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Jahr

209 rue Saint-Maur, Paris, 10ème – The Neighbours

Dokumentarfilm
2017
103 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Paul Rozenberg, Céline Nusse (Zadig Productions)
Ruth Zylberman
Nicolas Repac
Cédric Dupire
Valérie Loiseleux
Benjamin Bober, Graciela Barrault
Die französische Regisseurin und Historikerin Ruth Zylberman sitzt in den USA in einem Wohnzimmer – zu Besuch bei einem 79-jährigen Mann, der während der Besatzung von Paris durch die Deutschen von seinen jüdischen Eltern bei einer fremden Familie versteckt wurde. Heute kann sich Henry Osman, geboren als Henri Ossmann, an seine Eltern kaum erinnern – nicht, wie sie aussahen, nicht, was sie beruflich taten. Zylberman hat einen Stapel kopierter Dokumente dabei und kann diese Kindheit in Teilen rekonstruieren.

Das Haus mit der titelgebenden Adresse – hier lebte Osman als kleiner Junge – liegt im jüdischen Viertel von Paris. Minutiös hat Zylberman die ehemalige Hausgemeinschaft während der Kriegsjahre nachgebildet: Wer hat hier gewohnt? Wer hat wen gekannt? Reenactments mit Puppenmöbeln und gezeichneten Raumplänen an den Küchentischen der einstigen Bewohner wechseln sich mit Ansichten des Gebäudes von heute ab. Der typische Pariser Bau in der Rue Saint-Maur mit der Hausnummer 209 wird so als ein anachronistischer Raum entworfen, in dem die Geschichte bis in den gepflasterten Innenhof hinein nachlebt. Ein zugleich hoch konzentriertes und hoch emotionales Stück experimenteller Historiografie.

Lukas Stern
Internationales Programm
8, Lenin Avenue Valérie Mitteaux, Anna Pitoun

Langzeitbeobachtung einer geglückten Integration: Aus dem illegalen Wohnwagenlager hat es die rumänische Romni Salcuta mit ihren beiden Kindern in die französische Gesellschaft geschafft.

8, Lenin Avenue

Dokumentarfilm
2017
101 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Igor Ochronowicz
Valérie Mitteaux, Anna Pitoun
Valérie Mitteaux, Anna Pitoun, Raquel Freire, Sébastien Balanger
Fabrice Rouaud
Hugo Leitão
Langzeitbeobachtungen haben ihre eigenen Regeln. Oft entwickeln sie sich aus vorherigen Filmen und dem anhaltenden Kontakt zu den Gefilmten. Anna Pitoun und Valérie Mitteaux haben das Schicksal ihrer Protagonistin Salcuta Filan über fast 15 Jahre mit der Kamera begleitet. Das erlaubt ihnen, einen großen Erzählbogen zu spannen und Entwicklungen aufzuzeigen. Die ersten Bilder, in denen die Bürger von Achères, einer Gemeinde nordöstlich von Paris, ein Roma-Lager vor der Räumung schützen wollen, wurden 2003 gedreht. Damals entstand „Caravan 55“, ein erster Film über Salcuta und ihre beiden Kinder Denisa und Gabi.

Die Regisseurinnen wollen zeigen, dass Integration sehr wohl möglich ist, und zwar auch für Roma, denen größere Vorurteile als anderen Zuwanderern entgegenschlagen. Rechten Populisten dienen sie als Sündenböcke, an denen sich politische Exempel statuieren lassen. Trotz der herzlichen Helferinnen und Helfer, die Salcutas Familie in echter Freundschaft verbunden sind, werden auch alltäglicher Rassismus und Antiziganismus deutlich, ebenso der Rechtsruck der letzten Jahre, der das gesellschaftliche Klima in Frankreich veränderte. Dennoch entwickelt sich Salcuta von einer schüchternen, alleinerziehenden Witwe zu einer selbstbewussten Matriarchin, die für ihre Rechte kämpft. In Frankreich findet sie eine Stimme, die sie als Romni in ihrer Heimat Rumänien nie hatte.

Sirkka Möller


Nominiert für Filmpreis "Leipziger Ring"
Internationales Programm
95 and 6 to Go Kimi Takesue

Ein Drehbuchtitel wird gesucht und ein Opa gefunden. Ein liebe- und humorvoller Blick im Homevideo-Stil: auf den Großvater, die Familiengeschichte und die Landschaften der Vorfahren.

95 and 6 to Go

Dokumentarfilm
2016
85 Minuten
Untertitel: 
keine
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Kimi Takesue, Richard Beenen
Kimi Takesue
Paul Brill
Kimi Takesue
Kimi Takesue
Jeff Seelye
Die Filmemacherin Kimi Takesue und ihr verwitweter Großvater Tom haben viel vor: Zunächst muss erst einmal Toms Haus entrümpelt werden. Vieles hat sich hier angesammelt seit dem Tod der Großmutter, die Toms Vorliebe für Film und Fernsehen nicht wirklich teilen konnte. Dann gibt es da noch Kimis unfertiges Drehbuch, das seit Jahren auf Vollendung wartet und dringend einen neuen Titel braucht. Der rüstige Pensionär entwickelt hierfür viele – teils schmalzige – Ideen, die leider nicht immer auf Gegenliebe treffen. Und nebenbei versucht die wissbegierige Enkelin noch, ihre Familiengeschichte mithilfe von Toms Erinnerungen aufzudröseln. Dabei ergeben sich Einblicke in die Lebensumstände der Vorfahren, die als japanische Einwanderer auf Hawaii versuchten, sich ein Leben aufzubauen. Auch die Liebesbeziehung der Großeltern ist von großem Interesse – vor allem, was die Frage angeht, wie die beiden eigentlich zueinanderfanden und ob es wirklich Liebe auf den ersten Blick war.

Im Stil eines Homevideos gedreht und durchsetzt mit Archivmaterial und Aufnahmen der hawaiianischen Landschaft, wirft Takesue einen liebe- und humorvollen Blick auf ihren Großvater und die eigenen Wurzeln. Dabei findet sie vielleicht keinen neuen Titel für ihr Drehbuch, aber sie kommt ihrem Opa auf bezaubernde Weise nah.

Kim Busch

A Marriage Story

Dokumentarfilm
2017
102 Minuten
Untertitel: 
englische
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Kateřina Černá, Pavel Strnad
Helena Třeštíková
David Cysař, Vlastimil Hamerník, Jan Malíř, Miroslav Souček, Ervín Sanders, Jiří Chod, Robert Novák, Antonín Kutík
Jakub Hejna
Helena Třeštíková
Richard Müller
Geschichten von der Ehe filmt die Pragerin Helena Třeštíková seit den frühen 1980er Jahren, mehrere Langzeitdokumentationen sind auf diese Weise entstanden. Ivana und Václavs ewiger Bund ist Beobachtungsgegenstand dieser Folge, die vom Tag vor der Hochzeit bis ins Heute reicht. Damals, im Dezember 1980, ist Ivana 21 Jahre alt und Václav 24. Beide studieren Architektur und heiraten, „weil wir uns mögen. Und andere Dinge. Dinge, über die man besser nicht spricht.“ Kurz nach der Hochzeit ist das erste Kind da: Honza.

Helena Třeštíkovás Film „René“ gewann 2008 in Leipzig die Goldene Taube, ein Stück über einen hoffnungslosen, aber einnehmenden Amoralisten, den es immer wieder an den gleichen Ort zog: ins Gefängnis. Offenbar ist auch Třeštíková angezogen von bestimmten Orten, vor allem aber von Menschen und der Art, wie sie ihr Leben in sinnvolle Richtungen zu entwickeln versuchen. In dieser „Marriage Story“ lässt sich beispielsweise ein unglaublicher Wunsch nach Vergrößerung und Wachstum ausmachen, der sich in einer Anhäufung von Gegenständen, Kindern und Verantwortlichkeiten zeigt – eines der inneren Motive des Ehepaares Strnad, das sich über 35 gemeinsame Jahre entklappt.

Carolin Weidner


Nominiert für MDR-Filmpreis
Internationales Programm
A Memory in Khaki Alfoz Tanjour

Khaki sei die Farbe, die in jedem Syrer stecke, heißt es hier. Die These wiederholt sich in Variationen, fliegt durch Kunst und Gedanken. Und Alfoz Tanjour findet die richtigen Bilder dafür.

A Memory in Khaki

Dokumentarfilm
2016
108 Minuten
Untertitel: 
englische
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Louai Haffar
Alfoz Tanjour
Kinan Azmeh
Ahmad Dakroub
Alfoz Tanjour
Alfoz Tanjour, Louai Haffar
„Mein Blut besteht aus dieser Stadt, ihren Steinen, ihren Nachbarschaften, ihren Geschäften, ihren Menschen und ihren Morgen … Mein Blut ist vielleicht aus dem Geruch von Diesel gemacht, der in ihr ist.“ Alfoz Tanjour besucht den syrischen Schriftsteller Ibrahim Samuel 2009 in Damaskus und filmt ihn in seinem Adidas-Pullover am Schreibtisch sitzend, mit Kaffee und Zigarette vor seinem Manuskript. Als Tanjour in den 1990er Jahren nach Moldawien ging, um Film zu studieren, war eine Kurzgeschichte Samuels sein erster Stoff. Auch jetzt ist der Intellektuelle Ausgangspunkt für eine Arbeit, die trotz immanenter Schwere wie ein anmutiger Flug ist. „A Memory in Khaki“ teilt Kunst und Gedanken von Menschen, denen das oppressive syrische Regime eingeprägt ist – mitsamt einer Farbe und ihrer Symbolik: Khaki.

Carolin Weidner
Internationales Programm
Advantage Mohammad Kart

Schon Mann oder noch Junge? Das entscheidet sich in einem Heim für Suchtkranke in Teheran. Hier gilt es, sich seinen Abhängigkeiten zu stellen, wenn man der Straße endgültig entfliehen will.

Advantage

Dokumentarfilm
2016
68 Minuten
Untertitel: 
englische
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Mohammad Kart, Aban Askari
Mohammad Kart
Saba Neda’ee
Javad Razzaqizadeh
Esma’il Alizadeh
Mohammad Kart
Mehdi Kart
Es gibt einen Ort in Teheran, an dem sich entscheidet, ob man ein Mann oder doch nur ein Junge ist. So jedenfalls beschreibt es einer der Mitarbeiter des Heims, in welchem mehrere Dutzend Männer Obhut gefunden haben, um der Straße zu entkommen. Sie alle teilen ein Suchtproblem, injizierten Heroin und Kokain, aßen Abfälle und verließen ihre Familien. Im Heim wollen sie wieder auf die Beine kommen, entziehen und lernen, abstinent zu leben. Mohammad Kart ist bei der Aufnahme Hosseins dabei, einem jungen Mann, der seit zwei Jahren drückt und verspricht, sich an die Regeln zu halten. „Ich erinnere dich in drei Tagen nochmal daran.“ Was folgt, ist ein kalter Entzug. In einem Raum windet sich Hossein mit mehreren anderen, schwitzt, krampft. Und wird schließlich in einem festlichen Akt willkommen geheißen. Er soll sogar mit dem hauseigenen Fußballteam trainieren, das sich gerade auf einen prominenten Gegner vorbereitet.

Kart verbindet lichte Episoden von Gemeinschaft und Hoffnung mit einzelnen Ausflügen in nächtliche Unterschlüpfe an den Rändern der iranischen Hauptstadt. Bilder voller Kläglichkeit wechseln mit solchen von Sonnenstrahlen, die morgens in den Schlafraum scheinen, während eine anstiftende Musik beim Beginnen eines neuen Tages Beistand gewähren soll.

Carolin Weidner
Internationales Programm
Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow Claus Withopf

Bild- und wortgewaltiger Einblick in Leben und Arbeit der New-Wave-Ikone, deren Songs bis heute die Tanzflächen füllen – auch wenn man sie selbst auf der Straße vermutlich übersehen würde.

Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow

Dokumentarfilm
2017
81 Minuten
Untertitel: 
deutsche
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Gerd Haag (TAG/TRAUM Filmproduktion), Mike Beilfuss (Kinescope Film), Torsten Frehse (Neue Visionen Filmproduktion), Claus Withopf (Claus Withopf Filmproduktion)
Claus Withopf
Nina Werth, Daniel Meinl, Claus Withopf
Christopher Tworuschka, Claus Withopf
Claus Withopf
Michel Klöfkorn, Johannes Grehl, Hagen Röhrig
Anne Clark entzieht sich Kategorien und Klischees. Sie selbst sieht sich als Lyrikerin und Spoken-Word-Künstlerin. Weltweit wird sie als Pionierin der elektronischen Musik und des New Wave gefeiert und gilt vielen sogar als Wegbereiterin des Techno. Sozialisiert mit der Do-it-yourself-Punk-Ethik der späten 1970er Jahre, wurde sie schon früh selbst aktiv, auch wenn es nicht immer leicht war, sich in der von Männern dominierten Musikszene zu behaupten. Bereits die ersten Single-Auskopplungen „Sleeper in Metropolis“ und „Our Darkness“ gerieten zu Klassikern und beeinflussten Generationen von Musikern.

Ungeachtet ihres Kultstatus ist Clark eine nahbare und sympathische Person geblieben, die hier einen tiefen Einblick in ihre Arbeitsweise gibt und sich mit großer Klarheit auch zu gesellschaftspolitischen Themen äußert. Der Film verwebt die Gespräche mit Archivaufnahmen und Konzertmitschnitten und stellt mit grafischen Mitteln immer wieder die Sprache selbst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. So entfaltet er nach und nach die Besonderheiten von Clarks Werk, das musikalisch wie literarisch absolut eigenständig ist, ohne sich jemals im L’art pour l’art zu verlieren. Dieses Porträt lädt dazu ein, Anne Clark als herausragende Künstlerin (neu) zu entdecken. Nicht zuletzt ist es ein schönes Plädoyer dafür, sich weder persönlich noch künstlerisch verbiegen zu lassen.

Luc-Carolin Ziemann


Nominiert für Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Body of Crime

Dokumentarfilm
2017
73 Minuten
Untertitel: 
englische
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Pedro Rocha, Diego Hoefel
Pedro Rocha
Juliane Peixoto
Frederico Benevides
Diego Hoefel
Paulo Ribeiro
Ein Ausdruck von Ivans Last befindet sich um seinen Fuß geschnallt: eine elektronische Fessel, die seinen Standort überwacht. Kritisch wird es abends, wenn er bei seiner Familie sein soll, Ausgangssperre hat, aber eine Stimme Ideen einflüstert, die nur außerhalb des Hauses – und damit des gesetzlichen Rahmens – realisierbar scheinen. Ivan ist ein Tiger hinter Gittern, dessen Schritte täglich unruhiger werden. Zudem plagt ihn ein Gedankenspiel: Er kennt Männer, die die piependen Apparate eigenmächtig loswurden und nun auf freiem Fuß sind. Und er kennt andere, deren Befreiungsversuche scheiterten. Die Konsequenz: zurück ins Gefängnis. Ivan balanciert zwischen Skylla und Charybdis. Eine Erregtheit, die längst in Unmut gekippt ist und nach Lösung verlangt.

Carolin Weidner


Nominiert für Young Eyes Film Award
Internationales Programm
Burka Songs 2.0 Hanna Högstedt

Eine Performance gegen das Verschleierungsverbot in Frankreich wird zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit (strukturellem) Rassismus und (aktivistischer) Anmaßung.

Burka Songs 2.0

Dokumentarfilm
2017
45 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Hanna Högstedt, Archana Khanna
Hanna Högstedt
Annika Busch, Maja Kekonius
Hanna Högstedt, Annika Ivarsson
Hanna Högstedt
Gustaf Berger
Nach einer landesweiten Diskussion wurde in Frankreich das Tragen einer Gesichtsverschleierung 2011 gesetzlich verboten. Die Befürworter argumentierten, sie stehe im Gegensatz zu den Werten der Republik: Geschlechtergleichheit und Freiheit von religiösem Zwang. Die schwedische Filmemacherin Hanna Högstedt hält das für populistische Symbolpolitik und beschließt, eine Performance auf der Avenue des Champs-Élysées durchzuführen, bei der sie sich filmen lässt: Bekleidet mit einer schwarzen Burka, singt sie aus vollem Hals die französische Nationalhymne.

Die Reaktionen sind anders als erwartet. Mit „Burka Songs 2.0“ arbeitet Högstedt auf, was während der Aufnahmen geschah und welche Überlegungen dies bei ihr auslöste. Sie beschreibt, wie schwierig es ist, sich zu einer als verlogen empfundenen, um die Stammtische buhlenden Politrhetorik zu verhalten, ohne selbst in den Strudel der Zuschreibungen gezogen zu werden. Sie realisiert, dass sie auf ihre Fragen keine befriedigenden Antworten findet und entscheidet sich, ihre Ratlosigkeit zum Ausgangspunkt dieses Films zu machen. Im Gespräch mit Menschen, die im Alltag – ohne jede Absicht zur Provokation – Rassismus erfahren, ändert sich Högstedts Perspektive. Nach und nach arbeitet sich die Schwedin an der Ambivalenz des Themas ab und kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass auch ihr eigenes Handeln nicht frei von Anmaßung war – und ist.

Luc-Carolin Ziemann
Internationales Programm
Childhood Margreth Olin

Ein Waldidyll – Lebenswelt einer Gemeinschaft von Vorschulkindern, die nichts sollen als spielen. Ohne Kommentare und (fast) ohne Erwachsene erkundet Margreth Olin ein Kindheitsparadies.

Childhood

Dokumentarfilm
2017
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Margreth Olin
Margreth Olin
Rebekka Karijord
Øystein Mamen
Helge Billing, Michal Leszczylowski
Margreth Olin
Andreas Lindberg Svensson
Ein idyllischer Ort mitten im Wald – Lebenswelt einer Gemeinschaft von Kindern. Kurz vermittelt sich sogar der Eindruck, dass sie hier ganz auf sich gestellt sind. Doch das Gelände gehört zu einem Kindergarten, der ganz ohne verquere Vorstellungen von frühkindlicher Bildung auskommt. Es gilt das Prinzip, dass Kinder von ganz allein lernen. Mit allem, was der Wald hergibt, werden Fantasiefiguren gebaut, Steckenpferde geschnitzt, ganze Küchen eingerichtet. Sie haben keine andere Aufgabe, als zu spielen – mit den anderen und mit der Natur. Nur am Rande tauchen die Erwachsenen auf. Ihnen kommt die Rolle der Begleiter zu. Sie geben Anregungen, leiten die Kinder wie nebenbei dazu an, ihre Vorstellungen zu verwirklichen. Eine wunderschöne Szene ergibt sich im Winter: Zwei Kinder sitzen friedvoll unter einem Busch, essen Gummibärchen aus Schnee und gehen gedankenverloren in ihrem So-Tun-als-ob auf. Doch auch die schönste Kindergartenzeit geht zu Ende. Wenn die Schule beginnt, heißt es Abschied nehmen vom Waldparadies.

Ein Jahr lang hat Margreth Olin die Kinder im Alter von Eins bis Sechs in ihrem Lebensraum beobachtet. In perfekter Direct-Cinema-Manier verzichtet sie gänzlich auf erklärende Kommentare oder Gespräche unter Erwachsenen. Allein das Spiel und das Interagieren der Kinder im Wechsel der Jahreszeiten geben die Dramaturgie des Films vor.

Lina Dinkla
Internationales Programm
Coal Heap Kids Frédéric Brunnquell

Das ehemalige Kohlerevier Nordfrankreichs: Die Region ist inzwischen von Armut befallen wie von einer ansteckenden Krankheit. Zwei Jungs üben sich in der Stärkung ihrer Immunkräfte.

Coal Heap Kids

Dokumentarfilm
2016
52 Minuten
Untertitel: 
englische
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Anne Gintzburger
Frédéric Brunnquell
Frédéric Brunnquell
Laure Matthey
Frédéric Brunnquell, Anne Gintzburger
Marc Soupa
Im klassischen Hollywood gab es dieses Produzenten-Bonmot, dass ein großer Film mit einer Explosion beginnen müsse, damit sich die Sache dann kontinuierlich steigern könne. Dieser Film, angesiedelt im ehemaligen Kohlerevier Nordfrankreichs, beginnt gleich mit sechs Explosionen. Es sind zwar nur China-Böller, die die beiden Brüder Théo (10) und Loïc (15) da hochgehen lassen, aber nichtsdestotrotz ist damit schon nach zehn Sekunden klar, dass es hier um Großes geht. Das Große ist die Armut, die Théos und Loïcs Wohnort Lens heimgesucht und sich in alle Ritzen des Persönlichen und Sozialen hineingefressen hat wie eine aggressives Säure. Früher wäre es statthaft gewesen, diesen Jungs eine glorreiche Zukunft als Working Class Heros vorauszusagen. Aber wer wollte heute dieses ethisch aufgeladene und von der Zeit überholte Vorbild noch einem jungen Menschen anempfehlen wollen?!? Oder können!?!

„Coal Heap Kids“ ist entstanden als Beitrag für die Dokumentarfilmreihe „Infrarouge“ des französischen Fernsehens. Die Energie, die ihn speist, ist jedoch von purer kinematografischer Natur. Was das heißt? Ein Film wie dieser rechtfertigt das Überleben des dokumentarischen Kinos. Wenn so ein Satz erst einmal dasteht, geht vieles schon leichter. Denn für den Fall, dass ein großes Herzklopfen sich nicht geradewegs in sachliche Worte übersetzen will (oder kann), braucht es manchmal einfach eine Umarmung!

Ralph Eue

Die fünfte Himmelsrichtung

Dokumentarfilm
2017
78 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Martin Prinoth, Valerio B. Moser, Andreas Pichler
Martin Prinoth
Max Andrzejewski, Marco Mlynek
Jytte Hill
Martin Prinoth
Martin Prinoth, Akın E. Şipal
Martin Prinoth
Das Drama spiegelt sich in geologischen Dimensionen, in urgeschichtlichen Tiefen. Woher kommt die Sehnsucht des Menschen zu erfahren, wie die Welt entstand? Woher kommen wir? In den Gesteinen aus der Tiefe des Ozeans steckt der Sternenstaub, die Urmaterie, die Antwort auf die Frage. Der Ursprung allen Lebens lässt sich erforschen. Der Ursprung eines ganz bestimmten Lebens jedoch nicht unbedingt.

Martin Prinoth hat seinen Film bis auf den Meeresgrund gebracht – dorthin, wo das Urgestein liegt. Und dorthin, wo die Leiche seines Cousins Georg sank, als der 2009 bei einem Flugzeugabsturz über dem Atlantik ums Leben kam. Georg war ein Adoptivkind, genau wie sein Bruder Markus. Sie wurden in Brasilien geboren und zogen als kleine Kinder in ein Dorf in den Dolomiten – ohne jede Kenntnis über ihre Herkunft, ohne zu wissen, wer ihre leiblichen Mütter waren oder sind. Mit besonderer Sensibilität und Aufmerksamkeit begibt sich die „Die fünfte Himmelsrichtung“ auf die Suche nach den Wurzeln und der Identität seiner Protagonisten – von Südtirol bis nach Brasilien und schließlich bis auf den Grund des Meeres.

Lukas Stern


Nominiert für Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts
Internationales Programm
Die neuen Kinder von Golzow Simone Catharina Gaul

Die Kinder lernen Angeln, gehen zu Übungen der Freiwilligen Feuerwehr und singen deutsche Kinderlieder. Ein unaufgeregter Blick auf den Integrationsalltag syrischer Flüchtlinge im Oderbruch.

Die neuen Kinder von Golzow

Dokumentarfilm
2017
90 Minuten
Untertitel: 
englische
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Arek Gielnik, Dietmar Ratsch
Simone Catharina Gaul
Hannah von Hübbenet
Niclas Reed Middleton
Jan Bihl
Simone Catharina Gaul
Dominik Leube, Oscar Stiebitz
In Golzow, einem kleinen Ort im brandenburgischen Oderbruch, gibt es ein Filmmuseum. Denn hier entstand unter dem Titel „Die Kinder von Golzow“ zwischen 1961 und 2007 eines der umfangreichsten Langzeitprojekte der Filmgeschichte – eine Chronik der Bewohner, von ihrer Einschulung bis weit nach der Wende. Fast wäre die Schule mittlerweile geschlossen worden. Denn auch in Golzow ist zu spüren, was die Region im Allgemeinen betrifft: Die Menschen ziehen in die Städte, Geschäfte schließen, die Gesellschaft altert und wächst auseinander.

Aber es kommen neue Kinder nach Golzow – die Kinder syrischer Flüchtlingsfamilien. Völlig unaufgeregt und mit einem scharfen Blick für die Schönheit des Situativen leuchtet Simone Catharina Gauls Film den Integrationsalltag auf dem Land aus. Die Neuankömmlinge lernen Deutsch und Angeln, gehen zu Übungen der freiwilligen Feuerwehr und singen deutsche Kinderlieder. „Das schönste Bild: eine Schule mit Kindern“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde einmal und deutet auf den Pausenhof hinter ihm. Tatsächlich, es ist das schönste Bild! Denn in ihm kommt „Die neuen Kinder von Golzow“ auch wieder dort an, wo „Die Kinder von Golzow“ 1961 begann.

Lukas Stern


Nominiert für Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts
Internationales Programm
Dina Dan Sickles, Antonio Santini

Zeit, dass zusammenzieht, was zusammengehört. Dina lebt eine „ordinary love“ – im libidinösen wie Schlafanzug-technischen Normalformat. Ein unwiderstehliches Statement zur Lust am Gewöhnlichen.

2017

Dina

Dokumentarfilm
2017
101 Minuten
Untertitel: 
keine
Credits DOK Leipzig Logo
Dan Sickles, Antonio Santini
Dan Sickles, Antonio Santini
Michael Cera
Adam Uhl
Sofía Subercaseaux
Wohin kann ein Film schon führen, der ausgerechnet mit einem Besuch beim Zahnarzt beginnt?! Zunächst einmal zu einer Grundsatzerklärung: Sie habe eben Angst vor dem Unerwarteten, erläutert Dina der assistierenden Zahnfee, von der sie sich die Hand halten lässt. Das ist keine Floskel. Die nächste Einstellung, aufgenommen von schräg oben, ertappt die Endvierzigerin beim Überqueren einer Straße: Blick nach links, Blick nach rechts, Blick nach links, Blick nach rechts, immer noch kein Auto, nirgends. Umso überraschender, dass sie in Liebesdingen vergleichsweise beherzt voranschreitet – zur Hochzeit, zur gemeinsamen Wohnung. Aber sie hat sich vorher belesen …

Man muss sich Dina als die bessere, nein, gewichtigere Hälfte eines Doppelpacks vorstellen. Nicht wegen der paar überflüssigen Pfunde, sondern weil sie merkwürdigerweise sogar im Sitzen das Tempo zu bestimmen scheint, in dem Scott sie durchs Leben begleiten darf. Vermutlich war sie auch diejenige, die Daniel Sickles und Antonio Santini Zutritt zu dieser manchmal unbeholfenen, ja fast kindlichen Zweisamkeit gewährte. Selbst auf die Gefahr hin, ein komisches Bild abzugeben. Die Filmemacher folgen ihren Liebenden durch die Sofa- und Sessellandschaften der vorstädtischen amerikanischen Wohnkultur – in einer spitzfindigen, lakonischen Dokumentarromanze über das Gewöhnliche und wie schwer es manchmal zu bekommen ist.

Sylvia Görke
Internationales Programm
Displaced Volkan Üce

Vier Remigranten bei ihrem Versuch, in der Heimat ihrer Großeltern „heimisch“ zu werden: in Istanbul. Persönliche Lebensentscheidungen treffen auf politische Umwälzungen.

Displaced

Dokumentarfilm
2017
71 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Daniel De Valck
Volkan Üce
David Boulter
Sander Vandenbroucke
Els Voorspoels
Volkan Üce
Gedeon Depauw
Der Titel des Films ist dem gleichnamigen Gedicht von Charles Bukowski entlehnt. Darin heißt es: „I am not like other people. Other people are like other people.“ Die jungen Leute in Volkan Üces „Displaced“ kennen die Erfahrung des Anders- und Unbehaustseins, von der Bukowski spricht. Sinan, Şule, Orhan und Bahar haben ihre Kindheit und Jugend in Belgien und in den Niederlanden verbracht, bevor sie nach Istanbul und damit in das Herkunftsland ihrer Großeltern (zurück-)gingen. Doch auch in der Stadt, die sie so sehr lieben, sind sie zunächst Fremde.

Über einen Zeitraum von vier Jahren – zwischen 2011 und 2015 – begleitet Üce die belgisch-türkischen beziehungsweise niederländisch-türkischen Migranten bei ihrer Suche nach Identität, Arbeit und persönlichem Glück. Dabei bekommt ihre europäische Sozialisation im Zuge der politischen Umwälzungen in der Türkei noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Während sich Orhan auf die Seite von Erdoğan stellt, wird die Teilnahme an den Gezi-Protesten für Sinan zu einem sinnstiftenden und selbstverortenden Erlebnis. „Gezi gehört uns. Istanbul gehört uns. Die Glühlampe ist zerplatzt“, ist auf einer Wand zu lesen.

Esther Buss
Internationales Programm
Dying Breed Mick Catmull

Ein Jahr auf den Bauernhöfen von Ivan, Rosemary und Geoffrey – ein gefilmtes Liebesgedicht an das vom Aussterben bedrohte traditionelle Landleben in Cornwall, jenseits jeglicher Verklärung.

Dying Breed

Dokumentarfilm
2017
85 Minuten
Untertitel: 
keine
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Mick Catmull
Mick Catmull
Neil Reed
Mick Catmull
Mike Bow
Mick Catmull
Landwirtschaft im Umbruch: Mehr als ein Drittel der britischen Bauernhöfe wurde in den letzten zehn Jahren abgewickelt, an Landspekulanten, Agrarunternehmen oder auch Londoner Banker verkauft, die sich ein wenig Bauernhofromantik leisten können, ohne damit Geld verdienen zu müssen. Die seit Jahrhunderten das dörfliche Leben und die Landschaft prägenden Familienfarmen wirken zunehmend wie ein Auslaufmodell. Und das gilt sicher nicht nur für das abgelegene westliche Cornwall, wo Dokumentarfilmer Mick Catmull über einen Zeitraum von einem Jahr den drei alteingesessenen Farmern Ivan, Rosemary und Geoffrey durch ihren Alltag folgt. Mit präziser Beobachtung der täglichen Abläufe in der Tierhaltung und in oftmals pointierten und englischhumorigen Gesprächen gelingt in diesem Debütfilm das Porträt und Dokument eines Lebensstils wie eines Menschenschlags. Entstanden ist dabei auch so etwas wie ein Liebesgedicht an das in der ganzen westlichen Welt vom Aussterben bedrohte traditionelle Landleben – jenseits jeglicher Verklärung oder „Landlust“-Romantik.

Frederik Lang


Nominiert für Healthy Workplaces Film Award