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Alppikatu 25 – Home to the Homeless

Dokumentarfilm
2012
27 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Cilla Werning, Liisa Juntunen
Inka Achté, Marika Väisänen
Graham Hadfield
Sari Aaltonen, Daniel Lindholm, Tuomas Järvelä
Hannele Majaniemi
Alppikatu-Straße 25 lautet seit 1937 die Adresse eines Obdachlosenheimes in Helsinki. Ein Ort für Männer ohne eigenen Ort. Männer ohne Vergangenheit? „Create your own memories“, steht jedenfalls als Motto auf einem Zettel an der Wand. Und doch speichert das eintönige Gebäude, das mit seinen langen, kahlen Fluren und schmalen Zellen durchaus Assoziationen an ein Gefängnis wachruft, gewissermaßen die Erinnerungen und Lebensspuren vieler Menschen, die sich hier ein minimales Zuhause geschaffen haben, wenn auch nur vorübergehend. Fünf von ihnen kommen zu Wort. Jeweils für einen Moment taucht der Film in ihre innere Welt ein, nur durch ihre Stimme, ergänzt durch subtile Geräuschcollagen. Optisch bleiben die Männer Phantome. Manchmal sind sie gebannt in die Unschärfe des Raumes, manchmal erscheinen sie nahe am Stillstand. Nur der Zigarettenrauch scheint sich dann noch zu bewegen. Der Raum indessen lässt sich widerstandslos von der Kamera ergründen, so als gäbe er tatsächlich Auskunft über seine Bewohner. Das Abstrakte liegt nahe am Konkreten, die Zeit streift den Raum.

Lars Meyer

Distance

Dokumentarfilm
2013
38 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ekta Mittal
Ekta Mittal, Yashaswini B. Raghunandan
Rahul Giri
Paromita Dhar, Amith Surendran
Abhro Banerjee
Ekta Mittal, Yashaswini B. Raghunandan
Abhro Banerjee, Christopher Burchell
Bangalore City. Im Reich der Wanderarbeiter. Gleich hinter dem Bahnhof oder jenseits der Schienen, jedenfalls dort, wo die großen Gerüste stehen mit den dazwischen gekauerten Wellblechhütten, die man provisorisch nennen mag (und wohl auch muss), wo die Menschen sich notdürftig ein paar Quadratmeter hergerichtet haben, liegt dieses Reich. Wenn das Leben selbst zur Baustelle geworden ist, fliehen die Träume weit weg. Liebe bleibt meist Erinnerung oder Sehnsucht, also Vergangenheit oder Zukunft. In der Gegenwart ist sie vor allem als Leerstelle erfahrbar. Umso wichtiger werden Geschichten von der Liebe. Direkt erzählt und gehört oder aus Richtung Bollywood über kleine Mobiltelefon-Bildschirme und -Lautsprecher eingesaugt, liefern diese Geschichten zugleich adaptierfähige Muster, in deren dramaturgische Verschlingungen sich die Jungs auf den Baustellen wunderbar als Mitspieler hineinfantasieren können.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit und virtuosem kinematografischem Gespür gehen Yashaswini Raghunandan und Ekta Mittal auch in ihrem zweiten Film der flüchtigen Aura von Menschen und Schauplätzen nach – ihr Film „Presence“ lief im vergangenen Jahr ebenfalls im Leipziger Wettbewerb. Und erneut ent-falten sie (im wahrsten Sinn des Wortes) Wirklichkeiten, die uns ansonsten verschlossen blieben.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb für kurze Dokumentarfilme 2013

Emergency Calls

Dokumentarfilm
2013
15 Minuten
Untertitel: 
englische
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Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Joonatan Portaankorva
Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen
Joonatan Portaankorva
What is your emergency? Mit der Frage, die stets am Anfang des Telefonats mit einer Notfallzentrale steht, beginnt auch dieser Film. Auf der Tonspur aufgeregte, manchmal verzweifelte Menschen. Notfälle: eine Sturzgeburt, eine Massenkarambolage. Aber auch ein Amoklauf und der letzte Funkspruch der„Estonia“. Der Anruf markiert die Grenze zwischen Leben und Tod, die – vielleicht – überschritten wird. Das hängt auch von denen ab, die ihn entgegennehmen: hier verkörpert von weißen Gestalten, bar jeglicher Status generierender Symbole wie Kleidung oder sogar Haare. Reduziert auf den nackten, puren Menschen, auf den es ankommt. Oder sind es die Erinnyen, die unser Schicksal in den Händen halten?
Es gibt kein Blut, keine Katastrophenbilder. Stattdessen NASA-Aufnahmen der Erde aus dem All, Wolken, Lichtspiele, Radaranzeigen, pointiert verfremdet. Was ist die Not eines Menschen angesichts der Unendlichkeit des Universums? – Alles, sagt dieser Film, der sich wie alle Werke des Regieduos Vartiainen/Veikkolainen jeder Kategorisierung entzieht. Er erinnert an den Konjunktiv, der unser gesichertes Leben als Möglichkeit des Worst Case durchzieht. Ein Menetekel, das leise über uns schwebt. Hätte. Könnte. What is your emergency?

Grit Lemke

Everyday Everyday

Dokumentarfilm
2013
26 Minuten
Untertitel: 
englische
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Maia Malas, Madalina Rosca
Reem Karssli
Reem Karssli
Reem Karssli
Reem Karssli
Impressionen einer Wohnung, nur wenige Dinge werden mitgenommen. Eine Fahrt auf dem Rücksitz eines Autos. Dass es ein Außen gibt, ist nur zu erahnen. Ein Schatten auf dem Teppich, der zu einer anderen Wohnung gehört. Dieser Ort sei sicherer. Es gibt einen Balkon, über dessen Brüstung man besser nicht blicken sollte. In der Spiegelung der Fensterscheibe zeigt sich die Frau hinter der Kamera. Immer wieder sind Schüsse zu hören. Es heißt, ein Kiosk sei bombardiert worden. Nein, zwei. Es heißt, die Freie Syrische Armee baue eine Barriere vor dem Haus, das man mit der Vergangenheit, den Träumen und der Hoffnung zurücklassen musste. Mit „jedem Tag“ wachse die Angst. Jeder wisse, dass Syrien frei sei, frei bleibe und keine Diktatur akzeptieren werde, tönt es aus dem Fernseher.
Reem Karssli gelingt mit ihrem Videotagebuch das sensible Porträt einer Familie, deren Mitglieder „jeden Tag“ auf ihre ganz individuelle Art und Weise mit der Realität umgehen müssen, die „noch harscher, noch hässlicher“ sei als das, was eine Kamera einfangen könne. Ein seltenes Dokument, das durch seine extreme Unmittelbarkeit besticht und wohl nur durch ein Wunder diese Wohnung verlassen konnte.

Claudia Lehmann

Mom

Dokumentarfilm
2013
28 Minuten
Untertitel: 
englische
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Lidiya Sheynina
Lidiya Sheynina
Lidiya Sheynina
Lidiya Sheynina
Lidiya Sheynina
Lidiya Sheynina
Ruhig und doch unheimlich teilnahmsvoll hält Lidiya Sheynina die Kamera, oft aus leichter Untersicht, auf den Körper und das Gesicht ihrer Mutter. Diese hat über die Jahre die Physiognomie einer gemütlich sich abplagenden Schildkröte angenommen. Life is hard, die Wohnung eng, aber sie macht das Beste draus – und weiter, immer weiter. Seit Jahrzehnten kümmert sie sich um ihre greise Mutter, jene grauhaarige, anmutige Grande Dame dieses studentischen Kleinjuwel-Films, die mal rumturnt („Hampelmann“ im Rollstuhl), mal mit alten Freundinnen telefoniert (so sie nicht verstorben sind), mal Geschirr spült (auch Teflonpfannen, was sie nicht soll), meist aber einfach dasitzt und isst, oder trinkt, aus einer wunderbaren Tasse mit der Aufschrift „babushka“. Aus der Großmutter, die vergessen hat, wie alt sie ist („Was? 96? Kann nicht sein.“), dass sie seit 17 Jahren ohne Mann lebt („Wirklich?“) und seit 20 Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat („Genau deshalb will ich ja wieder mal raus“), ist ein Kind geworden, aus der Tochter eine Mama. Das Radio berichtet von der wunderbaren Unabhängigkeit im Alter, das Leben spielt anders. Tagein, tagaus, zusammen. Und doch schunkelt Mama fröhlich zur Morgenmusik und blickt gemeinsam mit der ihren aus dem Fenster. Warten auf den Frühling. Es sind zärtliche Metaphern wie diese, die „Mama“, einen Film der kleinen Gesten, zu großem Kino machen.

Barbara Wurm



Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb für kurze Dokumentarfilme 2013

Notes on Blindness: Rainfall

Dokumentarfilm
2013
4 Minuten
Untertitel: 
keine
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Peter Middleton
Peter Middleton, James Spinney
James Ewers, Michael Murray
Gerry Floyd
Justine Angus
Regen verändert die Wahrnehmung des Raumes. Er gibt uns ein Koordinatensystem aus spezifischen Klängen, in dem wir uns selbst verorten und erfahren können. Der Regen half John Hull, als er sein Augenlicht verlor, sich die Welt mit anderen Sinnen neu zu erschließen. 1983 begann er, seine Selbstbeobachtungen auf Kassette aufzuzeichnen. Seine Originalaufnahmen stehen im Zentrum des Films, der dem Zuschauer zugleich einen neuen optischen Erfahrungsraum eröffnet. Präzise inszenierte Bilder verschieben die Wahrnehmungsgrenze von der Außen- in die Innenwelt, vom physikalischen Raum in den der Erinnerung und der Vorstellung – ein poetisches Experiment. „Rainfall“ ist der erste Teil einer Serie, basierend auf John Hulls akustischem Tagebuch.

Lars Meyer

Rougarouing

Dokumentarfilm
2013
11 Minuten
Untertitel: 
keine
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Michael Palmieri, Donal Mosher, Patrick Bresnan, Ivete Lucas
Michael Palmieri, Donal Mosher
Michael Palmieri
Michael Palmieri
Donal Mosher, Michael Palmieri
Rougarous sind koboldhafte Fabelwesen, oft in Gestalt von Werwölfen, die ihre Heimat im US-amerikanischen Louisiana haben und fester Bestandteil der Cajun-Folklore sind. Wie Vampire zu bestimmter Nachtzeit ihre Auferstehung feiern, so finden sich als Rougarous verkleidete Zeitgenossen zu bestimmter Jahreszeit für ausschweifende Besessenheits- und Verwandlungsrituale zusammen. Der Brockhaus hält offensichtlich nicht viel von diesen Wesen, zumindest spricht aus der Beschreibung eine distanzierte Geringschätzung: „Der Rougarou hat verfaulte Zähne, wurmstichige Haut und blutunterlaufene Augen. Sein Aussehen erinnert nach seiner Verwandlung stark an einen Untoten.“ Ganz anders Michael Palmieris und Donal Moshers teilnehmende Beobachtung dieser amerikanischen Spielart der Extrem-Fastnacht. Mittels hyperaktiver Kamera- und Montage-Strategie wird der Zuschauer ungeschützt hineingeworfen in diese rituelle Schlammschlacht, die das Rougarouring nun mal ist. Eine Warnung zum Schluss: Wer (vielleicht ein wenig verängstigt) einen Notausgang aus diesem elfminütigen wüsten Treiben sucht, der sucht vergeblich.

Ralph Eue

Sirs and Misters

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Yulia Serdyukova
Olexandr Techynskyy
Olexandr Techynskyy, Oleksiy Solodunov
Marina Maykovskaya
Olexandr Techynskyy, Yulia Serdyukova
Oleg Golovoshkin
Uman ist eine Stadt in der Ukraine, die weniger als 90.000 Einwohner zählt. Einmal im Jahr versammeln sich hier Menschen aus dem ganzen Land. Sie spielen Karten, rauchen und warten … Handelt es sich um einen Umschlagplatz für Hi-Fi-Geräte oder für Zelte? Vielleicht für beides. Jedenfalls beginnt mit der Anfahrt des ersten Reisebusses aus Israel für viele Ukrainer das Geschäft des Jahres, wenn nämlich die jüdischen Pilger zum Grab des Rabbi Nachman reisen, um dort den traditionellen Neujahrstag Rosch ha-Schana feierlich zu begehen. Gepäckstücke werden – natürlich gegen Geld – verschleppt, Behausungen werden verkauft, man handelt und feilscht. Selten hat ein Film das Geschäftemachen mit so viel Liebe zum Detail eingefangen. Dem regen Treiben zwischen den Kulturen und Religionen darf man hier aus einer ganz besonderen Perspektive beiwohnen, mit der die Aufmerksamkeit auf die Ränder des eigentlichen Spektakels gelenkt wird. Absurderweise scheint hier – trotz harter Verhandlungen – alles so zu laufen, wie man es sich andernorts und zu anderen Zeiten gewünscht hätte und wünschen würde. „Mister God knows what he’s doing …“

Claudia Lehmann

The Love Agency

Dokumentarfilm
2013
27 Minuten
Untertitel: 
englische
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Martina Carlstedt
Martina Carlstedt
Eirik Røland, Olle Markensten
Martina Carlstedt
Alexandra Litén
Johan Embring
In Zeiten, da selbst der KGB wieder auf Schreibmaschine umsattelt, kann man sich in Fragen der Liebe erst recht nicht aufs Internet verlassen. In Archangelsk jedenfalls, unweit des nördlichen Polarkreises, regelt man die Dinge noch analog und mithilfe eines Hefters voller Fotos. Da kommt rein, wer vorher in der Heiratsvermittlung (oder ist es wirklich eine Liebesagentur?) „Jevgenia“ zu Protokoll gab, wonach das Herz begehrt. Woraufhin Svetlana zum Hörer greift – alles Chefsache! – und beherzt zusammenführt, was sich im Leben nicht fand.
Was dann freilich passiert, kann so oder so ausgehen. Etwa wie bei Anna, die ehrlich über ihr Leben spricht, während sich Alexey nur für Fleisch und Soße interessiert. Oder aber als veritabler Coup de foudre wie bei Svetlana und ihrem Vladimir, aus dem im Verlauf des mit reichlich Cognac und russischer Poesie getränkten Abends erst Volodya und schließlich Volodichka wird. Amors Pfeile schießen wie stählerne Geschosse durch die Bar, und wie die Schminke auf den Gesichtern der vom Leben gebeutelten alten Mädchen ist alles immer ein bisschen zu viel, zu süß, zu fett. Ist das unecht? Aber wer weiß schon, was echte Liebe ist?
Wieder gelingt Martina Carlstedt in der nur ihr eigenen Art dokumentarischer Inszenierung ein Kabinettstück, eine melancholische Etüde über die Einsamkeit – auch wenn Svetlana und Vladimir am Ende dieses Abends ganz sicher heiraten wollen.

Grit Lemke

Vegas

Dokumentarfilm
2013
24 Minuten
Untertitel: 
keine
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Lukasz Konopa
Lukasz Konopa
Sarah Warne
Paweł Chorzępa
Paulo Pandolpho
Lukasz Konopa
Nikola Medic
Hartnäckig verteidigt Las Vegas seinen Mythos als Hauptstadt des Entertainments und der Superlative. Wo, wenn nicht hier, kann man das schnelle Geld oder eine steile Karriere ins Firmament des Showgeschäfts machen? Jährlich strömen Millionen Glückssucher hierher. Die einen starren auf die Bewegungen ihrer Jetons, andere hoffen auf ein Engagement in einem der Vergnügungstempel oder wenigstens irgendeinen Job. Dennoch wird niemanden die Nachricht überraschen, dass es in dieser Stadt des schönen Scheins auch eine ganze Menge Verlierer gibt. Und erst recht, seitdem in diese Oase mitten in der Nevada-Wüste die Rezession Einzug hält. Der aus Polen stammende und in England lebende Regisseur Lukasz Konopa hat dafür bezeichnende Bilder, Protagonisten und Situationen gefunden, die über Las Vegas hinaus für den zerbrechenden amerikanischen Traum stehen. An die Stelle eines Auftritts im Caesars Palace tritt das Altenheim mit seinen schwerhörigen Insassen, welche die Gesangseinlage des Jungstars wenig würdigen. Häuser werden versiegelt, weil ihre Bewohner zahlungsunfähig sind. Kanalrohre bieten neue Behausungen. Im Gegensatz zu der lauten, glitzernden und fiebrigen Metropole, die nur wie eine ferne künstliche Kulisse wirkt, setzt Konopa die ruhige Erzählung des Alltags an den Rändern der Stadt. Den Verlierern gehört das Wort. Ihnen gibt er im Film den Platz, den sie in Las Vegas nicht gefunden haben, vielleicht auch nie hätten finden können. So entsteht das Porträt einer Stadt, die abwesend ist und sich im flackernden Neonlicht irgendwo am Horizont verliert.

Cornelia Klauß

When I Am a Bird

Dokumentarfilm
2013
30 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Katarzyna Ślesicka
Monika Pawluczuk
Paweł Chorzępa
Marcin Latanik
Monika Pawluczuk
Dariusz Wancerz
Als kleiner Vogel möchte sie in einem anderen Leben zurückkehren, klein genug, um sich verstecken zu können. Noch lebt sie wie im Vogelkäfig, den Launen des Schicksals ausgeliefert, das sie und ihre Familie aus Myanmar nach Thailand in ein Flüchtlingsdorf im Dschungel verschlagen hat. Unaufhörlich prasselt der Regen auf die Hütte. Der reißende Strom vor dem Haus ist so groß wie die unterdrückten Gefühle der Frau, die in ihrem Leben zwölf Kinder geboren und einige verloren hat. Ihren Mann hat sie sich nicht ausgesucht, überdies fliegt er ihr zuweilen davon. Jetzt hofft sie nur noch darauf, dass ihre Tochter nachkommt. Die Versuche, Telefonkontakt aufzunehmen und Nachrichten über das Radio zu empfangen, scheitern oft an der schlechten Verbindung. Von außen gesehen erscheinen die Menschen des Kayan-Volkes, insbesondere die Frauen mit ihrem schweren Halsschmuck, wie seltene, vom Aussterben bedrohte Exemplare, die man in touristischen Schaudörfern bewundern kann. Doch der Film offenbart eine Welt, die kein Tourist jemals zu Gesicht bekommt. Mit einer klaren Bildsprache, die ebenso atmosphärisch wie symbolisch ist, tastet er sich behutsam an die innere Wirklichkeit der Protagonistin heran, ohne eine Deutungshoheit zu beanspruchen. Wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen? Und doch werden die Kraft, der Mut und auch die Magie, die es in diesem Leben braucht, spürbar.

Lars Meyer

With Open Eyes

Dokumentarfilm
2013
14 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Erik Bäfving
Erik Bäfving
Gustav Wall
Erik Bäfving
Martin Hennel
Eines Tages stürzt sich der Vater ohne jede Vorwarnung aus dem Fenster seines Büros zu Tode. Der Sohn findet eine Nachricht: „Ich hoffe, du wirst mich eines Tages wieder mögen.“ Diesem Satz ist der Film gewidmet, der 25 Jahre später entsteht. Den Jungen von einst, Erik Bäfving, hat er nie losgelassen. Kann man einen Vater lieben, der sich einfach so aus dem Staub macht und keine Gelegenheit lässt, nach dem Warum zu fragen? Als Kind zog sich Erik Bäfving in die Welt seiner Zeichnungen zurück. Nun unterzieht er die Familienfotos einer akribischen Bildbetrachtung. Er wendet die Fotografien hin und her, um nach Andeutungen und Zeichen in den Gesichtern, Gesten und Gruppenarrangements zu suchen. Aus Negativen entstehen Positive und umgekehrt. Den Inszenierungen aber ist zu misstrauen, denn die Familienchronik erweist sich zusehends als Menetekel, der keine Generation entkommt. Die Bilder verlieren ihren angestammten chronologischen Platz, sie verwirbeln und finden neue Zuordnungen, die etwas über Abhängigkeiten und Ängste andeuten.
„With Open Eyes“ ist Teil einer Trilogie. Schon in den Filmen „Boogie Woogie Daddy“ (Goldene Taube bei DOK Leipzig 2002) und „Inbetweener“ suchte der Regisseur Versöhnung mit der Vergangenheit – ein Prozess, der nie aufhört, weil der Vater immer fehlen wird.

Cornelia Klauß