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Next Masters Wettbewerb
Baek-gu Boram Kim

Ein armer, alter, hinkender Hund. Er haust in einem Verschlag. Eigentlich sieht ihn jeder, doch keiner nimmt ihn recht wahr … Über tierische Umwege zur atmosphärischen Menschenbeobachtung.

Baek-gu

Dokumentarfilm
2017
83 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Yuri Lee
Boram Kim
Boram Kim, Chohyun Na, Jeonghyn Mun Junho Kim Jaehong Koh, Jaehon Choi
Boram Kim
Ein alter, hinkender Hund lebt in einem Verschlag in einem ruhigen Stadtteil von Seoul. Wäre er ein Mensch, würde man ihn einen Eremiten heißen. Irgendwann geriet dieser Hund ins Blickfeld der Regisseurin und weckte ihre Neugier. Sie wendet sich an Nachbarn, Passanten, spielende Kinder, die alle den Weg dieses Hundes schon gekreuzt, aber nie besondere Notiz von ihm genommen oder sich irgendeinen banalen Reim darauf gemacht und ihn dann wieder vergessen haben. Die Auskünfte sind so disparat wie Zeugenaussagen nach einem Unfall: Würde man aus der Summe ein Phantombild oder ein psychologisches Profil erstellen, käme eine herrlich groteske Kreatur dabei heraus – vielleicht ein Mischwesen aus Quasimodo und dem titelgebenden Esel aus Bressons „Au hasard Balthazar“.

Zunehmend interessant werden im Verlauf des Films indes die Zeugenaussagen beziehungsweise die Geschichten beziehungsweise die Geschichtenerzähler selbst. Offenbar lebt jeder Mensch dort (nur dort?) in seiner eigenen, separaten Welt. Kaum Überschneidungen mit den Welten anderer. Ein Universum der Melancholie. Wer vermag schon zu sagen, was die Absicht der Regisseurin am Anfang gewesen sein könnte? Möglicherweise hat sie einfach nur, und völlig zu Recht, darauf vertraut, dass Umwege die Ortskenntnis erhöhen. Oder sie verfuhr nach einem Aphorismus des großen Berliner Tresen-Dichters Jürgen K. Hultenreich: „Ziele stehen im Weg.“

Ralph Eue


Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Next Masters Wettbewerb

Delta

Dokumentarfilm
2017
80 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Yulia Serdyukova, Gennady Kofman, Kirill Krasovski
Oleksandr Techynskyi
Oleksandr Techynskyi
Marina Maykovskaya
Oleg Golovoshkin
Das dünnbesiedelte Donaudelta in der Bukowina liegt an der EU-Außengrenze auf rumänischem und ukrainischem Gebiet. Abseits des von Containerschiffen befahrenen Hauptstroms verästelt sich ein Netz von Seitenflüssen in einem endlosen Schilfwald. Im veränderlichen Licht des Hochwinters wechseln sich warme und kalte Brauntöne ab. Nebelwände und graue Wassermassen verwischen den Horizont. Durch das hohe Röhricht bahnen sich Männer ihren Weg zur Schilfernte. Die Kamera drängt sie an den Bildrand. Der stark begrenzte Schärfenbereich macht sie mal zu Fremden in einer unwirklichen Landschaft, mal werden sie von dieser aufgesogen. Bei Kälte und Feuchtigkeit schneiden sie das riesige Schilf, packen es zu mächtigen Bündeln und schleppen es über Eisrinnen. So hart die Arbeit, so rau der Ton der Landarbeiter untereinander, so derb der Alltag, den es zu überleben gilt. In der unwegsamen, wilden Abgeschiedenheit der Region bietet der orthodoxe Glaube ein schützendes Heim. Hektisch und durcheinander schöpfen in Nahaufnahme Eimer und Flaschen das Weihwasser aus dem Fluss. Bei der Aussegnung trauert das Dorf mit Gesängen dicht gedrängt um den Verstorbenen. Es sind spirituelle Rituale einer kleinen, isolierten Gemeinde, umarmt von den Adern der mächtigen Donau. Oleksandr Techynskyis haptischer Film fängt die Nähe in der großen Weite ein.

André Eckardt



Lobende Erwähnung im Next Masters Wettbewerb;
Nominiert für MDR-Filmpreis, Healthy Workplaces Film Award, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Next Masters Wettbewerb
Farewell Essay Macarena Albalustri

Ein intimer filmischer Essay über den Tod der Mutter und das Entwickeln von persönlichen Formen der Trauer, die jeder selbst (er-)finden muss, um mit schmerzlichen Verlusten fertigzuwerden.

Farewell Essay

Dokumentarfilm
2016
79 Minuten
Untertitel: 
englische
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Macarena Albalustri, Tomás Dotta
Macarena Albalustri
Odín Schwartz
Tebbe Schöningh
Iara Rodríguez Vilardebó
Macarena Albalustri, Tomás Dotta
Sofía Straface, Lucas Larriera
Gespräche im Wartezimmer beim Tierarzt: Liza, die mehr als zehn Jahre alte Katze der Regisseurin Macarena Albalustri, hat aufgehört zu fressen. Der nahende Tod des geliebten Haustiers weckt Erinnerungen an einen anderen Verlust, den der Mutter, die vor zehn Jahren starb und an die Albalustri kaum noch Erinnerungen hat. In der Trauerarbeit um die Katze werden verschüttete Gefühle und Fragen wieder hervorgeholt, eine emotionale Suche beginnt. Mithilfe von Fotos, Briefen und Gegenständen aus ihrer eigenen Kindheit versucht die Regisseurin, Erinnerungen wachzurufen – bei sich wie auch bei anderen. Sie spricht mit Personen aus dem Umfeld ihrer Mutter, mit deren Freundinnen und dem eigenen Vater. Sie kann sogar die Psychotherapeutin ausfindig machen, die ihre Mutter damals konsultiert hatte. In den Gesprächen geht es dabei auch immer um den Umgang mit Verlusten, mit dem Sterben und dem eigenen Tod. Es ist ein sehr intimer filmischer Essay über das Abschiednehmen, über das Entwickeln von Ritualen und die persönlichen Formen der Trauer, die jeder selbst (er-)finden muss, um mit dem Abschiedsschmerz fertig zu werden.

Frederik Lang
Next Masters Wettbewerb
Funeralopolis. A Suburban Portrait Alessandro Redaelli

In einer Gemeinde bei Mailand fordern zwei junge Männer das Leben heraus, die Liebe, den Tod. Sie riskieren sich selbst, weil alles andere riskanter erscheint.

Funeralopolis. A Suburban Portrait

Dokumentarfilm
2017
94 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Barbara Guieu
Alessandro Redaelli
Ruggero Melis
Alessandro Radaelli
Daniele Fagone, Ruggero Melis, Alessandro Redaelli
Daniele Fagone, Ruggero Melis, Alessandro Redaelli
Michele Benedetti
Der Verlust der Sinne ist der Weg, Sinn zu finden. Auf der kleinen schmutzigen Zugtoilette das Spritzbesteck. Schnitt. Gürtel um den mageren Oberarm. Schwarzblende. Nadel hängt in einer Vene. Schwarzblende. Blutrinne am Arm. Kann man sich mit dem Wasser hier waschen? Lieber nicht. Zwischen Bresso, Sesto San Giovanni und Mailand trifft man Vash und Felce. Vash ist jünger als Felce, aufgekratzt und trägt eine Frisur, mit der er aussieht „wie ein Pilz“. Felce hat Architektur studiert. Sie machen Musik und Party und nehmen Drogen.

Alessandro Redaelli hat Werbung für Fruchtsäfte gedreht, in der man bunt angezogene junge Leute sieht, die lachen. In seinem Film aber gibt es keine Farben. Gelacht wird trotzdem. Und geweint. Alles rast und man weiß nicht, wohin. In diesem „suburbanen Porträt“ geht es um Eitelkeiten und um Mode, Provokation und das richtige Timing. Redaelli besteht darauf, dass sein Film nicht von Heroin erzählt und schon gar nicht über die Folgen von Sucht aufklären will. Für ihn ist es ein Film über zwei Freunde auf der Suche nach Bedeutung im Leben.

Carolin Weidner
Next Masters Wettbewerb
Granny Project Bálint Révész

Drei Enkelsöhne treten mit ihren Großmüttern eine anarchische Reise in die Vergangenheit an – ein facettenreiches Roadmovie um Generationen-Dialoge in Großbritannien, Ungarn und Deutschland.

Granny Project

Dokumentarfilm
2017
90 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
László Kántor, Bálint Révész
Bálint Révész
Albert Márkos
Ruben Woodin Dechamps
Károly Szalay
Bálint Révész, Meredith Colchester, Ruben Woodin Dechamps
Wie funktionieren Erinnerungen? Wie können Erfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben werden? Wie verändert das Erzählen das Erlebte? Gemeinsam mit ihren Großmüttern machen sich drei junge Männer auf die Suche nach ihrem historischen und persönlichen Erbe. Da ist die britische Spionin mit dem staubtrockenen Humor, die ungarische Kommunistin, die den Holocaust überlebt hat, und die deutsche Tänzerin, deren Blick zurück sich als der schwierigste erweist.

Im Unterschied zu vielen Dokumentarfilmen der letzten Jahre, die sich aufs Gesprächsformat konzentrierten und ihre Protagonisten auf ein Plateau der Ehrfurcht hoben, arbeitet „Granny Project“ ganz anders: verspielt, konfrontativ, manchmal auch albern, Momente später dann wieder ehrlich und emotional. Ein unkonventioneller Versuch der Enkelgeneration, Fragen, die ihre Eltern in den 1960er Jahren auf die Straße trieben, auf einer anderen Ebene erneut zu stellen. Dieser Film sucht jedoch weder die Gegnerschaft noch will er anklagen. Vielmehr ist er der vielleicht naive, aber nicht minder notwendige Versuch, den anderen zu verstehen. Spätestens, als die drei Großmütter gemeinsam mit ihren Enkeln und diversen Dolmetschern am Tisch sitzen wird deutlich, dass mindestens zweierlei nötig ist, um Vergangenheit und Gegenwart wirklich miteinander in Kontakt zu bringen: ein aufrichtiges Interesse am Gegenüber und eine gute Übersetzung.

Luc-Carolin Ziemann



Ausgezeichnet mit dem MDR Filmpreis;
Nominiert für Young Eyes Film Award

Next Masters Wettbewerb
Paulistas Daniel Nolasco

Im Irgendwo der brasilianischen Savanne überlebt Paulistas. Die ländliche Region hat ihre Jugend verloren, Risse von Natureingriffen bekommen und färbt trotzdem alles mit ihrer Seele.

Paulistas

Dokumentarfilm
2017
76 Minuten
Untertitel: 
englische
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Matheus Peçanha, Lidiana Reis, Daniel Nolasco, Thiago Yamachita, Aline Mazzarella
Daniel Nolasco
Larry Sullivan
Will Domingos
Daniel Nolasco
Jesse Marmo
Im Irgendwo der zentralbrasilianischen Savanne überlebt Paulistas. Die ländliche Region hat ihre Jugend verloren, Risse in den Häusern bekommen und trotz alledem ihre Würde bewahrt. Weide, Fluss, spartanisch eingerichtete Interieurs – wie die Landschaft und die Lebensräume dehnen sich die Bilder und Klänge des Films sanftmütig, aber mit beeindruckender Kraft aus. Ruhige, hervorragend kadrierte Einstellungen und perfekt gesetzte Klänge können ausreden, ohne schwatzhaft zu werden. Sie porträtieren die landwirtschaftliche Arbeit und den Alltag der Menschen. Sie zeigen in der Verlassenheit eine von den Bewohnern aufrechterhaltene Wärme.

„Paulistas“ kann besingen, aber verzichtet auf Verklärung. Die philanthropischen Beteuerungen, die die Betreiber des nahegelegenen Staudamms über das Fernsehen versenden, fallen im Film in sich zusammen – wie die beschädigten, unbewohnbaren Häuser infolge der Natureingriffe. Und dann ist Juli und die Jugend kehrt für die Ferien kurzzeitig zurück. Sternenhaft leuchtet im nächtlichen Maisfeld das Mobiltelefon beim Tippen von Liebesnachrichten, und das Motorrad zieht eine geschwungene Staublinie durch die gesamte Breite der sommerlichen Weiden. Motivisch erklingen schwer beschreibbare Klänge zwischen Maschinenmetall und Blechblasinstrument. Paulistas ist von Umständen geprägt und färbt trotzdem alles mit seiner Seele.

André Eckardt
Next Masters Wettbewerb
Project 55 Miguel Colombo

Spurensuche nach den Wurzeln eines Albtraums: In der audiovisuellen Versuchsanordnung eines jungen argentinischen Filmemachers verschränken sich Familien-, National- und Weltgeschichte.

Project 55

Dokumentarfilm
2017
73 Minuten
Untertitel: 
englische
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Miguel Colombo
Miguel Colombo
Miguel Rivarola
Alejandra Almirón, Miguel Colombo
Miguel Colombo
Jorge Gutiérrez Jiménez
Ein Ereignis der argentinischen Geschichte, die Bombardierung der Plaza de Mayo in Buenos Aires durch putschende Militärs am 16. Juni 1955, sucht einen Filmemacher, der erst 1978 geboren wurde, immer wieder in Alpträumen heim. Als hätten ihn, der noch nie selbst einen Krieg erleben musste, die Geister der nationalen Geschichte rekrutiert: als Medium, um dieses Trauma durchzuarbeiten. Mit Kollegen initiiert er ein Projekt der audiovisuellen Grundlagenforschung. Wie lässt es sich überhaupt bewerkstelligen, Kriegserfahrungen zu übersetzen und zu kommunizieren? Oder anders: Geschichte, ist sie ein Strahl oder ein Haufen? Der filmische Diskurs von „Project 55“ gleicht der allmählichen Verfertigung von Gedanken beim Reden respektive Filmen. Und wenn das an Heinrich von Kleist erinnert, dann ist das weder zufällig noch absichtlich, sondern unvermeidlich. Die Reise dieses Films führt von Buenos Aires über Vietnam und Atomwaffenwaffenversuche zurück in die eigene Familiengeschichte – beziehungsweise jenen Teil der Geschichte, die von künftigen Generationen erst noch geschrieben werden wird.

Das klingt nach Kopfkino? Gewiss! Aber wer ist eigentlich für jenes Gerücht verantwortlich, dass Filme vor allem aus der Hüfte gemacht werden sollen? In jeder Sinnlichkeit steckt immer noch Sinn – und das nicht nur vom Wort her.

Ralph Eue

The Strange Sound of Happiness

Dokumentarfilm
2017
89 Minuten
Untertitel: 
englische
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Edoardo Fracchia
Diego Pascal Panarello
Bartolomeo Sailer
Matteo Cocco
Enrica Gatto, Carmen Kirchweger
Alvise Renzini
Diego Pascal Panarello
Danilo Romancino, Michael Haesters, Sorin Apostol
Nach zwanzig Jahren kehrt der gescheiterte Musiker Diego ohne Geld, Job und Perspektiven in seine sizilianische Heimatstadt Augusta zurück. Im Traum erscheint ihm das visionäre Bild einer Maultrommel, im Italienischen: Marranzano. Der schwingend-brummende Klang dieses kleinen Musikinstruments hallt im Gesang der allgegenwärtigen Zikaden wider – und im Geräusch eines Rasierapparats. Nach ersten Nachforschungen im örtlichen Souvenirladen findet sich Diego schon bald im eiskalten Jakutien wieder. Die Maultrommel heißt dort Khomus und gilt als Glücksbringer. In Sibirien begegnen Diego auch der berühmteste Khomus-Spieler der Welt, ein allseits respektierter Schmied, der dem Meister aus „Karate Kid“ auffallend ähnlich sieht, sowie die reiche Mythengeschichte des Instruments. So erzählt man sich, dass eine der besten Marranzani eines Nachts ins Weltall flog, um von einem russischen Kosmonauten gespielt zu werden. Diegos Forschung nach der Universalhistorie der Maultrommel verbindet sich mit der Geschichte seiner persönlichen Glücksuche, wobei seine Reise von Selbstbefragung, ethnografischem Interesse und Assoziierfreude gleichermaßen getragen wird.

Esther Buss



Lobende Erwähnung im Next Masters Wettbewerb;
Nominiert für Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Next Masters Wettbewerb
The Wolf and the Seven Kids Elena Gutkina, Genrikh Ignatov

Vater und Sohn bewohnen ein Haus am Waldesrand. Aus ungewöhnlicher Nähe wird ihr Alltag gezeigt, der sich dennoch – oder gerade deshalb – dem Überblick entzieht.

The Wolf and the Seven Kids

Dokumentarfilm
2017
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Elena Gutkina, Genrikh Ignatov
Elena Gutkina, Genrikh Ignatov
Elena Gutkina, Genrikh Ignatov
Elena Gutkina, Genrikh Ignatov
Elena Gutkina, Genrikh Ignatov
Anna Voskoboynikova
Es ist, als würde ein Vorhang zur Seite geschoben. Doch zeigt sich auf der Bühne keine Totale und in ihr keine Interaktion, die man aus der Entfernung überblicken könnte. Im Film von Elena Gutkina und Genrikh Ignatov ist man nah dran. Sehr nah. Als hätte eine Kamera das Innere eines Puppenhauses in den Blick genommen. Starr steht sie an Türschwellen und wartet. Auch vor einem Bett lauert sie. Der Rahmen ist dann gerade groß genug, um Unterleib und Oberschenkel zu fassen. Mit ihnen hat man es dann auch eine Weile zu tun: Ein junger Mann zieht den Schlüpfer hoch und wieder runter, stößt Laute dabei aus, singt vielleicht etwas.

Gutkina und Ignatov lassen sich Zeit. Und so tun es auch die beiden Männer, in deren Welt sich zwar nicht zu bewegen, aber doch zumindest aufzuhalten ist. Ein Vater und sein erwachsener Sohn, die gemeinsam ein ärmliches Haus bewohnen, am Waldesrand. Man weiß nicht genau, was hier geschieht. Aber das etwas passiert, die ganze Zeit, das weiß man schon: Finger bewegen sich, Hände greifen. Die ungewöhnlichen Ausschnitte lassen Bildinhalte abstrakt wirken, obwohl es ein Alltag ist, den man hier sieht. Was von diesem wiederum zu halten ist, dafür bieten Gutkina und Ignatov keine Antwort an.

Carolin Weidner


Nominiert für MDR-Filmpreis

Toward a Common Tenderness

Dokumentarfilm
2017
64 Minuten
Untertitel: 
englische
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Shinji Kitagawa
Kaori Oda
Mono Fontana
Kaori Oda
Kaori Oda
Kaori Oda
Kaori Oda
Eine junge Japanerin in Bosnien-Herzegowina. Sie ist gleichermaßen Subjekt wie Objekt einer poetischen filmischen Recherche in fremdem Land. Versuche, sich einzuschreiben in ein unbekanntes Alltagsgeschehen. Nomadische Individualität auf einsamem Außenposten. Was leicht zu selbstzufriedener Nabelschau geraten könnte, erscheint in „Toward a Common Tenderness“ als defizitärer Seinszustand, der aufgebrochen gehört. Die Kamera wird der Filmemacherin zum physischen und spirituellen Werkzeug, um ihrer eigenen Geschichte, der aktuellen menschlichen und geografischen Umgebung sowie einem daraus sich möglicherweise ergebenden Lebensweg habhaft zu werden.

Kaori Odas Film ist von geheimnisvoller Schönheit. Eine Schönheit auf unsicherem Grund. Am ehesten vielleicht von jener Art, wie sie Robert Bresson einst in seinen „Notizen zum Kinematographen“ beschrieb: „Die Schönheit deines Films wird nicht in den Bildern sein (Ansichtskarten-Syndrom), sondern in dem Unsagbaren, das von ihnen ausgehen wird.“

Ralph Eue

Wall

Dokumentarfilm
2017
64 Minuten
Untertitel: 
englische
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Michal Weits, Moran Ifergan
Moran Ifergan
Moran Ifergan
Moran Ifergan
Shahaf Wagshall
„Ich weiß, wie einsam es in Jerusalem sein kann. Und du mit all deinen depressiven Ansichten, wie hart das Leben ist und wie alle Männer fremdgehen. So muss es nicht sein, Mori. Komm nach Tel Aviv, hier kannst du die Sonne sehen und deine Filme machen.“ Moran Ifergans Mailbox ist voll. Verwandte und Freunde sorgen sich um sie. Ihre Ehe ist gescheitert und mit dem Glauben hat es auch nicht geklappt. Aber sie möchte nicht nach Tel Aviv, sondern in Jerusalem bleiben, wo sie die Klagemauer filmt und alle jene, die zu ihr kommen: Männer auf der einen Seite, Frauen auf der anderen.

Ihre Kamera hält Moran Ifergan dicht vor die Mauer, zeigt ihre mit Gebetszetteln vollgestopften Ritzen. Bergeweise beschriebenes Papier, das später mit Stöcken wieder herausgeholt werden muss. Wie unterscheidet sich sein Inhalt wohl auf beiden Seiten, durch die selbst eine Art Mauer verläuft? Und was ist das für eine Wand zwischen Ifergan und ihrer Mutter, die den Lebenswandel der Tochter als Zumutung empfindet? Dieser Film ist ein persönliches Zeugnis, das sich über mitgeschnittene Telefonate genauso vermittelt wie über den sehr intimen Blick seiner Macherin. Ein solidarischer, neugieriger Film, auch ein trotzender.

Carolin Weidner