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Internationales Programm
A New Era Boris Svartzman

Eine Langzeitbeobachtung der Umbrüche in China, exemplifiziert anhand einer widerständigen Inselbevölkerung. Sie verweigern die Umsiedlung, sie verteidigen ihre Häuser, sie erreichen …

A New Era

Dokumentarfilm
2019
71 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Anne-Catherine Witt, Antonio Magliano
Boris Svartzman
Boris Svartzman
Suzana Pedro, Emma Augier
Boris Svartzman, Laurine Estrade
Boris Svartzman
Über zehn Jahre besuchte der Regisseur und Fotograf Boris Svartzman die Bewohner eines Fleckens Erde in China. Die Häuser und Gärten dort sind umkämpft, vor allem wegen ihrer spezifischen Lage: eine Insel im Perlfluss, inmitten der Millionenstadt Guangzhou. Das Gelände soll in ein „Naturparadies“ mit Wohnanlagen und Parks für die neue chinesische Mittelschicht umgewandelt werden. Doch die Leute weigern sich. 2008 wurden ihre Behausungen zerstört. Das Leben ging weiter, nun eben in Ruinen. Sie wurden vertrieben und kehrten zurück. Das Leben ging weiter, aber nicht zwangsläufig an den neuen Siedlungsorten, die man ihnen zur Verfügung stellte. Ihre Gärten wurden vernichtet. Das Leben ging weiter, in den Gärten, die sie wieder aufbauten.

Lauter und leiser Widerstand gegen die Modernisierung, der überall auf der Welt geleistet wird, erscheint einem in China besonders dramatisch. Das Nebeneinander von modernem, westlich inspiriertem Lebensstil und alten Traditionen und Architekturen fängt Svartzman im Detail ein. Das macht die Lebensgeschichte des alten Herrn, der den fremden Gast wie einen Geist immer wieder herzlich empfängt, zu einem Requiem. Der auf die Stadt fixierte Westen, so Svartzman, hätte von China viel in Sachen „ländlicher Demokratie“ lernen können – wäre der Ferne Osten nicht so westlich über seine ländlichen Räume und Menschen hinweggetrampelt.

Saskia Walker
Internationales Programm
Absolute Beginners Fabrizio Terranova

Ein feiner und sehr berührender Film über die Kunst, sein Leben trotz einer tödlichen und alles verändernden Krankheit bewusst zu (er-)spüren und zu genießen. Carpe diem.

Absolute Beginners

Dokumentarfilm
2018
42 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Fabien Siouffi
Fabrizio Terranova
Lawrence Le Doux
Tristand Galand
Bruno Tracq
Fabrizio Terranova
Nicolas Lebecque
Wer nicht betroffen ist, hat von der Huntington-Krankheit meist noch nie gehört. Dabei verändert der erbliche Gendefekt einfach alles: die Fähigkeit, den eigenen Körper zu kontrollieren, den Kontakt mit der eigenen Seele, die Stimmungen und Emotionen, das Level der verfügbaren Energie … und letztlich die Beziehungen zu geliebten Menschen. Eine Heilung gibt es bisher nicht, wohl aber einen Test, der schon vor Ausbruch der Krankheit feststellt, ob man die genetische Mutation in sich trägt.

Die sechs Menschen, die hier sehr emotional und ehrlich von ihrem Leben erzählen, sind alle Gen-positiv, befinden sich jedoch in unterschiedlichen Stadien der Krankheit. Aus Angst vor sozialer Ausgrenzung sprechen einige von ihnen vor der Kamera nur anonymisiert. Noch sind nicht alle bereit, ihr „Gesicht zu zeigen“ und sich zu einer Krankheit zu bekennen, die Außenstehende leicht als schwere Form der Demenz oder als geistige Behinderung wahrnehmen. Dabei wiederlegt jeder, der hier Einblick gibt, auf eindrucksvolle Weise solche gängigen Missverständnisse. Deutlich wird, dass wir angesichts unheilbarer Krankheiten immer auch mit der Frage konfrontiert sind, wie wir das Risiko der Vergänglichkeit ins eigene Lebenskonzept integrieren können. Bei näherer Betrachtung betrifft dieses philosophische Problem allerdings jeden Einzelnen von uns. Ein filmisches carpe diem und eine Ode an das Leben.

Luc-Carolin Ziemann

Autobahn

Dokumentarfilm
2019
85 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Niklas Burghardt, Johannes Wöpkemeier
Daniel Abma
Henning Fuchs
David Schittek
Momas Schütze
Daniel Abma
Malte Eiben
Kurort Bad Oeynhausen: Tausende Lkw wälzen sich täglich durch die Innenstadt und über die Bundesstraße 61, die die Bundesautobahnen A 2 und A 30 respektive die Metropolen Warschau und Rotterdam miteinander verbindet. Als die Aberkennung des Status als Kurort, also der Verlust des einladenden Titels „Bad“ droht, muss sich etwas ändern: Eine Umgehungsstraße soll gebaut werden.

Über einen Zeitraum von acht Jahren dokumentiert der Film den Verkehrsinfarkt am Nadelöhr, die Arbeit von Bürgermeister, Polizei, Feuerwehr und Baufirmen, die Verzögerungen bei der Fertigstellung der Nordumfahrung und vor allem die Reaktionen der betroffenen Anwohner. Die freuen sich auf Ruhe und Entlastung – oder werden schon bald ein Stück Autobahn vor ihrem Häuschen haben. Weniger die große Infrastrukturmaßnahme steht im Zentrum der Langzeitdokumentation als vielmehr die Folgen für die Menschen am Straßenrand. Dort „aufgelesen“, mit einem feinen Gespür für besondere Charaktere und viel Raum für deren Persönlichkeiten und Eigenheiten, finden sich weitere Geschichten. Die lokale Tradition des Lkw-Zählens, sei es an der Bundesstraße oder an der Autobahnbaustelle, gehört ebenso dazu wie der Spaziergang oder das Joggen auf der lange unvollendet bleibenden Trasse.

Frederik Lang
Internationales Programm
Bekar Evi – Das Junggesellenhaus Dirk Schäfer

Das Leben ist kein Zuckerschlecken, schon gar nicht für kurdische Junggesellen in Istanbul. Sieben Saisonarbeiter leben in einem heruntergekommenen Haus in einer ungewöhnlichen WG.

Bekar Evi – Das Junggesellenhaus

Dokumentarfilm
2019
76 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Dirk Schäfer
Dirk Schäfer
Deborah Wargon
Nikola Krivokuca
Dirk Schäfer
Metin Bozkurt
Das Leben ist kein Zuckerschlecken, schon gar nicht für einen kurdischen Junggesellen in Istanbul. In der Metropole leben sieben alleinstehende Saisonarbeiter aus Ostanatolien in einem heruntergekommenen Haus. Die Männer aus zwei Generationen bilden eine ungewöhnliche WG. Sie wohnen und schlafen auf engstem Raum und teilen sich eine einzige Dusche. Da kann es schon einmal zu hitzigen Auseinandersetzungen kommen: typische WG-Zankereien ums Abwaschen oder Aufräumen. Hier schlichten die älteren unter ihnen, mit väterlicher Autorität.

Die Protagonisten erzählen von ihrer Herkunft und ihren Träumen. Ihre poetischen Schilderungen verwebt der seit Langem in Istanbul lebende deutsche Filmemacher Dirk Schäfer mit feinfühligen Beobachtungen ihrer Zweckgemeinschaft. Die Erfahrungen von gesellschaftlicher Diskriminierung und Schikanen gehen nicht spurlos an ihnen vorüber. Jedoch erleichtern Humor und Freundschaft ihren Alltag – oder wie es einer der „Bachelors“ augenzwinkernd sagt: Nun verkaufe er als Straßenhändler eben osmanische Zuckerpaste, um seinem Leben etwas Süße zu verleihen.

Annina Wettstein
Internationales Programm
Bird Island Maya Kosa, Sergio Da Costa

Eine Vogelpflegestation ist ein wundersames Refugium für verletzte Wildvögel – und für den Protagonisten Antonin, der nach längerer Krankheit dort eine Arbeit aufnimmt.

Bird Island

Dokumentarfilm
2019
60 Minuten
Untertitel: 
englische
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Joëlle Bertossa, Flavia Zanon
Maya Kosa, Sergio Da Costa
Sergio Da Costa
Gabriel Gonzalez, Maya Kosa, Sergio Da Costa
Maya Kosa, Sergio Da Costa
Xavier Lavorel
Nach längerer Krankheit und Isolation nimmt Antonin in einer Vogelpflegestation seine Arbeit auf. Als Folge der Krankheit hat er noch immer mit Fatigue zu kämpfen. Die neuen Kolleginnen und Kollegen lassen ihm geduldig Zeit anzukommen. In diesem kleinen Universum erhält Antonin genauso Schutz wie die Patienten. Die Wildvögel werden mit teilweise sehr schweren Verletzungen abgeliefert, einige leiden unter Schock. Sie benötigen die ganze Hingabe der Tierärztin und der Pflegerin – und die bekommen sie auch. Vom lauten Getöse des nahegelegenen Flughafens lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen.

Tagebuchartig berichtet Antonin als Erzähler im Off über die Station. In einer literarischen Sprache erklärt er die Arbeitsabläufe und berichtet von den Schicksalen der Schwäne, Uhus oder Krähen. Auch die Interaktionen im Team und die Behandlungen der Tiere sind minimalistisch gezeigt. So pendelt der Film zwischen stilisierter Künstlichkeit und dokumentarischer Beobachtung hin und her. Behutsam entwickelt sich die warmherzige Geschichte an diesem wundersamen Ort zu einer Fabel über die Rettung von Tieren – und Menschen – in Not.

Annina Wettstein



Ausgezeichnet mit dem Healthy Workplaces Film Award.

Internationales Programm
Black Hole Arnaud Deshayes, Emmanuel Grimaud

Zwei französische Filmemacher begeben sich auf Spurensuche ins Unterbewusstsein, um dort die Geister der kolonialen Vergangenheit Indiens zu finden. Therapeutisch, hypnotisch, vielbildlich.

Black Hole

Dokumentarfilm
2019
69 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
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Giulia Olivieri, Fabrizio Polpettini
Arnaud Deshayes, Emmanuel Grimaud
Arnaud Deshayes, Emmanuel Grimaud
Arnaud Deshayes, Emmanuel Grimaud, Gabriel Gonzalez
Arnaud Deshayes, Emmanuel Grimaud
Mikaël Barre
Ein dunkler Raum. Der Fokus richtet sich auf ein entspanntes Frauengesicht. Die kirschroten Lippen fangen an, sich zu bewegen. Die Augen sind geschlossen. In Trance schlüpft die junge Inderin in frühere Inkarnationen – etwa in die Rolle eines liberalen Mannes, der für Gleichberechtigung und Freiheit kämpfte. Während ihr Körper im schwarzen Hintergrund zu verschwinden scheint, wird ihr Wiedererleben immer klarer und bildlicher.

Trupti Jayin, eine bekannte Hypnotherapeutin aus Kalkutta, nutzt das Bild des schwarzen Lochs für ihre Patienten. Wenn diese den Sprung ins dunkle Nichts wagen, können sie tiefer in ihr Unterbewusstsein eindringen, Verdrängtes aufspüren und vielleicht gar verarbeiten. In der Kolonialgeschichte Indiens hat das sogenannte „Black Hole“ allerdings eine andere Bedeutung. Das gleichnamige Gefängnis aus dem 18. Jahrhundert, in dem einige britische Soldaten starben, gilt heute als historischer blinder Fleck, in dem sich Mythos und Realität nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. Die französischen Filmemacher Emmanuel Grimaud und Arnaud Deshayes gehen auf Spurensuche ins Unterbewusstsein, um dort die Geister der Vergangenheit zu stellen. Im Privaten, aber auch im Öffentlichen. Denn neben den Hypnosetherapieeinheiten verfolgt eine Gruppe von Geisterjägern die rastlosen Seelen in den düsteren Gassen und leer stehenden Häusern der westbengalischen Hauptstadt.

Julia Weigl
Internationales Programm
Book-Paper-Scissors Hirose Nanako

Kikuchi Nobuyoshi ist Buchdesigner der alten Schule. In seinem Atelier in Tokio entwirft er mittels Papierbögen, Klebestreifen und Linealen minimalistische Kunstwerke voller Feingefühl.

Book-Paper-Scissors

Dokumentarfilm
2019
94 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Kitahara Eiji, Amy Aoyama
Hirose Nanako
biobiopatata, Suzuki Tsunekichi
Hirose Nanako
Hirose Nanako
Als Buchdesigner hat Kikuchi Nobuyoshi mehr als 10.000 Titel entworfen. Klassisch, mit Millimeterpapier, Lineal, ausgedruckten Kanji (den japanischen Schriftzeichen) und Tesafilm wird jedes Exemplar zunächst in feinster haptischer Arbeit erschaffen, bevor seine Assistentin, mit der er seit über dreißig Jahren zusammenarbeitet, das fertige Design in den Computer überträgt. Kikuchis Bücher stehen für eine durchdachte, minimalistische Ästhetik, in der jedes einzelne Element – Buchumschlag, Einband, Buchrücken, Lesebändchen – jene Geschichte weiterträgt, der er selbst beim Lesen begegnet ist. Namhafte Autoren wie Furui Yoshikichi, der unter anderem Robert Musil ins Japanische übersetzte, vertrauen auf die Intuition und das Geschick von Kikuchi, der von sich behauptet, über die Dekaden immer leerer geworden zu sein. Regisseurin Hirose Nanako zeigt in ihrem sanften Porträt einen Mann, dessen gesamte Lebensführung von eleganter und kultivierter Haltung den Dingen gegenüber geprägt ist – sei es beim Aufgießen frisch gemahlenen Kaffees, beim Benutzen eines alten Grammofons oder beim Schlendern über einen Flohmarkt in Tokio.

Carolin Weidner

Bread, Revenge?

Dokumentarfilm
2019
76 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Stefan Hayn (Stefan Hayn Filme und Malerei)
Stefan Hayn
Till Megerle
Stefan Hayn
Stefan Hayn
Klaus Barm
Der französische Widerstandskämpfer Robert Antelme fiel 1944 in die Hände der Deutschen. Er kam nach Gandersheim, ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges erlebte Antelme noch das ganze Ausmaß der Entmenschlichung im nationalsozialistischen Gewaltregime. Er schrieb darüber bald nach seiner Befreiung das Buch „Das Menschengeschlecht“, das heute ein Klassiker der Vergangenheitsbewältigung ist.

Stefan Hayn hat sich bereits in seinem Film „Straub“ (2014) mit Antelme beschäftigt. Nun geht er noch einmal ausführlicher auf eine Reihe von Texten ein, die kurz nach dem Krieg auch zu einer Debatte über die Frage des Umgangs mit der deutschen Schuld beitrugen. Hayn bezeichnet seinen Film im Vorspann als „lecture filmée“, eine „gefilmte Lektüre“: Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Texte (darunter Überlegungen über einen Brotdiebstahl unter Gefangenen) im französischen Original präsent sind, auch in der Rezitation durch Sprecher mit deutscher Muttersprache. Verschiedene Formen der „Lektüre“, die bis zu einer skizzenhaften szenischen Reinszenierung gehen, werden mit Gegenwartsaufnahmen aus heutigen Gedenkstätten zu einem vielschichtigen, im besten Sinn geschichtspolitischen Filmessay verwoben.

Bert Rebhandl

Das Fieber

Dokumentarfilm
2019
99 Minuten
Untertitel: 
englische
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Markus Wailand
Katharina Weingartner
Siri Klug
Andrea Wagner
Toby Cornish
Katharina Weingartner
Patrick Becker, Peter Braeker
Der Kampf will nicht enden. Noch immer regiert Malaria weite Teile Afrikas. Alle 60 Sekunden stirbt südlich der Sahara ein Kind an diesem Parasiten. Insgesamt ist sie der Grund für rund eine halbe Million Todesfälle im Jahr. Aber warum gelingt es einfach nicht, die Krankheit erfolgreich zu bezwingen, obwohl seit etlichen Jahren unzählige internationale Hilfsorganisationen an einer Lösung arbeiten?

Natürlich liegt das am Geld, an globalen Interessenskonflikten, an der mächtigen Pharmaindustrie. Das ist nichts Neues. Doch der österreichischen Filmemacherin Katharina Weingartner ist nun ein spannender dokumentarischer Thriller gelungen, der in das leidlich bekannte große Bild im Wortsinn aufregende, den Kontext verschiebende und erweiternde Verbindungslinien einzeichnet: zwischen dem Parasiten und der Pharmaindustrie, zwischen Selbstbestimmung in Ostafrika und dem reichsten Mann der Welt. Im Fokus stehen drei mutige Menschen in Uganda und Kenia, die vor Ort gegen die Krankheit kämpfen und oft mit alternativen Methoden weiter kommen, als das die westliche Medizin gerne hätte. Denn eine eigene Lösung, ohne fremde Hilfe und Technologien, ohne die merkantilen oder öffentlichkeitswirksam philanthropischen Interessen der Helfenden, würde ja Unabhängigkeit bedeuten.

Julia Weigl
Internationales Programm
Exodus Bahman Kiarostami

Täglich wollen Tausende Afghanen ihr iranisches Exil verlassen. Im Rückkehrzentrum in Teheran trifft die Sehnsucht nach Heimat auf die iranische Bürokratie. Menschlich, komplex, augenöffnend.

Exodus

Dokumentarfilm
2019
77 Minuten
Untertitel: 
englische
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Bahman Kiarostami
Bahman Kiarostami
Davood Maleki
Bahman Kiarostami
Tag für Tag machen sich Tausende auf zum Rückkehrzentrum „Imam Reza“ in Teheran, um dort ihre Ausreise nach Afghanistan zu beantragen. Durch den drastischen Kursverfall des Rial, ausgelöst durch die US-Sanktionen gegen den Iran, ist es für die mehr als drei Millionen afghanischer Flüchtlinge nicht mehr rentabel, im Exil zu leben. Wer aber in die alte Heimat zurückwill, muss sich durch das Nadelöhr dieser dem iranischen Innenministerium unterstellten Behörde zwängen. Hier werden sie – oft nach Jahren der Illegalität – registriert.

Bahman Kiarostami konzentriert sich darauf, die kurzen Gespräche der Rückkehrwilligen mit den iranischen Beamten zu verfolgen, in denen die komplexen Ursachen und die vielfältigen Folgen von Migration aufscheinen. Es ist überraschend und teilweise sehr berührend, wie schnell in diesen eigentlich bürokratischen Begegnungen Nähe entsteht, wie schon eine Nachfrage, ein persönliches Wort dazu führt, dass sie sich vor der Kamera öffnen. „Exodus“ zeigt, dass Migration weltweit zum Alltag gehört und dass sich das nicht ändern wird, solange Kriege, Verfolgung und wirtschaftliche Not das Leben bedrohen. Solange Migrationsursachen bestehen bleiben, brechen Menschen auf. Grenzen und Amtsvorschriften mögen ihnen den Weg zwar (dramatisch) erschweren, den Wunsch nach einem besseren Leben werden sie jedoch nicht auslöschen können.

Luc-Carolin Ziemann
Internationales Programm
Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela Sobo Swobodnik

Seit fast 25 Jahren wird Thomas Walter als Linksterrorist von der Justiz gesucht. Lange Jahre untergetaucht, öffnet er sich nun aus dem venezolanischen Exil Fragen und Kamerablicken.

Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela

Dokumentarfilm
2019
84 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Ümit Uludağ, Martin Roelly, Erik Winker
Sobo Swobodnik
Sobo Swobodnik
Manuel Stettner
Sobo Swobodnik
Tom Weber, Andreas Mühlschlegel
Thomas Walter war Teil der autonomen Szene in Berlin. 1995 wurde er beschuldigt, mit zwei Mittätern einen durch die Polizei verhinderten Brandanschlag auf ein unbewohntes Abschiebegefängnis in Berlin-Grünau verübt zu haben. Per Haftbefehl werden die drei bis heute als Mitglieder einer linksterroristischen Vereinigung gesucht. Sie tauchen für Jahrzehnte unter. Erst 2017 meldet sich Walter wieder bei seiner Familie in Deutschland – aus Venezuela, wo er einen Antrag auf Asyl gestellt hat.

Thomas Walter ist auch ein Verwandter des Berliner Filmemachers Sobo Swobodnik. Der reist im März 2019 mit einer Kamera in die Anden, um den Ex-Autonomen in seinem von Gemüsegärten umgebenen Häuschen zu treffen. Dort bastelt er in der Küche in einem improvisierten Studio mit dem Berliner Sänger Pablo Charlemoine aka Mal Élevé an einem musikalischen Projekt. Dazu ein ausführliches Interview, wo Walter mit badischem Dialekt bemerkenswert offen (und selbstgerecht) über Einstellungen und Ereignisse von damals und heute spricht. Früherer Enthusiasmus für das chavistische Projekt ist auch bei ihm längst der Kritik gewichen, die anarchistischen Ideale aber sind noch präsent. Ein Film, der einen raren Blick in eine durch den Verfolgungsdruck der Justiz meist unsichtbare Welt anbietet, im Soundtrack die polit-aktivistischen Songs von Walter & Co.

Silvia Hallensleben
Internationales Programm
God Christopher Murray, Israel Pimentel, Josefina Buschmann

Es gibt Marienstatuen und fromme Lieder, aber auch abgebrannte Kirchen und blasphemische Komiker im Jesuskostüm. Orte, Dinge und Handlungen der Religion, verzeichnet auf einer planen Fläche.

God

Dokumentarfilm
2019
64 Minuten
Untertitel: 
englische
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Diego Pino Anguita
Christopher Murray, Israel Pimentel, Josefina Buschmann
Adolfo Mesías
Andrea Chignoli, Javiera Velozo
Antonio Luco, Josefina Buschmann, Israel Pimentel
Diego Aguilar
Um eine Karte zu zeichnen, die nicht auf eine Perspektive reduzierbar ist, bedarf es vielleicht tatsächlich mehr als nur eines Autors. „Mapa filmico de un pais“, „filmische Karte eines Landes“ lautet der ausgeschriebene Name des Kollektivs MAFI, zu dem sich siebzehn chilenische Filmemacherinnen und Filmemacher zusammengeschlossen haben. Die Karte, die sie zeichnen, verbindet Orte, Dinge und Handlungen der Religion auf einer planen Fläche, ohne Hierarchien, Einordnungen, Wertungen: Es gibt dies hier und dies hier, aber dann gibt es auch noch jenes. Es gibt Marienstatuen, fromme Lieder und einsame Gebete, aber es gibt auch abgebrannte Kirchen und einen blasphemischen Komiker im Jesuskostüm. So formt sich eine Collage, die gleichzeitig ein Streitbild ist.

Der Besuch des Papstes 2018 in Chile ist Leitmotiv und Brandbeschleuniger. Die Bruchlinien konturieren sich schärfer: dogmatischer Konservativismus gegen emanzipatorische Potenziale, vielgestaltiger Volksglaube gegen Einheitsreligion als Medienspektakel. Tausende jubeln dem Papamobil zu, doch im Bildvordergrund üben Skater unbeeindruckt ihre Sprünge. Der Papst ist wohl an den Kapitalismus verloren, aber gilt das auch für den Glauben insgesamt?

Lukas Foerster

Gundermann Revier

Dokumentarfilm
2019
98 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
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Gregor Streiber
Grit Lemke
Uwe Mann
Sven Kulik
Grit Lemke
Oliver Prasnikar
„Meine Schaukel steht in einem verwunschenen Garten, gleich hinter dem Bahndamm. Wenn ich beim Schaukeln ganz oben bin, sehe ich die Züge, die Tag und Nacht quietschen und schwarzen Staub hinterlassen. Sie kommen aus den riesigen Löchern, die zwischen unseren Dörfern klaffen. Als Kind denke ich, die ganze Welt sieht so aus. Löcher mit Dörfern dazwischen, in der Mitte meine Schaukel. Und die Züge. Es sind Kohlezüge.“

Gerhard Gundermann (1955–1998), Liedermacher, Poet und Baggerfahrer im Braunkohletagebau in der Lausitz. In dieser Region verdichten sich globale Problemstellungen auf lokaler Ebene wie in einem Brennglas – vom Strukturwandel bis hin zur Klimakrise. Größtenteils unveröffentlichte Archivaufnahmen und Gundermanns Lieder gehen dabei einen Dialog ein mit Beobachtungen und Gesprächen in dessen „Revier“, begleitet von der Voice-Over-Stimme der Regisseurin, die nicht minder im Kohlegebiet verwurzelt ist. Heimat und deren Zerstörung durch den Tagebau, utopische Gedanken und die Frage nach der individuellen Verantwortung durchziehen die Songs ebenso wie die Folgen für Erwerbsarbeit und Umwelt am Ende des Industriezeitalters. Und sie sind heute aktueller denn je: „Wo meine Schaukel stand und später dein Bagger, ist jetzt ein See.“

Frederik Lang
Internationales Programm
Heart of Stone Olivier Jobard, Claire Billet

Ghorban, damals dreizehn, gelangte allein von Afghanistan nach Frankreich. Endlich in Paris, hofft er, nun in die Schule zu dürfen. Die Langzeitbeobachtung begleitet ihn über acht Jahre.

Heart of Stone

Dokumentarfilm
2018
89 Minuten
Untertitel: 
englische
französische
Credits DOK Leipzig Logo
Juliette Guigon, Patrick Winocour
Olivier Jobard, Claire Billet
Antoine Léonpaul, Laurent Saligault
Olivier Jobard, Claire Billet
Ronan Sinquin
Olivier Jobard, Claire Billet
Der dreizehnjährige Ghorban erreicht Paris, nachdem er die 8.000 Kilometer von Afghanistan im Alleingang bewältigt hat. In Frankreich aber erwartet ihn eine absurde Situation: Er steckt fest. „Es gibt weder einen Anfang noch ein Ende“, lautet sein eigener Befund. Einfach in die Schule schicken kann man ihn nicht. Auch weil auf seiner Geburtsurkunde ein Datum steht, das es nicht gibt: der 31. November. Wieder muss ein administrativer Vorgang neu aufgerollt werden.

Claire Billet und Olivier Jobard haben den sensiblen Jungen, dessen großes Ziel es ist, in einer Gesellschaft anzukommen, über acht Jahre hinweg begleitet. Fixpunkte dabei sind nicht nur Ghorbans ständig wechselnde Frisuren sowie sein immer besser werdendes Französisch, sondern auch regelmäßige Gespräche mit einem Therapeuten, die tieferen Einblick in seine Psyche gewähren. Denn neben den Schwierigkeiten, welche die Assimilation mit sich bringt, mäandern durch Ghorbans Gedanken noch immer die zurückgelassenen Familienmitglieder, zu denen er langsam wieder Kontakt aufnimmt. Wie groß der Graben nach einer Jugend in Frankreich allerdings geworden ist, demonstriert das finale Kapitel der Langzeitbeobachtung, die in einer Rückreise nach Afghanistan mündet.

Carolin Weidner
Internationales Programm
I Invite You to My Execution Nino Kirtadze

Die dramatische Publikationsgeschichte von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ im Kalten Krieg, als Literatur staatsgefährdend sein konnte und ihre Veröffentlichung lebensgefährlich.

I Invite You to My Execution

Dokumentarfilm
2018
56 Minuten
Untertitel: 
englische
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Paul Rozenberg, Céline Nusse
Nino Kirtadze
Siegfried Canto
Cédric Dupire
Christel Aubert
Stephan Bauer
„Diesen Sommer beging ich das schwerste Verbrechen, das ein sowjetischer Schriftsteller begehen kann. Die Veröffentlichung eines Buches im Ausland, bevor es in der Sowjetunion herauskommt, ist eine illegale Handlung, für die ich aufs Schwerste bestraft werden dürfte. Nur weiß ich nicht wie.“ Da er keinerlei Aussicht sah, dass sein epochales Werk „Doktor Schiwago“ in der Sowjetunion erscheinen könne, schmuggelte der Schriftsteller Boris Pasternak mehrere Exemplare des Manuskripts ins Ausland. Fast zehn Jahre hatte er an seinem ersten und einzigen Roman gearbeitet. Wegen des vermeintlich kritischen Blicks auf die Oktoberrevolution als „unsowjetisch“ zurückgewiesen, war an eine Veröffentlichung des 1956 fertiggestellten Werks in seinem Entstehungsland nicht mehr zu denken. Pasternak war jedes Mittel recht, um den Text zu retten. „Doktor Schiwago“ erschien erstmals 1957 in italienischer Übersetzung, im Folgejahr erhielt der Autor den Literaturnobelpreis – das hatte Folgen. Anhand von Archivdokumenten, Interviews und Pasternaks eigenen Aufzeichnungen rekonstruiert der Film eine dramatische Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges, als Literatur staatsgefährdend sein konnte und ihre Veröffentlichung lebensgefährlich.

Frederik Lang
Internationales Programm
In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran Narges Kalhor

Narges Kalhor macht sich auf leichtfüßige Weise daran, herkömmliche Vorstellungen über das Aussehen und die Entstehung eines Dokumentarfilms zu untergraben.

In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran

Dokumentarfilm
2019
76 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
Nicholas Coleman (Oasysdigital)
Narges Kalhor
Yorgia Karidi
Julia Swoboda
Frank Müller
Kevin Müller
Aydin Alinejad, Narges Kalhor
Philip Hutter
Narges Kalhor
Narges Kalhor macht sich auf leichtfüßige Weise daran, herkömmliche Vorstellungen über das Aussehen und die Entstehung eines Dokumentarfilms zu untergraben. Ihre Charaktere: ein homosexueller Teenager aus Syrien, der in Deutschland einen Antrag auf Asyl stellt, eine Künstlerin, deren Arbeit immer wieder auf ihre afghanischen Wurzeln zurückgeführt wird, und eine handfeste iranisch-stämmige Bierbrauerin, die – wider jede Wahrscheinlichkeit – in Teheran einen Biergarten eröffnen will und gegen die Windmühlen der iranischen Bürokratie kämpft.

In einem wilden Potpourri verwebt die Regisseurin die Geschichten dieser Leute mit einer animierten Rahmenhandlung um die märchenhafte Scheherazade und dem eigenen Ringen um einen Film, der ohne Zugeständnisse an fremde Erwartungen auskommt. Dabei ist sie mit einem unsichtbar bleibenden männlichen Redakteur konfrontiert, der immer wieder versucht, die Filmhandlung „geschmeidiger“ zu gestalten, das vermeintlich Komplizierte einzuebnen, um den „Sehgewohnheiten“ des Publikums entgegenzukommen. Narges Kalhor sagt, sie mache Filme über das Leben und seine Umstände. Sie sagt nichts darüber, mit welch anarchischer Freude sie dabei Realität mit Fiktion verschränkt. Das muss sie auch nicht. Man darf am Ende einfach amüsiert registrieren, dass sich der beschlagene Redakteur am ehesten für die Story um den ersten Teheraner Biergarten erwärmen kann.

Luc-Carolin Ziemann



Ausgezeichnet mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts.