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Art War

Dokumentarfilm
2013
87 Minuten
Untertitel: 
deutsche
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Marlen Burghardt, Marco Wilms
Marco Wilms
Ramy Essam, Bosaina and Wetrobots, Tonbüro Berlin
Marco Wilms, Abdelrhman Zin Eldin, Emanuele Ira, Bashir Mohamed Wagih, Ali Khaled
Stephan Talneau
Mohamed Khaled
Marco Wilms
Bildung DOK Leipzig Logo

Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Protest, Kunst, Demokratie, Meinungsfreiheit, Medien, Graffiti 
Unterrichtsfächer: Gemeinschaftskunde/Ethik, Politik, Geschichte, Religion, Deutsch

Zum Inhalt

ART WAR wirft einen Blick auf die jungen Künstler und Aktivisten, die den Arabischen Frühling geprägt und mitgestaltet haben. Wir lernen Menschen kennen, die mit rebellischer Musik, haushohen Graffitis und anderen künstlerischen Mitteln Aufklärung betreiben und versuchen, ihre Revolution vor dem Untergang zu retten.

Der Film begleitet die revolutionären Künstler seit der Zeit der Euphorie im Jahr 2011 bis zum Fall Mursis und der Muslimbrüder. Er beschreibt die Explosion der Kreativität nach dem Sturz Mubaraks und zeigt, wie die Künstler lernten, ihre Kunst als Waffe im Kampf für die unvollendete Revolution zu nutzen. Dabei beziehen sich die jungen Graffiti-Künstler, Grafikdesigner, Maler und Schriftsteller überraschend oft auf die antiken Wurzeln der ägyptischen Kunst und zeigen damit, dass ihr Protest tief in der ägyptischen Kultur verankert ist.

Kunst ist Waffe! In Kairo gilt die Losung immer noch. Nach 30 Jahren Autokratie wurde Präsident Mubarak von seinem Volk hinweggefegt. Nun gehört die Straße ihnen, den jungen Rebellierenden und Künstlern. Die Graffitisprayer und Maler bringen die Wände zum Sprechen. Sie erzählen in blutverschmierten Porträts von den Tagen des Kampfes, in wilden Collagen von der Zeit der Anarchie, in obszönen Darstellungen von den Befreiungsversuchen aus unterdrückter Sexualität. Wände werden zu Chronisten der sich überstürzenden Ereignisse. Elektropop und Rap liefern den aufwühlenden Soundtrack dazu. Der Euphorie folgen Übermalungen und Zerstörungen. Sniper sind am Werk und zielen auf die Augen der Demonstrierenden. So wenig gefällig die Underground-Kunst ist, die provozieren will und etwas wagt, so wenig romantisch ist diese Revolution. Regisseur Marco Wilms schlägt in einer Episode den Bogen zu den historischen Wandmalereien bis ins Zeitalter der Pharaonen. In einem Land, wo die Analphabetenrate hoch ist, avanciert eine solche Tradition zum probaten Medium des Aufstands. „Art War“ zeigt den gefährlichen Tanz auf dem Vulkan in einem furiosen Parforceritt durch die letzten zwei Jahre der permanenten und radikalen Umbrüche als einen Trip, der von den Farben und Rhythmen der ägyptischen Maler und Musiker vorangetrieben wird.



Cornelia Klauß





Lobende Erwähnung im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013


Das kalte Eisen

Dokumentarfilm
2013
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Florian Fickel
Thomas Lauterbach
Christian Biegai
Gunther Merz
Ana R. Fernandes
Thomas Lauterbach
Thomas Lauterbach
Die Menge der eingezogenen oder freiwillig abgegebenen Waffen, die der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Baden-Württemberg jährlich vernichtet, werde in Tonnen gemessen, heißt es. Eine Maßnahme zur Minimierung der Gewalt oder zumindest der Minimierung einer „Gelegenheit“. Eine solche nutzte im März 2009 ein 17-jähriger Junge, als er mit der Pistole seines Vaters seine ehemalige Schule aufsuchte und 15 Menschen tötete. Auch Jana Schober und Nina Denise Mayer befanden sich unter den Opfern. Janas Vater und Ninas Mutter setzen sich seitdem aktiv für diese Waffenvernichtung ein. Die betroffenen Sportschützen, Jäger oder Waffensammler betrachten die sogenannte „Nachschau von Winnenden“ allerdings eher skeptisch, zum Teil sind sie verärgert. Und dann gibt es da noch den ansässigen Büchsenmacher, der hervorragende Präzisionswaffen herstellt und darunter leidet, dass sein Beruf heutzutage mehr geächtet sei als der einer Prostituierten. Thomas Lauterbach nähert sich den ganz persönlichen Anliegen seiner Protagonisten und gewährt einen außergewöhnlichen Einblick in die unterschiedlichen Perspektiven der Problematik. So beleuchtet der Film sehr verschiedene Facetten der Frage nach Schuld und Verantwortung. Aber vor allem gelingt es ihm auf erstaunliche Art und Weise, ein Weltbild ins Wanken zu bringen.

Claudia Lehmann

Die Welt für sich und die Welt für mich.

Dokumentarfilm
2013
45 Minuten
Untertitel: 
englische
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Bernhard Sallmann
Bernhard Sallmann
Hans Peneder
Bernhard Sallmann
Christoph Krüger
Bernhard Sallmann
Hierzulande ist der schwedische Schriftsteller August Strindberg vor allem durch seine Theaterstücke bekannt. Dabei war er darüber hinaus lange ein ebenso verkannter wie verfemter Romancier, Maler, Fotograf, Forscher und Alchimist, zeitweise besessen von Okkultismus, Halluzinationen und Verfolgungswahn. Der zeitgenössischen Presse, die sein Werk verspottet, und drohenden Gerichtsprozessen entzieht er sich durch Flucht ins Ausland. In Berlin lernt Strindberg die junge Journalistin Frida Uhl kennen. Als sie ein Kind erwarten, suchen sie Zuflucht auf dem Gut ihrer Großeltern, idyllisch an der Donau gelegen. Doch rasch erweist sich der Ort als Fluch, als Strindbergs Golgatha.
Diese Episode inspirierte den österreichischen, in Berlin lebenden Regisseur Bernhard Sallmann zu einem nachdenklichen Essay. Wie schon in seinen vorherigen Filmen beschäftigt ihn die Natur als metaphorisch aufgeladener Resonanzraum menschlichen Tuns. In diesem Fall ist die Donau ihrer geografischen Konkretheit gänzlich enthoben. In den langen, Zeit und Raum auskostenden Einstellungen entfaltet sie eindrücklich ihr ganzes Repertoire an Naturschauspielen, Farbskalen und Lichtreflexen, die wiederum Spiegelungen von Strindbergs seelischer Unbill sind, extreme Ausschläge zwischen Angst, Verzweiflung und Wahn. Währenddessen werden im Off Textfragmente aus den Büchern „Kloster“ und „Inferno“ von der Sprecherin Judica Albrecht zu einer eindringlichen Erzählung zusammengeführt.

Cornelia Klauß

Holanda del Sol

Dokumentarfilm
2013
45 Minuten
Untertitel: 
deutsche
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Holger Lochau
Daniel Abma, Florian Lampersberger
Lucía Martínez
Florian Lampersberger
Gesa Jäger
Anna Yamamoto
Sein Testament sollte man immer bei sich haben – wenn möglich auf Spanisch. Eine Sprache, die nicht unbedingt beherrscht, wer seinen Lebensabend oder zumindest die kalte Jahreszeit im Alter an der Costa Blanca verbringt. Im Zweifelsfall reicht es aus, gemeinsam mit den anderen Heimbewohnern bei der regelmäßigen Singstunde immer mal ein „Bésame mucho“ anzustimmen. Während man sonst eher ein streng religiöses Liedgut pflegt und dem Herrgott im Damenkränzchen überhaupt herzlich zugetan ist. Man blickt auf das Meer, schwenkt am Strand bedächtig die alten Knochen und die neue Hüfte, trifft sich zum Tanztee oder zu einem Ausflug, feiert Fasching mit Papierhütchen, diskutiert mit der Pflegerin, ob man ein Eis darf, und wartet auf den Tod.
Der Filmstudent Daniel Abma hat schon im letzten Jahr mit „Nach Wriezen“ einen bemerkenswerten Sinn für soziale Zusammenhänge und feinstes dokumentarisches Gespür bewiesen. Gemeinsam mit Florian Lampersberger gelingt ihm nun in sorgfältig kadrierten Bildern und Episoden voller Loriot‘schem Humor ein berührender Blick auf das Alter in der Wohlstandsgesellschaft. Denn den niederländischen Rentnern, welche die Hochhäuser von Benidorm bevölkern, fehlt es an nichts. Und doch zeigt dieser Film uns eine Welt, in der ein Stück Schokolade und eine Umarmung die größten, vielleicht einzigen Freuden sind.

Grit Lemke

Majubs Reise

Dokumentarfilm
2013
48 Minuten
Untertitel: 
englische
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Simon Buchner, Christoph Arni
Eva Knopf
John Gürtler
Rainer Hoffmann
Anne Glossmann
Eva Knopf
Es ist höchst unwahrscheinlich, dass irgendjemand den Namen Majub bin Adam Mohamed Hussein alias Mohamed Husen wirklich präsent hätte. Majub, gebürtig in Daressalam und deutscher Kolonial-Soldat im Ersten Weltkrieg, war während der 1930er Jahre vielbeschäftigter Statist und Kleindarsteller im deutschen Kino. Fast immer, wenn es in Filmen der Nazizeit einen Schwarzen brauchte, war es Majub, den man Hans Albers, Heinz Rühmann oder Zarah Leander zur Seite stellte.
Akribisch recherchierte Fakten, eine Reihe von Indizien und die daraus aufsteigenden (von Jule Böwe vorgetragenen) gedanklichen Verknüpfungen bilden das Energiezentrum dieser fantastischen Biografie des Afrikaners Majub im Zusammenhang der deutschen Film- und Kolonialgeschichte. Majub, der 1944 in Sachsenhausen starb, ist Teil eines Sternenhimmels des deutschen Films. Aus der Entfernung wird man ihn dort nicht sehen, denn von weitem leuchten nur die „ersten“ Künstler, deren große Namen einem meist genügen. Wenn man aber diesem Himmel näher tritt, wenn die Sterne der zweiten und dritten Kategorie nun auch zu glitzern anfangen und ein jeder als Teil des ganzen Sternbildes hervortritt, dann wird die Welt weit und die Kunst reich. Insofern ist es eine herzzerreißend schöne Idee der Regisseurin Eva Knopf, ihren Film in einer Sternwarte beginnen zu lassen.

Ralph Eue

One Fine Line

Dokumentarfilm
2013
65 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Jo-Anne Velin
Jo-Anne Velin
Thomas Beetz, Jo-Anne Velin, Erick Lignon
Katrin Dorner, Jo-Anne Velin
Jo-Anne Velin
Alexander Buck, Martin Steyer, Jo-Anne Velin
Die in Berlin lebenden Kanadierin Jo-Anne Velin begibt sich auf eine Route durch Ostsachsen – einen Landstrich abseits der großen Geschehnisse, doch von der Geschichte nicht unberührt: Diesen Weg gingen 1945 KZ-Häftlinge auf einem Todesmarsch. Velin trifft auf Menschen, deren Familien seit Generationen hier wohnen und deren Kinder nun der Arbeit wegen weggehen. Spurensuche jenseits verwitterter Gedenksteine, die keiner mehr wahrnimmt. Oder hinterlässt die Landschaft Spuren in uns? Die Regisseurin konfrontiert und insistiert nicht, auch wenn sie sich in Hochburgen des Rechtsextremismus befindet. Unbefangen erzählen die Leute von der NPD, die man nur als „Hilfeschrei“ wähle, gespenstisch schiebt sich eine Nazi-Demo durchs Bild. Die Kamera bleibt zurückhaltend, ohne Wertung und behutsam fügt Velin flüchtige Impressionen zu einem Bild von Heimat als filigranem Gefüge.
Die im Off geführten Gespräche der Regisseurin und ihrer Tochter kreisen um jene feine Linie, vielfältig visualisiert, die uns mit der Vergangenheit verbindet. Irgendwann verblasst sie und bleibt doch in uns eingeschrieben. Und manchmal zeigt sie sich als Riss.

Grit Lemke

Schnee von gestern

Dokumentarfilm
2013
96 Minuten
Untertitel: 
englische
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Melanie Andernach (Made in Germany Filmproduktion GmbH), Saar Yogev, Naomi Levari (Black Sheep Film Prod.LTD)
Yael Reuveny
Volker Bertelmann
Andreas Köhler
Nicole Kortlüke, Assaf Lapid
Yael Reuveny
Cesar Fernandez Borras, Alfred Tesler, Nilly Kalmar, Idan Shemesh, Dovilas Meilus
Eine junge Israelin zieht nach Deutschland. „In die Diaspora!“, befinden ihre entsetzten Eltern, dorthin, wo ein Großteil der Verwandten im Holocaust umkam. Aber Yael Reuveny beharrt als Vertreterin der dritten Generation auf ihrem Recht, unvoreingenommen in eine Stadt zu gehen, die gerade nicht nur bei Israelis angesagt ist. Doch sie irrt. Die Vergangenheit folgt ihr auf dem Fuße. In Schlieben, einer unscheinbaren Kleinstadt in Brandenburg, stößt sie auf Spuren, die zum lange verschollen geglaubten Bruder der Großmutter führen. In einer nachdenklichen, komplex verwobenen und immer wieder um die wunden Punkte der Familiengeschichte kreisenden Montage, erzählt Reuveny, wie aus Feiv’ke erst Feiwusch und zu guter Letzt Peter Schwarz wurde. Tastend befragt die Regisseurin drei Generationen jeweils im Land der Täter und im Land der Opfer. So schafft sie es, den schwierigen Umgang mit Versöhnung aus den verschiedenen Perspektiven durchzudeklinieren. Ist Verdrängung möglicherweise unabdingliche Voraussetzung für Versöhnung? Feiv’ke ging nach dem Krieg nicht nach Israel, sondern entschied sich, ausgerechnet in jenem Ort zu leben, wo er im Konzentrationslager untergebracht war. Die Baracken werden kurzerhand umgebaut und aus den ehemaligen Aufsehern werden Nachbarn, ja sogar Fußballfreunde, wie ein Foto zeigt. Über Vergangenes reden sie nicht mehr, stattdessen krempelt man die Ärmel hoch für ein „besseres Deutschland“. Viele Fragen bleiben, aber vielleicht ist es auch gut, dass sie erst jetzt gestellt werden.

Cornelia Klauß



Ausgezeichnet mit dem DEFA-Förderpreis 2013

The Special Need

Dokumentarfilm
2013
84 Minuten
Untertitel: 
englische
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Henning Kamm, Erica Barbiani, Fabian Gasmia
Carlo Zarotti
Dario Moroldo
Julián Elizalde
David Hartmann
Carlo Zoratti, Cosimo Bizzarri
Andrea Blasetig
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Altersempfehlung: ab 14 Jahren 
Klassenstufen: 9-13

Themen: Inklusion, Behinderte/Behinderung, Liebe, Erwachsenwerden, Sexualität 
Unterrichtsfächer: Geimschaftskunde/Sozialkunde, Philosophie, Ethik, Politik

 

Zum Inhalt

Enea ist 27, ein junger Mann mit ganz gewöhnlichen Bedürfnissen. Wie so viele andere auch sucht Enea nach der Liebe, will eine Freundin finden, zum Tanzen, zum Küssen und für alles andere auch... Doch Enea fällt es ungewöhnlich schwer, der Einsamkeit zu entfliehen, denn er ist Autist und hat eine sehr direkte Art, sich auszudrücken. Nicht immer sind die Mädchen, die er im Schwimmbad oder auf der Straße anspricht, begeistert über seine Avancen.

Je länger sein Bedürfnis nach Nähe unerfüllt bleibt, desto mehr fixiert sich Enea darauf, er sucht sich Traumfrauen aus Hochglanzzeitschriften aus und stellt sich vor, wie es wäre, sie zu berühren. Und er beobachtet sehnsüchtig seine Freunde Alex und Carlo, denen der Kontakt „mit den Mädchen" viel leichter fällt. Die beiden beschließen, Enea bei der Suche nach der Liebe zu helfen. Gemeinsam machen sie sich in einem alten VW-Bus auf eine Reise, die sie von Italien über Österreich bis nach Deutschland führt. Denn hier gibt es einen Ort, an dem Menschen wie Enea sich im wortwörtlichen Sinn an ihre Sexualität herantasten können.

Sex ist in unserer Gesellschaft so gut wie immer mit (zu) hohen Erwartungen aufgeladen. Es fällt nicht nur Enea schwer, Fantasie von Realität, Sexualität von Liebe abzugrenzen. Der Film behandelt Enea ganz folgerichtig auch nicht als Sonderfall. Mit großer Empathie folgt er seinen Protagonisten auf diesem sommerlichen Männerausflug, der für alle drei zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Gefühle wird. Ihre Reise dokumentieren sie mit der Kamera und geben uns damit die Möglichkeit, dabei zu sein, wenn ihnen allen dreien immer klarer wird, dass am Ziel ihrer Fahrt nicht Eneas erstes Mal steht, sondern die Einsicht, dass die Liebe mehr ist als körperliche Nähe.

Ein dokumentarisches Roadmovie, in dem mit großer Natürlichkeit große Themen wie Begehren, Sex, Liebe und Freundschaft thematisiert werden. Trotz aller Ernsthaftigkeit kommt in diesem vielfach preisgekrönten Film, der letztes Jahr mit der Goldenen Taube ausgezeichnet wurde, auch die Komik und Tragik des Menschseins nicht zu kurz.

Enea ist 27, ein junger Mann mit ganz gewöhnlichen Bedürfnissen. Ungewöhnlich ist allerdings seine direkte Art, sie auszudrücken. Wie ein Banner trägt er seine Sehnsucht nach einer Frau vor sich her. Enea ist Autist und kann die Reaktionen der Mädchen, die er auf der Straße anspricht, nicht immer genau deuten. Und dass es nicht gerade die Traumfrau aus der Zeitschrift sein wird, die ihn erhört, ist eine Erfahrung, die noch vor ihm liegt. Da er noch nie Sex hatte, wollen sein Freund Alex und Carlo, Regisseur des Films, ihm helfen. Gemeinsam machen sie sich in einem alten VW-Bus auf die Reise, von Italien über Österreich nach Deutschland. Denn dort gibt es einen Ort, an dem Menschen wie Enea mit einem „special need“ sich im wortwörtlichen Sinn an ihre Sexualität herantasten können. Sex ist in unserer Gesellschaft allgemein mit hohen Erwartungen aufgeladen. Fantasie von Realität, Sexualität von Liebe abzugrenzen, fällt vielen schwer. Der Film behandelt Enea ganz folgerichtig auch nicht als Sonderfall. Mit großer Empathie folgt er seinen Protagonisten auf diesem sommerlichen Männerausflug, der für alle drei zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Gefühle wird. Die Kamera in diesem Roadmovie erzeugt eine große Natürlichkeit, während das Gespür für tragikomische Szenen die Leichtigkeit hinzufügt.



Lars Meyer





Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm 2013


Verlorener Horizont

Dokumentarfilm
2013
69 Minuten
Untertitel: 
englische
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Eva Kemme, Tobias Siebert, Ansgar Frerich
Robert Bohrer, Emma Simon
Jan Maihorn
Emma Rosa Simon, Max Preiss
Kathrin Dietzel
Robert Bohrer, Emma Simon, Marian Kaiser
Florian Dietrich
„Eines Tages starb das Meer, von einem Ufer zum andern, sich faltend, schrumpfend, ein Mantel, den man fortnimmt.“ Die Wehklage, von der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral in ihrem Gedicht „Der Tod des Meeres“ angestimmt, dieser poetisierte Phantomschmerz könnte auch aus Bolivien stammen. Vor über hundert Jahren büßte das Land – durch Chile – seinen Zugang zum Meer ein. Anders als bei Mistral gilt jenes deswegen aber nicht als verloren. Es bleibt als verlorener Horizont erhalten, als nationaler Sehnsuchtsort. Eines Tages kehrt Bolivien ans Meer zurück. Wie ein Mantra wiederholt sich das Motto, in Schulen, bei der „Feier des Tages des Meeres“, bei der Ausbildung der Marine. Ja, Bolivien leistet sich eine Marine für diesen glorreichen Tag, eine „Armada“, auch wenn die statt auf dem Pazifik auf dem Titicacasee schwimmt. Der Film verfolgt die Ausbildung von Wehrpflichtigen zu Matrosen und dringt so in die Funktionsweise des Mythos ein. So manches Manöver rangiert am Rande der Absurdität, etwa wenn die Taucherspezialtruppe sich mit einem beherzten „Für Bolivien, verdammt!“ in den See stürzt oder die Soldatinnen zur Matrosenuniform abgesägte Pumps überstreifen. Szenen wie am Wegesrand eingefangen, zwischen Disziplin und Träumerei, ergänzen das Panorama eines „maritimen“ Andenlandes, das einerseits an alten Idealen festhält, andererseits zaghafte Modernisierungsschritte unternimmt.

Lars Meyer

Wo der Wind so kalt weht

Dokumentarfilm
2013
80 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Janina Jung, Herbert Schwering, KHM Köln
Janina Jung
Janina Jung
Quimu Casalprim i Suárez
Janina Jung
Janina Jung
„In dem schönen Westerwald, ja da pfeift der Wind so kalt“, stimmt der Westerwälder gern mit feuchten Augen an. Aber es ist so eine Sache mit der Heimat in Deutschland, denn es war auch dieses Lied, das Wehrmachtssoldaten sangen, wenn sie gen Osten marschierten. Vielleicht gilt es deshalb fast als anstößig, sich – jenseits der Satire – der deutschen Provinz und ihrer meist als tümelnd empfundenen Vorstellung von Heimat filmisch zuzuwenden. Insofern beweist Janina Jung Mut, wenn sie sich in ihr Heimatdorf begibt – schon einmal wurde sie dafür mit einer Goldenen Taube geehrt – und sich den Blick weder von emotionaler Nähe noch von intellektueller Ferne verstellen lässt.
Vertrautheit aber ist spürbar, denn abgesehen von Impressionen aus dem Ort im Verlauf eines Jahres wurde ausschließlich am Küchentisch gedreht. An den bittet man keine Fremden und hier redet man Klartext. Jung hat verschiedene Dorfbewohner – alte und junge, Alteingesessene und Zugezogene, Deutsche und Migranten – zu den gleichen Themenkomplexen befragt: die Dorfgemeinschaft und wie sie sich wandelt, Natur und Landschaft, Geld und Beruf, Liebe und Ehe, Sprache, Tradition und Glauben. Mittels einer intelligenten Montage entsteht ein polyphones Stimmungsbild der deutschen Provinz im Jahr 2013. Voll komischer Momente ebenso wie bitterer, die mit dem sich durchziehenden Motiv des Fremden stets daran erinnern, wie problematisch sie ist: die Heimat.

Grit Lemke