Filmarchiv

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Internationales Programm 2014
A Goat For a Vote Jeroen van Velzen

Schulsprecherwahl im ländlichen Kenia. Wofür die Kandidaten stehen? Egal! Es geht um Prestige. Und um „little somethings“, die sie ans Wahlvolk verteilen. Ein Grundkurs in Demokratie.

A Goat For a Vote

Dokumentarfilm
Kenia,
Niederlande
2013
52 Minuten
Untertitel: 
englische

Credits DOK Leipzig Logo

Hasse van Nunen, Maarten van der Ven
Jeroen van Velzen
Alex Boon
Stef Tijdink
Daan Wijdeveld
Jeroen van Velzen
Robil Rahantoeknam
Richten wir den Blick auf das Einüben demokratischer Prozesse am Beispiel einer Schülerwahl im ländlichen Kenia: Was eigentlich ist die Aufgabe eines Schulsprechers? Egal! Geht es doch um das Amt. Um das Prestige. Um die Weichenstellung individueller Karrieren. Die Kandidaten: Magdalena, die es als einzige weibliche Bewerberin traditionell schwer hat. Harry, der bitterarm ist. Um seine Kampagne zu finanzieren, verkauft er Fische und Kokosnüsse auf dem Markt. Said, der Charmeur. Berufsziel: Armeegeneral. Stratege ist er schon jetzt: Fototermin mit dem Vize, der einen Schritt hinter ihm stehen muss, Plakate kleben, Geld bei Verwandten auftreiben. Und dazu dieses verführerische Lächeln! Allen ist klar, dass sie nur durch Wahlkampfgeschenke siegen können. Oder nennen wir es, wie Magdalenas Großmutter, beim Namen: durch Bestechung. Also verteilen sie Süßigkeiten und „little somethings“. Harry gelingt es sogar, seinen Verwandten eine Ziege abzuschwatzen. Fleisch für alle! Einzig bei Magdalena geht es um Inhalte – weshalb sie verlieren wird …
Was lehrt uns das? Die Schule als gesellschaftlicher Mikrokosmos übt ein, was Erfolg verspricht. Wenn der Weg dorthin über Korruption führt, ist das eine Alltagserfahrung in vielen Ländern. Wie heißt es zu Beginn des Films so schön: „Am besten verstehen wir unsere Gesellschaft, wenn wir auf unsere Kinder blicken.“ In diesem Sinne: A vote for a goat!
Matthias Heeder
Wettbewerb für junges Kino (bis 2014) 2014
All Things Ablaze Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov

Der Maidan als Schlachtfeld: Aus Protest wird Gewalt und Kontrollverlust – auf beiden Seiten. Atemlose, unaufhaltsame Bewegung, mit der Energie der Masse, bis zum Inferno.

All Things Ablaze

Dokumentarfilm
Ukraine
2014
82 Minuten
Untertitel: 
englische

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Yulia Serdyukova
Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov
Anton Baibakov
Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov
Marina Maykovskaya, Aleksey Solodunov
Oleg Golovoshkin, Boris Peter
Es wird vielleicht noch länger so sein, dass die Ukraine in Flammen steht und das Sinnbild des Kiewer Maidan – brennende Tonnen und Reifenbarrikaden – der visuelle und olfaktorische Knotenpunkt des revolutionären Gedächtnisses bleibt. Die Gesichter voller Ruß, entschlossen, aber müde. Die Köpfe blutig, aber hart. Der Schlachtruf „Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden“ hallt über den Platz, in allen Tonlagen, ein eigenartiger gemeinsamer Nenner der Aufständischen. Was mit Trommeln, Dudelsack und Europafahnen begann und nahtlos in den blutigen Widerstand gegen Knüppel-Bataillone und Gewalt auf beiden Seiten mündete, entfachte – das wird in diesem unkommentierten und doch aussagestarken wie informativen Gemeinschaftsprojekt mehr als deutlich – eine Energie der Masse, die unberechenbar und unaufhaltsam ist.
Im Kern des Films findet sich eine Szene, deren Länge an die Grenzen des Erträglichen geht, deren Symbolkraft aber gerade deshalb auch körperlich spürbar wird: Da demolieren Demonstranten freudig und mit aller Kraft eine riesige Leninbüste und schießen Siegesfotos (ohne recht zu wissen, was Lenin genau mit ihrem Hass zu tun hat), während ein alter Sowjet-Typ das geliebte steinerne Kolossfragment umarmt und nicht mehr freigeben will, bis er beinahe kollabiert. Der Maidan als Schlachtfeld. Quelle horreur!

Barbara Wurm



Ausgezeichnet mit dem MDR-Filmpreis 2014

Internationales Programm 2014
Amerykanka. All included Viktar Korzoun

Häftlingsalltag im gefürchteten KGB-Hauptquartier Minsk, erzählt vom Dissidenten-Poeten Aljaksandr Fjaduta vor Comic-artig animierter Knastkulisse. Bittere Satire à la Erofeev.

2013

Amerykanka. All included

Animadok
Belarus
2013
52 Minuten
Untertitel: 
englische

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Kasia Kamockaja
Viktar Korzoun
Natalia Shyrko, Eugene Yellow
Viktar Tumar
Viktar Korzoun, Anatoly Todorsky
Alexander Fyaduta, Viktar Korzoun
Taras Senchuk
Das „Amerykanka“ ist das KGB-Hauptquartier und berüchtigtes Folterzentrum in Minsk, Hauptstadt von Weißrussland, der letzten Diktatur in Europa. Unmittelbar nach einer Demonstration gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 19. Dezember 2010 wurden zahlreiche Oppositionelle, unter ihnen Aljaksandr Fjaduta, verhaftet. Drei Monate wurde er im „Amerykanka“ festgehalten, davon annähernd 50 Tage in Einzelhaft. Während dieser Zeit schrieb er den Band „Amerikanische Gedichte“, der die Grundlage dieses mutigen und formal so ungewöhnlichen Films von Viktar Korzun bildet. In dessen Mittelpunkt steht Aljaksandr Fjaduta: seine Verhaftung, die Verhöre, Demütigungen, der Alltag der Haft. Allerdings nicht im traditionellen Interview-Setting, sondern als aktiv Handelnder vor und in animierter Gefängniskulisse. Hierbei schlägt das Realbild des, wie Fjaduta sich selbstironisch beschreibt, „etwas übergewichtigen Protagonisten mit Brille“ beständig um in dessen animiertes Alter Ego und umgekehrt. Dieses in Ermangelung eines realen Drehorts geborene künstlerische Verfahren wird mit großer spielerischer Lust umgesetzt und schafft eine überraschend spöttische Distanz zu den Ereignissen wie zum Zustand des Landes. Und vielleicht ist Spott auch die einzig mögliche Haltung einer Obrigkeit gegenüber, die die Menschen, wie jüngst geschehen, allein deshalb verhaftet, weil sie öffentlich und schweigend gemeinsam in die Hände klatschen.
Matthias Heeder
Deutscher Wettbewerb 2013
Art War Marco Wilms

Kunst ist Waffe! Graffitis an den Wänden von Kairo als Medium des Aufstands, ägyptische Underground-Künstler als Chronisten der Ereignisse. Furioser Trip durch Farben und Rhythmen.

Art War

Dokumentarfilm
Deutschland
2013
87 Minuten
Untertitel: 
deutsche
englische

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Marlen Burghardt, Marco Wilms
Marco Wilms
Ramy Essam, Bosaina and Wetrobots, Tonbüro Berlin
Marco Wilms, Abdelrhman Zin Eldin, Emanuele Ira, Bashir Mohamed Wagih, Ali Khaled
Stephan Talneau
Mohamed Khaled
Marco Wilms
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Protest, Kunst, Demokratie, Meinungsfreiheit, Medien, Graffiti 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde/Ethik, Politik, Geschichte, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

ART WAR wirft einen Blick auf die jungen Künstler und Aktivisten, die den Arabischen Frühling geprägt und mitgestaltet haben. Wir lernen Menschen kennen, die mit rebellischer Musik, haushohen Graffitis und anderen künstlerischen Mitteln Aufklärung betreiben und versuchen, ihre Revolution vor dem Untergang zu retten.

Der Film begleitet die revolutionären Künstler seit der Zeit der Euphorie im Jahr 2011 bis zum Fall Mursis und der Muslimbrüder. Er beschreibt die Explosion der Kreativität nach dem Sturz Mubaraks und zeigt, wie die Künstler lernten, ihre Kunst als Waffe im Kampf für die unvollendete Revolution zu nutzen. Dabei beziehen sich die jungen Graffiti-Künstler, Grafikdesigner, Maler und Schriftsteller überraschend oft auf die antiken Wurzeln der ägyptischen Kunst und zeigen damit, dass ihr Protest tief in der ägyptischen Kultur verankert ist.

Kunst ist Waffe! In Kairo gilt die Losung immer noch. Nach 30 Jahren Autokratie wurde Präsident Mubarak von seinem Volk hinweggefegt. Nun gehört die Straße ihnen, den jungen Rebellierenden und Künstlern. Die Graffitisprayer und Maler bringen die Wände zum Sprechen. Sie erzählen in blutverschmierten Porträts von den Tagen des Kampfes, in wilden Collagen von der Zeit der Anarchie, in obszönen Darstellungen von den Befreiungsversuchen aus unterdrückter Sexualität. Wände werden zu Chronisten der sich überstürzenden Ereignisse. Elektropop und Rap liefern den aufwühlenden Soundtrack dazu. Der Euphorie folgen Übermalungen und Zerstörungen. Sniper sind am Werk und zielen auf die Augen der Demonstrierenden. So wenig gefällig die Underground-Kunst ist, die provozieren will und etwas wagt, so wenig romantisch ist diese Revolution. Regisseur Marco Wilms schlägt in einer Episode den Bogen zu den historischen Wandmalereien bis ins Zeitalter der Pharaonen. In einem Land, wo die Analphabetenrate hoch ist, avanciert eine solche Tradition zum probaten Medium des Aufstands. „Art War“ zeigt den gefährlichen Tanz auf dem Vulkan in einem furiosen Parforceritt durch die letzten zwei Jahre der permanenten und radikalen Umbrüche als einen Trip, der von den Farben und Rhythmen der ägyptischen Maler und Musiker vorangetrieben wird.



Cornelia Klauß





Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013


Internationales Programm 2012
Big Boys Gone Bananas!* Fredrik Gertten

Der schier aussichtslose Kampf einer kleinen Filmproduktion gegen den Lebensmittelkonzern Dole. Der Zusammenhang von Konsum, Meinungsfreiheit und Demokratie als Thriller.

Big Boys Gone Bananas!*

Dokumentarfilm
Schweden
2012
90 Minuten
Untertitel: 
englische

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Margarete Jangård, WG Film
Fredrik Gertten
Conny Malmqvist, Dan "Gisen" Malmquist
Frank Pineda, Joe Aguirre, David McGuire, Malin Korkeasalo, Stefan berg, Kasia Winograd, Sasha Snow, Terese Mörnvik
Jesper Osmund, Benjamin Binderup
Charlotte Rodenstedt
Fredrik Gertten
Alexander Thörnqvist
Die Banane galt 1989 in Ostdeutschland, als ein ganzes Volk „gone bananas“ war, als Symbol des schönen Lebens schlechthin. Die Freiheit uneingeschränkten Konsums schien mit jener der Rede und der Kunst automatisch einherzugehen. Frederik Gertten lehrt uns nun, was Bananen wirklich mit Demokratie zu tun haben.
Dass ihr Anbau auf den nikaraguanischen Plantagen des Lebensmittelkonzerns Dole extrem gesundheitsschädigend für die Arbeiter ist, hatte Gertten in seinem letzten Film gezeigt. Vor dessen Premiere erhält der Filmemacher ein 200-seitiges Schreiben der Firma mit dem Ziel, die Aufführung zu stoppen. Eine beispiellose Kampagne – die Gertten hier dokumentiert und nacherzählt – nimmt ihren Lauf. Eine kleine, unabhängige Filmproduktion trotzt einem Big Player, der von der Justiz, dem L.A. Filmfestival und der Presse bis zum gesamten Internet alles und jeden nach Belieben kaufen, manipulieren, bedrohen oder gar vernichten zu können scheint. Ein ungleicher, schier aussichtsloser Kampf gegen eine Macht, die alle Orwellschen Fantasien in den Schatten stellt.
Erst, als die Zivilgesellschaft in Form des schwedischen Parlaments und einer Handvoll aufgeklärter Konsumenten zu begreifen beginnt, dass die Verantwortung für die Freiheit der Meinung und der Kunst nicht allein beim einzelnen Künstler liegen kann, sondern dass dieses Gut von allen verteidigt werden muss, gibt es eine unerwartete Wendung, die – wir ahnen es – etwas mit dem Konsum von Bananen zu tun hat …
– Grit Lemke
Filmpreis Leipziger Ring 2015
Black Sheep Christian Cerami

Zwei Brüder aus einer Suburb in Nordengland geraten unter den Einfluss der rechtsgerichteten „English Defence League“, die sich vor allem durch ihren lautstarken Anti-Islamismus-Kurs hervortut.

Black Sheep

Dokumentarfilm
UK
2015
16 Minuten
Untertitel: 
englische

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Alex Sedgley
Christian Cerami
Simon Plunkett
Samuel Haskell
Vicky Harris
Zwei Brüder aus einer Suburb in Nordengland geraten unter den Einfluss der rechtsgerichteten „English Defence League“, die sich vor allem durch ihren lautstarken Anti-Islamismus-Kurs hervortut. Was mit Neugier beginnt, wird für den Älteren zum Trip in die Welt der harten Jungs mit klarer Gesinnung, für den erst 13-jährigen Jack aber zum Albtraum. Mit einer am Spielfilm geschulten Kamera fängt der Regisseur mit beeindruckender Präzision das Kräftemessen nicht nur zweier ungleicher Charaktere ein.

Cornelia Klauß
Deutscher Wettbewerb 2015
Café Waldluft Matthias Koßmehl

Seit die italienischen Touristen wegbleiben, bewohnen Flüchtlinge das Hotel im bayrischen Alpenidyll. Mal komisch, mal tragisch kreuzen sich Lebenswege. Ein Heimatfilm besonderer Art.

Café Waldluft

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
79 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Matthias Koßmehl
Matthias Koßmehl
André Feldhaus
Bastian Esser
Andreas Nicolai
Matthias Koßmehl
Till Wollenweber
Einst kamen die Touristen in ganzen Busladungen, um im schönen Café Waldluft einen Platz an der Sonne zu suchen, zumindest für die Zeit ihres wohlverdienten Urlaubs. Seit zwei Jahren aber beherbergt das Traditionshotel in Berchtesgaden, mit Blick auf den deutschen „Schicksalsberg“ Watzmann und seine Ausläufer, Gäste aus anderen Regionen der Welt: Sie stammen aus Syrien, Afghanistan oder Sierra Leone und haben sich das Alpen-Musteridyll keineswegs ausgesucht. Ihr Aufenthalt als Asylbewerber ist geprägt von endlosem Warten, ermüdenden Behördengängen, Heimweh und Sorge um ihre Verwandten.

Seither hat sich die Dynamik im Städtchen verändert. Doch wenn Matthias Koßmehl seinen Film mit einer bayrischen Trachtenparade in Zeitlupe eröffnet, dann nur, um mit den Erwartungen, die dieses Klischee hervorruft, aufzuräumen und stattdessen nüchtern, aber offenen Herzens zu schauen, was für Begegnungen wirklich stattfinden an diesem sonderbaren Ort. Da ist Mama Flora, die Inhaberin, die sich gottergeben um jeden ihrer Schützlinge kümmert, und da ist die ostdeutsche Köchin, die hier ihre Wahlheimat gefunden hat. Die Zufallsbegegnungen mit Stammkunden oder Wanderern und das alltägliche Miteinander im Haus entsprechen einer Vielzahl sich kreuzender Lebenspfade. Der Watzmann, ob verhangen oder klar, bleibt stets am Horizont. Ein dokumentarischer Heimatfilm, in dem das Wort Heimat viele Facetten hat.

Lars Meyer



Ausgezeichnet mit dem DEFA-Förderpreis 2015

CITIZENFOUR

Dokumentarfilm
Deutschland,
USA
2014
114 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Dirk Wilutzky, Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy
Laura Poitras
Laura Poitras, Kirsten Johnson, Katy Scoggin, Trevor Paglen
Mathilde Bonnefoy
Im letzten Teil ihrer post-9/11-„New American Century“-Trilogie zeigt die vielfach preisgekrönte Regisseurin Laura Poitras, wie sich der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ der USA gegen die eigenen Bürger, gegen jedermann richtet. Es geht um Überwachung – auf der politischen, der philosophischen und der psychologischen Ebene. Es geht um Wahnsinn.
Im Januar 2013 wird Poitras, die schon länger zu dem Thema recherchiert und Kunstaktionen veranstaltet hat, von dem noch völlig unbekannten Edward Snowden kontaktiert und bringt mit dem Guardian-Journalisten Glenn Greenwald dessen brisantes Material im Juni an die Öffentlichkeit, kurz darauf auch Interviews mit ihm.
Poitras interessiert die Schnittstelle zwischen Politik und Kunst. So gestaltet sie „CITIZENFOUR“ als Triptychon der Paranoia: Von pseudo-demokratischen Beteuerungen amerikanischer Politiker und den ersten Whistleblowern über die Panoramen riesiger Geheimdienstzentralen führt es in die klaustrophobische Enge des Hotelzimmers in Hongkong, wo Snowden auf den Moment der Enttarnung wartet. Bis kurz vor die Veröffentlichung des Films reichen die Dreharbeiten und bilden ab, was Snowden auslöste.
Poitras geht es in ihrer Kunst darum, uns mit dem Wissen, das uns verfügbar und eben nicht geheim ist, emotional zu verbinden. „CITIZENFOUR“ macht geradezu physisch erfahrbar, was ein autoritärer Überwachungsstaat ist, und dass auch wir mittendrin sitzen. Kein schönes Gefühl.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Filmpreis "Leipziger Ring" 2014

Internationales Programm 2013
Cornered Dmytro Tiazhlov

Das ukrainische Dörfchen Panasivka ist abgehängt vom öffentlichen Verkehr. Eine beherzte Bürgerin nimmt den Kampf mit den Behörden auf … Vergnügliche Lektion in Demokratie.

Cornered

Dokumentarfilm
Ukraine
2012
25 Minuten
Untertitel: 
englische

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Ella Shtyka
Dmytro Tiazhlov
Dmytro Tiazhlov
Dmytro Tyazhlov
Karim Fadl Naser
Im ukrainischen Panasivka leben noch um die 50 Leute, meist Alte. Früher gab es hier eine Schweinefarm, eine Post, eine Bank und dreimal täglich Busse in die Stadt. Wer heute einkaufen will, muss sich in einem der (sich in ständiger Reparatur befindenden) Autos über eine staubige Buckelpiste durch den Wald quälen – die Straße wurde nie fertig gebaut. Doch die findige Bürgerin Zoya Ivanivna Shulha erinnert sich eines einst von Väterchen Yanukovich erlassenen Dekrets, das allen Einwohnern die Anbindung an den öffentlichen Verkehr verspricht, sowie an ein zweites, das Transparenz in behördlichen Entscheidungen zusichert. Also geht man sie an, die Mühen der Ebene: Briefe werden geschrieben, bei ob des Ansinnens ungläubigen bis amüsierten Bäuerchen Unterschriften gesammelt („Wozu? Bringt ja doch nichts.“) und zwischendurch Wodkas auf das Vaterland ausgeschenkt. Schließlich wird gar der Präsident adressiert und der Privatisierung des öffentlichen Sektors ein ordentliches Schnippchen geschlagen.
Wir erinnern uns an die Satiren Soschtschenko’schen Einschlags: "Das Flugwesen, es entwickelt sich". Die Demokratie, sie entwickelt sich auch.

Grit Lemke

Crop

Dokumentarfilm
Ägypten
2013
47 Minuten

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Johanna Domke
Johanna Domke, Marouan Omara
Melanie Brugger
Johanna Domke, Emad Maher
Johanna Domke, Marouan Omara
Bilgehan Özis
Jeder verdient ein eigenes Bild, heißt es sinngemäß in einem alten ägyptischen Schlager. In Wahrheit gab es am Nil lange Zeit nur ein offizielles Bild: das eines starken, wohlhabenden Ägyptens, verkörpert durch seine Machthaber. Ein Großteil der Bevölkerung fand darin keinen Platz. Die junge Revolution war auch eine Bilderrevolution: Mit Digitalkameras und Mobiltelefonen eroberten sich die Menschen das Recht auf eine eigene Selbstdarstellung und erreichten damit die Welt. Doch wie repräsentativ sind diese neuen Bilder, fragt man sich angesichts der mehr als ungewissen aktuellen Lage. Der Film tritt einen Schritt zurück und blickt hinter die Strukturen der alten Macht. In Tableau-artigen Einstellungen besichtigt er einen Apparat von innen: die älteste und wichtigste staatliche Tageszeitung Al-Ahram, in der sich seit Nasser das offizielle Ägypten reproduzierte. Angefangen bei den Konferenzräumen im Dach des Hauses bis zu den Tiefgaragen, wo die Zeitungen geschnürt und ausgeliefert werden, begegnen wir einem Heer von Angestellten bei unterschiedlichsten Tätigkeiten. Währenddessen reflektiert eine Erzählerstimme, ein intersubjektives Surrogat aus Interviews mit Fotojournalisten, sozusagen aus erster Hand über die ägyptische Mediengeschichte. Die strenge Teilung von Bild- und Kommentarebene lässt uns genau hinschauen und gibt Fragen auf: Für wen arbeitet dieser Apparat in Zukunft?

Lars Meyer
Internationales Programm 2012
Der Große Irrtum Dirk Heth, Olaf Winkler

Eggesin und anderswo: Menschen, die engagiert sind und arbeiten - ohne Einkommen. Das Konzept der Bürgerarbeit, reflektiert in einem nachdenklichen, vielschichtigen Essay.

Der Große Irrtum

Dokumentarfilm
Deutschland
2012
105 Minuten
Untertitel: 
englische

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Dirk Heth, Olaf Winkler
Dirk Heth, Olaf Winkler
Melanie Barth, Wolfgang Adams
Dirk Heth
Dirk Heth, Olaf Winkler
Olaf Winkler
Raimund von Scheibner
Wonach bestimmt sich der Wert eines Menschen? In unserer Gesellschaft scheint die Antwort klar: am Markt. Aber „wie kann man glücklich werden ohne Marktwert?“ beschäftigt Olaf Winkler und Dirk Heth. Sie kehren zurück in die schrumpfende Stadt Eggesin, die sie schon 2002 filmisch erkundeten. Dort finden sie 20 Prozent Arbeitslosigkeit vor, aber engagierte Menschen, die arbeiten, ohne dass dies mit einem wirklichen Einkommen verbunden wäre: Marion, die trotz Selbständigkeit von Hartz IV nicht los kommt. Die allein erziehende Diana, die sich mit „Maßnahmen“ durchschlägt. Die 1-Euro-Jobberin Irina, die sich mit Glück auf 1,50 oder einen Minijob steigern kann. Frau Westholm und ihre Ehrenamtlichen von der Heimatstube. Eine Lösung scheint das Konzept der Bürgerarbeit, vom Politiker Rainer Bomba auf Landes- und Bundesebene vertreten, zu bieten. In Eggesin schiebt der Bürgermeister das Projekt einer Zeitbank an. All diese Menschen benutzt der Film nie als Stichwortgeber, sondern nimmt sie in ihren Biografien und auferlegten Zwängen wahr und ernst. Zugleich wird der Ich-Erzähler – ein Kameramann in Briefen an seine Kinder – einer von ihnen, denn der Markt braucht ihn nicht mehr.
Die Filmemacher und ihre Protagonisten erleben gemeinsam, „wie das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit eine intakte Stadt zu verschlucken drohte“. Sie entdecken Ideen und Engagement, die ins Nichts zu laufen. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Filmpreis "Leipziger Ring" 2012

Deutscher Wettbewerb 2015
Der Kuaför aus der Keupstraße Andreas Maus

Das NSU-Nagelbombenattentat, bei dem 2004 in Köln 22 Menschen verletzt und später nur die Opfer verdächtigt wurden. Vielschichtig inszenierte Rekonstruktion eines Skandals.

Der Kuaför aus der Keupstraße

Dokumentarfilm
Deutschland
2015
92 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Herbert Schwering, Christine Kiauk
Andreas Maus
Maciej Sledziecki
Hajo Schomerus
Rolf Mertler
Maik Baumgärtner, Andreas Maus
Ralf Weber
Der Mittwochnachmittag ist mit Bedacht gewählt. Vor und in dem Friseurgeschäft der Brüder Özcan und Hasan Yildirim ist viel los, als sich am 9. Juni 2004 plötzlich 700 zehn Zentimeter lange Tischlernägel mit einer Reichweite von 250 Metern in Projektile verwandeln. Sie verletzen 22 Menschen. So infam der Anschlag ist, so skandalös der Verlauf der Ermittlungen: Verdächtigt werden die Opfer. Überwachungsvideos wertet man nicht aus und Bundesinnenminister Otto Schily schließt einen rechtsradikalen Hintergrund dezidiert aus. Erst 2011 wird mit den Enthüllungen über die rechtsextreme terroristische Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ auch diese Tat aufgedeckt. Der Prozess dauert bis heute an.

Der Regisseur Andreas Maus konzentriert sich darauf, zehn Jahre nach dem Kölner Nagelbomben-Attentat jenen eine Stimme zu geben, die lange niemand hören wollte. Die von ihm angewandten Erzählstrategien zielen auf Distanz, um freizulegen, mit welcher Systematik vertuscht, verschwiegen und verdrängt wurde. Dokumentarisches und inszeniertes Material verschränken sich miteinander, Schauspieler agieren neben Betroffenen, Räume werden rekonstruiert. Die vielstrapazierten Fernsehbilder überschreibt Andreas Maus mit seinen Bild-Erfindungen. Die Kamera hält inne, der Blick, der auf den Zuschauer gerichtet ist, gefriert. Was eigentlich kommt nach der „Willkommenskultur“, möchte man fragen?

Cornelia Klauß
Internationales Programm 2012
Der Prozess Gerald Igor Hauzenberger

Der größte Strafprozess Österreichs, in dem harmlose Tierschützer als Staatsfeinde angeklagt und verurteilt wurden. Kafkaesker Abgesang auf die westliche Demokratie.

Der Prozess

Dokumentarfilm
Österreich
2012
112 Minuten
Untertitel: 
englische

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Michael Seeber, Gerald Igor Hauzenberger, framelab filmproduktion
Gerald Igor Hauzenberger
Bernhard Fleischmann
Dominik Spritzendorfer, Gerald Igor Hauzenberger
Michael Palm
Chris Moser
Gerald Igor Hauzenberger
Michael Palm
Von Igor Hauzenbergers Film geht eine große Beunruhigung aus. Wenn im Namen des Paragrafen 278a, der eingeführt wurde, um Organisationen wie die Mafia und Al Quaida zu bekämpfen, aus einem Protestbrief eine Bedrohung, aus einem Tierschützer ein Staatsfeind, aus einer NGO eine terroristische Vereinigung wird, dann geraten die Säulen der Zivilgesellschaft bedenklich ins Wanken. Dreizehn Tierschützer stehen in Wien vor Gericht, weil sie mit durchaus medienwirksamen Aktionen gegen Massentierhaltung und den Handel mit Pelzen vor Ställen und Kaufhäusern protestierten. Klar, nackte Demonstranten, die mitten im Winter in der Wiener Innenstadt tote Tiere in ihren Händen halten oder blutüberströmt Schweineköpfe am Kreuz durch die Straßen tragen, sind kein schöner Anblick. Ebenso stört, dass es sich bei dem Verein gegen Tierfabriken (VGT) nicht einfach um eine Chaotentruppe handelt, sondern um ein international organisiertes Netzwerk, zu dessen Köpfen Wissenschaftler und Grünen-Politiker gehören, unter ihnen der charismatische Dr. Dr. Martin Balluch, der sich nach seiner Universitätskarriere für den Weg auf die Straße entschieden hat. Igor Hauzenberger begleitet die Demonstranten über mehrere Jahre, versucht, Licht in den Paragrafen-Dschungel zu bringen und sucht hartnäckig Staatsanwälte, Pressesprecher und Kaufhausbetreiber vor die Kamera zu holen. Vergeblich. Dieser größte Strafprozess Österreichs entwickelt sich zum Präzedenzfall: Demokratie versus jene, die auch schon mal brüllen, „der Hitler muss wieder her.“
– Cornelia Klauß
Internationales Programm 2013
Diary From the Revolution Nizam Najjar

Ein Jahr unter Rebellen in Libyen: Kampfhandlungen, provisorisches Lagerleben, ein charismatischer Patriarch. Rarer Einblick in Strukturen und die Menschen dahinter.

Diary From the Revolution

Dokumentarfilm
Norwegen
2012
79 Minuten
Untertitel: 
englische

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Kristine Ann Skaret, Geir Bølstad
Nizam Najjar
John Birger Wormdahl, Bjarne Larsen
Khalifa Elfetory, Sadoon Alamlas, Blade Kushba
Torkel Gjørv
Nizam Najar
Bernt Syvertsen
Das erste Bild: eine Reminiszenz an den Western. Der Regisseur Nizam Najjar in einer staubigen Landschaft. Aber diese Coolness hält er nicht lange durch. Schon in Tripolis lässt er sich vom Freudentaumel nicht täuschen. Teile des Landes sind noch von Militärtruppen Gaddafis besetzt, die Frontlinien in Libyen unübersichtlich. Seit zehn Jahren lebt er im sicheren Exil in Oslo. Nun, da sich sein Land im Umbruch befindet, hält es ihn dort nicht mehr. „Bewaffnet“ mit seiner Kamera geht er unter die Rebellen in Misrata, aus seiner Angst macht er keinen Hehl. Als „einem der ihren“ wird ihm gestattet, über ein Jahr lang zusammen mit den von Haj Siddiq angeführten Freischärlern zu leben. In Form eines Videotagebuchs hält er protokollarisch die Kampfhandlungen, Probleme beim Besorgen von Waffennachschub und das provisorische Lagerleben fest. Ebenso erhellend sind seine Beobachtungen der Al-Gabra-Brigade selbst. Wie ist sie strukturiert, wie verändern sich die Charaktere? Auch wenn sie als Helden sterben würden, so haben doch alle diese jungen Rebellen noch Pläne für das irdische Leben. Der Ruf nach dem „Märtyrertod“ klingt zunehmend wie eine hohle Floskel. Vor allem die charismatische Gestalt Haj Siddiqs steht im Fokus des Filmemachers. Wie ein Patriarch hat er seine Familie und die ehemaligen Mitarbeiter seines Bauunternehmens als Getreue um sich geschart. Sein selbstgefälliger Führungsstil birgt schon das Kalkül für die Machtübernahme nach dem Sieg.

Cornelia Klauß
Internationales Programm 2013
Die Reise zum sichersten Ort der Erde Edgar Hagen

Einmal um die ganze Welt – auf der Suche nach einer sicheren Endlagerstätte für Atommüll. Wissenschaftler, Politiker, Lobbyisten und ihre Gegner in einem Panoptikum des Wahnsinns.

Die Reise zum sichersten Ort der Erde

Dokumentarfilm
Schweiz
2013
100 Minuten
Untertitel: 
deutsche

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Hercli Bundi
Edgar Hagen
Tomek Kolczynski
Peter Indergand
Paul-Michael Sedlacek, Edgar Hagen
Bruno Conti
Edgar Hagen
Jean-Pierre Gerth
Während Edgar Hagen in seinen letzten Filmen Psychiatriepatienten begleitete, blickt er nun in die Abgründe einer geistig kranken Gesellschaft. Jener, die an eine sich zunehmend als unbeherrschbar erweisende Technologie glaubt und sie wider besseres Wissen fördert. Denn angeblich gibt es ihn, den sichersten Ort der Welt, an dem todbringender Atommüll über Hunderttausende von Jahren unschädlich gelagert werden kann.
In der Tradition des mittelalterlichen Schelms stellt Hagen sich dumm und möchte ihn sehen, diesen Ort. Er reist dazu um die ganze Welt, von der Schweiz nach Großbritannien, Deutschland, Schweden, China, Japan, in die USA, nach Australien und wieder zurück. Er schippert über Meere, durchquert Wüsten, stapft durch Wälder und Moore, erkundet das Innere von Bergen. Immer unwirklicher werden die Szenerien, immer weiter weg rückt der Gral. Hagen trifft Geologen und Atomlobbyisten, Umweltaktivisten, Stammesführer und Lokalpolitiker. Überzeugt von der Sache die einen, zweifelnd die anderen. Dabei ist immer viel von „Nachweisen“ und „grundsätzlicher Machbarkeit“ die Rede. Doch er fragt nach, scheinbar naiv. Mit dieser Erzählhaltung gelingt es ihm, sämtliche Rechtfertigungsstrategien der Atomindustrie geschickt als Konstrukt zu entlarven – in dem es schon lange nicht mehr um technische Möglichkeiten geht, sondern nur noch darum, das Unmögliche gut zu verkaufen. Ein Film über den Wahnsinn.

Grit Lemke
Internationales Programm 2015
Floating Life Haobam Paban Kumar

Auf dem Loktak-See in Indien lebten Fischer seit jeher auf schwimmenden Inseln. Bis die Regierung deren Räumung anordnete … Bewegendes Dokument verzweifelten Widerstands.

Floating Life

Dokumentarfilm
Indien
2014
54 Minuten
Untertitel: 
englische

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Films Division
Haobam Paban Kumar
Sankha
Der Loktak ist der größte Süßwassersee im Nordosten Indiens und einzigartig durch seine Schilfinseln, die frei auf dem Wasser treiben. Seit Jahrhunderten nutzen Fischer die schwimmende Biomasse als Baugrund für ihre Hütten. Doch damit ist spätestens seit 2011 Schluss, als die Regierung die Umsiedlung der rund 4.000 auf dem See lebenden Menschen beschloss. Begründung: Die Fischer seien verantwortlich für die zunehmende ökologische Belastung des Loktak. In einer ersten Räumaktion in jenem Jahr brannte die Polizei 300 Hütten nieder. Von den Menschen, die daraufhin weggingen, kamen viele wieder, weil sie keine Alternative haben.

Etwa drei Jahre später folgt Haobam Paban Kumar in seinem in Indien vielfach ausgezeichneten Film den Ereignissen auf dem See. Mit sicherem Gespür für die Ängste und Nöte der Menschen beobachtet er zunächst deren geschäftigen Alltag. Die Ereignisse von 2011 sind überall präsent – ebenso die Entschlossenheit der Inselbewohner, sich nicht wieder vertreiben zu lassen. Denn die Staatsmacht rüstet sich erneut, um die traditionelle Lebensform wegen vermeintlich übergeordneter Interessen zu vertreiben. Von der Räumung der Siedlungen erzählt der Film in bewegenden Szenen. Die Fischer und ihre Familien jedenfalls wehren sich mit der Kraft der Verzweiflung. Wo sie siegen, zieht die Polizei ab. Für den Moment. Wo die Hütten niederbrennen, bauen sie sie wieder auf.

Matthias Heeder