Filmarchiv

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All Things Ablaze

Dokumentarfilm
Ukraine
2014
82 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Yulia Serdyukova
Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov
Anton Baibakov
Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov
Marina Maykovskaya, Aleksey Solodunov
Oleg Golovoshkin, Boris Peter
Es wird vielleicht noch länger so sein, dass die Ukraine in Flammen steht und das Sinnbild des Kiewer Maidan – brennende Tonnen und Reifenbarrikaden – der visuelle und olfaktorische Knotenpunkt des revolutionären Gedächtnisses bleibt. Die Gesichter voller Ruß, entschlossen, aber müde. Die Köpfe blutig, aber hart. Der Schlachtruf „Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden“ hallt über den Platz, in allen Tonlagen, ein eigenartiger gemeinsamer Nenner der Aufständischen. Was mit Trommeln, Dudelsack und Europafahnen begann und nahtlos in den blutigen Widerstand gegen Knüppel-Bataillone und Gewalt auf beiden Seiten mündete, entfachte – das wird in diesem unkommentierten und doch aussagestarken wie informativen Gemeinschaftsprojekt mehr als deutlich – eine Energie der Masse, die unberechenbar und unaufhaltsam ist.
Im Kern des Films findet sich eine Szene, deren Länge an die Grenzen des Erträglichen geht, deren Symbolkraft aber gerade deshalb auch körperlich spürbar wird: Da demolieren Demonstranten freudig und mit aller Kraft eine riesige Leninbüste und schießen Siegesfotos (ohne recht zu wissen, was Lenin genau mit ihrem Hass zu tun hat), während ein alter Sowjet-Typ das geliebte steinerne Kolossfragment umarmt und nicht mehr freigeben will, bis er beinahe kollabiert. Der Maidan als Schlachtfeld. Quelle horreur!

Barbara Wurm



Ausgezeichnet mit dem MDR-Filmpreis 2014

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Death of the Serpent God

Dokumentarfilm
Frankreich
2014
91 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Xavier Pons
Damien Froidevaux
Ian Saboya
Damien Froidevaux
David Jungman
Die Vorgeschichte klingt wie ein bitterböses Märchen und ist doch gängige Praxis in Europa. Im Alter von zwei Jahren kam Koumba mit ihren Eltern aus einem senegalesischen Dorf nach Paris. 18 Jahre lang kannte sie nur die französische Hauptstadt, bis sie nach einem nächtlichen Streit auf der Polizeistation landete und innerhalb von 48 Stunden abgeschoben wurde.
Sie findet sich in jenem von der Welt abgeschnittenen Dorf ihrer Vorfahren wieder, unter Verwandten, die sie nicht kennt. Hier leben noch alte Legenden, in denen Schlangenkönige über das Schicksal der Menschen bestimmen. Der Umbruch ist ein brutaler Schock. Die „weiße Koumba“, wie sie hier – durchaus verächtlich – genannt wird, inzwischen Mutter eines unehelichen Sohnes, sitzt in der Falle. Sie reagiert, wie sie es gewohnt ist: Furchtlos und rebellisch schlägt sie um sich, stellt Forderungen und beschimpft ihre Umgebung – auch den Filmemacher, den sie egoistisch nennt.
So entsteht der Film zunächst eher gegen den verzweifelten Widerstand der Protagonistin. Doch Damien Froidevaux lässt nicht locker, gibt die Widerspenstige nicht auf. Über fünf Jahre kehrt er immer wieder aus Paris nach Senegal zurück und wird damit selbst Teil eines Bewältigungsprozesses. Koumba durchläuft eine faszinierende Persönlichkeitsveränderung und wird schließlich zur Heldin ihrer eigenen Odyssee, während zugleich die Rolle der Kamera immer bewusst bleibt.
Lars Meyer

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Desert Haze

Dokumentarfilm
Belgien
2014
109 Minuten
Untertitel: 
englische
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Frederik Nicolai, Eric Goossens, Frank van den Engel
Sofie Benoot
Fairuz
Nico Leunen
Sofie Benoot
Kwinten Van Laethem, Michel Schöpping
Die Eroberung des Unbekannten ist der Kern des amerikanischen Gründungsmythos. Was wäre ein besserer Ort, ihn zu hinterfragen, als die Wüste des Mittleren Westens? Wo scheinbar nichts ist als Sand und Steine, stößt Sofie Benoot auf vielfältige Spuren menschlichen Wirkens: verlassene Minen, heilige Berge, prähistorische Zeichnungen, leere Städte, die auf den Ansturm von Bewohnern noch warten, eingeschmolzene Flugzeugteile, geheime Militärzonen bis hin zu Resten von Internierungslagern des Zweiten Weltkriegs und Atommüll-Warnschildern. Manche Spuren, wie die des Uranabbaus oder von Atomwaffentests, sind unsichtbar. Wie die Zweige des Steppenläufers legt Benoot Hunderte von Kilometern zurück. Sie trifft auf traurige Indianer, Country-jodelnde Japaner, Astronauten, die für die Besiedlung des Mars proben, und Mormonen, die kostümiert und mit Leiterwagen auf dem Treck der Pioniere ziehen (mit mobilem Chemie-Klo allerdings). Die Kamera erfasst gigantische Panoramen von Weite und Leere, dann wieder erforscht sie die Struktur bizarrer Gesteins-, Erd- und Wolkenformationen.
Schicht um Schicht legt Benoot den Mythos frei. Die Archäologie des amerikanischen Traums wird zum tiefen Blick in die Abgründe der Zivilisation. Die Geschichte der Eroberung des Westens, zeigt sich, ist eine Geschichte der Unterwerfung. So gnadenlos wie die Wüste selbst. Spiel mir das Lied vom Tod – mehr Western geht nicht.
Grit Lemke

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Die Menschenliebe

Dokumentarfilm
Deutschland
2014
99 Minuten
Untertitel: 
englische
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Jasper Mielke, Martin Backhaus
Maximilian Haslberger
Sebastian Mez
Katharina Fiedler
Martin Backhaus
Maximilian Haslberger
Martin Backhaus, Jochen Jezussek
Es passiert ganz beiläufig im Hintergrund: eine Frau im Rollstuhl, eine Nebenfigur, lächelt und winkt. Plötzlich hebt ihr Rollstuhl ab und verlässt mit ihr die Erde. Wer es bemerkt, muss sich fragen, was hier noch dokumentarisch ist. In der Tat setzt der Film viele Zeichen, dass er zwischen Dokumentar- und Spielfilm nicht kategorisch unterscheiden will. Seine bewusste Unschärfe, die die Wahrnehmung des Zuschauers kontinuierlich auf die Probe stellt, korrespondiert auf der inhaltlichen Ebene mit seiner Verweigerung der Kategorien „gesund“ und „behindert“. Sexualität und Liebe, und damit sind wir beim Thema, wollen schließlich von allen Menschen gleich gelebt werden. Da ist zum einen Joachim, der alleine wohnt, vollkommen gesund wirkt und doch in einer Grauzone lebt: zwischen relativer Selbstständigkeit und Bevormundung, insbesondere durch seine Schwester, die seine Verliebtheit in eine Prostituierte als Anomalie abtut. Die subjektive Kamera zwingt uns in Joachims Perspektive, in die unbequeme Perspektive eines Stalkers. Sven dagegen, Protagonist des zweiten Kapitels, ist körperlich deformiert und sitzt im Rollstuhl, hat dafür aber ein außergewöhnlich stark ausgeprägtes Bewusstsein für seine Bedürfnisse, die er offen formuliert und durch männliche und weibliche Prostituierte abdeckt. Die Sehnsucht nach Liebe erfüllt sich für ihn aber nicht. Was müsste dafür geschehen? Permanent wirft der Film Fragen auf, die nur der Zuschauer selbst beantworten kann.

Lars Meyer



Lobende Erwähnung im Wettbewerb für junges Kino 2014

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Double Happiness

Dokumentarfilm
Österreich
2014
72 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ella Raidel
Ella Raidel
Rudi Fischerlehner
Martin Putz
Karina Ressler
Wong Ka Ho
Wenn zwei Menschen sich vermählen, so ist das nach chinesischer Vorstellung nicht ein geteiltes, sondern doppeltes Glück. Auch Kulturen können sich glücklich duplizieren, indem sie sich nachahmen. Diese Idee hat China zu einem Land von Meisterkopisten werden lassen. Kopiert werden nicht nur Gemälde, sondern ganze Orte samt dazugehöriger Landschaft. So wie Hallstatt im Salzkammergut. Die Bewohner des pittoresken Touristenortes, die sich für einzigartig hielten, mussten feststellten, dass sie ausspioniert und geklont wurden. Die Hotelbesitzerin sieht darin eine menschliche Urangst realisiert, doch als gute Geschäftsfrau ist sie auch fasziniert. Warum also nicht Bürgermeister und Blaskapelle nach China schicken, um das Glück zu besiegeln?
Von Hallstatt aus geht es auf eine anregende filmische Gedankenreise, bei der Original und Nachempfindung, Fantasie und Wirklichkeit verschmelzen. Wo sind wir, wenn eine hübsche Chinesin im Dirndl den Mond ansingt: „Meine Zuneigung ist echt“? Offenbar in einem feuchten kapitalistischen Traum. Denn Hallstatt/China ist ein luxuriöses Investmentprojekt und nur ein Nebenprodukt des gigantischen Baubooms. Wo bleiben „wir“ und unsere Kultur dabei, fragen chinesische Architekten und Stadtplaner. Der Film entdeckt ein an sich zweifelndes China und verweist zugleich mit seiner clever verschachtelten Erzählstruktur ironisch auf „uns“ Europäer zurück. Auch die Identitätskrise verdoppelt sich.
Lars Meyer

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El Gort

Dokumentarfilm
Tunesien,
Vereinigte Arabische Emirate
2013
87 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Hamza Ouni
Hamza Ouni
Mohamed Hakim Boujomaa, Hatem Nechi
Najwa Khechimi
Hassen Najar
Dieser Film vibriert vor Wut. Nichts war gut, ist gut, wird gut sein. Diese bittere Wahrheit umschließt das Leben von Washwasha und Khairi wie eine Mauer. Beide Anfang 20, bettelarm, ohne Aussicht, jemals etwas anderes zu machen, als für wenig Geld Heuballen zu stapeln und auf LKWs auf- und abzuladen. Jobs? Es gibt keine in Tunesien. Also wollen sie weg, nach Europa. Doch auch dies ist nur ein Traum.
„El Gort“ erfasst die Jahre vor dem Aufstand gegen Ben Ali bis zu den ersten freien Wahlen, 2007 bis 2012. Aber diese Ereignisse haben für die beiden keine wirkliche Bedeutung. Washwasha saß während der Revolution im Gefängnis, Khairi ging wie die meisten Bewohner der Stadt brandschatzen. Irgendwie musste der Zorn raus. Geändert hat sich nichts. Außer dem Personal, das die Armen genauso betrügt wie das alte Regime. Und die islamischen Parteien? F*** them!
Die Wut übersetzt der Film in eine raue, direkte Bildsprache, die der Erzählung eine unglaubliche Wucht verleiht. Harte, schnelle Schnitte, eine unruhige, bewegte Kamera, keine Einstellung verweilt in der Schönheit des Augenblicks. Statt dessen ein Höchstmaß an Leben, das immer weiter gelebt werden muss. Und das ist das wirklich Erstaunliche an diesem ersten langen Film von Hamza Ouni – dass seine Protagonisten die Verhältnisse klarsichtig beschreiben, ohne sich aus der Verantwortung für ihre Handlungen zu stehlen.

Matthias Heeder



Ausgezeichnet mit der Talent-Taube im Wettbewerb für junges Kino 2014

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Elephant's Dream

Dokumentarfilm
Belgien
2014
74 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Bram Crols, Mark Daems, Marion Hansel, Kristof Bilsen, Mike Lerner
Kristof Bilsen
Jon Wygens
Kristof Bilsen
Eduardo Serrano
Yves De Mey
Ein altes Auto ohne Reifen, das vor einem ländlichen Bahnhof bei Kinshasa aufgebockt herumsteht – das erinnert an Bertolt Brechts „Der Radwechsel“. Allerdings steht der Wechsel hier weder bevor, noch wird er mit Ungeduld erwartet. In größter Ruhe überlegt der Besitzer des Wagens, ein Stationswärter, wie er mit ihm ein kleines Nebeneinkommen erzielen könnte. Schließlich fragt er seinen Kollegen, der sonst das bevorzugte Objekt seiner Grübeleien darstellt. Seine Gedanken kommen wie ein Kommentar aus dem Off. Diese Szene ist nur eine von vielen Metaphern für den Stillstand in der Demokratischen Republik Kongo, die der Film mit brillanter Optik herstellt. Neben dem halb verwaisten Bahnhof sind die zentrale Post und die einzige Feuerwehrstation der Hauptstadt (drei Staatsbetriebe) Orte des Wartens auf eine Veränderung, die von der Politik stets mit Paukenschlag angekündigt wird.
Ein Land im Dornröschenschlaf, von Europa geplündert, von Kriegen zerrüttet, ohne funktionierende Infrastruktur. Der Film konzentriert sich auf diesen luziden Istzustand, auf den Traum von einer Modernisierung, dem er eine surreale Note abgewinnt. Vor allem lässt er sich von einer großen Empathie für die von ihm porträtierten Angestellten leiten. Darunter Henriette, die bei der Post hoffnungsvoll dem neuen elektronischen Geldtransfer entgegenblickt, auch wenn sie schon ahnt, dass wieder mehr Form als Inhalt dabei sein wird.
Lars Meyer

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From My Syrian Room

Dokumentarfilm
Frankreich,
Deutschland,
Libanon,
Syrien
2014
70 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Nathalie Combe, Heino Deckert, Georges Schoucair, Myriam Sassine, Hazem Alhamwi
Hazem Alhamwi
Sivan
Hazem Alhamwi, Ghassan Katlabi
Florence Jacquet
Hazem Alhamwi
Nuzha Al Nazer, Frédéric Maury
Beklemmung überfällt einen. Die Feder von Hazem Alhamwi kratzt über eine Schwarz-Weiß-Skizze, die eines Hieronymus Bosch würdig wäre. Apokalyptische Motive und zugespitzte Satire sind seine Spezialität und waren die Rettung. In einem Land wie Syrien, wo alles, selbst das Atmen – wie einer bitter kommentiert – kontrolliert wurde, brauchte es Fluchträume. Kunst, die auf Öffentlichkeit verzichtet, kann einer sein. Der Film entstand, als die Proteste im Windschatten des Arabischen Frühlings hoffen ließen, dass sich etwas ändern könnte: endlich aussprechen, was jahrzehntelang unterdrückt war und zu hohen Gefängnisstrafen geführt hätte. In Gesprächen mit Freunden und Verwandten betreibt der Regisseur Ursachenforschung, beginnend mit Kindheitserfahrungen von Propaganda und Personenkult, Anpassung und Angst. Heute, da sich die Ereignisse überschlagen, ist die hohe Zeit der schnellen Medien. Alhamwis differenzierte Töne, assoziative Motive und Ausflüge in die Bilderwelt der Kindheit haben es schwer mitzuhalten in einer Gegenwart, in der Syrien zwischen religiösen und ethnischen Interessen sowie denen des Auslands zerrieben wird. Die Stimmen aus Alhamwis Zimmer hallen nach aus einer Zeit, als Demokratisierung und Freiheit gefordert wurden. Diesen kurzen Moment, als die Opposition sich zu formieren und zu formulieren suchte, hält der Film fest. Die Zeit der Idealisten war kurz bemessen.
Cornelia Klauß

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Jalanan

Dokumentarfilm
Indonesien
2013
107 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Daniel Ziv
Daniel Ziv
Dadang SH Pranoto
Daniel Ziv
Ernest Hariyanto
Meita Eriska, Pahlevi Indra Santoso
Steht Boni in der superschicken Toilette eines superschicken Einkaufszentrums. Und sagt, nachdem er über reich und arm räsoniert hat, den unschlagbaren Satz: „Unsere Scheiße vermischt sich gut. Nur die Menschen wollen sich nicht mischen.“ Dieser Geist prägt den Film des kanadisch-stämmigen Regisseurs Daniel Ziv, der seit 15 Jahren die subkulturellen Milieus der ruhelosen Metropole Jakarta dokumentiert.
Sie sind Musiker in den Bussen der Stadt: Boni lebt an einem Abwasserkanal unter einer Brücke. Reine Magie, wenn er erzählt, wie er als Analphabet seine Stücke komponiert. Ho mit den Dreadlocks zieht als fröhlicher Anarchist durch die Stadt, immer auf der Flucht vor der Polizei. Und dann ist da Titi, Mutter dreier Kinder, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Jakarta kam. Gelandet ist sie in der Ehe mit einem Nichtsnutz. Sie holt ihren Schulabschluss nach, der ihr die Tür zu besseren Jobs öffnen soll. Vielleicht.
Gedreht im Cinéma-verité-Stil, schnörkellos und ohne falsche Sentimentalität, lernen wir nicht nur drei charismatische Charaktere in prekärer Lebenslage kennen. Ziv gelingt das Porträt einer Metropole, deren Bewohner schwer unter den Folgen der Wirtschaftsreformen ächzen. Insofern ist den Worten der Produktionsfirma nichts hinzuzufügen: „Jalanan“ handelt von Indonesien, Straßenmusik, Liebe, Gefängnis, Sex, Korruption, Reisfeldern und Globalisierung.
Matthias Heeder

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National Diploma

Dokumentarfilm
DR Kongo,
Frankreich
2014
92 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
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Marie Balducchi
Dieudo Hamadi
Dieudo Hamadi
Rodolphe Molla
Dieudo Hamadi
Dieudo Hamadi
„Lord, give me a diploma!“ So klingen die nicht gerade stillen Stoßgebete kongolesischer Schüler kurz vor der Abiturprüfung. Statt eines Mercedes Benz wie bei Janis Joplin in der amerikanischen Variante gilt hier also der höhere Schulabschluss als Schlüssel zum Glück. Ihn zu bekommen, grenzt allerdings wirklich an ein Wunder. Denn das Schulsystem ist Teil der institutionalisierten Korruption: Wer die „teachers’ fee“ nicht zahlen kann, der fliegt.
Eine Gruppe von Schülern in Kisangani lässt sich das aber nicht gefallen – unter ihnen Joël, der auch durch tägliches hartes Kistenschleppen auf dem Markt das nötige Geld nicht zusammenkriegt. Sie ergreifen die Initiative und beziehen ein leeres Haus, um sich dort selbstorganisiert und mit „kleinen Tricks“ auf die Prüfung vorzubereiten. Zwei Monate haben sie nur noch Zeit, zwei Monate, in denen sie gemeinsam leben, diskutieren, beten und singen.
Dieudo Hamadi schafft es, mit der Kamera immer mittendrin zu sein und die Gruppendynamik von innen zu zeigen. So erzählt er von der brüchigen Demokratie Kongos nicht mit Resignation, sondern mit einem Hauch von Utopie, die eine direkte demokratische Beteiligung möglich erscheinen lässt, und mit einem explosiven Finale. Wie eine echte Abifeier aussieht, weiß man erst, wenn man diesen Film gesehen hat. Dass die Schüler der Logik des Systems allerdings trotzdem nicht entkommen, verschweigt er keineswegs.
Lars Meyer

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Waves

Dokumentarfilm
Ägypten
2013
71 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ahmed Nour
Ahmed Nour
Markus Aust
Ahmed Fathy
Simon El Habre, Meriem Amrioui
Chadi Abo, Yasmin Finri
Ahmed Nour
Emile Aouad
Der erste Langfilm von Ahmed Nour ist eine melancholische und bildstarke Auseinandersetzung mit der gekidnappten Revolution von 2011. Was ist geblieben von den Träumen, für die so viele ihr Leben ließen? In Sues, seiner Heimatstadt, begann der Aufstand, und nach Sues kehrt er zurück, um ein ganz persönliches Fazit seines Arabischen Frühlings zu ziehen. Zugleich beschreibt er die mentale Verfasstheit der sogenannten „Revolutionsgeneration“ Ägyptens, die ermattet und voller Skepsis in eine ungewisse Zukunft blickt.
Die fünf Kapitel/Wellen behandeln mit ganz eigener Ästhetik – Animation, Archiv- und dokumentarisches Material, Sound – jeweils einen Abschnitt im Leben des Regisseurs bzw. der Stadt. Die Verbindung von persönlicher Erinnerung und historischen Wegmarken dient nicht nur der Selbstvergewisserung in Zeiten des Zweifels, sondern hilft auch, der enttäuschenden Gegenwart die Möglichkeit einer besseren Zukunft abzugewinnen. Frontstadt war Sues im Krieg gegen Israel, dann Besatzerstadt, dann „Flamme der Revolution“ im Kampf gegen die Diktatur. Aber was hat sich für die Menschen geändert? Folgt man dem Regisseur, nicht viel. Die Infrastruktur zerfällt, das Trinkwasser ist verseucht, es gibt keine Jobs, Gerüchte über ausländische Spione machen die Runde, die alten Bündnisse lösen sich auf. Wer also ist heute der Feind? Worauf ihm ein alter Mentor entgegnet: „Der Feind ist in dir.“
Matthias Heeder

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C(us)todians

Dokumentarfilm
Brasilien
2013
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Antônio Jr.
Aly Muritiba
Elisandro Dalcin
João Menna Barreto, Aly Muritiba
Aly Muritiba
Alexandre Rogoski, João Menna Barreto
Jefferson Walkiu ist der neue Chefinspektor im „Alpha-Team“ eines brasilianischen Gefängnisses, das über 900 Insassen beherbergt. Kein ungefährlicher Job, denn kriminelle Vereinigungen agieren außerhalb und innerhalb der Gefängnismauern, und das Wachpersonal ist schlecht ausgestattet. Mit guten Vorsätzen geht Walkiu daran, seine Abteilung zu professionalisieren. Doch die Dynamik in der Anstalt arbeitet gegen ihn.
Dass es für alle Gefangenen zusammen nur eine Krankenschwester und drei funktionierende Handschellen gibt, sind nur zwei unter vielen Herausforderungen. Täglich diskutiert Walkiu mit Häftlingen, Mitarbeitern und Vorgesetzten, die sich keinen Regeln verpflichtet fühlen. Doch auch sein ständiges Krisenmanagement kann Pannen nicht ausschließen. Umso überraschender wirkt sein ihn offenbar erfüllendes Doppelleben als Seelsorger einer kleinen Gemeinde. Hier lässt der stets um Kontrolle bemühte Mann emotionalen Dampf ab.
Der Alltag im Gefängnis aus Sicht des Wachpersonals und das Porträt eines Mannes, der es richtig machen will und gegen Wände anrennt. Regisseur Aly Muritiba hat selbst lange im Alpha-Team gearbeitet und kennt sich in den hohen, schmalen Fluren des Gefängnisses sichtlich aus. Lange Einstellungen und gezielte Perspektivwechsel erzeugen in seinem Film ein Gefühl des zunehmenden Kontrollverlustes.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award 2013

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Casa

Dokumentarfilm
Frankreich
2013
54 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
Credits DOK Leipzig Logo
Marc Faye, Gerald Leroux
Daniela De Felice
Matthieu Chatellier, Daniela De Felice
Alessandro Comodin, Daniela De Felice
Daniela De Felice
Daniela De Felice
Xavier Thibault
Das Haus ist vollgestopft mit Gegenständen, deren materieller Wert sich als gering erweist. Jahre nach dem Tod des Vaters beräumt die Regisseurin mit Mutter und Bruder das Familiendomizil, das einmal sozialen Aufstieg verhieß und in dem nun keiner mehr wohnen möchte. Die Erinnerungen sitzen in Alltagsresten und im Gerümpel zahlloser Kisten voller verstaubter entomologischer Exemplare. In einem ausufernden Sammeldrang hat die Mutter versucht, das Vergehen der Zeit anzuhalten. Und so umkreisen die Zwiegespräche der Familienmitglieder die Vergänglichkeit als großes Thema. Kann man Erinnerungen teilen? Was bleibt von einem Leben, wenn die nächste Generation den Dingen einen anderen Wert beimisst? Wenn die Erinnerungen zerfallen wie die Flügel der Schmetterlinge in den Vitrinen?
De Felice konzentriert sich ganz auf den Prozess des Erinnerns und die Frage, was unser Gedächtnis bewahrt. So geht es nicht um die Gesichter auf den Fotos, sondern um den Vorgang des In-die-Kamera-Haltens, Abfilmens und Kommentierens. Um die Momente des Schweigens, wenn die Kamera noch läuft. Und vor allem um die Gestalt, die unsere Erinnerungen annehmen. Hier sind es von der Regisseurin gezeichnete Tuscheaquarelle. Ganz reduziert und zart, mitunter sparsam animiert, machen sie, was nur Kunst vermag: Sie führt uns in innere Räume, wo unsere Familien weiterleben, wenn alle Artefakte längst Staub geworden sind.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube Animierter Dokumentarfilm 2013

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Crop

Dokumentarfilm
Ägypten
2013
47 Minuten
Credits DOK Leipzig Logo
Johanna Domke
Johanna Domke, Marouan Omara
Melanie Brugger
Johanna Domke, Emad Maher
Johanna Domke, Marouan Omara
Bilgehan Özis
Jeder verdient ein eigenes Bild, heißt es sinngemäß in einem alten ägyptischen Schlager. In Wahrheit gab es am Nil lange Zeit nur ein offizielles Bild: das eines starken, wohlhabenden Ägyptens, verkörpert durch seine Machthaber. Ein Großteil der Bevölkerung fand darin keinen Platz. Die junge Revolution war auch eine Bilderrevolution: Mit Digitalkameras und Mobiltelefonen eroberten sich die Menschen das Recht auf eine eigene Selbstdarstellung und erreichten damit die Welt. Doch wie repräsentativ sind diese neuen Bilder, fragt man sich angesichts der mehr als ungewissen aktuellen Lage. Der Film tritt einen Schritt zurück und blickt hinter die Strukturen der alten Macht. In Tableau-artigen Einstellungen besichtigt er einen Apparat von innen: die älteste und wichtigste staatliche Tageszeitung Al-Ahram, in der sich seit Nasser das offizielle Ägypten reproduzierte. Angefangen bei den Konferenzräumen im Dach des Hauses bis zu den Tiefgaragen, wo die Zeitungen geschnürt und ausgeliefert werden, begegnen wir einem Heer von Angestellten bei unterschiedlichsten Tätigkeiten. Währenddessen reflektiert eine Erzählerstimme, ein intersubjektives Surrogat aus Interviews mit Fotojournalisten, sozusagen aus erster Hand über die ägyptische Mediengeschichte. Die strenge Teilung von Bild- und Kommentarebene lässt uns genau hinschauen und gibt Fragen auf: Für wen arbeitet dieser Apparat in Zukunft?

Lars Meyer

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Kalyug

Dokumentarfilm
Italien
2013
74 Minuten
Untertitel: 
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
Heidi Gronauer, Lorenzo Paccagnella
Juri Mazumdar
Anke Riester
Giorgio Chiodi
Gero Hecker
Es waren einmal ein Bruder und seine Schwester, die miteinander in Unzucht lebten. Das war der Beginn des Zeitalters Kalyug, der Epoche des Niedergangs in der hinduistischen Kosmologie. Ist es jetzt wieder angebrochen? Für die Bhil, einen uralten Volksstamm, muss es so aussehen. Nicht nur, dass die moderne Gesellschaft sie dazu verdammt hat, als Wanderarbeiter in Armut und Einsamkeit zu leben. Es grassiert auch eine furchtbare Krankheit: HIV. Ein rationaler Umgang mit Ursachen und Wirkung des Virus fällt vor dem Hintergrund eines traditionellen Volksglaubens und der Hierarchie in den indischen Krankenhäusern schwer. Immerhin kommen jetzt Medikamente zu den Patienten. Ein junger Medizinstudent bringt sie ihnen auf seinem Motorrad endlose Kilometer weit durch die karge, staubige Landschaft. Doch sein Kampf um Aufklärung scheint ein Kampf gegen Windmühlenflügel.
„Kalyug“ fesselt durch seine raffinierte, dialektische Erzählweise, in der alte Legenden und die Geschichten der Gegenwart sich wechselseitig durchdringen. Ohne Brüche leitet der Film von der Rahmenhandlung, einem Geschichtenerzähler am Lagerfeuer, zu drei Binnenhandlungen über, die wiederum in der Art eines Reigens miteinander verbunden sind. Ein Motiv stößt das nächste an. Eingebettet in einen ruhigen Erzählfluss, entfalten die archaischen Bilder eine mythische Wirkung – und bleiben doch der Wirklichkeit des Hier und Jetzt verhaftet.

Lars Meyer

Die Annotationen zu den Filmen der Offiziellen Auswahl wurden von den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Gastautor*innen geschrieben. Alle Zitate aus den Katalogtexten zu DOK Leipzig müssen als solche gekennzeichnet werden. Der Name der Autorin bzw. des Autors muss dabei angegeben werden. Originaltitel und Namen sind teilweise transkribiert bzw. transliteriert. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir Bildrechte in den Festivalpublikationen sowie bei der Berichterstattung im Einzelnen nicht nachweisen können, und verweisen darauf, dass das Bildmaterial ausschließlich zum Zwecke der Werbung für den Einzelfilm bzw. die Festivalprogramme veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen und würde nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaber*innen stattfinden. Die Bildrechte liegen bei der/beim jeweiligen Rechteinhaber*in.

Silence Radio

Dokumentarfilm
Belgien,
Frankreich
2012
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Isabelle Mathy, Delphine Schmit, Denis Delcampe
Valéry Rosier
Olivier Vanaschen, Mathieu Cauville
Nicolas Rumpl, Didier Vandewattyne
Valéry Rosier
Arnaud Calvar, Guilhem Donzel
Das Leben ist ein Chanson. Weiß nicht nur Alain Resnais, sondern auch die Betreiber des Bürgerradios „Puisaleine“ in der ländlichen Picardie. Wir sehen größtenteils betagte Herrschaften an den Reglern sitzen, redlich mit dem Computer kämpfen (es ertönt schon mal der falsche Song), Musikwünsche entgegennehmen, Witze erzählen und hysterisch ins Mikro kichern oder esoterische bis handfeste telefonische Lebensberatung („Verlassen Sie das Haus!“) erteilen. Ihre Hörer sitzen in Interieurs, die es bald schon nicht mehr geben wird und die hier soziologisch genau aufgezeichnet sind: zwischen Herzchenkissen, Katzenbildern, Teddys, Kunstblumen, Troddeln und barocken Schnörkeln. Sie sitzen allein auf vollautomatischen Betten, in Räumen, die viel zu groß sind und in denen nur Fotos auf dem Sims an eine Familie erinnern, die es einmal gab. Und sie hören Radio: Das Lied von den weißen Rosen oder von der Liebe, die fünfzig Jahre währte. Zu jedem Song erfahren wir eine Geschichte, von Bombennächten und brennenden Flugzeugen, von der großen Liebe oder dem Kind, das vor den Eltern starb. Und irgendwann beginnen sie zu singen.
Verlust und Einsamkeit ebenso wie ein leiser Humor durchwehen diesen zärtlichen Film, der sich mittels raffinierter Arrangements und einer sinnstiftenden Montage sicher auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und großem Drama bewegt. Ein Film fürs Herz, dessen Bedürfnisse nicht hoch genug zu schätzen sind.

Grit Lemke



Lobende Erwähnung im Wettbewerb für junges Kino 2013

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