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Jahr

A Folk Troupe

Dokumentarfilm
2013
62 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Gang Zhao, Cherelle Zheng
Gang Zhao
Qian Ge, Deng Gang
Luo Quan
Lin Yan
Liu Jian
Ein leichtes Brot ist es für die fahrenden Gesellen nicht. Am Stadtrand von Chengdu, einem Wirtschaftszentrum im Südwesten Chinas, wo sich eine besondere Form der Peking-Oper, die Sichuan-Oper, traditionell entwickelt hat, hält eine elfköpfige Theatertruppe Einzug in ihr provisorisches Domizil in einer garagenähnlichen Halle, unmittelbar neben einer Großbaustelle. Jeden Tag bieten sie ein anderes Stück dar. Für die drei- bis vierstündigen Aufführungen haben die Performer von Kindheit an die Geheimnisse der kunstvoll geschraubten Gesänge und die ausgeklügelte Choreografie beim Wechsel der aufwändigen Masken erlernt. Jahrhundertealte Geschichten werden immer wieder repetiert. Aber romantisch ist das Wanderleben wahrlich nicht. Hier in Chengdu sitzen sie fest. Es fehlt an Geld für die Weiterreise, Bürokraten zeigen sich unwillig, Genehmigungen zu erteilen, es gibt Zänkereien untereinander, die Stimmung ist angespannt. Das auf bescheidenen Holzstühlen ausharrende Publikum besteht aus verhärmten Gestalten, deren zerfurchte Gesichter auf ein entbehrungsreiches Leben deuten. Größer könnte der Gegensatz zu den knallbunten Inszenierungen auf der Bühne, die in Titeln wie „Im Land des Überflusses“ die schönsten Verheißungen bergen, nicht sein. Diese Art der Wanderoper können sich die Zuschauer vielleicht gerade noch leisten, aber der Abgesang ist schon unüberhörbar. Und wieder geht ein Stück Kulturgeschichte verloren …

Cornelia Klauß



Ausgezeichnet mit dem Preis der Fédération Internationale de la Presse Cinématographique 2013

Credits DOK Leipzig Logo
Natalia Manskaya, Filip Remunda, Vít Klusák, Simone Baumann
Vitaly Mansky
Alexandra Ivanova
Pavel Mendel-Ponamarev
Vitaly Mansky
Dmitry Nazarov
Es war – so die „IG Erdgastrasse“ auf ihrer noch im deutsch-sowjetischen Freundschaftsstil gehaltenen Website – ein „Bauwerk des Jahrhunderts“, das mit dem Spatenstich am 6. Juni 1966 im fast-arktischen Westsibirien begonnen wurde, in den Vorperestroika-Jahren (zum Schrecken Reagans) reale transkontinentale Form annahm und heute beispielsweise den Rohstoffbedarf eines der wichtigsten rituellen Ereignisse Westeuropas deckt: den Rheingas-betriebenen Rosenmontagszug in Köln. Die „Urengoy–Pomary–Uzhgorod-Trasse“ erstreckt sich vom autonomen Kreis der Jamal-Nenzen bis zum Golf von Biskaya, so unbemerkt wie alles, was mit unserer Energieversorgung zu tun hat. Doch geopolitisch-ökologisch-ökonomisch ist die Pipeline eine riesige Goldader – mit klaren Konsequenzen (Abhängigkeiten, Technikgläubigkeit, Umweltschäden).
Entlang der unterirdischen Fährte erkundet Vitaly Mansky, den es zuletzt mit „Motherland or Death“ nach Kuba zog, diesmal unsere eigene fremde Heimat. Den politisch widerspenstigen Dok-Maître interessiert der Alltag jener, die neben und über der Trasse leben, nicht notwendigerweise jedoch von ihr (wo kein Geld, da kein Gas): indigene Eisfischer, orthodoxe Kirchenprozessionen, Putin-wählende Tuba-Bläser, Gorbatschow-kritische Veteranen, aufgebrachte Roma, fluchende Polen und marienverehrende Polinnen. Er kokettiert mit dem Klischee, weicht ihm aber geschickt aus. Big-Screen-Cinema, bildgewaltig und mit tollem Sounddesign.

Barbara Wurm



Ausgezeichnet mit dem MDR-Filmpreis 2013

Hilton! – Here For Life

Dokumentarfilm
2013
75 Minuten
Untertitel: 
englische
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Markku Tuurna
Virpi Suutari
Matti Pentikäinen, Arto Tuunela
Heikki Färm
Jussi Rautaniemi
Virpi Suutari
Die Zukunft? Eine Kugel in den Kopf. – So fühlt es sich an, wenn man im Wohlfahrtsblock des „Hilton“, eines heruntergekommenen Neubauviertels in Helsinki, gestrandet ist. Wer hier lebt, ist noch keine 30 und hat alles durch. Er hat Wut im Bauch und Traurigkeit, die nicht zu Trauer werden will, sondern sich entladen muss. Indem man den Kopf gegen einen Balken haut, immer wieder. Indem man sich verletzt oder einfach nicht mehr rausgeht und sich irgendwann daran gewöhnt. Hier schläft man mit dem Messer unterm Kopfkissen, weil man es nicht anders kennt, und hier zerreißt man Rechnungen, weil es eh egal ist.
Virpi Suutari aber, aus der Zauberschule des finnischen Dokumentarkinos kommend, sieht keine Sozialfälle, sondern die Individuen Janne, Toni, Mira, Pete und Make. Während ihre Geschichten erzählt werden, die nahezu zwangsläufig nach ganz unten führen, beginnen sie im Film, aus sich selbst heraus zu leuchten. Die Bilder sind rau, nichts ist poliert, die Montage so impulsiv wie die Emotionen der Protagonisten und ihre flashartigen selbstgedrehten Handybilder. Kein Hauch von Sozialromantik – und doch findet die Kamera Momente von Reinheit, In-sich-Ruhen und Wärme. Sie findet eine Gemeinschaft, die den bürgerlichen Begriff von Familie neu definiert. Ein Kind wird geboren. Dass diese Geschichte mit Hoffnung endet, ist aber vor allem der Kraft von Suutaris Erzählung zu verdanken.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Preis der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 2013

In Sarmatien

Dokumentarfilm
2013
120 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Volker Koepp
Volker Koepp
Rainer Böhm
Thomas Plenert
Beatrice Babin
Thomas Huber
Es gibt zwei gegensätzliche Arten, Sarmatien zu beschreiben: als eine Gegend am Rande der bekannten Welt – so sahen es die alten Griechen –, oder als jenen Teil Europas, wo sich das einst sorgfältig vermessene geografische Zentrum des Kontinents befindet. Im Register des aktuellen „Diercke Weltatlas“ wird man Sarmatien indes vergeblich suchen, als Verwaltungseinheit ist es inexistent, und auch Google Maps vermag kein Stück weiterzuhelfen. Dennoch ist Sarmatien kein Hirngespinst.
Für seinen neuen Film ist Volker Koepp dorthin aufgebrochen und lässt uns mit großzügiger Geste teilhaben an seinen Eindrücken und Begegnungen in einer ebenso unbekannten wie eigentlich nahegelegenen Region zwischen Litauen und Weißrussland, zwischen der Ukraine und Polen, welche im Norden an die Ostsee grenzt und im Süden ans Schwarze Meer. Seit langem, mindestens seit 1972, als er „Grüße aus Sarmatien für den Dichter Johannes Bobrowski“ drehte, ist die historische Landschaft in seinem Werk immer wieder präsent. Ähnlich wie Bobrowski sieht auch Volker Koepp hier „jenes Traumland, in dem sämtliche Völker und Religionen ihren Platz fänden, wenn nicht die Geschichte alles eins ums andere Mal umgepflügt hätte“. Die Verwerfungen, die das hinterlassen hat, auch und gerade in den Menschen, die dort leben, und wie diese Menschen trotz allem von innen heraus strahlen, das ist hier aufs Schönste zu erfahren.

Ralph Eue

Just the Right Amount of Violence

Dokumentarfilm
2013
80 Minuten
Untertitel: 
englische
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Jon Bang Carlsen, Helle Ulsteen
Jon Bang Carlsen
Nathan Larson
Jon Bang Carlsen
Rikke Selin, Morten Giese, Hilda Rasula
Jon Bang Carlsen
Jess Wolfsberg
Das könnte Hollywood sein: Zwei Cops stürmen im Morgengrauen ein Haus, zerren einen Teenager aus dem Kinderzimmerbett, verfrachten ihn ins Auto, fahren mit ihm durch die endlose amerikanische Weite. Ausbruchsversuch, Verfolgungsjagd, die Fahrt endet in einem Umerziehungslager für renitente Kinder mitten in der Wüste. – Das ist Hollywood. Am Fuß der Berge mit dem berühmten Schriftzug begibt sich Jon Bang Carlsen, bekannt für die ständige Auslotung der dokumentarischen Realität und ihrer Konstruiertheit, auf die Suche nach einem Traum, der hier permanent generiert wird: der von der glücklichen Familie. Lachende Kinder und fürsorgliche Eltern – ein Bild, das wir alle in uns tragen und dem wir ewig nachrennen.
Es ist die Suche nach dem eigenen verlorenen Vater, die sich zu einem großen Essay über Liebe, Verantwortung und Moral verdichtet. Aussagen eines jungen Mannes, der die gnadenlose „Intervention“ durchlief, Berichte von Officers der „Eingreiftruppe“ sowie persönliche Reflexionen werden von Bildern des sauberen, suburbanen Mittelschicht-Amerika konterkariert. Es geht um ein Weltbild: Wer sich nicht an „Gesetze“ (wessen?) hält, wird bestraft – egal ob Kinder von ihren Eltern oder andere Völker von Uncle Sam. Der Traum von der heilen Welt, die man so kreiert, ist nichts als Fiktion – weshalb Carlsen die Grenzen des Dokumentarischen hier wieder weit überschreitet.

Grit Lemke

Normalization

Dokumentarfilm
2013
100 Minuten
Untertitel: 
englische
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Robert Kirchhoff, coproducer: Hypermarket Film, CzechTV
Robert Kirchhoff
Peter Zagar
Ján Meliš
Jana Vlčková, Adam Brothánek
Jozef Giertli Danglár
Robert Kirchhoff
Václav Flegl, Michal Gábor
Die neunzehnjährige Medizinstudentin Ludmilla Cervanova hat eben noch in die Kamera gelächelt. 1976 fand man ihren Leichnam in einem Fluss in einer kleinen slowakischen Stadt. Sieben Männer waren für die grauenvolle Vergewaltigung und den Tod des Mädchens verantwortlich. Glücklicherweise hat man die Täter gefasst und verurteilt. Obwohl Ludmilla aber bei lebendigem Leibe ertränkt wurde, waren an der Leiche seltsamerweise keine Anzeichen von Gewalt festzustellen. Obwohl die Mörder seit Jahren im Gefängnis sitzen, kann sich nicht einer von ihnen an die schreckliche Tat erinnern. Obwohl eine Reihe von Zeugen die Unschuld der Verurteilten bestätigte, wurde keiner von ihnen vor Gericht angehört. Robert Kirchhoff lässt diese Leute zu Wort kommen, viele andere verstummen aber vor seinen Fragen nach plausiblen Tatsachen. Er dringt in die Tiefen eines Falls vor, der bis heute ein ungelöstes Rätsel in der slowakischen Geschichte darstellt. Er rekonstruiert eine „Landkarte der Ereignisse“ und zeichnet ein Bild, das von Macht, deren Missbrauch, von Manipulation, der Perfidität von Geheimdiensten und von den politischen Machenschaften eines Landes erzählt. „Normalization“ demonstriert im besten Sinne, wozu ein Film in der Lage sein kann. Und über der Wahrheit liegt immer noch das unschuldige Lächeln eines neunzehnjährigen Mädchens.

Claudia Lehmann



Ausgezeichnet mit einer Lobenden Erwähnung im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm und dem Preis der Ökumenischen Jury 2013

Optical Axis

Dokumentarfilm
2013
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Marina Razbezhkina
Marina Razbezhkina
Denis Klebleev, Irina Uralskaya
Yury Geddert
Marina Razbezhkina
Yury Geddert
Um genauer zu erkennen, wie die postsowjetische Gesellschaft funktioniert, stellt man sie üblicherweise der sowjetischen gegenüber – oder zumindest jener Vorstellung, die in unseren Köpfen von ihr geblieben ist. Marina Razbezhkina, unumstrittene Altmeisterin im Fach Dokumentarfilm, geht einen anderen Weg. Sie überspringt die mystifizierte Zonenzeit und setzt unterschiedlichen sozialen Gruppen aus der Gegenwart („Klassen“ sagte man einst dazu) ihr historisches Ebenbild in Form lebensgroßer Fotografien vor – die Berufs- respektive Einkommensskala von unten nach oben, von Obdachlosen über Stripperinnen, Fabrikarbeiter, Handwerker, Ärzte, Altgläubige bis hin zu denjenigen, die eine Staatsbank aufsuchen, nämlich Juwelierinnen und Bauunternehmerinnen, Investoren und Münzsammler. Die Drehorte von heute und die Locations von damals, vor ziemlich genau 100 Jahren, sind dieselben: Nischni Nowgorod und Umgebung. Der Fotojournalist Maxim Dmitriev – das russische Pendant zu August Sander – „war verliebt in die Realität“, heißt es im Abspann anerkennend. Razbezhkina ist es auch. Welch Glück für ein Land, das ansonsten seine geschärften Linsen weitgehend eingebüßt und die optischen Achsen verstellt hat. Ein Modellfilm zudem: für alle, die immer schon wissen wollten, wie man das Soziale im Querschnitt präzise vermisst, ohne Rückgriff auf holprige Konzeptbrücken, dafür mit Hirn, Herz und Händchen.

Barbara Wurm

Stop the Pounding Heart

Dokumentarfilm
2013
100 Minuten
Untertitel: 
englische
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Roberto Minervini
Roberto Minervini
Diego Romero Suarez-Llanos
Marie-Hélène Dozo
Über dem texanischen Himmel explodiert ein Feuerwerk – gefühlte Lichtjahre entfernt von dem idyllischen Ort, an dem die 14-jährige Sara als älteste Tochter einer Großfamilie auf einer Ziegenfarm aufwächst. Dort kümmert sie sich liebevoll um die Tiere und um die Herstellung diverser Milchprodukte, außerdem hilft sie bei der Erziehung ihrer Geschwister, die ebenso wie sie – nach strenger Auslegung der Bibel – zu Hause unterrichtet werden. Nicht weit davon entfernt veranstalten die Cowboys aus der Nachbarschaft Rodeos und zeigen uns ein Amerika, das man längst vergessen glaubte. Leise entwickelt sich Saras innerer Kampf zwischen der subtilen Anziehung zu dem jungen Rodeo-Reiter Colby und einer Zukunft als unterwürfige Ehefrau.
Die große Transparenz, mit welcher hier erzählt wird, findet einen Höhepunkt, als vor Saras Augen ein Kind aus dem Mutterleib schlüpft und sie ganz unmittelbar mit ihrer Bestimmung konfrontiert. Die Kamera „atmet“ unglaublich dicht an den Protagonisten und fängt dabei in zarten Pastelltönen vor allem eben diese innere Zerrissenheit ein. Sie lässt das Herz so heftig schlagen, dass Saras Mutter nur beten kann, es möge endlich mit dem Verrücktspielen aufhören.

Claudia Lehmann



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013

Super Women

Dokumentarfilm
2013
79 Minuten
Untertitel: 
englische
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Yael Kipper
Yael Kipper, Ronen Zaretzky
Eyal Shechter, Menny Barzilay
Avigail Sperber
Tor Ben Mayor
Eyal Shechter, Menny Barzilay
Avigail Sperber
Einkaufswagen rasseln, die Kasse piept und über die Lautsprecher werden ewig Sonderangebote angepriesen. Allein akustisch ist es eine Zumutung, was die Kassiererinnen in einem Supermarkt in Tel Aviv permanent erdulden. Wer diesen Job macht, unterbezahlt und ganz unten in der Skala des sozialen Status, hat nicht viel zu verlieren – glaubt zumindest ihr Chef. Und bedrängt die Schichtleiterin unentwegt mit Vorschlägen und Anweisungen, wo man noch Lohn kürzen, Arbeitskräfte einsparen, das Konkurrenzdenken ankurbeln oder Arbeitszeiten flexibilisieren könnte. Während zugleich spürbar wird, wie sich die Schlinge um den Hals der Frauen – meist russische Migrantinnen und alleinerziehende Mütter oder 55 plus – zuzieht …
Yael Kipper und Ronen Zaretzky gelingt mittels präziser Beobachtung und Strukturierung eine Sozialstudie von großer Klarheit und Emotionalität. Momente der Intimität und Nähe, wenn die Frauen sich im Frühstücksraum oder rauchend am Lieferanteneingang über ihre Probleme austauschen, wechseln mit der Monotonie einer durchautomatisierten Arbeitswelt. In der die Frauen, die einst Julia, Maya, Nella, Ella und Levana waren, nur mehr billige menschliche Ressourcen sind. Nicht nur, indem er ihre Welt als das zeigt, was sie (auch) ist, nämlich großes Kino, gibt der Film ihnen ihre Würde zurück: In einem märchenhaft (und fiktiv) anmutenden Schluss erklärt sich der Titel „Super Women“, gegen die der Held mit dem „S“ auf der Brust ein blasses Männchen ist.

Grit Lemke



Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013