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Sugartown – For a Fistful of Votes Kimon Tsakiris

Pantazis Chronopoulos betreibt Politik wie ein Geschäft. Aber nicht wie ein multinationales Großunternehmen, sondern wie einen fest in der Community verwurzelten Krämerladen.

Sugartown – For a Fistful of Votes

Dokumentarfilm
2019
73 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Kimon Tsakiris
Kimon Tsakiris
Nassos Sopilis, Tilemachos Moussas, Sergios Voudris
Yiannis Kassis
Tatiana Panigyri
Christos Maganas
Kimon Tsakiris
Aris Kafentzis
Pantazis Chronopoulos ist sich sicher: Wenn sein Kontrahent um das Amt des Bürgermeisters sich in den engen, kurvigen Straßen in den Hügeln um die griechische Kleinstadt Zacharo verirrte, dann wäre er hoffnungslos verloren – ohne GPS würde der nicht einmal mehr den Weg zurück in die Stadt finden. Chronopoulos hingegen ist genau hier zu Hause: in den winzigen, vom Fortschritt abgehängten Dörfern, in denen er genau weiß, mit wem er zu reden hat, um nicht nur eine einzelne Stimme, sondern die Stimmen einer ganzen Großfamilie einzuheimsen. Die entsprechend vorausgefüllten Wahlzettel hat er praktischerweise gleich mitgebracht.

Chronopoulos betreibt Politik wie ein Geschäft. Aber nicht wie ein multinationales Großunternehmen, sondern wie einen in der Community verwurzelten Krämerladen – jeder Euro an Infrastrukturmaßnahmen, jede informelle Vergünstigung lässt sich präzise in Wählerstimmen umrechnen. Aber auch Aufmerksamkeit und Leutseligkeit sind Ressourcen, die konstant mobilisiert werden wollen. Wir sind immer ganz eng dabei, sitzen auf dem Beifahrersitz, wenn Chronopoulos seine Runden dreht. Früher oder später beschleicht uns ein böser Verdacht: Was wir hier erleben, das ist vielleicht gar keine einzigartig perfide Korrumpierung demokratischer Mechanismen, sondern einfach nur business as usual.

Lukas Foerster

Marble Homeland

Dokumentarfilm
2018
57 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Skapeta Films, Despina Papadima (Mind clip)
Menios Carayannis
Giorgos Katsanos
Menios Carayannis
Dimitris Giannakopoulos
Bildhauer Ingbert Brunk hat in Naxos seine Liebe gefunden: Marmor. In den Achtzigerjahren kam er nach Griechenland, weil er in Deutschland nicht mehr leben wollte und konnte. In seinen Händen wird der Marmor zart und durchscheinend, verwandelt sich in Kissen oder riesige Ginkgoblätter. Er sagt, es gefalle ihm, ein Fremder in einem anderen Land zu sein, es verschaffe ihm ein Gefühl von Freiheit. Brunk umgibt etwas Geheimnisvolles und Selbstgenügsames, auch eine Weisheit, die sich in seinen Worten vermittelt. Vom künstlerischen Prozess ist die Rede, und wie das Leid als eine Phase der Kreation begriffen werden kann. Brunk erzählt vom Scheitern und Wachsen am Material, analysiert griechische und deutsche Mentalität, findet, man dürfe sich nicht in Gefühlen verlieren, aber genauso wenig dem Verstand und der Logik aufsitzen. Er sucht nach einer Balance, mit welcher er wiederum dem Marmor begegnet. Menios Carayannis filmt Ingbert Brunk mit Faszination und Achtung, fast auch ein wenig schwärmerisch.

Carolin Weidner

The Longest Run

Dokumentarfilm
2015
77 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Spiros Mavrogenis, Rachel Manoukian, Daphne Panopoulos
Marianna Economou
Nikos Portokaloglou
Chronis Pechlivanidis, Giannis Misouridis
Chronis Theoharis
Marianna Economou
Chronis Pechlivanidis, Giannis Misouridis
Jasim und Alsaleh sitzen als minderjährige Flüchtlinge in einem griechischen Gefängnis ein. Aus Syrien respektive dem Irak kommend, wurden sie als „Illegale“ an der türkisch-griechischen Grenze aufgegriffen und warten nun auf ihren Prozess. Die Anklage gegen sie hat einen zusätzlichen (und gefährlichen) Haken: Sie werden beschuldigt, selbst als Schleuser aktiv gewesen zu sein. Denn unter Androhung von Gewalt hat man sie einen Flüchtlingstrupp über die Grenze führen lassen, während die Menschenhändler dezent im Hintergrund blieben. Werden Jasim und Alsaleh schuldig gesprochen, droht ihnen eine sehr lange Haftstrafe, die Dauer obliegt dem Gericht.

Jasim ist praktisch noch ein Kind. Mit großen unschuldigen Augen blickt er um sich und versteht buchstäblich gar nichts von dem, was ihm da widerfährt. Alsaleh fungiert als „großer Bruder“ und gewährt oft Überlebenshilfe. Souverän verknüpft Marianna Economou die Erzählung zweier singulärer Dramen mit der eines universalen Phänomens. Ihr Film setzt verstehendes Mitgefühl frei – insofern, als man diesen Jungs nach den Zumutungen, die sie auf ihrer Flucht sowieso schon erlebt haben, eigentlich nur noch eines wünscht: dass sie zu schlechter Letzt nicht an der Hartherzigkeit eines Justizbeamten zerbrechen mögen. „The Longest Run“ aktiviert Herz und Verstand – das eine nicht ohne das andere!

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit einer lobenden Erwähnung im Internationalen Wettbewerb und dem Preis der Vereinten Diensleistungsgewerkschaft ver.di 2015

Like Stone Lions at the Gateway Into Night

Credits DOK Leipzig Logo
Pierre-Alain Meier, prince Film SA
Olivier Zuchuat
Olivier Zuchuat
Olivier Zuchuat
Olivier Zuchuat, Eleni Gioti
Aris Athanassopoulos
Der langsame Travelling-Shot entlang einer Steinmauer, die nur ab und zu durch Öffnungen im Mauerwerk den Blick auf das azurblaue Meer dahinter freigibt, lässt zunächst an eine antike Ausgrabung denken. Der Eindruck täuscht, wir befinden uns im Jahr 1948. Die Welt steht noch unter dem Schock des Kriegsgeschehens, da brechen in Griechenland alte Fronten auf und ein brutaler Bürgerkrieg beginnt. Die Kommunistische Partei und die Nationale Befreiungsfront, die eben noch die Faschisten in einem aufreibenden Partisanenkrieg bekämpft haben, werden verboten und 80.000 Griechen auf karge Inseln wie Makronisos deportiert. Aus dem knarzenden Lautsprecher ertönen perfide Verbote und das Mantra der zehn Gebote, die das Abschwören vom Kommunismus und den patriotischen Einsatz für „Gott, Vaterland und Freiheit“ einfordern. Das Ziel: Umerziehung. In Wahrheit wird psychischer Terror ausgeübt, der einhergeht mit Schikane und Folter. Aber die Mauern von Makronisos sind nicht stumm. In den Ritzen waren Gedichte der vielen Dichter, wie Yannis Ritsos, Tassos Livaditis und Mikis Theodorakis, die hier interniert waren, versteckt. Mit ihren sehnsuchtsvollen Metaphern und ihrer kraftvollen Poesie versuchten sie sich gegen die plumpe Propaganda zu stemmen, die penetrant über das Zeltlager hinweg tönte. In seiner strengen und konsequenten Komposition lässt der Schweizer Regisseur Oliver Zuchuat die Texte hart aufeinanderprallen und für sich sprechen.

Cornelia Klauß



Ausgezeichnet mit dem Preis der Ökumenischen Jury 2012