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American Vagabond

Dokumentarfilm
2013
85 Minuten
Untertitel: 
englische
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Cilla Werning
Susanna Helke
Samuli Kosminen
Susanna Helke, Marko Luukkonen
Niels Pagh Andersen
Es sollte nie wieder erwähnt werden, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Doch entgegen des Verdikts seines Vaters wurde aus James kein „richtiger“ Junge, der gern zum Jagen und Angeln ging, sondern das Schlimmste, was die amerikanische Mittelschichtsfamilie sich vorzustellen vermochte. Also warfen sie den schwulen Sohn, ein Teenager noch, aus dem Haus und überließen ihn seinem Schicksal als einer von Tausenden obdachlosen Jugendlichen in den USA. Bis zu vierzig Prozent von ihnen leben auf der Straße, weil sie einer „sexuellen Minderheit“ angehören.
Susanna Helke begleitet James und seine große Liebe Tyler durch die dreckigen Straßen und dunklen Parks von San Francisco, der „schwulsten Stadt der Welt“. Statt des erhofften Paradieses finden sie sich dort frierend, hungernd und marginalisiert wieder, auch von der arrivierten Gay Community. Doch alles kommt anders: Nachdem im ersten Teil des Films James aus dem Off seine Geschichte erzählt, geht es im zweiten um seine Abwesenheit – als „Sexualstraftäter“ sitzt er ein. Denn während nun selbst die konservative Familie zum Umdenken bereit ist, kennt das „Mutterland der Demokratie“ nur Härte gegen alles, was anders als der Mainstream ist. Atmosphärisch dicht und behutsam erzählt der Film nicht nur eine so zarte wie erschütternde Coming-of-Age-Geschichte. Er ist zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Liebe (zum Menschen), die bedingungslos ist.

Grit Lemke

Among Women

Dokumentarfilm
2012
52 Minuten
Untertitel: 
englische
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Hasse van Nunen
Kim Brand
Harry de Wit
Suzan van Steenwijk
Joël Hielckert
Hüften bewegen sich rhythmisch, Körper verschlingen sich ineinander, ein sexueller Tanz wird praktiziert und führt irgendwann zum Höhepunkt, der die Tänzerin in eine andere Ebene befördern kann. Wir befinden uns nicht in einem Nachtclub in einer europäischen Metropole, sondern unter Frauen in Sambia, die sich gegenseitig für die Ehe vorbereiten. Hier wird gelehrt, wie „frau“ beim Geschlechtsverkehr die Kontrolle behält, sodass „frau“ sich nebenbei natürlich auch selbst befriedigt. Hier wird „frau“ aber auch mit dem Anblick des Blutes der Entjungferung vertraut gemacht, indem sie einem zwischen den Schenkeln eingeklemmten Huhn den Hals durchschneiden muss. Aber „frau“ solle sich keinesfalls wie ein Huhn benehmen! Nach Absolvierung dieses Kurses sind die Damen jedenfalls in der Lage, ihre Ehe, aber auch den dazugehörigen Mann „wie eine Last auf dem Kopf zu tragen“.
Kim Brand nähert sich den Ritualen und Denkweisen der anderen Kultur nicht zuletzt über die Reflexion ihrer eigenen Liebesbeziehung in der niederländischen Heimat und eröffnet uns ganz neue Perspektiven auf das Erleben von Stolz, Freiheit und Glück. In jeglicher Hinsicht ein lehrreicher Film. Am Ende darf man diese Frauen dann gerne beklatschen, wie sie das selbst sonst nur nach vollzogenem Akt mit ihrem Mann tun.

Claudia Lehmann

As You Like It

Dokumentarfilm
2013
22 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ioana Lascăr
Paula Oneţ
Tudor Petre
Paula Oneţ
Paula Oneţ
Paula Oneţ
Rudolf Costin, Manuela Borza, Ioana Ţurcan
Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen – so ließe sich das Phänomen umschreiben, das Paula Oneţ in der Region um Cluj in Rumänien entdeckt und neugierig gemacht hat. Frauen und Männer, die sich zwar schon in der zweiten Lebenshälfte befinden, aber dennoch rüstig auf den Beinen sind, beschäftigen sich intensivst mit der Fotografie, die auf ihrem eigenen Grabstein verewigt werden soll. Und dabei ist dies keine hypothetische Frage, sondern ein ganz konkretes Vorhaben.
Es werden Friseurbesuche absolviert, Fototermine vereinbart, ernsthafte Diskussionen an den Grabsteinen geführt, die, trotz quicklebendiger Besitzer, umrahmt von Blumen und Gestecken schon an Ort und Stelle bereitstehen. So ist der Grabstein mitsamt dem sorgsam inszenierten und ausgewählten Porträt bereits zu Lebzeiten ein Statussymbol. Und er ist der – natürlich – vergebliche Versuch, selbst zu entscheiden, wie man der Nachwelt in Erinnerung bleiben möchte. Doch was auf den ersten Blick vielleicht verschroben und wie eine lästige Erledigung wirkt, offenbart doch im Grunde eine gesunde, angstfreie Beschäftigung mit dem eigenen Tod.
„As You Like It“ ist eine kurzweilige Reflexion über das irdische Sein und das menschliche Bedürfnis, das unausweichliche Vergehen als Teil des Lebens zu begreifen.

Lina Dinkla

Beyond the Wave

Dokumentarfilm
2013
83 Minuten
Untertitel: 
englische
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Gregor Streiber
Kyoko Miyake
Shigeru Umebayashi
Kozo Natsuumi, Shai Levy
Joby Gee
Kyoko Miyake
Dominik Raetz, Tsukada Dai
Eingestürzte Hausdächer, zerbrochene Fensterscheiben, vertrocknete Pflanzen, tote Tiere – ein ausgestorbener Ort. In einem Lebensmittelladen findet man beinahe alles noch so vor, wie an einem Tag im März 2011. Die wenigen Menschen, die zu sehen sind, tragen weiße Papieranzüge mit Mundschutz. Es sind jene, die an diesem Tag im März ihren Lebensraum verloren haben. Eine von ihnen ist Tante Kuniko. „Es ist nur natürlich, neue Energiequellen zu suchen.“ Mit diesen Worten wurde einst der Bau des Atomkraftwerkes in der mittlerweile toten Gegend beworben. Dass dieser Satz nach der Katastrophe von Fukushima zum Leitmotiv unserer Zukunft werden sollte, demonstriert uns „Beyond the Wave“ auf eine sehr besondere Weise. Zwischen der Trauer um den Verlust der Vergangenheit und der Hoffnung auf eine persönliche Perspektive müssen sich die Protagonisten in der zerstörten Heimat, diesem Niemandsland, das viele längst verlassen haben, neu definieren. Kyoko Miyake zeigt uns nicht zuletzt durch ihren persönlichen Kommentar, wie unter den verbleibenden Japanern ein eher untypisches, wenn auch zornfreies Aufbegehren entsteht, und wie nicht nur ihre geschäftstüchtige Tante den unablässigen Versuch unternimmt, sich gegen alle Vorurteile und frei nach dem Motto „I cannot let this disaster ruin all my efforts“ den Sinn ihres Lebens zurückzuerobern.

Claudia Lehmann

Bianca läuft …

Dokumentarfilm
2013
83 Minuten
Untertitel: 
keine
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Tina Bara
Tina Bara
Bianca Maria Samer
Tina Bara
Tina Bara, Oliver Brodt
Tina Bara
Tina Bara, Oliver Brodt
Bianca, eine junge Frau, die im österreichischen Burgenland lebt, gibt viele Rätsel auf. Sie ist eine passionierte Läuferin, aber im Gehen versagen ihr die Beine den Dienst. Sie ist eine hochbegabte Malerin und entwirft, fotorealistisch genau, immer wieder neue Abbilder ihrer selbst, die sie durchbohrt, genagelt, geritzt, in wallenden Kleidern oder gefesselt an ihre Sportschuhe zeigen. Stets mit einem Lächeln im alterslosen Gesicht erzählt sie von ihren Krankheiten, den in immer kürzeren Abständen auftauchenden Zusammenbrüchen und der Sammelleidenschaft für tote Tiere.
Die Fotografin und Filmemacherin Tina Bara respektiert den Kokon ihrer Protagonistin. Sie lässt die Gemälde sprechen, in denen sich grausame Hinweise auf Selbstzerstörung und Selbsthass finden, die danach schreien, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei ist „Bianca läuft …“ ein ganz stiller Film, dessen Stärke in der Verunsicherung liegt. Die Regisseurin erhebt in diesem Debüt den Prozess der tastenden Annäherung und ihre eigenen Zweifel zum dramaturgischen Prinzip und schafft dadurch eine für Interpretationen offene Struktur. Die Begegnungen mit Bianca führen einen auf unsicheres Terrain – weder sie noch der Film geben Halt.

Cornelia Klauß

Broken Record

Dokumentarfilm
2012
75 Minuten
Untertitel: 
englische
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Parine Jaddo, Rania Malas
Parine Jaddo
Omar Al Dewachy
Nadim Shartouny
Bilal Hibri
Wozu eine zersprungene Schallplatte, die lange Zeit auch noch schwer aufzufinden ist, nicht alles taugt … Viele Jahre führte die irakisch-libanesische Filmemacherin Parine Jaddo eine kosmopolitische Existenz in und zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen. Nach dem Tod ihrer Mutter aber begibt sie sich in Kirkuk, wo die Wurzeln der einst großbürgerlich-intellektuellen Familie liegen, auf eine Recherche. In ihr verknoten sich private, lokale und geopolitische Zusammenhänge auf interessante Weise. Dabei geht es vordergründig nur um das Aufspüren von Aufnahmen, die Jaddos Mutter in den 1960er Jahren mit dem Musiker Dr. Mustafa und den Turkmen Brothers – so wird die Kapelle in den englischen Untertiteln genannt – gemacht hat. Zunehmend erscheint die Suche der Filmemacherin aber wie eine Wanderung über die Ruinen einer kaum mehr präsenten Spielart der Weltmusik – lange bevor dieser Terminus überhaupt in Gebrauch kam. Einer Musik, von der schon nach wenigen Jahrzehnten kaum mehr sicht- respektive hörbare Zeugnisse existieren.
Man spürt, dass der private Kummer über verschollene familiäre Memorabilien nur als Auslöser fungiert: für die hintersinnige Betrachtung eines ehemals multireligiösen, ethnisch vielfältigen und alles in allem äußerst großzügigen gesellschaftlichen Miteinanders in dieser nordirakischen Region.

Ralph Eue

Cornered

Dokumentarfilm
2012
25 Minuten
Untertitel: 
englische
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Ella Shtyka
Dmytro Tiazhlov
Dmytro Tiazhlov
Dmytro Tyazhlov
Karim Fadl Naser
Im ukrainischen Panasivka leben noch um die 50 Leute, meist Alte. Früher gab es hier eine Schweinefarm, eine Post, eine Bank und dreimal täglich Busse in die Stadt. Wer heute einkaufen will, muss sich in einem der (sich in ständiger Reparatur befindenden) Autos über eine staubige Buckelpiste durch den Wald quälen – die Straße wurde nie fertig gebaut. Doch die findige Bürgerin Zoya Ivanivna Shulha erinnert sich eines einst von Väterchen Yanukovich erlassenen Dekrets, das allen Einwohnern die Anbindung an den öffentlichen Verkehr verspricht, sowie an ein zweites, das Transparenz in behördlichen Entscheidungen zusichert. Also geht man sie an, die Mühen der Ebene: Briefe werden geschrieben, bei ob des Ansinnens ungläubigen bis amüsierten Bäuerchen Unterschriften gesammelt („Wozu? Bringt ja doch nichts.“) und zwischendurch Wodkas auf das Vaterland ausgeschenkt. Schließlich wird gar der Präsident adressiert und der Privatisierung des öffentlichen Sektors ein ordentliches Schnippchen geschlagen.
Wir erinnern uns an die Satiren Soschtschenko’schen Einschlags: "Das Flugwesen, es entwickelt sich". Die Demokratie, sie entwickelt sich auch.

Grit Lemke

De que vuelan, vuelan

Dokumentarfilm
2013
53 Minuten
Untertitel: 
englische
spanisch
französische
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Alexis Taillant
Myriam Bou-Saha, Ananda Henry-Biabaud
Yannis Dumoutiers, Antony Antcliff, Julien Beaugé
Myriam Bou-Saha, Ananda Henry-Biabaud
Mélanie Brun
Sidonie Garnier, Myriam Bou-Saha, Ananda Henry-Biabaud
Capucine Caro, Thomas Prulière
In Venezuela blüht der Geisterglaube. In labyrinthischen Gassen bieten allerlei Hexer, Schamanen, Priester, Wahrsager ihre Dienste an. Sie beschwören ihre afrikanischen Ahnen, um sich in Trance zu versetzen, paffen fette Zigarren, aus deren Asche sie das Schicksal ablesen, spucken hin und wieder herzhaft aus und nehmen rituelle Schutzwaschungen mit Hühnerblut vor. Katholischer Heiligenkult und Voodoo sind in ihren Altären und Schreinen eine seltsame Mischung eingegangen. Heiler oder Scharlatane? Wie auch immer – viele Menschen, die sich verloren fühlen, setzen auf sie. So auch die zwei Protagonistinnen. Die eine kommt über den gewaltsamen Tod ihres Sohnes vor 16 Jahren nicht hinweg. War es Mord oder Selbstmord – oder am Ende doch ihre eigene Schuld, wie ihre Schwester behauptet? Die andere fühlt sich von einem bösen Geist heimgesucht, der sie zwingt, um sich zu schlagen, zu fluchen und Alkohol zu trinken.
Ihre verzweifelte Suche nach der Wahrheit treibt beide von einem rettenden Ritual zum nächsten. Und mit ihnen nehmen wir an dieser teils schillernden, teils bizarren Welt des Okkultismus unmittelbar teil. Doch wo schwarze Magie ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens ist, gibt es scheinbar auch schwarzen Humor. Der geht den Frauen trotz aller Rückschläge nie verloren und der Film gewinnt ihm ein großes Augenzwinkern ab.

Lars Meyer

Diary From the Revolution

Dokumentarfilm
2012
79 Minuten
Untertitel: 
englische
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Kristine Ann Skaret, Geir Bølstad
Nizam Najjar
John Birger Wormdahl, Bjarne Larsen
Khalifa Elfetory, Sadoon Alamlas, Blade Kushba
Torkel Gjørv
Nizam Najar
Bernt Syvertsen
Das erste Bild: eine Reminiszenz an den Western. Der Regisseur Nizam Najjar in einer staubigen Landschaft. Aber diese Coolness hält er nicht lange durch. Schon in Tripolis lässt er sich vom Freudentaumel nicht täuschen. Teile des Landes sind noch von Militärtruppen Gaddafis besetzt, die Frontlinien in Libyen unübersichtlich. Seit zehn Jahren lebt er im sicheren Exil in Oslo. Nun, da sich sein Land im Umbruch befindet, hält es ihn dort nicht mehr. „Bewaffnet“ mit seiner Kamera geht er unter die Rebellen in Misrata, aus seiner Angst macht er keinen Hehl. Als „einem der ihren“ wird ihm gestattet, über ein Jahr lang zusammen mit den von Haj Siddiq angeführten Freischärlern zu leben. In Form eines Videotagebuchs hält er protokollarisch die Kampfhandlungen, Probleme beim Besorgen von Waffennachschub und das provisorische Lagerleben fest. Ebenso erhellend sind seine Beobachtungen der Al-Gabra-Brigade selbst. Wie ist sie strukturiert, wie verändern sich die Charaktere? Auch wenn sie als Helden sterben würden, so haben doch alle diese jungen Rebellen noch Pläne für das irdische Leben. Der Ruf nach dem „Märtyrertod“ klingt zunehmend wie eine hohle Floskel. Vor allem die charismatische Gestalt Haj Siddiqs steht im Fokus des Filmemachers. Wie ein Patriarch hat er seine Familie und die ehemaligen Mitarbeiter seines Bauunternehmens als Getreue um sich geschart. Sein selbstgefälliger Führungsstil birgt schon das Kalkül für die Machtübernahme nach dem Sieg.

Cornelia Klauß

Die Gelübde meines Bruders

Dokumentarfilm
2013
88 Minuten
Untertitel: 
englische
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Frederic Bohbot, Andre Schaefer
Stephanie Weimar
Andre Feldhaus
Fabio DeFelice, Erik Schimschar, Sebastian Lange, Christopher Yapp, Stephanie Weimar
Oliver Bronner, Carl Freed
Stephanie Weimar
Ralf Jakubski, Kyle Stanfield, Frank Mertes
Gregor und Stephanie sind Geschwister, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Sie jettet durch die Welt, lebt mit Frauen. Es lohnt sich für sie nicht einmal, eine Wohnung anzumieten, so sehr hat sie sich dem Unterwegssein und der Abkehr von der heimatlichen Enge verschrieben. Selbstverwirklichung hat oberste Priorität. Bruder Gregor hingegen sucht innere Einkehr, Stetigkeit und eine Bestimmung in der Welt. Kurz gesagt: ein Kloster. Um seine Entscheidung zu verstehen, greift Stephanie Weimar zur Kamera und begleitet ihn von der Ausbildung bis zu jenem Tag, an dem er das Ewige Gelübde bei den Steyler Missionaren im Kloster St. Augustin ablegt. Wie kann sich einer freiwillig Gehorsam, Armut und Keuschheit unterwerfen – und lebenslang auf Sex verzichten? Ihre Ratlosigkeit und ihre Wut auf eine Kirche, die im Namen Gottes Homosexualität verdammt, Kondome verbietet und an Aids Mitschuld trägt, sind die Triebkräfte des Films und definieren den Blickwinkel. Auf diesem Weg der Erkenntnis nehmen wir teil an den Zweifeln und Überlegungen Gregors, dessen Entscheidung eine radikale ist. Aber es ist mehr noch die Regisseurin, die lernt, was wirkliche Toleranz bedeutet. Sinnsucher sind wir in Wahrheit doch alle.

Cornelia Klauß

Die Reise zum sichersten Ort der Erde

Dokumentarfilm
2013
100 Minuten
Untertitel: 
deutsche
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Hercli Bundi
Edgar Hagen
Tomek Kolczynski
Peter Indergand
Paul-Michael Sedlacek, Edgar Hagen
Bruno Conti
Edgar Hagen
Jean-Pierre Gerth
Während Edgar Hagen in seinen letzten Filmen Psychiatriepatienten begleitete, blickt er nun in die Abgründe einer geistig kranken Gesellschaft. Jener, die an eine sich zunehmend als unbeherrschbar erweisende Technologie glaubt und sie wider besseres Wissen fördert. Denn angeblich gibt es ihn, den sichersten Ort der Welt, an dem todbringender Atommüll über Hunderttausende von Jahren unschädlich gelagert werden kann.
In der Tradition des mittelalterlichen Schelms stellt Hagen sich dumm und möchte ihn sehen, diesen Ort. Er reist dazu um die ganze Welt, von der Schweiz nach Großbritannien, Deutschland, Schweden, China, Japan, in die USA, nach Australien und wieder zurück. Er schippert über Meere, durchquert Wüsten, stapft durch Wälder und Moore, erkundet das Innere von Bergen. Immer unwirklicher werden die Szenerien, immer weiter weg rückt der Gral. Hagen trifft Geologen und Atomlobbyisten, Umweltaktivisten, Stammesführer und Lokalpolitiker. Überzeugt von der Sache die einen, zweifelnd die anderen. Dabei ist immer viel von „Nachweisen“ und „grundsätzlicher Machbarkeit“ die Rede. Doch er fragt nach, scheinbar naiv. Mit dieser Erzählhaltung gelingt es ihm, sämtliche Rechtfertigungsstrategien der Atomindustrie geschickt als Konstrukt zu entlarven – in dem es schon lange nicht mehr um technische Möglichkeiten geht, sondern nur noch darum, das Unmögliche gut zu verkaufen. Ein Film über den Wahnsinn.

Grit Lemke

Dinner

Dokumentarfilm
2013
28 Minuten
Untertitel: 
englische
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Jurga Gluskinienė
Linas Mikuta
Kristina Sereikaitė
Linas Mikuta, Kristina Sereikaitė
Jonas Maksvytis
Jeden Tag erwartet in der Liepkalnis-Straße in Vilnius all jene eine warme Mahlzeit, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Während in dem schmucklosen Bungalow die Frauen von Hand das Essen zubereiten, die Tische decken und das Kompott einschenken, wartet draußen bereits die hungrige Kundschaft auf den Moment, an dem die Türen aufgehen. Bis dahin steht die Zeit still. Einige nutzen das gern, um in einen Austausch zu kommen, andere interagieren eher unfreiwillig.
Menschen, vom Leben gezeichnet, berichten sich gegenseitig von ihren Schicksalsschlägen, Erfahrungen und Einsichten – oder missverstehen sich auch einfach nur. „Sprecht Ihr von Litauen?“ – „Nein, wir sprechen vom Tod.“ Und doch scheinen sich hier alle sogar wortlos zu verstehen – das zumindest meint man in den Gesten und Blicken zu lesen. Morgen kommt ein neuer Tag, und es wird gewartet werden, auf das Mittagessen. Ein unverschnörkeltes Porträt vom vergessenen Rand der Gesellschaft.

Lars Meyer

Do You Believe in Love?

Dokumentarfilm
2013
50 Minuten
Untertitel: 
englische
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Barak Heymann
Dani Wasserman
Eli Soorani
Gonen Glazer, Daniel Miran
Ron Goldman
Dani Wasserman
Gil Toren
Keinen Finger kann Tova mehr rühren, seit die Krankheit ihre Muskeln lähmt. Nun thront sie wie ein Orakel in einem riesigen, weich ausgepolsterten Sessel und empfängt im Wohnzimmer ihre Kundschaft. Frauen, Männer, Junge, Alte, Gesunde, Kranke, Behinderte, Normale und Verrückte: Alle kommen sie zu Tova, denn jede und jeder von ihnen ist auf der Suche nach dem passenden Deckel. Obwohl Tova selbst nicht an die Liebe glaubt und das auch immer wieder laut und deutlich kundtut, hat das keine Auswirkung auf ihren Erfolg. Unermüdlich ist sie damit beschäftigt, für die Verzweifelten den richtigen Partner zu finden.
Mit Hingabe und einem ausgeklügelten buchhalterischen System versucht sie diejenigen zusammenzubringen, die bislang erfolglos auf „dem freien Markt“ auf der Suche waren. Von Mitleid oder falsch verstandener Korrektheit aber keine Spur: Eiskalt lässt Tovas „Star“ – eine junge, leicht spastische Frau im Rollstuhl – den Traummann abblitzen, als der sich nicht entblödet, ihr beim ersten Date Vorhaltungen über ihren ungesunden Lebensstil zu machen. Und weiter geht die Suche.
Dani Wasserman begleitet die einzigartige Kupplerin über ein Jahr und lässt uns teilhaben an Leben und Leiden einer starken Frau und ihrer Familie. Gelungen ist ihm, nicht zuletzt dank der tollen Protagonistin, ein warmherziger Film über die Liebe – oder eben das, was wir dafür halten.

Lina Dinkla

Elegy For a Lighthouse

Dokumentarfilm
2013
56 Minuten
Untertitel: 
englische
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Heinz Dill
Dominique de Rivaz
Guy Klucevsek, Père Thomas Pott, Jonas Fischer
Dmitrij Leltschuk, Dominique de Rivaz
Prune Jaillet
Dominique de Rivaz
Dmitrij Leltschuk, Dominique de Rivaz
Eine Reise zur Überwindung der Trauer: Der Vater ist gestorben. Das Gefühl einer Leerstelle in der Seele. Zur gleichen Zeit, weit oben im Norden, noch hinter Archangelsk, in Schoina am Weißen Meer, hat man gerade einen Leuchtturm dazu verdammt, für immer zu erlöschen. Magisch fühlt sich die Filmemacherin angezogen von diesem fremden Ort, der ihr etwas bedeutet, dessen Sinn sie jedoch nicht versteht. Angekommen an der Westküste der Kanin-Halbinsel, ist der Leuchtturmwärter, der seit langem dort die Stellung gehalten hatte, jedoch schon nicht mehr da. Sie findet nur noch ein paar Dutzend Bewohner vor, die sich stoisch dem Untergang der Geschichte entgegenstellen, und eben diesen Leuchtturm, der melancholisch vor sich hin rostet. Dabei gab es einmal eine Zeit, da die Hiesigen eine rosige Zukunft vor sich hatten: Etliche Jahrzehnte lang blühte hier die sowjetische Fischindustrie – zeitweise zählte Schoina über tausend Einwohner. Heute ist das Meer überfischt. Statt Tonnen von Fisch gibt es hier nur noch Tonnen von Sand, der sich, vom Wind getragen, über die alten Schiffswracks, Häuser und Straßen der ehemaligen Vorzeigekolchose legt. Je länger aber die Filmemacherin Dominique de Rivaz sich dem Überlebenswillen der Verbliebenen gegenübersieht, desto mehr ringt sie der Gegenwart von Schoina und den dortigen Menschen Momente von überwältigender Schönheit ab.

Ralph Eue

Elektro Moskva

Dokumentarfilm
2013
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Dominik Spritzendorfer
Dominik Spritzendorfer, Elena Tikhonova
Stanislav Kreichi, Vyacheslav Mescherin, Richardas Norvila, Alexey Borisov
Dominik Spritzendorfer
Michael Palm
Dominik Spritzendorfer, Elena Tikhonova
Yuri Klevanski
Bereits im Jahre 1919 entwickelte Lev Termen alias Léon Theremin ein elektronisches Musikinstrument, das man spielt, ohne es zu berühren. Dabei werden die Hände ganz minutiös in einem elektrostatischen Feld zwischen zwei Antennen bewegt. Magisch sieht das aus, magisch hört sich das an. Spätestens wenn der Erfinder höchstpersönlich in einem Interview von 1973 zu Wort kommt, begreift man, dass die elektronischen Wunderwerke der Musik oft nichts weiter als Abfallprodukte der Militärindustrie waren. „Elektro Moskva“ ist ein Essay über die sowjetische Geschichte der Elektrifizierung, den unerschütterlichen Glauben an den Fortschritt der Technik und die daraus entstandenen Kuriositäten. Hier wird seltenes Archivmaterial heutigen Beobachtungen entgegengesetzt, bei welchen man nicht nur in die Rumpelkammern leidenschaftlicher Instrumentensammler blicken darf, sondern beispielsweise auch dabei ist, wenn der Musiker Richardas Norvila, besser bekannt als Benzo, über die Space Sounds seiner Synthesizer philosophiert, die ebenso unberechenbar seien wie das Leben in Russland, in dem es einst verboten war, den Rolling Stones zu lauschen. Die sollte bei diesen psychedelischen Klängen eigentlich auch keiner vermissen.

Claudia Lehmann

Escape

Dokumentarfilm
2013
23 Minuten
Untertitel: 
englische
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Srđan Keča
Srđan Keča
Molo
Srđan Keča
Jelena Maksimović
Davor Keča, Jakov Munižaba
Drei Frauen auf der Flucht. Srđan Keča porträtiert die individuellen Schicksale vor dem Hintergrund eines Lebenskampfes in ein und derselben sozialen Grundstruktur. Danijela, Elvira und Galiba sind Roma-Frauen, die in unterschiedlichster Art unter dem patriarchalen Milieu, in dem sie aufgewachsen sind, leiden und versuchen, sich aus vorgegebenen Mustern zu befreien.
Danijela sehen wir zu Beginn noch als aufgeschlossenes Mädchen, Fußball spielend und mit ehrgeizigen Zielen für die Zukunft. Doch auf einmal ist sie weggelaufen von zuhause und bleibt der Schule fern – sie hat plötzlich geheiratet. Ihre Mutter und auch die Lehrerinnen sind ratlos, entsetzt und traurig, jedoch machtlos. Elvira hingegen kämpft sich durch einen Alltag als Alleinerziehende. Nachdem der Kindsvater sie alleingelassen hat, möchte sie ihrer Tochter eine bessere Zukunft bieten. Bildung ist dabei der wichtigste Faktor, um den Kreislauf aus Gewalt und Armut zu unterbrechen. Galiba als dritte im Bunde versucht verzweifelt, sich aus einem Leben zu befreien, das nichts als Unterdrückung und Missbrauch zu bieten hat. Ganz allmählich gelingt es ihr, sich eine gewisse Würde und Selbstachtung zurückzuerobern.
Unterstützt wurde der Film von der NGO CARE, die sich um die Integration und Selbstbestimmung der Roma in Serbien und Bosnien-Herzegowina kümmert.

Lina Dinkla