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Next Masters Wettbewerb
Animus Animalis (A Story About People, Animals and Things) Aistė Žegulytė

Für die auf der Jagd geschossenen Tiere beginnt mit ihrem Tod eine Existenz als Objekt. Lebensähnlich ausgestopft, werden sie ausgestellt – und sehen dich an.

Animus Animalis (A Story About People, Animals and Things)

Dokumentarfilm
2018
69 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Giedrė Burokaitė
Aistė Žegulytė
Gediminas Jakubka
Vytautas Katkus
Mikas Žukauskas
Aistė Žegulytė, Titas Laucius
Dick liegt der Schnee auf den Bäumen. Eine Gruppe von Männern stapft in trauter Gemeinschaft bei einer Jagd durch den winterlichen Wald. Am Abend feiern sie ihre Beute. Eine Gruppe von Eingeschworenen mit einer eigenen Ethik der kreatürlichen Würde. Erst im Tod des aufs Korn genommenen Gegenübers finden sie zu Respekt vor dem Dasein des eben geschossenen Wildes, für das mit dem gewaltsam herbeigeführten Lebensende eine Existenz als Objekt beginnt. Ausgestopft, mit größter Handwerkskunst bearbeitet, bis sich die Ähnlichkeit zum vitalen „Vorher“ wieder einstellt, werden die Kadaver hergerichtet, dem schwelgen wollenden Menschenblick angemessen. Gewesene, aber nie so ganz vergangene Rehe, Hirsche, Bisamratten und Vögel sehen dich an.

Die Trennlinie zwischen Leben und Tod der Tiere scheint im Laufe des Films zu verwischen, nur um eben darin umso nachdrücklicher betont zu werden. Die Anbetung der Wildnis gezähmter Natur in Ritualen der für Menschen gemachten Präsentation gehorcht deutlich anderen Logiken als denen der bequemen, präsentablen Haustierhaltung. Tote Augen blicken nicht zurück.

Fabian Tietke


Nominiert für den MDR-Filmpreis

Next Masters Wettbewerb
Cinema Morocco Ricardo Calil

Obdachlose besetzen den ehemals glamourösen Kinopalast in São Paulo. Ein Theaterworkshop ruft die Vergangenheit des Gebäudes wach – und kreiert Projektionsflächen für zerrüttete Biografien.

Cinema Morocco

Dokumentarfilm
2018
76 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Eliane Ferreira, Pablo Iraola
Ricardo Calil
André Namur
Loiro Cunha, Carol Quintanilha
Jordana Berg
Ricardo Calil
Flávio Guedes, Ricardo Pinta
An die glanzvolle Vergangenheit des Cine Marrocos’ in São Paulo erinnert heute nur noch ein kurioser Nachrichtenfilm. Er zeigt, wie Irene Dunne, Erich von Stroheim und Abel Gance 1954 zum ersten Internationalen Filmfestival von Brasilien in den luxuriösen Kinopalast schaulaufen, und dass Fubuki Koshiji beim Stolpern ihren „zarten östlichen Fuß enthüllt“ (Originalton). Vierzig Jahre später stand das zwölfstöckige Gebäude plötzlich leer – zwei Dekaden lang. Als die angekündigte Renovierung auf sich warten ließ, wurde es 2013 von einer Gemeinschaft von Obdachlosen besetzt. Zeitweilig lebten 2.000 Menschen aus 17 Ländern in der ausgeweideten und mit Graffitis gesäumten Bauruine.

Auf Initiative des gleichnamigen Filmprojekts wurden im wiedereröffneten Kino Filme aus dem ersten Festivaljahr vorgeführt und ein Theaterworkshop ins Leben gerufen. Dabei erarbeiteten die schauspielenden Besetzer ikonische Filmszenen, etwa aus „Boulevard der Dämmerung“, „Die große Illusion“, „Julius Caesar“ und „Abend der Gaukler“. Vor dem Hintergrund der drohenden Zwangsräumung dokumentiert der Film die von den zerrütteten Biografien „mitgeschriebene“ Theaterarbeit, an deren Ende kinematografische Reenactments stehen. Norma Desmond, Marcus Antonius, die Kunstreiterin Anne und der Jagdflieger Maréchal werden buchstäblich zu Projektionsflächen – für so unterschiedliche Erfahrungen wie Kriegstraumata, Depression, Wohlstandsekel und postkoloniale Entfremdung.

Esther Buss



Goldene Taube im Next Masters Wettbewerb Langfilm


Next Masters Wettbewerb
Denisa, a Story of a Friend Mária Brnušáková

Denisa möchte eigentlich nur eins: Liebe. Die sucht sie seit ihrer Teenagerzeit in Form von Männern. Mária Brnušáková filmt ihre Freundin über mehrere Jahre – das Porträt ist spröde.

Denisa, a Story of a Friend

Dokumentarfilm
2017
53 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Academy of Performing Arts – Film and Television Faculty
Mária Brnušáková
Mária Brnušáková
Mária Brnušáková, Tomáš Holocsy
Mária Brnušáková
Mária Brnušáková
Es gibt nicht nur Liebe, sondern auch die Sucht nach Liebe. Denisa, eine junge Slowakin, verzehrt sich nach ihr. Gleich zu Beginn stellt sie klar: „Ich will Liebe. Kein Geld, keine Kohle, keine Scheine … Nur Liebe, das ist alles.“ Denisa möchte unbedingt mit einem Mann zusammen sein und sie hat auch ganz genaue Vorstellungen davon, wie dieser aussehen beziehungsweise sein sollte: Einer glich am ehesten einem Mitglied der Kelly Family, bevor sie sich auf das Berufsbild des Polizisten versteifte. Holprig verlaufen alle Beziehungen. Aus der ersten ist außerdem ein kleiner Junge hervorgegangen, der nach der Trennung vom Vater aus Denisas Blickfeld gerät. Mária Brnušákovás Langzeitporträt ist spröde und ungeschönt. Begegnet einem Denisa zunächst noch als aufgedrehter Teenager, dem das Kochen für den Ehemann wie einer spaßiger Zeitvertreib erscheint, verändert sich das Auftreten der jungen Frau über die Jahre. Was bleibt, ist ein besonderer Humor und eine gewisse Unbezwingbarkeit: Ringt Denisa anfänglich noch um die Liebe von Männern, verlagert sich ihr Kampf später auf die Wiederherstellung des Kontakts zu ihrem Sohn.

Carolin Weidner


Nominiert für den MDR-Filmpreis

Homo Botanicus

Dokumentarfilm
2018
88 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Nicolás Van Hemelryck, Clare Weiskopf, Pierre-Emmanuel Urcun, Guillermo Quintero
Guillermo Quintero
Violeta Cruz
Guillermo Quintero
Julie Borvon, Guillermo Quintero
Guillermo Quintero
Marc-Olivier Brullé
Ein Professor und sein Meisterschüler machen sich auf eine Forschungsreise in das unberührte tropische Hochgebirge der Anden. Der bedeutende Botaniker Julio Betancur hat bereits über 19.000 Pflanzenarten gesammelt und in einem gigantischen Herbarium in Bogotá archiviert, das er fortlaufend erweitert, zurzeit mithilfe seines jungen Gefolgsmannes Cristian. Regisseur Guillermo Quintero war vor über fünfzehn Jahren selbst Student bei Betancur, bevor er sich in Paris der Philosophie und später dem Filmemachen zuwandte. Bis heute verspürt er Hochachtung für seinen ehemaligen Mentor, auch Faszination für den anachronistisch wirkenden und romantischen Forscherblick auf die reiche Pflanzenwelt. Der Filmemacher begleitet das ungewöhnliche Paar. Als außenstehender Beobachter kommentiert er das Geschehen aus dem Off. Dabei schwingt Bewunderung mit für ihre Leidenschaft, aber auch Zweifel an der akribischen Sammlertätigkeit. Ist es noch zeitgemäß, die Natur so zu klassifizieren?

Quintero begibt sich in seinem Debütfilm in den Sog der Zeitlosigkeit im tropischen Wald. Variantenreiche und kunstvolle Ansichten der Fauna zeigen einen überraschend anderen und mystischen Blick auf Kolumbien. Dabei vermittelt sich auch das Bild eines Landes mit einer aufstrebenden Filmindustrie, deren Autorinnen und Autoren sich vorwiegend politischen oder persönlichen Konflikten widmen.

Annina Wettstein

Nijolė

Dokumentarfilm
2018
79 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Dagnė Vildžiūnaitė, Max Chicco
Sandro Bozzolo
Lina Lapelytė
Sandro Bozzolo
Silvija Vilkaitė, María Cecilia Reyes
Maria Cecilia Reyes, Sandro Bozzolo
Vytis Puronas
Antanas Mockus war Bürgermeister von Bogotá, mehrmals kolumbianischer Präsidentschaftskandidat und wurde 2018 in den Senat gewählt. Doch hier geht es nicht um ihn als Politiker, sondern um seine 88-jährige Mutter, die eigenwillige Künstlerin Nijolė Šivickas. Beharrlich hat sie ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Nur widerwillig gab sie in Medieninterviews Auskunft. Selbst ihr Sohn wusste kaum etwas über ihre Kindheit in Litauen. In ihrem künstlerischen Schaffen, aber auch emotional, hat sie sich von ihrem Heimatland abgewandt.

Nijolė ist nun eingeladen, anlässlich einer großen Retrospektive in Vilnius einen Workshop zu halten. Der Film begleitet sie und Antanas auf dieser Reise. Es ist gleichsam der Blick eines Sohnes auf seine Mutter. Ihre Unabhängigkeit und ihr gesellschaftskritischer Geist waren stets seine Inspiration. Sandro Bozzolo und sein Team nähern sich ihrer Protagonistin zurückhaltend, passen sich auch in der Montage ihrem Rhythmus an und konzentrieren sich auf die Räume ihres Schaffens, auf Nijolės Begegnungen mit Antanas und auf die gemeinsame Rückkehr in die Heimat, die beide tief bewegt. So wie der Sohn die Mutter nimmt auch diese Geschichte einer äußeren wie inneren Reise die Zuschauenden an die Hand. Welche Geschehnisse bleiben in einem Leben prägend und welche sollten besser vergessen werden?

Annina Wettstein


Nominiert für den MDR-Filmpreis

Next Masters Wettbewerb
Sentenced to Death Ahmad Jalili Jahromi

Ein Gruppenporträt selbstbewusster Verbrecherinnen im Iran: weder charismatische Bad Girls noch Opfer der Umstände, sondern Frauen mit Weichheiten und Kanten, jenseits gängiger Klischees.

Sentenced to Death

Dokumentarfilm
2018
48 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Didar Shomali, Ahmad Jalili Jahromi
Ahmad Jalili Jahromi
Abbas Sarafraz
Sajjad Avarand, Ali Baghaei
Ahmad Jalili Jahromi
Ahmad Jalili Jahromi
Ensiyeh Maleki
Ein Gruppenporträt böser Frauen im Iran. Eine von ihnen, Marjan, handelte seit ihrer Kindheit mit Drogen. Sie saß im Gefängnis wegen Bandenkriminalität in Verbindung mit bewaffnetem Raub und Entführung. Zusammen mit anderen Insassinnen, zum Teil wegen Mordes verurteilt, gründete sie eine Theatergruppe, die auch außerhalb des Gefängnisses spielen durfte. Die Arbeit schweißte die Frauen zusammen, veränderte auch ihre Anschauungen und Prioritäten, aber krempelte sie nicht zu neuen Menschen um. Ebenso wenig bewirkte sie einen Aufschub von Urteilsvollstreckungen – unter Umständen die Todesstrafe. Während der Proben erfährt eine Mitspielerin, Safieh, dass anderntags die Hinrichtung auf sie wartet.

Regisseur Ahmad Jalili Jahromi begegnet seinen Protagonistinnen auf Augenhöhe, macht sich weder zum Anwalt noch zum Richter der Frauen und schon gar nicht zu ihrem Bewährungshelfer. Erstaunlich, wie es dem Filmemacher gelingt, seine Erzählung um die Klischees von tragischem Opfer oder charismatischer Gangsterbraut herumzumanövrieren. Ebenso erstaunlich, wie wenig in diesem Film um reflexhafte Zuneigung oder Mitleid gebuhlt wird. Nichts gegen Zuneigung und Mitleid, aber vor allem im Kino sind es halt nur Reflexe und als solche relativ leicht zu bedienen. „Sentenced to Death“ nimmt den schwereren Weg.

Ralph Eue

Stress

Dokumentarfilm
2018
83 Minuten
Untertitel: 
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
Florian Baron, Herbert Burkert
Florian Baron
Yunas Orchestra, Jana Irmert, Fatima Camara
Johannes Waltermann
Clemens Walter
Florian Baron
Jana Irmert, Linus Nickl, Nils Vogel-Bartling
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 15 Jahre
Klassenstufen: ab 10. Klasse 

Themen: Krieg, Gewalt, Trauma, Verarbeitung, Sprache, psychische Krankheit/Gesundheit
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde, Religion, Ethik, Politik, Englisch, Deutsch, Philosophie

Zum Inhalt

In Stress zeichnet der Münchner Regisseur Florian Baron ein ungewöhnliches Portrait von fünf Menschen, die als Soldaten im Dienst des US-Militärs dienten und nun versuchen, wieder im Alltag Fuß zu fassen. Ihre Erfahrungen in Afghanistan haben sie zu Außenseitern gemacht, die einen ganz eigenen Blick auf das heutige Amerika haben. Joe und Torrie, Mike, James und Justin sprechen darüber, aus welchen Gründen Sie sich damals für den Armeedienst entschieden haben. Keiner war sich über die lebensverändernden Auswirkungen des Krieges wirklich bewusst und für alle ist es schwer, sich wieder in einem Leben jenseits des Kriegszustandes einzuleben. 

Der Regisseur Florian Baron hat in langen Gesprächen mit seinen Protagonisten viele vermeintliche Gewissheiten hinterfragt und zeigt in eindrücklichen Bildern, wie schwer es fällt, Ängste und Schwächen einzugestehen. Ein Film, der deutlich zeigt, welche zerstörerischen Folgen ein Krieg hat, selbst wenn er lange zurückliegt oder am anderen Ende der Welt stattfindet.

9/11-Trauma, Ideologie der gewalttätigen Genugtuung, Militärdienst als patriotische Familientradition, die „Unfairness“ heutiger Kriegsführung – fünf junge Veteranen des Afghanistankriegs setzen aus dem Off zunächst ein Fundament bekannter Bauart. Joe, Torrie, Mike, James und Justin aus Pittsburgh wenden uns nur langsam ihr Gesicht zu. Körperlich unversehrt, aber mit innerem Schmerz, sind sie nach ihrer Rückkehr zu Unverstandenen geworden. Ihre brutale Erfahrung spricht eine Sprache, die das Umfeld zu Hause nicht versteht. „Stress“ setzt mit einer künstlerischen Form an, die das gesprochene Wort mit all seinen untrüglichen Gefühlszeichen beeindruckend heraushebt und das Kokondasein sowie die Spannung eines permanenten Alarmzustands in aller Komplexität physisch erlebbar vermittelt. In extremer Langsamkeit begleiten Kamera und Sound mit Alltagsaufnahmen albtraumwandlerisch die mündlichen Beschreibungen der Kriegserlebnisse. Plastische Beinahe-Stillleben entstehen, in denen alles von allen Seiten betrachtet werden kann, aber doch ungreifbar bleibt. Es offenbart sich ein Leben hinter Glas und in einer bleiernen Zeit, die gnadenlos vorangeht, aber kein wirkliches Fortkommen ermöglicht. Die lang nachhallende Coda der berauschenden und beklemmenden Komposition: die Überzeugung von Torrie, dass das Militär am Ende trotz allem ein guter Platz zum Erwachsenwerden ist.



André Eckardt





Ausgezeichnet mit dem DEFA-Förderpreis für einen herausragenden langen deutschen Dokumentarfilm Nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts


Next Masters Wettbewerb
Symphony of the Ursus Factory Jaśmina Wójcik

Heraufbeschwörung einer untergegangenen Existenz- und Arbeitsweise. Die Phonosphäre der Schwerindustrie, neu erschaffen mittels Traktoren, Kompositionen und Körpererinnerungen.

Symphony of the Ursus Factory

Dokumentarfilm
2018
61 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Zuzanna Król
Jaśmina Wójcik
Dominik Strycharski
Kacper Czubak, Jakub Wróblewski
Aleksandra Gowin
Jaśmina Wójcik, Igor Stokfiszewski
Dominik Strycharski
Symbolische Wiederbelebung des glorreichen Zeitalters der polnischen Landmaschinenproduktion. Das traditionsreiche Unternehmen Ursus gehörte einst zu den größten seiner Art in ganz Europa. Mit dem Kollabieren des Kommunismus war jedoch auch das Schicksal von Ursus besiegelt. Heute sind die Produktionsstätten verfallen und Tausenden ehemaligen Beschäftigten erscheint die eigene Arbeitsbiografie nur noch wie ein ferner, gar fremder Schatten.

Vor einigen Jahren begann eine Gruppe von Choreografen, Musikern und Filmemachern um die Künstlerin Jaśmina Wójcik, Kontakt zu den früheren Arbeitern und Angestellten von Ursus herzustellen. Alle Beteiligten staunten nicht schlecht, wie sehr die damals ausgeführten Tätigkeiten in vielen unkontrollierten Momenten die Körpersprache der Protagonisten beeinflussten, ja steuerten. Das Körpergedächtnis war offensichtlich besser trainiert als das kognitive. Der nun erarbeitete Film, eine dokumentarische Inszenierung, ist eine nach musikalischen Regeln organisierte Performance. Die Mitwirkenden versetzten sich als Darsteller ihrer selbst in Charaktere, die sie einmal in der Wirklichkeit der Fabrik gewesen sind. In der lamentablen Realität der heutigen Fabriküberreste empfinden sie rituell einen früheren Arbeitstag nach, gipfelnd in einem aufwändigen Traktorenballett, das jedem hochbudgetierten Hollywoodmusical zur Ehre gereichen würde.

Ralph Eue


Nominiert für den Healthy Workplaces Film Award und den MDR Filmpreis

Tan

Dokumentarfilm
2018
72 Minuten
Untertitel: 
englische
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Elsa Klughertz (Jonas Films), Ali Shirkhodaei (Reyhan Film)
Elika Hedayat
9T Antiope
Ali Shirkhodaei
Maxence Voiseux
Elika Hedayat
Amaury Arboun, Vincent Pateau
Elika Hedayat unterscheidet: die Körper, die ihr als Modelle in den Zeichensälen zur Verfügung gestellt werden. Und jene, die ihr in ihren Gedanken begegnen. Zweitere sind versehrt, teils monströs, ihnen fehlen Körperteile und in den Gesichtern finden sich Ausdrücke von Pein. Hedayat begibt sich auf die Suche nach den realen Personen hinter den Figuren, die ihr die Vorstellung längst gegen die eigene Hirnwand projiziert. Sie trifft iranische Männer, deren Leiber der Krieg geschunden und damit geformt hat. Aber auch solche, die sich mittels Disziplin Körpermasse hinzu trainieren und auf diese Weise das Fehlen der Arme und Beine der anderen auszugleichen scheinen. Die junge Frau ist fasziniert vom menschlichen, männlichen Körper, der für sie möglicherweise Resultat und Abdruck eines viel größeren ist – des gesellschaftlichen. „Tan“ ist die filmische Untersuchung dieses Zusammenhangs, den Hedayat intuitiv erfasst. Gemeinsam mit einigen Protagonisten taucht sie ganz buchstäblich in die Tiefen und sucht auf dem Grund, nach dem Grund. Dem der anderen, aber auch dem eigenen.

Carolin Weidner

The Shape of Now

Dokumentarfilm
2018
70 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Augusto Cesar Sandino, Emil Olsen, Manuel Correa
Manuel Correa
Simón Mesa Giraldo
Manuel Correa, Angelica Toro, John Jarlen Quiroz
Manuel Correa
Sebastián Munera, Manuel Correa, Francisco Londoño, Emil Olsen
Francisco Londoño, Emil Olsen
Am Anfang arbeitet sich ein Insekt aus dem Boden – angestrengt, um Orientierung bemüht, den schweren Sand von den Flügeln streifend. Aus der Erde kommend, durchstößt es die Oberfläche des Planeten und dreht sich einmal um die eigene Achse, ganz so, als sähe es sich um in jener Gegenwart, in die es gerade erst hineingekrochen kam. Manuel Correas experimenteller Dokumentarfilm hat große Ähnlichkeit mit diesem arbeitsamen Tier, an dessen Körper noch der Boden klebt, dessen Sicht noch trüb, dessen Flügelschlag noch träge ist.

Schätzungen zufolge haben etwa 200.000 Menschen in Kolumbiens 50 Jahre andauerndem Bürgerkrieg ihr Leben verloren. Weitere 25.000 Menschen wurden entführt, viele gelten bis heute als vermisst. Als im November 2016 der Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC-Rebellen geschlossen wurde, verbannte man zwar die Waffen aus dem Konflikt. Die Bevölkerung des Landes sieht sich seither aber auch mit der schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, sich auf eine gemeinsame Vergangenheit einigen zu müssen. Aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln wirft „The Shape of Now“ Licht auf diesen kräftezehrenden Prozess und damit auf die bleierne Gegenwart Kolumbiens. Und ebenso wie die Menschen des Landes – die Überlebenden, die trauernden Mütter, die Historiker und die Experten – ist auch dieser Film noch ganz im Modus einer ersten Orientierung.

Lukas Stern
Next Masters Wettbewerb
The Sleeping Land José Bautista, Alfons Rodríguez

Die Fahrt mit der Transsib klingt wie ein Konzeptalbum, eine treibende, manchmal krude Mischung von Sounds und Songs, befördert von einem gefrorenen Boden und jenen, die auf ihm gehen.

The Sleeping Land

Dokumentarfilm
2017
64 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
José Bautista, Alfons Rodríguez
José Bautista, Alfons Rodríguez
José Bautista
Alfons Rodríguez
José Bautista
José Bautista, Alfons Rodríguez
José Bautista
Dieses Land kann man zuerst hören, bevor man es sieht. Es klopft und summt sich an einen heran, kündigt sich in harschen Rhythmen und blechernen Sounds an. Die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, eine Strecke von 10.000 Kilometern, ist auch eine musikalische. Man begegnet singenden Frauen, die davon träumen, in Manhattan zu wohnen, ihre Geheimnisse mit Demi Moore zu teilen und in einem Tarkowski-Film mitzuspielen. Man begegnet einem Gitarristen mit Goldzähnen im Mund, der meint, hinterm Fieberwahn ein Licht auszumachen. Die Bilder sind farblos, aber nah, Gesichter sollen erkundet werden, Farbe und Zeichnung der Iris, Lippen, Gebisse, die Struktur von Haut. Was bedeutet Ruhe? Alle finden unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Gleichzeitig ist es der Film selbst, der nicht zur Ruhe kommen möchte, sich keinen Stillstand erlaubt. Aber er hetzt auch nicht, sondern ergibt sich vielmehr einem Groove, der ihn von einer Stadt in die nächste führt, die ansässigen Künstler, Musiker und Gescheiterten trifft. „The Sleeping Land“ ist ein Jam durch ein gefrorenes, aber keinesfalls erstarrtes Russland.

Carolin Weidner