Jörg Gollasch
Martin Farkas, Roman Schauerte
Sebastian Schultz
Charly Hübner, Sebastian Schultz
Moritz Springer
Bildung DOK Leipzig Logo

Klassenstufe: ab 9. Klasse

Themen: Rechtsradikalismus, Linksradikalismus, Engagement, Musik, Protest, Demokratie
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde, Politik, Deutsch, Musik

Zum Inhalt

Feine Sahne Fischfilet ist eine Band, die die Menschen polarisiert. Manche Betrachter halten die linksradikalen Punk-Musiker für Chaoten und sogar für Verfassungsfeinde, andere sehen in ihnen politisch engagierte Künstler, die sich auch dann nicht von ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern trennen wollen, wenn NPD und AFD dort immer mehr an Boden gewinnen. Im Zentrum des Films steht Jan "Monchi" Gorkow, der charismatische Frontmann der Band, der bis heute in seinem Geburtstort Jarmen lebt und sich weigert, seine Heimat angesichts der starken Präsenz rechter Gesinnung aufzugeben.

Auch der bekannte Schauspieler Charly Hübner (Polizeiruf 110, Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt) stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. Er ist, anders als die Musiker von Feine Sahne Fischfilet, nach dem Ende der Schulzeit erst mal vor dem politischen Stumpfsinn des rechten Lagers, der auf "auf dem platten Land" immer salonfähiger wurde, erstmal in Richtung Großstadt geflüchtet.

Doch die Heimat lässt sich nicht so leicht aus dem Pelz schütteln und so ist Hübner gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Sebastian Schultz zurückgekehrt und hat einen bewegenden Dokumentarfilm über diejenigen gemacht, die geblieben sind. Wildes Herz ist eine Hommage an Menschen, die nicht bereit sind, ihre Heimat denen zu überlassen, die den Begriff "Heimat" völkisch definieren, die Angst vor dem Anderen schüren und Fremde und Andersdenkende ausschließen wollen.

Der Film ist auch eine Reise in das Spannungsfeld von Politik, rechter Gewalt und linker Gegengewalt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern und ein Portrait des mitreißenden Sängers Monchi, der sich vom Fußballrowdy zum linken Sänger und inzwischen zum Vorbild vieler Jugendlicher entwickelt hat. Damit eignet sich der Film im Gemeinschaftskunde- und Politik-Unterricht für die Auseinandersetzung mit den Chancen und Grenzen politischen Engagements. Für den Musik-Unterricht bietet der Film einen Ausgangspunkt für die Analyse des Zusammenspiels von Musik und Protest. Dabei verleugnet der Film nicht, dass einige Texte der Band Feine Sahne Fischfilet politisch-radikal, wenn nicht sogar gewaltbetont sind. Er zeigt aber auch, dass die Band zur Landtagswahl 2016 wochenlang durch rechte Hochburgen Mecklenburg-Vorpommerns tourte, um ihre Fans zum Wählen zu animieren. In einem wilden Herzen schlägt eben immer mehr als nur ein Beat.

„Wildes Herz“ ist ein Film über „Feine Sahne Fischfilet“, eine der erfolgreichsten deutschen Punkbands, und den Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow. Eine noch junge Combo, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird und sich daher als gefährlichste Band Mecklenburg-Vorpommerns bezeichnen darf. Ein Film, der zeigt, wie sich Musiker gegen Nazis und Gefühle der Leere und Frustration zur Wehr setzen. In einer Gegend, in der das schöne platte Land Heimat bedeutet. Mit einer Musik, die ganz anders ist als diese Heimat, nämlich laut, lust- und kraftvoll. Wenn hier die Biografie von Jan „Monchi“ Gorkow mit Kindheitsvideos und Eltern-Interviews vertieft wird, so begreifen wir diesen Lebenslauf irgendwann als Gleichnis, Verarbeitung und Antwort auf das, was nach der politischen Wende in eben diesem Mecklenburg-Vorpommern passierte. Als in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim brannte, die Bevölkerung klatschte und die Polizei wegsah. In dieser Zeit ist Monchi aufgewachsen. Sein Weg – oder seine Wut – führte über die Ultra-Szene des F.C. Hansa Rostock bis hin zu dem Moment, als seine Punkband Ende der Nullerjahre merkte, dass sich Nazis auf ihren Konzerten wohlfühlten. Jetzt hieß es, eine Haltung einzunehmen. In den 1990er Jahren habe die linke Bewegung versagt, sagt Gorkow, und das dürfe nie wieder passieren. Ein wichtiger, ganz normaler, poetisch-roher Film – eben wie die Band.



Leopold Grün





Ausgezeichnet mit dem ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, Gedanken-Aufschluss-Preis und dem DEFA-Förderpreis


Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.